{"id":5407,"date":"2016-11-03T17:18:32","date_gmt":"2016-11-03T17:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5407"},"modified":"2016-11-05T17:27:32","modified_gmt":"2016-11-05T17:27:32","slug":"landmord","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5407","title":{"rendered":"Landmord"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5407&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5407&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Schauplatz: Eine alte Bauernstube, gem\u00fctlich, trotzdem modern eingerichtet. Am Tisch sitzen drei Frauen und spielen Karten und trinken Schnaps.<br \/>\nLisa, die junge \u00c4rztin, die auf Urlaub hier ist. Greti, die alte B\u00e4uerin und deren \u00e4ltere Schwester, Inge.<br \/>\nZeitpunkt: Ende November, es d\u00e4mmert drau\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eMein Gott, Greti, das ist ja fast schon zwanzig Jahre her!\u201c, meint Inge.<br \/>\nGreti nimmt einen Schluck. \u201eAchtzehn waren&#8217;s im Sommer.\u201c<br \/>\n\u201eWas ist damals passiert?\u201c, fragt nun Lisa.<br \/>\n\u201eEs war eine Schweinerei. Damals war ja das gro\u00dfe Bierzelt, es wurde ausgiebig gefeiert, dass die Maibaumjagd so erfolgreich gewesen war. Der Josef war k\u00fcrzlich erst B\u00fcrgermeister geworden. So ein junger, ehrgeiziger Spund. \u00c4ltester eines Tischlers und einer B\u00e4ckerstochter. Beides liebe Menschen, aber der Josef &#8230; ein Sauhund derma\u00dfen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGreti!\u201c, ruft ihre Schwester aus und zuckt unwillk\u00fcrlich zusammen.<br \/>\n\u201eIst doch wahr! Jedenfalls war die Theresa auch da. Und auch sie hat getrunken, obwohl sie kaum sechzehn war. Und sie war halt auch so eine Lebensfrohe, hat mit allen gesch\u00e4kert und gelacht. Nat\u00fcrlich hat das M\u00e4dl auch einige K\u00f6pf verdreht!\u201c Ihre Stimme brach ab.<br \/>\n\u201eUnd dann?\u201c Lisa streichelt ihr mitf\u00fchlend \u00fcber den Arm.<br \/>\n\u201eDann \u2026 naja. Sie hat halt um elf zu Hause sein m\u00fcssen. Da waren wir ganz streng, weil ja n\u00e4chster Morgen und dann um f\u00fcnf in den Stall. Und sie macht sich eben um halb elf auf den Weg. Ist ja nicht weit. Vielleicht eine gute halbe Stunde zu Fu\u00df.\u201c Wieder versagt ihr die Stimme.<\/p>\n<p>\u201eIst der Josef ihr dann nach?\u201c<br \/>\nGreti sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eNein, der Ludwig aber. Das ist der Bruder von ihm. Er hat der Theresa aufgelauert. Zuerst hat sie es lustig gefunden. Hat gelacht und ihn wahrscheinlich auch geneckt. Er wollt halt mehr von ihr, und sie hat sich gewehrt. Dann hat er sein Jagdmesser gezogen und hat ihr in das Bein gestochen. Er hat gemeint, wenn sie sich wehren w\u00fcrde, w\u00fcrde er das n\u00e4chste Mal in ihren Hals stechen. Dann hat er &#8230;\u201c<br \/>\nKurzes Schweigen.<br \/>\n\u201eHat er sie vergewaltigt?\u201c, fragt Lisa.<\/p>\n<p>Gerti schluckt und ihre Kopfbewegung ist nur ganz leicht, aber eindeutig ein Nicken. \u201eSie kam nach Hause, weinte und wollte nichts erz\u00e4hlen. Ich hab mir halt gedacht Liebeskummer. So wie alle M\u00e4dchen halt. Die Wunde hab ich erst am n\u00e4chsten Tag gesehen, obwohl sie sie gut versteckt und schon eingebunden hat. Aber ich hab im M\u00fclleimer so Baumwollfetzen mit Blut gefunden und dann hat sie mir alles erz\u00e4hlt. Geweint hat sie und erz\u00e4hlt. Das hat\u00a0 einige Stunden gedauert, bis ich wirklich alles erfahren habe. Ich hab es f\u00f6rmlich aus ihr herauszwingen m\u00fcssen. Ich bin nat\u00fcrlich sofort zum Ludwig, hab Sturm gel\u00e4utet. Doch aufgemacht\u00a0 hat der Josef. Gel\u00e4chelt hat er, wie er&#8217;s jetzt auf den Wahlplakaten tut, und hereingebeten hat er mich. Der Ludwig sa\u00df am K\u00fcchentisch, das wei\u00df ich noch ganz genau. Den Kopf zwischen den H\u00e4nden hat er den Tisch angestarrt. Wohl mehr Kater als Reue. Auch der alte, pensionierte Gemeindegendarm sa\u00df da, und\u00a0 irgend so ein Anwalt vom Josef und auch der hat gel\u00e4chelt. Da bin ich w\u00fctend geworden und hab geschrien, du hast die Theresa vergewaltigt!<\/p>\n<p>Nana, hat der Josef gesagt, nana, wer wird denn hier gleich w\u00fcste Anschuldigungen den Raum stellen? Der Ludwig und ich sehen das ein bisschen anders.<br \/>\nSetzt dich hin, Greti, hat der Gemeindegendarm dann gesagt. Lass uns in Ruhe dr\u00fcber reden.<br \/>\nZu einem Vergewaltiger setz ich mich nicht an einen Tisch, hab ich gerufen.<br \/>\nAber gesetzt hab ich mich dann schon irgendwann.<br \/>\nUnd der Josef hat mir gedroht. Bei ihm klingt das zwar dann nicht als ob er drohen w\u00fcrde, weil er die ganze Zeit l\u00e4chelt, aber man merkt es trotzdem gleich, wenn er einem droht. Er meinte, wenn ich es zur Anzeige bringen m\u00f6chte, k\u00f6nnte ich das tun, aber erstens h\u00e4tten wir keine Beweise, und jeder im Dorf w\u00fcsste, dass die Theresa keine heilige Jungfrau sei, im Gegenteil. Der Ludwig hat sie zwar ein bisschen h\u00e4rter angefasst, aber jeder w\u00fcrde glauben, die Theresa h\u00e4tte ihm etwas anh\u00e4ngen wollen, weil sie ja schon fr\u00fcher ein Geschichterl rennen gehabt haben. Zweitens sollte ich daran denken, dass grad meine Familie sich nicht erlauben konnte, dass grad die oberen Instanzen n\u00e4her hinschauen.<br \/>\nDer Ludwig hat nichts gesagt. Der hat mich nicht mal angeschaut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso hat er denn das mit den oberen Instanzen gesagt?\u201c, warf Lisa dazwischen ein.<br \/>\n\u201eNaja, der Gro\u00dfvater hat zu seiner Zeit eben nebenbei was dazu verdient. Und bei der Steuer war er nicht grad ehrlich. Aber alle im Dorf haben\u2018s gewusst und niemand hat sich drum geschert! Jedenfalls, ich bin dann aufgestanden und hab gesagt, dass mir das alles egal w\u00e4re. Und ich w\u00fcrde trotzdem zur Polizei gehen mit der Theresa. Und einen elendigen Sauhund hab ich den Ludwig genannt.<br \/>\nDer Josef hat mich angeschaut, ganz konzentriert und hat gesagt:<br \/>\nRede zuerst mit deinem Mann dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Wie ich nach Hause gekommen bin, wollte ich sofort mit der Theresa zur Polizei nach Rohrbach fahren. Doch mein Vater hat schon auf mich gewartet, er hat mich in die Stube geholt und mir erz\u00e4hlt, dass er mit dem Josef telefoniert habe. Es w\u00e4re ein dummer Bubenstreich gewesen. Dem Ludwig t\u00e4te es leid, er will sich auch bei der Theresa entschuldigen.<br \/>\nIch hab mich dann noch furchtbar aufgeregt, aber der Vater ist stur geblieben und irgendwie hab ich immer auf ihn geh\u00f6rt. Dieses Mal auch. Er hat gemeint, schau, das Beste f\u00fcr Theresa ist doch, wenn sie es so schnell wie m\u00f6glich vergisst. Wenn sie weiter leben und nach vorn schauen kann. Wenn wir das alles wieder aufwirbeln, wird es umso schwerer f\u00fcr sie sein.<\/p>\n<p>Und deshalb bin ich dann auch gar nicht zur Polizei gefahren. Ich hab dann am Abend noch die Theresa gefragt, ob sie zur Polizei gehen will. Im Nachhinein denke ich mir, ich h\u00e4tt das nicht tun sollen. Ich h\u00e4tt sie einfach ins Auto packen und fahren sollen. Die Theresa war nat\u00fcrlich noch v\u00f6llig im Schock und wollte partout nicht weg. Am n\u00e4chsten Tag ist der Josef dann da gewesen. Ich hab das gar nicht gewusst, weil ich am Montag immer in die Stadt fahre. Nach der Schule war er da und hat der Theresa Blumen vorbeigebracht. Ich wei\u00df nicht, was er zu ihr gesagt hat, sie wollte es mir auch nicht erz\u00e4hlen. Aber seitdem hat sie sich geweigert, von der Nacht zu sprechen. Sie hat nur immer so komisch gel\u00e4chelt und den Kopf schief gelegt. Alles halb so wild, hat sie gesagt. Und sp\u00e4ter dann: Das ist doch schon so lang her.\u00a0 Und ein Jahr sp\u00e4ter hat sie sich umgebracht.\u201c<\/p>\n<p>Betretenes Schweigen am Tisch. Inge f\u00fcllt noch Schnaps in die leeren Gl\u00e4ser.<br \/>\n\u201eGreti, jetzt schneit\u2018s bald!\u201c, sagt sie noch, und Greti nickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 16157<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schauplatz: Eine alte Bauernstube, gem\u00fctlich, trotzdem modern eingerichtet. Am Tisch sitzen drei Frauen und spielen Karten und trinken Schnaps. Lisa, die junge \u00c4rztin, die auf Urlaub hier ist. Greti, die alte B\u00e4uerin und deren \u00e4ltere Schwester, Inge. 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