{"id":5359,"date":"2016-10-31T08:47:59","date_gmt":"2016-10-31T08:47:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5359"},"modified":"2017-02-10T17:14:49","modified_gmt":"2017-02-10T17:14:49","slug":"2-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5359","title":{"rendered":"Die Tat meiner Tochter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5359&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5359&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1<\/p>\n<p>Seit ich im November des Jahres 1989 nach Wien gezogen bin, liebe ich es, den Donaukanal entlangzugehen. Es bereitet mir Freude, nahe am Wasser zu sein, die V\u00f6gel, die den Kanal zu ihrem Lebensraum erkoren haben, zu beobachten und mich auf beinahe jedem Spaziergang zu wundern, welche Hunderassen mittlerweile aus den Zwingern der Z\u00fcchter an den Mann gebracht werden oder vielleicht aus kynologischen Versuchslaboren entkommen konnten.<\/p>\n<p>Ich kam der Liebe wegen in die \u00f6sterreichische Hauptstadt. Ich hatte in Graz an der Universit\u00e4t B\u00fcrgerliches Recht gelehrt und mich in eine Kollegin aus Wien verliebt, die ein Jahr lang in Graz unterrichtet hatte.<br \/>\nSie hei\u00dft Brigitte und ist heute meine Ehefrau. Nach drei gemeinsamen Jahren in Wien haben wir geheiratet, und nach zwei weiteren Jahren wurde Martina, unser einziges Kind, im Jahre 1994 geboren.<\/p>\n<p>Anfangs war es nat\u00fcrlich eine gro\u00dfe Umstellung, von Graz nach Wien zu ziehen. Das Kleinst\u00e4dtische der steirischen Landeshauptstadt ging mir einerseits ab, doch genoss ich andererseits die Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt. In Graz ist das Leben famili\u00e4rer, man wird auf der Stra\u00dfe erkannt, gegr\u00fc\u00dft und nach dem Befinden gefragt. In Wien geschieht dies nur in Ausnahmef\u00e4llen, was mir ehrlich gesagt recht ist, denn ich sch\u00e4tze es nicht besonders, angesprochen zu werden, wenn ich meinen Gedanken nachh\u00e4ngend durch die Stadt wandere.<br \/>\nEin weiterer Vorteil Wiens ist, dass die geistige Tr\u00e4gheit, das Phlegma, kaum zu bemerken ist. In der Steiermark gibt es bei Weitem mehr Menschen, die sich nicht genieren, ihren Stumpfsinn offen zur Schau zu stellen und sogar Unbeteiligte wie auch Uninteressierte durch Laut\u00e4u\u00dferungen daran teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>Ich gehe gerne alleine spazieren, und der Donaukanal war mein erster Spazierweg in Wien und ist bis heute mein liebster. Die Flora, die Fauna und die dort zu betrachtende Kunst in Form von sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Graffiti geben mir das Gef\u00fchl, dass in der Stadt, in der ich lebe, Kunst und Natur friedlich nebeneinander existieren k\u00f6nnen.<br \/>\nBrigitte begleitet mich nie auf diesen Spazierg\u00e4ngen. Sie liebt es zu malen und verbringt einen gro\u00dfen Teil ihrer Freizeit in einem Raum unserer Wohnung im siebenten Bezirk, der ihr als Atelier dient und entsprechend eingerichtet ist. Sie malt bevorzugt Tiere und Pflanzen, und das in wirklich guter Qualit\u00e4t. Ich bin kein Kunstkenner, doch etliche Kollegen an der Universit\u00e4t haben das Talent meiner Frau best\u00e4tigt, und ich muss zugeben, dass mir ihre Bilder wirklich gut gefallen. Einige von diesen h\u00e4ngen in unserer Wohnung, und das nicht nur, weil sie von Brigitte gemalt wurden.<\/p>\n<p>Sie hat mir geraten, einen Hund anzuschaffen, der mich begleiten k\u00f6nnte, doch ich sehe keinen Sinn darin, mir ein Haustier zuzulegen. Als wir Kinder waren, hatten meine Schwester und ich einen Hund, Moritz hie\u00df er. Er war eine Promenadenmischung, was bedeutet, dass er sowohl von robuster Gesundheit als auch von hoher Intelligenz war. Doch trotz seiner guten Gesundheit war es eines Tages auch f\u00fcr ihn an der Zeit, den Weg alles Irdischen zu gehen, was meine Schwester und mich in eine veritable Verzweiflung gest\u00fcrzt hatte. So etwas ist immer unsch\u00f6n, und ich m\u00f6chte das nicht noch einmal erleben.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus pflege ich auf meinen Spazierg\u00e4ngen die Dinge f\u00fcr mich ins rechte Lot zu bringen. Ich h\u00e4nge dabei meinen Gedanken nach und kann w\u00e4hrenddessen keine Leine in der Hand brauchen, an deren Ende ein Lebewesen befestigt ist, das zieht, zerrt oder sich gar losrei\u00dfen m\u00f6chte. Ein derartiges Verhalten w\u00fcrde mir blo\u00df das Denken verunm\u00f6glichen, ebenso wie ich die gro\u00dfe Verantwortung anderen Menschen und Hunden gegen\u00fcber scheue.<\/p>\n<p>Heute Nachmittag habe ich einen wirklich langen Spaziergang hinter mich gebracht, doch konnte ich die Dinge, die mich zu diesem veranlasst haben, nicht ins Lot r\u00fccken. Ich hatte einen Kollegen gebeten, meine Vorlesung zu halten. Er hatte sofort eingewilligt, denn ihm war meine Verzweiflung nicht entgangen.<br \/>\nF\u00fcnf Minuten bevor ich ihn um diesen Gefallen gebeten hatte, hatte mich meine Ehefrau angerufen und mir mit leiser und bedr\u00fcckter Stimme eine Neuigkeit \u00fcber unsere Tochter mitgeteilt. Aus diesem Grund war der ungew\u00f6hnlich lange Spaziergang heute vonn\u00f6ten. Ich wollte die Dinge f\u00fcr mich einordnen, doch ich habe versagt.<\/p>\n<p>Nun, am Abend dieses Tages, steht die Tat meiner Tochter noch immer so deutlich vor meinem geistigen Auge, als ob ich ihr Augenzeuge gewesen w\u00e4re.<br \/>\nMeine Frau konnte leichter akzeptieren, was Martina getan hat. Sie hatte nie ein besonders intensives Verh\u00e4ltnis zu ihr.<br \/>\nMir jedoch treibt es selbst in diesem Augenblick, in dem ich Bericht erstatte, die Tr\u00e4nen in die Augen beim Gedanken an das, was sich mein Kind angetan hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Martina war als Kind unkompliziert. Nachdem wir uns das hatten leisten k\u00f6nnen, war sie in einen privaten Kindergarten gegangen. Dieser hatte ihr sehr gutgetan. Ich war immer wieder aufs Neue verbl\u00fcfft, wie schnell sie einzelne Arten von Tieren benennen konnte, und auch dar\u00fcber, wie bald sie S\u00e4tze grammatikalisch richtig zu formulieren gelernt hatte, selbst wenn sich deren Inhalt in der Vergangenheit zugetragen hatte.<br \/>\nIch war, das gebe ich zu, der Ansicht, dass ein wahres Genie meinen Lenden entsprungen war. Heute wei\u00df ich nat\u00fcrlich, dass Kinder in einem gewissen Alter erstaunlich aufmerksam und lernf\u00e4hig sind. Au\u00dferdem lie\u00df mich der nach dem Kindergarten einsetzende schulische Misserfolg meiner Tochter erkennen, dass meine Theorie mit dem Genie falsch war.<\/p>\n<p>Die Volksschule brachte Martina mit Ach und Krach hinter sich. Immer wieder kam es vor, dass ihre Leistungen mit einem Befriedigend oder gar einem Gen\u00fcgend benotet wurden, und ihre Lehrerin riet uns am Ende der vierten Schulstufe, Martina nicht auf ein Gymnasium zu schicken, da sie dort wohl die eine oder andere Klasse wiederholen m\u00fcsste.<br \/>\nDas konnten meine Frau und ich auf keinen Fall akzeptieren. Zugegeben, w\u00e4hrend meiner Schulzeit war ich auf dem Kronleuchter der Strebsamkeit nicht das hellste Licht, doch habe ich es zum Professor gebracht. Meine Frau war in der Schule stets die Klassenbeste gewesen, somit war klar, dass auch Martina das Gymnasium durchstehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Unterstufe \u00fcberstand sie ganz gut, nachdem sie vom naturwissenschaftlichen Zweig in den bildnerischen \u00fcbergewechselt war. Es verging zwar kein Sommer, in dem sie nicht f\u00fcr eine Wiederholungspr\u00fcfung lernen musste, doch mit Nachhilfeunterricht bestand sie alle diese Pr\u00fcfungen.<br \/>\nAls Martina in die Oberstufe kam, fingen die Probleme an.<br \/>\nMir ist nat\u00fcrlich klar, dass junge Menschen in der Phase ihrer Pubert\u00e4t gegen ihre Eltern rebellieren, ich habe das auch gemacht. Ich hatte mit diesem Verhalten kein Problem, auch nicht damit, dass sie mit gewissen Substanzen experimentierte.<br \/>\nMeine Frau hatte einmal einen Joint in Martinas Schreibtisch gefunden und daraufhin das Ende der Welt verk\u00fcndet. Ich beruhigte sie und versprach ihr, mit unserer Tochter \u00fcber Drogen zu sprechen. Ich sprach auch mit ihr. Wir standen auf dem Balkon, rauchten den Joint gemeinsam, und sie versprach mir auf Ehrenwort, keine Drogen mehr herumliegen zu lassen und nicht mehr als einen Joint pro Woche zu rauchen.<\/p>\n<p>Ich kann den Zeitpunkt, ab dem es schlimmer zu werden begann, nicht mit letzter Bestimmtheit festmachen, doch vermute ich, dass es im Sommersemester der sechsten Klasse war.<br \/>\nMeine Frau und ich wurden zum Direktor der Schule zitiert, der versuchte, in seinem B\u00fcro ein Tribunal \u00fcber unsere Tochter abzuhalten. Er f\u00fchrte jede einzelne Fehlstunde Martinas an, lie\u00df sich \u00fcber ihre schwarz gef\u00e4rbten Haare aus und mokierte sich \u00fcber ihre stets dunkle Kleidung. Ich teilte ihm mit, dass Martina ihre Haare nach Belieben f\u00e4rben konnte und auch, dass ihn ihr Kleidungsstil nichts anging. Was jedoch die unentschuldigten Fehlstunden anging, begann ich mir Sorgen zu machen.<br \/>\nMartina hatte ganze Schultage geschw\u00e4nzt und zu Hause auf Nachfrage schlicht angegeben, dass sie lieber mit Freunden im Kaffeehaus gesessen h\u00e4tte, als in die Schule zu gehen. Dieses Schuljahr war unrettbar verloren, also mussten Brigitte und ich uns mit der Tatsache abfinden, dass unsere Tochter die sechste Klasse zweimal besuchen w\u00fcrde.<br \/>\nDas Wiederholungsjahr verlief friktionsfrei, wenigstens was Martinas schulische Leistungen anlangte. Im Privaten begann sie sich zur\u00fcckzuziehen. Sie weihte uns nicht in ihre Aktivit\u00e4ten ein, lie\u00df sich zum Entsetzen ihrer Mutter einen Nasenring stechen und ihr Haupthaar scheren.<\/p>\n<p>Wir beschlossen, Martina vom Beginn der siebenten Klasse an bis zu ihrer Reifepr\u00fcfung kompetente Nachhilfelehrer f\u00fcr alle kritischen Unterrichtsf\u00e4cher zur Seite zu stellen, denn wir wollten verhindern, dass sie ein weiteres Jahr verlieren w\u00fcrde.<br \/>\nIn diesen beiden Jahren stimmten die Noten unserer Tochter. Au\u00dferdem lie\u00df sie uns wieder etwas mehr an ihrem Privatleben teilhaben, indem sie uns beinahe jede zweite Woche einen neuen Freund beim Fr\u00fchst\u00fcck vorstellte.<br \/>\nBrigitte und ich trugen dies mit Fassung, denn wir h\u00e4tten ihr unm\u00f6glich verbieten k\u00f6nnen, sich auszuleben.<\/p>\n<p>Nachdem sie ihre Matura im Jahr 2013 abgelegt hatte, zog sie aus unserer Wohnung aus. Meine Frau und ich hatten vor Jahren eine kleine Wohnung als Anlageobjekt erworben, und dort quartierte sie sich ein. Sie begann Anthropologie zu studieren, gab jedoch nach drei Monaten auf und sattelte auf Psychologie um. Wir unterst\u00fctzten sie finanziell, doch au\u00dfer Mails mit dem Wort \u2018Danke!\u2019 zum Inhalt, die wir erhielten, nachdem unser Geld auf ihrem Konto eingegangen war, h\u00f6rten und sahen wir nichts von Martina.<br \/>\nWir waren der Meinung, unserer Tochter ihre Freiheit lassen zu m\u00fcssen, ohne sie mit Anrufen oder gar Besuchen zu bel\u00e4stigen.<br \/>\nWir hatten eben nie einen besonders guten Draht zu Martina.<br \/>\nHeute ist mir schmerzlich bewusst geworden, dass dies ein schwerer Fehler war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Als ich heute den Donaukanal entlangging, konnte ich meine Gedanken nicht von der Tat meiner Tochter losrei\u00dfen.<br \/>\nIch wei\u00df beim besten Willen nicht, wie viele Menschen mir heute entgegengekommen sind und mich mit h\u00e4ngendem Kopf und Tr\u00e4nen in den Augen meinen liebsten Spazierweg entlangschlurfen gesehen haben. Es m\u00fcssen viele gewesen sein.<br \/>\nIch habe sie jedenfalls nicht wahrgenommen. Heute habe ich gar nichts wahrnehmen k\u00f6nnen. Ich habe zwar mitbekommen, wie sich zwei Graffitik\u00fcnstler in die Haare geraten sind, erst verbal, dann im Wortsinn, doch vermochte ich dem Verlauf des Disputs nicht zu folgen.<br \/>\nEin gro\u00dfer Hund, ich vermute, dass es eine Dogge war, kam bellend auf mich zugelaufen, doch ich nahm erst Notiz von dem Tier, als dessen Besitzer, der herbeigeeilt war, mich atemlos um Verzeihung f\u00fcr die offensive Spielaufforderung seines Hundes bat. Ich murmelte irgendetwas und ging weiter.<\/p>\n<p>Als ich den Teil des Kanals erreichte, dessen W\u00e4nde \u00fcber und \u00fcber mit Graffiti bespr\u00fcht sind, blieb ich stehen.<br \/>\nEines dieser Kunstwerke zeigt, falls es heute Abend nicht \u00fcbermalt wurde, eine nackte liegende junge Frau in R\u00fcckenansicht. Ich stand vor dem M\u00e4dchen und musste an das Foto denken, das meine Frau mir nach unserem Telefonat geschickt hatte. Da begann ich zu weinen wie ein kleines Kind.<br \/>\nAuf diesem Foto ist n\u00e4mlich meine Tochter Martina zu sehen, ebenfalls auf dem Bauch liegend. Ihr nackter R\u00fccken ist voller Blutspuren, die, das ist gut erkennbar, notd\u00fcrftig weggewischt worden waren. Ihr Kopf ist zur Seite gedreht, ihre Augen sind geschlossen und ihr sichtbarer Mundwinkel ist leicht nach oben gezogen, als ob sie l\u00e4cheln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Zweitschmerzvollste an diesem Foto f\u00fcr mich ist Folgendes: meine eigene, geliebte Tochter so daliegen zu sehen, offensichtlich froh, dass eine schlimme Tortur vorbei ist und sie Ruhe vor ihrem Peiniger hat.<br \/>\nDas Schmerzvollste aber ist, was dieser Unmensch mit ihrem R\u00fccken gemacht hat. Auf dem R\u00fccken meiner Tochter prangt eine riesige Schlange, eine Kobra, die ihre m\u00e4chtigen Giftz\u00e4hne drohend dem Betrachter pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Nachdem ich geweint hatte, bis keine Tr\u00e4nen mehr kamen, ging ich mit langsamen Schritten nach Hause, wo meine Frau mich schon erwartete. Ich erz\u00e4hlte ihr von meiner Verzweiflung \u00fcber Martinas Tat und begann wieder zu weinen. Brigitte nahm mich in den Arm, und nachdem ich fertiggeweint hatte, riet sie mir, die Sache als schon geschehen und unumkehrbar f\u00fcr mich einzuordnen.<br \/>\nBrigitte hat sicherlich recht, doch bin ich noch nicht so weit.<br \/>\nIch frage mich, ob ich es jemals fertigbringen werde, ohne zu weinen an das zu denken, was sich meine Tochter angetan hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> |Inventarnummer: 17010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Seit ich im November des Jahres 1989 nach Wien gezogen bin, liebe ich es, den Donaukanal entlangzugehen. 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