{"id":5390,"date":"2016-11-03T12:59:59","date_gmt":"2016-11-03T12:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5390"},"modified":"2016-12-20T08:37:57","modified_gmt":"2016-12-20T08:37:57","slug":"auf-dem-weihnachtstisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5390","title":{"rendered":"Auf dem Weihnachtstisch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5390&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5390&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Heiligabend.<\/em><\/p>\n<p>\u201eWas an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?\u201c, st\u00f6hnt Frida, als sie mit M\u00fche einem Stapel Geschenke f\u00fcr die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-do-Liste durch: aufr\u00e4umen. G\u00e4nsebraten und Kartoffelkn\u00f6del zubereiten. Tisch decken. Daf\u00fcr sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, \u2013 was ist sie nur f\u00fcr eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt \u2013 ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.<\/p>\n<p>Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem H\u00e4uschen am Stadtrand von Berlin, das Jan f\u00fcr sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, f\u00fcnf Jahre m\u00fcsste das jetzt auf den Tag genau her sein: \u201eJetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Gr\u00f6\u00dferes.\u201c<br \/>\nSie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft \u201eJa\u201c gesagt. \u201eJa, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon.\u201c \u201eJa, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd zuWeihnachten zu uns ein.\u201c \u201eKlar kann dein Bruder David auch kommen.\u201c David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke f\u00fcr die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fr\u00f6stelt bei dem Gedanken an ihren Schwager \u2026<br \/>\nIhr Blick bleibt an der roten K\u00fcchenuhr h\u00e4ngen, die ihre besten Tage hinter sich hat. \u201eIm Grunde bin ich wie diese K\u00fcchenuhr\u201c, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand \u00fcber die Stirn, ganz so als k\u00f6nnte sie die Gedanken einfach fortwischen.<\/p>\n<p>Das laute Schrillen der T\u00fcrglocke holt sie abrupt in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner \u2013 schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und \u00f6ffnet langsam die T\u00fcr &#8211; und erschrickt.<br \/>\nVor ihr steht Josef, ein P\u00e4ckchen in H\u00e4nden haltend. Josef ist Bankmanager, stammt aus dem selben oberbayerischen Dorf wie Frida und jedes Mal, wenn er in Berlin ist, trifft er sich mit ihr.<br \/>\n\u201eJosef\u201c, stammelt sie, \u201edich habe ich nicht erwartet.\u201c<br \/>\n\u201eDas dachte ich mir\u201c, gibt er zur\u00fcck und \u00fcberreicht ihr das Geschenk. \u201eWeil Weihnachten ist.\u201c<br \/>\nSie \u00f6ffnet es und err\u00f6tet.<\/p>\n<p>\u201eDie darf Jan nicht zu Gesicht bekommen\u201c, sagt sie und legt die goldene Armbanduhr zur\u00fcck in die Schatulle.<br \/>\n\u201eEines Tages kannst du ja sagen, dass du gespart hast, um sie dir kaufen zu k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eIch soll meinen Mann bel\u00fcgen?\u201c, ruft sie. \u201eSag, was bildest du dir eigentlich ein? Du kommst am Weihnachtstag unangek\u00fcndigt bei mir vorbei. Was, wenn mein Mann und die Kinder zu Hause w\u00e4ren?\u201c<br \/>\nNun wird Josef rot.<\/p>\n<p>\u201eWann kommen sie denn zur\u00fcck?\u201c, fragt er leise.<br \/>\n\u201eIn zwei Stunden, nehme ich an.\u201c<br \/>\n\u201eDas hei\u00dft, wir haben etwa neunzig Minuten Zeit\u201c, stellt er fest und betritt das Haus.<br \/>\n\u201eDas geht auf gar keinen Fall!\u201c, sagt sie, doch da hat er sie schon umarmt und bedeckt ihren Hals mit K\u00fcssen, welchen sie nicht widerstehen kann.<br \/>\n\u201eIns Schlafzimmer k\u00f6nnen wir nicht\u201c, haucht sie. \u201eWir m\u00fcssen mit dem Esstisch Vorlieb nehmen.\u201c<br \/>\nDer Tisch, auf dem wenige Stunden sp\u00e4ter das Weihnachtsmahl stehen soll, wird von Frida und Josef zweckentfremdet, und zwar derart, dass er zusammenbricht.<\/p>\n<p>\u201eHast du dir wehgetan?\u201c, fragt Josef.<br \/>\n\u201eNein. Und du?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin unverletzt. Aber dein Tisch ist hin\u00fcber.\u201c<br \/>\n\u201eWie soll ich das Jan erkl\u00e4ren?\u201c, fragt sie, den Tr\u00e4nen nahe. In diesem Augenblick verflucht sie sich daf\u00fcr, nicht \u2018Nein\u2019 gesagt zu heben.<br \/>\n\u201eSag einfach, dass du den Tisch verr\u00fccken wolltest, und dabei ist es passiert\u201c, schl\u00e4gt er vor.<br \/>\nFrida beschlie\u00dft, genau das zu sagen.<br \/>\n\u201eWir haben noch eine Stunde\u201c, sagt Josef, doch sie komplimentiert ihn mit den Worten \u201eNein, mein Lieber, sonst geht auch noch der Wohnzimmertisch zu Bruch!\u201c aus dem Haus.<br \/>\nDann beseitigt sie unter einigem Kraftaufwand die Tr\u00fcmmer ihres Tisches, indem sie diese in den Keller schafft.<\/p>\n<p>Als Jan mit den Kindern nach Hause kommt und sie auf das Fehlen des M\u00f6belst\u00fccks aufmerksam macht, erkl\u00e4rt Frida: \u201eIch wollte den Esstisch in die Mitte des Zimmer r\u00fccken, damit wir alle bequemer sitzen k\u00f6nnen. Und dabei ist er kaputtgegangen.\u201c<br \/>\n\u201eDas macht nichts, Frida\u201c, sagt Jan. \u201eEs ist noch Zeit, bis meine Eltern und mein snobistischer Bruder kommen. Ich fahre in ein M\u00f6belgesch\u00e4ft und kaufe einen neuen Tisch.\u201c<\/p>\n<p>Am Abend sitzen alle am neuen Esstisch aus Eichenholz und genie\u00dfen das Mahl, das Frida zubereitet hat. Als die Kinder im Bett liegen und die leeren Weinflaschen immer zahlreicher werden, kommt das Thema \u2018wie man einen Tisch ruiniert\u2019 auf.<br \/>\nJeder hat eine eigene Theorie, was dazu f\u00fchren kann, dass ein Tisch zerbricht.<br \/>\nFrida denkt sich \u2018Mein Gott, wenn die w\u00fcssten, wie es passiert ist!\u2019 und lacht laut auf, doch niemand schenkt ihr Beachtung, denn alle lachen \u00fcber Jans Theorie eines pl\u00f6tzlichen, auf einen Raum eines einzigen Hauses beschr\u00e4nkten Erdbebens.<br \/>\nW\u00e4hrend Jan lacht, denkt er \u2018Es ist schade um den alten Tisch. Ich bin vermutlich mitschuldig am Zusammenbruch. Aber das macht nichts &#8211; nun haben Gertrude und ich einen neuen Tisch, wenn Frida nicht zu Hause ist.\u2019<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> |Inventarnummer: 16156<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiligabend. \u201eWas an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?\u201c, st\u00f6hnt Frida, als sie mit M\u00fche einem Stapel Geschenke f\u00fcr die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-do-Liste durch: aufr\u00e4umen. G\u00e4nsebraten und Kartoffelkn\u00f6del zubereiten. Tisch decken. 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