{"id":5384,"date":"2016-11-03T12:53:43","date_gmt":"2016-11-03T12:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5384"},"modified":"2017-02-12T17:53:59","modified_gmt":"2017-02-12T17:53:59","slug":"spatz-oder-taube","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5384","title":{"rendered":"Spatz oder Taube"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5384&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5384&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Angebot, das Walter Pirker von Emilio unterbreitet worden war, hatte einfach zu gut geklungen. Dieser hatte ihn in einer Mail\u00e4nder Hotelbar angesprochen und ihm in einem vertraulichen Gespr\u00e4ch zweitausend Euro versprochen, wenn er eine Person von Italien nach \u00d6sterreich bef\u00f6rdern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eWie sind Sie auf mich gekommen?\u201c, fragte Pirker, nachdem er eingewilligt hatte.<br \/>\n\u201eSie sehen vertrauensw\u00fcrdig aus\u201c, gab Emilio, der seinen Familiennamen nicht hatte nennen wollen, zur\u00fcck. \u201eAu\u00dferdem\u201c, fuhr er fort, \u201escheinen Sie einigerma\u00dfen dringend Geld zu ben\u00f6tigen.\u201c<br \/>\n\u201eWoran erkennen Sie, dass ich in Geldnot bin?\u201c<br \/>\n\u201eIhr Anzug war gewiss teuer, Walter. Vor zehn Jahren allerdings.\u201c<br \/>\nPirker verstand.<\/p>\n<p>\u201eWer ist die Person, die ich nach Wien fahren soll?\u201c<br \/>\n\u201eSie hei\u00dft Simona und ist in Schwierigkeiten geraten. Ihre Mutter wird sie in Wien in Empfang nehmen und Sorge tragen, dass das M\u00e4dchen auf den rechten Weg zur\u00fcckfindet.\u201c<br \/>\n\u201eWird sie mir Schwierigkeiten machen?\u201c<br \/>\n\u201eNein, das wird sie nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWarum ist ihnen dieser Transport so viel Geld wert? Selbst Flugtickets w\u00e4ren g\u00fcnstiger. Oder handelt es sich bei Simona um Ihre Tochter?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, seufzte Emilio. \u201eIch werde sie morgen zu Ihnen bringen, und dann k\u00f6nnen Sie losfahren.\u201c<br \/>\n\u201eAbgemacht.\u201c<\/p>\n<p>Sie reichten sich die Hand, und Walter Pirker verbrachte den Abend in Gedanken versunken an der Hotelbar. Er dachte an Simona, malte sich aus, wie sie wohl aussehen mochte und wie ihre gemeinsame Autofahrt verlaufen w\u00fcrde. Der Grund, aus dem er nach Mailand gereist war, interessierte ihn nicht mehr. An dem ebenso illegalen wie gut dotierten Pokerturnier w\u00fcrde er nicht teilnehmen &#8211; seine finanzielle Lage hatte sich schlie\u00dflich dank Emilios Angebot schlagartig verbessert.<\/p>\n<p>Wie vereinbart brachte Emilio Simona am n\u00e4chsten Tag in Walters Hotelzimmer.<br \/>\n\u201eDu bist also mein Chauffeur\u201c, sagte sie und kaute schmatzend auf ihrem Kaugummi.<br \/>\n\u201eUnd du bist Simona. Guten Tag, ich hei\u00dfe Walter\u201c, sagte Pirker und gab ihr die Hand.<br \/>\n\u201eNachdem ihr euch nun kennt, w\u00fcnsche ich euch eine angenehme Fahrt\u201c, sagte Emilio, reichte Walter ein Kuvert und verlie\u00df den Raum, nachdem er Simona fl\u00fcchtig auf die Wange gek\u00fcsst hatte.<br \/>\n\u201eWann fahren wir los?\u201c, fragte das M\u00e4dchen.<br \/>\n\u201eIn etwa einer Stunde. Du sprichst gut Deutsch, Simona.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich war eine Weile in Wien. Und nun muss ich wieder dorthin zur\u00fcck.\u201c<br \/>\nSie seufzte.<\/p>\n<p>\u201eWas hast Du angestellt?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin mit Haschisch erwischt worden.\u201c<br \/>\n\u201eB\u00f6ses M\u00e4dchen!\u201c, sagte Walter, doch sein Grinsen lie\u00df sie erkennen, dass seine Worte nicht ernst gemeint waren.<br \/>\n\u201eWas ist mit dir, Walter. Wer bist du, warum bist du in Mailand und wie bist du an Emilio geraten?\u201c<br \/>\n\u201eDas sind aber viele Fragen auf einmal. Also: Ich halte mich mit Kartenspielen \u00fcber Wasser, wollte gestern Abend an einem Pokerturnier teilnehmen und wurde von deinem Vater an der Hotelbar angesprochen.\u201c<br \/>\n\u201eLass mich raten: Er hat dir ein verlockendes Angebot gemacht, und du hast den Pokerabend sausen lassen.\u201c<br \/>\n\u201eSo war es.\u201c<br \/>\n\u201eOft kommt eben etwas dazwischen\u201c, sagte Simona. \u201eDu bist gar nicht so unattraktiv wie die \u00fcbrigen Spieler, die von Stadt zu Stadt reisen, um an illegalen Kartenrunden teilzunehmen.\u201c<br \/>\nWalter schluckte, Avancen hatte er nicht erwartet.<\/p>\n<p>\u201eDanke\u201c, stammelte er. \u201eDu bist auch h\u00fcbsch, wenngleich zehn Jahre j\u00fcnger als ich.\u201c<br \/>\n\u201eWie alt bist du denn?\u201c, fragte sie.<br \/>\n\u201eDreiunddrei\u00dfig.\u201c<br \/>\n\u201eDann bist du nur acht Jahre \u00e4lter als ich\u201c, stellte sie fest und sah ihn entwaffnend aus ihren hellblauen Augen an, die, wie Walter fand, auf interessante Art mit ihren schwarzen Haaren kontrastierten.<\/p>\n<p>Die erste Stunde der Fahrt verlief ruhig. Simona war damit besch\u00e4ftigt, Nachrichten in ihr Telefon zu tippen, und Walter versuchte erfolgreich, dem gro\u00dfst\u00e4dtischen Verkehr unfallfrei zu entkommen.<br \/>\n\u201eWie viel h\u00e4ttest du gestern Abend gewinnen k\u00f6nnen?\u201c, fragte sie, nachdem sie ihr Handy weggelegt hatte.<br \/>\n\u201eIch meine, dreitausend Euro w\u00e4ren dringewesen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd Emilio? Wie viel hat er dir f\u00fcr die Fahrt geboten?\u201c<br \/>\n\u201eZweitausend.\u201c<br \/>\n\u201eEin schlechtes Gesch\u00e4ft, findest du nicht? Warum bist du darauf eingestiegen?\u201c<br \/>\n\u201eManchmal ist es besser, den Spatz auf der Hand zu fangen, als auf die Taube auf dem Dach zu hoffen.\u201c<br \/>\n\u201eH\u00e4ttest du nicht am Turnier teilnehmen und mich trotzdem fahren k\u00f6nnen? So h\u00e4ttest du vielleicht f\u00fcnftausend Euro verdient.\u201c<br \/>\n\u201eNein. Solche Pokerabende dauern die ganze Nacht, und \u00fcberm\u00fcdet zu fahren ist zu gef\u00e4hrlich.\u201c<br \/>\n\u201eAch, ihr \u00d6sterreicher\u201c, meinte Simona und lachte. \u201eIhr seid zu sehr auf Sicherheit bedacht.\u201c<br \/>\n\u201eWas wirst du in Wien machen, Simona?\u201c<br \/>\n\u201eErst werde ich mich mit Elena treffen, danach werde ich weitersehen.\u201c<br \/>\n\u201eWer ist Elena? Eine Freundin von dir?\u201c<br \/>\n\u201eElena? Nein, eine Freundin ist sie nicht\u201c, sagte sie gedankenverloren.<br \/>\n\u201eWer ist sie dann?\u201c<br \/>\n\u201eSie ist meine -\u201c, sie stockte. \u201eMeine Mutter\u201c, beendete sie den Satz.<\/p>\n<p>Walter Pirker ahnte, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, doch bewahrte er die Ruhe des Pokerspielers und dachte an die Sachen, die er sich mit dem Geld, das er von Emilio erhalten hatte, kaufen w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eWas hast du vorher gemacht, Simona? Hast du studiert?\u201c<br \/>\n\u201eNein, ich habe eigentlich nichts Gro\u00dfartiges gemacht.\u201c<br \/>\n\u201eWomit hast du dir denn dein Leben finanziert?\u201c<br \/>\n\u201eIch hatte immer reiche Freunde\u201c, antwortete sie, der das Thema offensichtlich unangenehm war.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick erkannte Walter, dass er einem Schwindel aufgesessen war. Da er sich jedoch auf engem Raum mit einer daran beteiligten Person befand, unterlie\u00df er es, darauf einzugehen.<br \/>\nEr unterhielt sich stattdessen mit ihr \u00fcber Musik, Mode und andere unverf\u00e4ngliche Themen. Er begann, eine gewisse Sympathie f\u00fcr die junge Frau zu entwickeln und lachte innerlich \u00fcber seine Unvoreingenommenheit, der er es zu verdanken hatte, dass er dem Turnier ferngeblieben war.<br \/>\n\u201eWo wohnst du in Wien?\u201c, fragte Simona.<br \/>\nEr nannte ihr seine Adresse. Einen Augenblick lang hatte er daran gedacht, ihr eine falsche Anschrift zu nennen, doch da er keine Gefahr von Simona ausgehen sah, sagte er ihr, wo er tats\u00e4chlich wohnte.<\/p>\n<p>Der Treffpunkt mit Elena lag in der N\u00e4he des Hauptbahnhofes. Simona reichte ihr die Hand und erhielt einen Umschlag von der \u00e4lteren Frau. Walter wurde von den beiden nicht beachtet, jedoch von Alois M\u00f6stl, den er von etlichen Pokerabenden her kannte.<br \/>\nM\u00f6stl war in Begleitung einer Frau, die im selben Alter wie Simona war, zum Treffpunkt gekommen. Seine Begleiterin erhielt ebenfalls einen Umschlag von Elena.<br \/>\nDie M\u00e4nner sahen einander an und begannen zu lachen.<br \/>\n\u201eWir Idioten!\u201c, rief Walter.<br \/>\n\u201eHei\u00dft der angebliche Vater deiner Bekannten zuf\u00e4llig Emilio?\u201c, fragte Alois.<br \/>\nWalter wollte antworten, doch brachte er vor Lachen kein Wort heraus.<br \/>\nAlois klopfte ihm auf die Schulter und die beiden fuhren davon, ohne die Frauen weiter zu beachten.<\/p>\n<p>Am Abend dieses Tages lag Walter Pirker auf seinem Sofa und sah fern, als es an der T\u00fcre klingelte. Er \u00f6ffnete und sagte erstaunt: \u201eGuten Abend, Simona.\u201c<br \/>\nSimona l\u00e4chelte ihn an und sagte: \u201eM\u00f6chtest du mich nicht hereinbitten?\u201c<br \/>\nEr gab den Weg frei, und sie setzte sich auf das Sofa.<br \/>\n\u201eAlso, was kann ich f\u00fcr dich tun, Simona? Hat deine Mutter dich hinausgeworfen?\u201c<br \/>\nSie lachte.<br \/>\n\u201eEmilio ist nicht mein Vater, und Elena ist nicht meine Mutter. Er ist spiels\u00fcchtig und von der Idee besessen, dass er mehr Geld gewinnen kann, wenn m\u00f6glichst wenige professionelle Spieler am Pokertisch sitzen. Darum haben meine Cousine, die du heute am Bahnhof gesehen hast, und ich oft die Gelegenheit, ins Ausland zu fahren.\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe. Und was willst du nun von mir? Wann f\u00e4hrst du zur\u00fcck nach Mailand?\u201c<br \/>\n\u201e\u00dcbermorgen.\u201c<br \/>\n\u201eWas wirst du bis dahin in Wien machen?\u201c<br \/>\nSimona r\u00fcckte nahe an Walter heran, sah ihm in die Augen und hauchte: \u201eIch bin dein Spatz. Ich werde dir zeigen, dass auch ich mich aufs Spielen verstehe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> |Inventarnummer: 17011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Angebot, das Walter Pirker von Emilio unterbreitet worden war, hatte einfach zu gut geklungen. 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