{"id":5363,"date":"2016-10-31T08:48:34","date_gmt":"2016-10-31T08:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5363"},"modified":"2016-12-15T08:42:28","modified_gmt":"2016-12-15T08:42:28","slug":"4-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5363","title":{"rendered":"Meine (Un)Tat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5363&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5363&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lange hatte ich versucht, gegen diesen Drang anzuk\u00e4mpfen, die l\u00e4ngste Zeit, zwanzig Jahre um pr\u00e4zise zu sein, sogar erfolgreich, doch an diesem sechsundzwanzigsten Mai im Jahr 2011 habe ich versagt. Ja, ich habe schlicht versagt, meine Skills haben mich im Stich gelassen. Diese Handlung, die ich letzten Endes, also am heutigen Tag gesetzt habe, hatte ich bereits viele Male erwogen, doch hatte ich es stets fertiggebracht, sie nicht zu setzen, auch wenn dieses Nichtsetzen mir sehr oft kaum auszuhaltende Schmerzen bereitet hatte, sozusagen als Resultat der Nichtausf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Jahrelang habe ich zu mir gesagt, also in Gespr\u00e4chen mit mir selbst: \u201eMichael, das darfst du nicht tun! Eine derartige Handlung steht nicht daf\u00fcr, sie ist einfach keine L\u00f6sung. Denke an deine Mutter! Du darfst ihr so etwas einfach nicht antun! Das hat sie nicht verdient. Michael, bitte denke daran, was deine Mutter im Supermarkt h\u00f6ren m\u00fcsste. \u2018Frau Timoschek, ich habe geh\u00f6rt, was Ihr Sohn getan hat. Bitte erlauben Sie mir, dass ich Ihnen mein Mitgef\u00fchl ausspreche. Nach allem, was ich \u00fcber Michael geh\u00f6rt habe, war seine Tat vorprogrammiert, doch dass er sie zu Lebzeiten seiner Mutter setzen w\u00fcrde, also das h\u00e4tte ich mir nicht tr\u00e4umen lassen.\u2019 Siehst du, Michael\u201d, sagte ich zu mir selbst, \u201ewas du deiner Mutter antun w\u00fcrdest mit einer solchen Tat? Was k\u00f6nnte die arme Frau denn dann nur antworten? \u2018Vielen Dank, Frau Pimpelhuber, f\u00fcr Ihr Mitgef\u00fchl. Ich bin entsetzt \u00fcber das, was mein Sohn getan hat, doch es ist nun einmal geschehen. Bitte haben Sie Verst\u00e4ndnis, Frau Pimpelhuber, dass ich im Moment nicht \u00fcber Michaels Tat sprechen m\u00f6chte!\u2019 Nein, Michael, so was darfst du nicht machen!\u201d<\/p>\n<p>Doch ich habe es gemacht. Heute. Und es war, das gebe ich freim\u00fctig zu, die schlimmste Untat meines Lebens. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Tat war, das darf ich ehrlich zugeben, der Schlusspunkt eines langen Leidensweges. Ich habe heute ja versucht, ruhig zu bleiben respektive mich selbst zu beruhigen, denn ich sah diese Tat heraufdr\u00e4uen. Wie ein Wolfsrudel, das sich langsam n\u00e4hert, sah ich sie kommen. Was soll ich sagen? Nun ist es passiert.<\/p>\n<p>Es handelte sich um Monika, das M\u00e4dchen, das mir gegen\u00fcber gesessen hatte. Die Distanz zwischen ihr und mir war gering, und es h\u00e4tte ein sch\u00f6ner und ruhiger Nachmittag werden sollen. Die Sonne schien und es war warm. Monika ignorierte mich. Sie hatte kein Interesse an Augenkontakt, obwohl ich sie mit freundlichen, interessierten Blicken musterte. Dass das M\u00e4dchen Monika war, erfuhr ich in dem Moment. in dem sie einen Anruf entgegennahm und sich mit ihrem Vornamen meldete. \u201eHallo, Monika am Apparat\u201d, sagte sie halblaut. Das Telefonat dauerte nicht lange, es ging um ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Aus dieser Tatsache schloss ich, dass eben zwei Studentinnen ein Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt hatten. Monika f\u00fchrte den anscheinend mit der Lautst\u00e4rke des Geh\u00f6rten \u00fcberforderten In-Ear-Kopfh\u00f6rer wieder in ihr rechtes Ohr ein. Aus diesem hatte sie ihn zuvor gezogen, um die Person, die sie angerufen hatte, besser verstehen zu k\u00f6nnen, was mir logisch schien. Monika schwieg mich weiter an, doch ich lie\u00df mich davon nicht beeindrucken, und das trotz des Drucks, der sich in mir aufzubauen begann. Tapfer versuchte ich, Blickkontakt herzustellen, doch sie brachte es nicht fertig, mir in die Augen zu sehen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Monika schwieg, doch war der Raum von L\u00e4rm erf\u00fcllt<em>.<\/em> Nicht blo\u00df vom \u00fcblichen L\u00e4rm in solchen R\u00e4umen, a<\/span>n den ich gew\u00f6hnt bin und den ich notgedrungen akzeptiere. Es handelte sich um eine Art von L\u00e4rm, die ich seit langer Zeit als hochgr\u00e4sslich, und somit als \u00fcberaus st\u00f6rend empfunden hatte. Und ich hatte keine Chance zu entkommen, denn in meinem Inneren hatte sich ein Schalter umgelegt, auf dessen Funktionsbeschreibungsschildchen wahrscheinlich stand: \u2018Michael &#8211; gefangen. Flucht unm\u00f6glich!\u2019 Der Druck erh\u00f6hte sich, wie das bei sogenannten Druckkocht\u00f6pfen der Fall ist.<\/p>\n<p>Meine Blicke wurden eindringlicher, doch Monika schien sie nicht zu bemerken. \u2018Sie will meine Blicke nicht bemerken\u2019, dachte ich. \u2018Ja, das ist es. Sie ignoriert mich einfach. Und dazu kommt noch dieser unertr\u00e4gliche L\u00e4rm. Immer schlimmer wird er, mit jeder Sekunde unaushaltbarer. Ich kann nicht entkommen, ich sitze hier wie die Maus vor der Schlange und kann nicht weg! Ich bef\u00fcrchte, dass heute der Tag ist, an welchem ich diese Handlung setzen werde, ja muss.\u2019 \u201eMichael,\u201d sagte ich zu mir, \u201ebitte f\u00fchre diese Tat nicht aus! Das darfst du deiner Mutter einfach nicht antun! Denke auch an deine Freunde! Auch die w\u00e4ren f\u00fcrchterlich entt\u00e4uscht von dir. Sie w\u00fcrden diese Tat niemals verstehen k\u00f6nnen!\u201d Doch es half nichts.<\/p>\n<p>Das mir gegen\u00fcber sitzende M\u00e4dchen ignorierte mich weiterhin, und die Kraft, die junge Frau anzusprechen, hatte ich einfach nicht mehr, zu sehr hatte der L\u00e4rm mich bereits gequ\u00e4lt und ausgelaugt. Ich warf Monika hilfesuchende Blicke zu, doch sie sah teilnahmslos aus dem Fenster. In einem Tunnel spiegelten sich unsere K\u00f6pfe in der Fensterscheibe, in exakt dem Augenblick, in dem ich meine Augen von ihrem Antlitz abwandte und, wie auch Monika, aus dem Fenster sah. F\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde war ich mir sicher, dass wir einander in die Augen gesehen hatten, wenigstens \u00fcber die spiegelnde Scheibe, doch das M\u00e4dchen wandte seinen Blick schnell ab und sah in das schwarze Nichts.<\/p>\n<p>Ich war verzweifelt. Der L\u00e4rm, die Ignoranz und der Druck begannen, mir zu viel zu werden. \u201eNein, Michael, tu das nicht!\u201d, sagte ich zu mir. Doch es war zu sp\u00e4t. Das Schicksal wollte seinen Lauf nehmen, und so nahm es ihn.<br \/>\nIch zog mein Schweizer Offiziersmesser aus der Hosentasche, klappte dessen gro\u00dfe Klinge auf und hielt sie vor Monikas Augen.<\/p>\n<p>Ich trage stets ein Schweizermesser bei mir, man kann ja nie wissen. Oft schon hat mir ein solches gute Dienste erwiesen, beispielsweise wenn ich einen Apfel von seiner mit Wachs \u00fcberzogenen Schale zu befreien hatte. Oder wenn ich in der Verlegenheit war, ein Steak, das die Tenazit\u00e4t einer ledernen Schuhsohle aufwies, zu zerteilen, da sich das mir f\u00fcr diese Handlung vom Restaurant zur Verf\u00fcgung gestellte Schneidewerkzeug als ein in die Jahre gekommenes, und somit entsprechend unscharfes, gew\u00f6hnliches Fleischmesser entpuppt hatte. Des Weiteren hatte ich Erfahrung gemacht, dass ein Mann, der stets ein Offiziersmesser bei sich tr\u00e4gt, von der Damenwelt als \u2018patenter Kerl\u2019 angesehen wird.<\/p>\n<p>Monika blickte mich aus vor Schreck geweiteten Augen an. Sie \u00f6ffnete ihren Mund, ganz so, als ob sie schreien wollte, doch brachte sie blo\u00df keuchende Laute heraus. Dann \u00f6ffnete und schloss sich ihr Mund abwechselnd, und sie zog einen der In-Ear-Kopfh\u00f6rer aus dem Ohr.<\/p>\n<p>So etwas hatte ich in meiner Jugend gesehen. Ich war mit einem Freund angeln gegangen und er hatte einen ziemlich gro\u00dfen Karpfen am Haken. Nach einigen Minuten harten Kampfes hatten wir es fertiggebracht, den Fisch an Land zu ziehen. Er hatte sich daraufhin auf die selbe Art und Weise geriert wie Monika, was die Mundbewegungen anlangte.<\/p>\n<p>\u201eEs hat keinen Sinn, zu schreien, Monika\u201d, sagte ich mit ruhiger Stimme. \u201eWoher wissen Sie\u201d, setzte sie an, doch ich fiel ihr, wieder mit ruhiger Stimme, ins Wort: \u201eIch wei\u00df, wie du hei\u00dft.\u201d \u201eWas\u201d, stammelte sie, \u201ehaben Sie mit mir vor?\u201d \u201eJetzt, in wenigen Augenblicken, ist es so weit, Monika. Zu lange hat sich der Druck in mir bereits aufgestaut.\u201d Sie sah mich erschrocken an. \u201eKeine Sorge, Monika. Ich verspreche dir, dass du nichts sp\u00fcren wirst. Ein Schnitt, und schon ist alles vorbei.\u201d<\/p>\n<p>Das Versprechen, dass ich nichts sp\u00fcren w\u00fcrde, also keine Schmerzen w\u00fcrde erdulden m\u00fcssen, hatte man mir im Laufe meines Lebens viele Male gegeben. Zahn\u00e4rzte, praktische \u00c4rzte und sogar ein Milit\u00e4rarzt hatten es mir gegeben. Nun, oftmals war das Aussprechen dieses Versprechens blo\u00df der in Worte gefasste Wunsch des jeweiligen Arztes, n\u00e4mlich eine schmerzlose Behandlung am Patienten zu vollziehen, denn realiter musste ich bei verschiedenen Gelegenheiten sehr leiden.<\/p>\n<p>Da Monika zu weinen begonnen hatte, wollte ich meine Tat zeitnah hinter mich bringen.<br \/>\nIch ertrage weinende Menschen n\u00e4mlich nur sehr schwer, besonders weinende Frauen r\u00fchren mich. Ich neige dann dazu, sie in den Arm zu nehmen und zu tr\u00f6sten. Ich durfte einige Male die, dies muss ich offen sagen, \u00fcberaus positive Erfahrung machen, dass solch tr\u00f6stende Handlungen durchaus vom Abend bis zum Morgen andauern k\u00f6nnen, jedoch m\u00f6chte ich nicht unerw\u00e4hnt lassen, dass geschlechtliche Handlungen keineswegs meine vorrangigen Beweggr\u00fcnde f\u00fcr tr\u00f6stendes Verhalten sind. Doch zur\u00fcck zu Monika, die auf die Durchf\u00fchrung meiner Tat wartet.<\/p>\n<p>Ich holte, das Messer in meiner Hand, aus, Monika erstarrte, und setzte, so schnell es mir m\u00f6glich war, einen Schnitt, ich darf erw\u00e4hnen, dass die Klinge meines Offiziersmessers stets die Sch\u00e4rfe einer Skalpellklinge aufweist, und alles war vorbei.<br \/>\nMit stumpfen Klingen habe ich oft schlechte Erfahrungen machen m\u00fcssen. M\u00f6chte man zum Beispiel eine schmackhafte H\u00fchnersuppe zubereiten und verwendet man f\u00fcr das Zerlegen des Vogels ein Messer mit stumpfer Klinge, so kommt man schnell dahinter, aus welchem Grund diese Art Vogel gerne als \u2018Gummiadler\u2019 bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Monikas Erstarrung l\u00f6ste sich, verdutzt zog sie den zweiten Kopfh\u00f6rer aus dem Ohr und sah an sich herab. Sie blutete nicht. Sie bef\u00fchlte das Kabel, welches die Kopfh\u00f6rer mit ihrem MP3-Player verband und bemerkte, dass dieses durchtrennt worden war. Sie sah mich fassungslos an und sagte \u201eWas.\u201d Weiter kam sie nicht. Ich steckte mein Messer weg, sprang auf, trommelte mir auf die Brust und br\u00fcllte: \u201eIch hasse volkst\u00fcmliche Musik!\u201d Dann lief ich aus dem Abteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> |Inventarnummer: 16150<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange hatte ich versucht, gegen diesen Drang anzuk\u00e4mpfen, die l\u00e4ngste Zeit, zwanzig Jahre um pr\u00e4zise zu sein, sogar erfolgreich, doch an diesem sechsundzwanzigsten Mai im Jahr 2011 habe ich versagt. Ja, ich habe schlicht versagt, meine Skills haben mich im Stich gelassen. 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