{"id":5337,"date":"2016-10-28T12:28:14","date_gmt":"2016-10-28T12:28:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5337"},"modified":"2016-10-31T07:15:27","modified_gmt":"2016-10-31T07:15:27","slug":"sturz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5337","title":{"rendered":"Sturz"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5337&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5337&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erz\u00e4hlte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was f\u00fcr ein Schock war das f\u00fcr Fred. Und doch keine \u00dcberraschung. Eher logische Folge. Das Ungeheuerliche war nur, dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte. Nicht einmal sie selbst! Immer tiefer hatte sich Mutter in ihr Drama verstrickt. Wie ein Wollkn\u00e4uel in Widerhaken. Fred und seine Geschwister, die als Zuseher heranwuchsen, hatten es irgendwann aufgegeben einzugreifen. Jegliche Versuche ihr zu helfen wehrte sie ab. Jede Trag\u00f6die wird irgendwann langweilig!, dachten sie. War sie noch so brutal. Konnte man sich den Ausgang auch ausmalen, keiner wollte den mehr mitansehen. Irgendwann jedoch w\u00fcrde er kommen m\u00fcssen, der Aufprall am Boden. Die Frage war nur: wann?<\/p>\n<p>Abend war\u2019s, als Torsten sich meldete. Und das hie\u00df nichts Gutes. Wenn er sich meldete, dann gab es immer einen Grund; Fred konnte nicht behaupten, dass in seiner Familie einfach so miteinander geredet wurde. Da musste schon etwas Krasses vorgefallen sein! Und diesmal berichtete der Bruder von Mutter und seinem Besuch bei ihr vor ein paar Tagen anl\u00e4sslich des Muttertags.<\/p>\n<p>Fred hatte den Muttertag schon hinter sich. Ein Pflichttermin auf seiner To-do-Liste. Gl\u00fccklicherweise war er zu ihr ins Gesch\u00e4ft gegangen, \u00fcberreichte ihr \u00fcbers Verkaufspult hinweg seinen Blumenstrau\u00df, dr\u00fcckte ihr K\u00fcsschen auf die Wangen und pflegte ein wenig Smalltalk mit ihr. Besser gesagt \u00fcbte er sich in der Rolle des Zuh\u00f6rers; denn Mutter riss \u2013 wie so oft \u2013 sogleich das Wort an sich und lie\u00df es nicht mehr los. Bei diesem Besuch konnte er nichts Besonderes feststellen, neben gewohnten Merkw\u00fcrdigkeiten. Mehr als eine halbe Stunde werde ich das nicht aushalten k\u00f6nnen, wusste er schon und hatte sich davor ein Limit gesetzt. W\u00e4hrend seines Zuh\u00f6rens hatte er die Uhr stets im Auge behalten, um ihr genau diese Zeit zu geben. Und keine Sekunde mehr.<\/p>\n<p>Kurz vor Sperrstunde bin ich ins Gesch\u00e4ft rein, setzte sein Bruder Torsten fort. Ein Mann war noch da, mit dem sie sich unterhielt. Gemeinsam kippten sie Wermut. Freilich war mir das schon aufgefallen: sie und der Wermut. Der angeblich ihre Schmerzen im Kreuz und wei\u00df der Teufel, wo sonst noch, lindern und Durchblutung f\u00f6rdern sollte. Aber ich dachte mir nichts dabei. Ihr Gesch\u00e4ft schlie\u00dflich! Ihr Leben! Was soll man ihr da verbieten? Zumal sie ja eigentlich schon in Pension und auf das Gesch\u00e4ft nicht mehr angewiesen war.<\/p>\n<p>Wir plauderten noch eine Weile, sagte Torsten. Aber am Zungenschlag konnte man schon merken, dass sie betrunken war. Bis zum Zeitpunkt, als sie \u201aSperrstunde\u2019 sagte, war alles in Ordnung. Dann ergriff sie ihre Autoschl\u00fcssel. Und ab da ging es los. Was, du willst heimfahren, fragte ich sie. Nach Hollabrunn? In deinem Zustand? \u2013 Was hei\u00dft in meinem Zustand?! \u2013 Mama, du bist betrunken, vollkommen betrunken! Merkst du das nicht? \u2013 Ach, Bl\u00f6dsinn! Misch dich da nicht ein! Mir geht\u2019s bestens. Pl\u00f6tzlich ergriff der Mann zu Gast Partei f\u00fcr Mutter: Torsten br\u00e4uchte sich keine Sorgen zu machen, seiner Mutter ginge es gut. Wer er war, wollte Torsten wissen, und wie er dazu k\u00e4me, derartige Aussagen zu machen. Und schon war eine handfeste Diskussion im Gange.<\/p>\n<p>So konnte ich sie unm\u00f6glich ins Auto steigen lassen, fuhr sein Bruder fort, er forderte die Autoschl\u00fcssel. Gib sie her, die Autoschl\u00fcssel. Ich fahre dich nach Hause. \u2013 Aber kommt doch nicht in Frage! Mir geht\u2019s gut. Ich kann alleine fahren. \u2013 So lass ich dich sicher nicht fahren. Du bist eine Gefahr! Nicht nur f\u00fcr dich, auch f\u00fcr andere. \u2013 Die anderen sind mir egal. Ich geb dir den Schl\u00fcssel nicht! Und wenn du Kopf stehst. \u2013 Na gut, sagte Freds Bruder. Dann fahren wir eben mit der U-Bahn. \u2013 Wohin?, fragte sie, ganz erstaunt.<br \/>\nIn deine Wiener Wohnung.<br \/>\nDa kann ich nicht hin, erwiderte sie.<br \/>\nWarum denn nicht?, fragte Torsten.<br \/>\nDa herrscht Chaos. Gro\u00dfes Durcheinander.<br \/>\nMacht nichts, entwaffnete er sie. Ein Bett zum Schlafen wird sich schon finden.<\/p>\n<p>Und, was hast du dann gemacht, fragte Fred. Ich habe sie geschnappt und bin mit ihr zur U-Bahn gewankt. Wie naiv von mir. Bei den Stiegen zum Aufgang zur U-Bahn stolperte sie und landete auf ihrem Mund. Direkt auf ihrem Mund! Erst krabbelte sie hilflos wie ein K\u00e4fer herum. Und ich versuchte, ihr wieder aufzuhelfen, setzte sein Bruder die Schilderung fort. Blut rann ihr vom Mund \u00fcbers Kinn den Hals runter. Sie hatte sich die Lippe aufgeschlagen. Schauerlich! Die Passanten starrten uns an, ehe sie sich wegdrehten. Ich kramte nach einem Taschentuch. \u00dcberall suchte ich nach einem Taschentuch, w\u00e4hrend das Blut \u2026 Schnell! Ein Taschentuch, verdammt noch mal! Wo ist jetzt ein Taschentuch?! Da fiel sie wieder hin. Nur wegen dieses verdammten Taschentuchs habe ich jetzt nicht aufgepasst. Diesmal mit dem Ges\u00e4\u00df auf die Treppe. Und weil die so absch\u00fcssig und ihr K\u00f6rper so unkontrolliert war, rutschte sie gleich ein paar Stufen weiter hinab. Ihr Hinterkopf schlug auf die Stufen. Diese verdammten Stufen. Tock, machte es. Tock! Was f\u00fcr ein Ger\u00e4usch! Der Unterkiefer schlug gegen den Oberkiefer. Mutter, die Arme, \u00e4chzte nur und st\u00f6hnte. Dann bewegte sie sich wie in Zeitlupe, um sich aus ihrer misslichen Lage aufzurichten. Energisch schnappte ich sie mir, hatte aber meine Not diesen schlaffen K\u00f6rper richtig zu fassen und auf die Beine zu bringen. So sind wir dann zu ihr in die Wohnung. Du kannst dir nicht vorstellen, so sein Bruder weiter, was das f\u00fcr ein Theater war, den Schl\u00fcssel zu finden. Ewig fand sie den Schl\u00fcssel nicht! In all ihren Taschen kramte sie nach ihrem Schl\u00fcssel. Alle Schl\u00fcssel, die sie fand, dr\u00fcckte sie mir in die Hand und meinte, ich solle endlich aufsperren. Und wenn ich sagte, jener Schl\u00fcssel sei nicht der richtige, behauptete sie, sie h\u00e4tte mir schon den richtigen gegeben. Schlie\u00dflich sagte Torsten, sind wir hinein und legte ich sie in ihr Bett.<\/p>\n<p>Er hat dann noch Betty, seine Schwester verst\u00e4ndigt, die sich Mutter medizinisch angesehen hat. Als \u00c4rztin ist sie die Einzige, die sie an sich ranl\u00e4sst. Sonst lehnt sie alles ab! Aber Fred, du kannst dir nicht vorstellen, wie es in der Wohnung aussah. Total verwahrlost! Und nichts funktionierte: kein Warmwasser, \u00fcberall dreckiges Geschirr in der K\u00fcche. Nicht mal h\u00e4ndisch abwaschen ging, weil Siphon samt Boiler kaputt waren.<\/p>\n<p>Freds Geschwister haben sich daraufhin getroffen. Zum ersten Mal in ihren Leben Krisensitzung. Um herauszufinden, was passiert war, wie es so weit kommen konnte. Warum lie\u00df sich ihre Mutter nur so gehen? Warum sagte sie nicht einfach, dass sie Hilfe brauchte? Fragen dieser Art schwebten im Raum. Alle waren so betroffen, dass sie nicht einmal den Versuch unternahmen, es sich gegenseitig zu erkl\u00e4ren und nach Antworten zu suchen. Irgendwie waren sie alle unf\u00e4hig, \u00fcber diese Dinge zu reden. Waren sie allzu sehr betroffen? &#8211; Als zum Beispiel ihr Vatergestorben war, hatten sie nie dar\u00fcber geredet. Dabei wusste jeder von ihnen, wie es sich anf\u00fchlte. Nie aber hatte jemand von ihnen dar\u00fcber geredet. Nie!<\/p>\n<p>Sie ist meine Mutter. Das wird sie immer bleiben. Sie hat mich auf die Welt gebracht, sagte Fred. Worauf sein Bruder Walter pl\u00f6tzlich heftig wurde: Was das soll, diese Ansage von ihm. Sie w\u00e4re doch alt genug, er empf\u00e4nde keinerlei Verpflichtung ihr gegen\u00fcber. &#8211; Aber sie sei krank, hat ein Nervenleiden und merkbare Demenz, warf Betty sachlich ein. Ich werde sie zu einem Facharzt bringen, ob sie will oder nicht. &#8211; Tatsache ist, dass sie immer mehr zum Pflegefall wird, sagte sein \u00e4ltester Bruder Torsten abschlie\u00dfend. Besser wird\u2019s sicher nicht werden.<\/p>\n<p>Sie einigten sich darauf, zuerst die Sanit\u00e4rsachen, also den Wasserzu- und Ablauf samt Untertischboiler von einem Installateur reparieren zu lassen. Einen Kostenvoranschlag f\u00fcr die Heiztherme einzuholen und einen gemeinsamen Putzeinsatz in der Wohnung zu starten, um das Schlimmste zu beheben. Damit Mutter die Wohnung wenigstens wieder nutzen konnte, wenn ihr Zustand sich verschlimmern sollte. Als Ausweichort, um nicht den weiten Weg nach Hollabrunn im Auto antreten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als Fred die Wohnung, in der er gro\u00df geworden war, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder betrat, war er um einiges fr\u00fcher da als der Installateur. Er wollte sich zuerst einmal allein einen Eindruck verschaffen. Gleich beim Eingang im Vorzimmer stand ein alter, hoher K\u00fchlschrank, der das Fenster verstellte und nur wenig Licht hereinlie\u00df. Das Vorzimmer war seiner Erinnerung nach immer so hell gewesen \u2026 und der lange, sch\u00f6ne Perserteppich, den seine Mutter einmal angeschafft hatte, war jetzt mit einer ekligen Staub- und Dreckschicht bedeckt. Scham und ein bitterer Geschmack von Trauer \u00fcberkamen ihn. \u00dcberall an den Bodenr\u00e4ndern lag der Lurch in Bahnen. Ein gro\u00dfer Haufen alter Schuhe lag herum. Die Vorh\u00e4nge hingen grau und dreckig vor den Fenstern.<\/p>\n<p>In seinen schlimmsten WG-Zeiten sahen die K\u00fcchen nicht so aus wie diese hier. Das Geschirr war aufget\u00fcrmt. In den K\u00fcchenk\u00e4sten gab es kein einziges sauberes Teil mehr, das man h\u00e4tte entnehmen k\u00f6nnen. Dem Installateur wollte, konnte er diese Wahrheit nicht vorsetzen. Unm\u00f6glich! Er genierte sich und erz\u00e4hlte ihm, dass seine Mutter die Wohnung vermietet gehabt und jetzt zur\u00fcckbekommen hatte, eben in diesem erb\u00e4rmlichen Zustand, wie er s\u00e4he. &#8211; Machen Sie sich nichts draus, hatte der darauf gesagt, habe schon Schlimmeres gesehen. &#8211; Er solle sich nur die kaputten Teile anschauen und ihm einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.<\/p>\n<p>Nachdem der Warmwasserboiler samt Armatur in der K\u00fcche repariert worden war, veranstalteten seine Geschwister und er eine Putzaktion. Nur die \u00fcber drei\u00dfig Jahre alte Heiztherme im Badezimmer hatten sie nicht tauschen lassen. Viertausend Euro war ihnen allen zuviel. Hatten ihnen schon die anderen Kosten f\u00fcr die K\u00fcche gen\u00fcgt. Seine Schwester st\u00fcrzte sich auf das Badezimmer, sein Bruder Walter auf den Boden. Torsten und Fred begannen in der K\u00fcche das aufgestapelte Geschirr wegzuwaschen, um sp\u00e4ter die horizontalen und vertikalen Fl\u00e4chen der K\u00e4sten zu reinigen. Besser nicht denken, sagte er sich. Was machte das alles f\u00fcr einen Sinn? Zu viele unbeantwortete Fragen erzeugten ihm nur Kopfschmerzen. Wenn man dar\u00fcber nachdachte, konnte einem das den Lebensnerv rauben. Dennoch machte es traurig. All die verpassten Situationen.<\/p>\n<p>Fred erinnerte sich, als er mit Mutter einmal \u00fcber Gl\u00fcck sprach. Sie erz\u00e4hlte ihm, wie sie kurz vor ihrem Abschluss der Matura-Klasse stand und den Sommer \u00fcber Geld verdienen wollte. Am besten in einer gro\u00dfen Versicherung, dachte sie. Nur auf dem Bewerbungsformular stand, dass man mit dem Ausf\u00fcllen gleichzeitig der sozialistischen Partei beitrat, und damit hatte sie ein Problem. Dar\u00fcber wollte sie mit dem Personalchef nochmal reden. Alles war hier so aufregend und neu f\u00fcr sie. Und w\u00e4hrend sie sich in der Schule als die Wissende und erfolgreiche Maturantin f\u00fchlte, kam sie sich hier so klein und unwissend vor. Als sie in diesem Geb\u00e4ude herumirrte, sprach sie ein freundlicher Herr an: Wo wollen Sie denn hin? &#8211; In den sechsten Stock zum Chef der Personalabteilung. &#8211; Zuvorkommend zeigte er ihr den Weg. Sie kam bis zur Sekret\u00e4rin, dort war Endstation. Er ist nicht zu sprechen. In einer wichtigen Konferenz, sagte die Sekret\u00e4rin. \u2013 Gut, dann warte ich eben drau\u00dfen. Drei Stunden wartete sie, bis sie empfangen wurde. Der Personalchef war der Neffe des damals amtierenden Bundespr\u00e4sidenten, ein gro\u00dfer schlanker Mann mit h\u00f6flichem Umgang. Mutter spielte das kleine M\u00e4dchen aus armer Familie. Geduldig nahm er ihre Daten auf. Danach fragte sie, was jetzt. &#8211; Ja, Sie sind genommen. Sie werden von uns noch schriftlich verst\u00e4ndigt. Der Beitritt zur Partei war auf einmal unter den Tisch gefallen.<\/p>\n<p>Sie fragte sich, wie man es anders als Gl\u00fcck bezeichnen konnte; denn dass sie ohne Parteizugeh\u00f6rigkeit und Bestechung einen Job bekommen hatte, war damals ein Wunder, nicht nur in ihren Augen. Zufrieden wollte sie sich trotzdem nicht geben. Noch eine andere M\u00f6glichkeit fiel ihr ein. Sie hatte da so eine Bank im Kopf. Da w\u00fcrde sie vielleicht sogar noch besser verdienen k\u00f6nnen. Ein Freund einer guten Bekannten, die bei ihrer Familie ein und aus ging, arbeitete dort. Und er war es auch, der sie auf die Idee brachte, sich dort zu bewerben. Als es dann wirklich dazu kam, war dem wohlsituierten Herrn aber auf einmal gar nicht mehr wohl. Ganz aufgeregt hatte er Mutter zu sich gerufen und ihr ins Gewissen geredet, sie solle ihm auf gar keinen Fall Schande bereiten.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war Mutter gerade mit ihrem Bruder Fritz zerstritten. Wenn er nach Hause kam, verschwand sie in ihr Kabinett. Ihre Mutter hat immer zu vermitteln versucht: Schau, was die Lisi jetzt macht. Sie hat sich in der Bank beworben. Und als Fritz, der fertige Jurist, den Bewerbungsbogen in die H\u00e4nde bekam, um einen Blick drauf zu werfen, fiel sein Blick gleich auf einen Fehler: Statt dem abgefragten M\u00e4dchennamen der Mutter hatte sie den Vornamen der Mutter hingeschrieben. Gleich machte er ihr eine Szene, was sie nicht f\u00fcr ein Trampel w\u00e4re, der nicht einmal die einfachsten Dinge wusste.<\/p>\n<p>Die Beleidigungen ihres Bruders nahmen kein Ende und drangen bis in ihr Zimmer vor, in das sie sich wieder einmal gefl\u00fcchtet hatte. Und sie \u00e4rgerte sich derart, dass sie beschloss, sich einen neuen Bewerbungsbogen zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihr die Sekret\u00e4rin den Stapel an Bewerbungen und meinte, dass es sowieso aussichtslos w\u00e4re. Da traf sie zuf\u00e4llig auf einen netten Mann, der auch zum Personalchef wollte. Sie blieb mit ihm drau\u00dfen vor der T\u00fcr am Gang stehen und begann, mit ihm ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Schmetterlinge und Botanik zu f\u00fchren. Sie erz\u00e4hlte ihm, dass Tintenflecken ihren Bewerbungsbogen verschmutzt h\u00e4tten und sie deswegen einen neuen ben\u00f6tigte. Als die vorbeilaufenden Leute den Mann devot und freundlich gr\u00fc\u00dften, wunderte sie sich. Was sind denn alle Menschen hier so nett, fragte sie sich. Erst sp\u00e4ter erfuhr sie, dass dieser Mann auch eine F\u00fchrungskraft war. Und Mutter fragte sich, was sie damals nur an sich gehabt hatte, dass sie auch diesen Job bekam, obwohl sie ein Niemand war. Wenn nicht einmal die Tochter vom Chef der Rechtsabteilung in dieser Bank unterkam.<\/p>\n<p>Fred stand mit seinem Bruder, der sich das Geschirr vorgenommen hatte, in der K\u00fcche, w\u00e4hrend er die mit dunklem Holz furnierten K\u00e4sten samt Metallgriffen putzte. Er versuchte es zumindest; denn so einfach ging der Dreck nicht weg. Es war so verschmutzt, als ob man mit klebrigen Fingern alles abgegrapscht h\u00e4tte. Wie war das nur m\u00f6glich, fragte er sich. So was hatte er noch nie erlebt! Nur die st\u00e4rksten, aggressivsten Mittel konnten da helfen. Schau, sagte sein Bruder, da sind Ananasdosen &#8211; \u00fcber zwanzig Jahre alt! &#8211; Was ist nur alles passiert seither? &#8211; Was spielt das schon f\u00fcr eine Rolle, sagte Fred. Hier ist gestern wie heute. Erinnerst du dich, als die Oma noch lebte und wir mit ihr durch die Wohnung jagten. Sie mit dem Teppichpracker hinter uns her. Nie hat sie uns erwischt. Warum war Gro\u00dfmutter blo\u00df so verbittert? \u2013 Verbittert, fragte sein Bruder. Das wei\u00df ich gar nicht. &#8211; Doch das war sie, sagte Fred. Kennst du das Foto anl\u00e4sslich ihres 75. Geburtstags, zwei Jahre vor ihrem Tod? \u2013 Nein, kenn ich nicht. Hab ich jetzt nicht vor Augen. &#8211; Ich aber. Da steht sie da in ihrem besten Kleid mit Goldkette um den Hals und posiert mit fest zugekniffenen Lippen, dass einem Angst und bang werden k\u00f6nnte. Verstehst du das? An ihrem Tag, ihrem Geburtstag! Sie steht da, als ob sie total sauer w\u00e4re. Auf was? Auf wen? Unter der Oberfl\u00e4che explodierte sie f\u00f6rmlich. Vielleicht hatte alles mit dem \u00fcbertriebenen Ehrgeiz seiner Gro\u00dfmutter begonnen, dachte Fred. Als Oberschwester im Spital, die einen Arzt heiraten wollte. Der hatte sie jedoch wegen Standesunterschieds abgewiesen. Was f\u00fcr ein Schlag, was f\u00fcr eine Kr\u00e4nkung!<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hat ihr Leben eine v\u00f6llig andere Richtung genommen. Sie hat einen Polizisten geheiratet und drei Kinder geboren. W\u00e4hrend Gro\u00dfmutter zu Hause das Kommando nicht aus den H\u00e4nden gab, fl\u00fcchtete sich ihr Mann in die Arbeit oder die Natur. Ein gem\u00fctlicher Mann, der sich bei der Polizei als Hundef\u00fchrer verdingte. Hunde und Natur liebte er \u00fcber alles. Ihren Ehrgeiz steckte Gro\u00dfmutter von nun an in ihre beiden Buben: Leopold und Fritz. Ihnen wurde jede Unterst\u00fctzung zuteil, w\u00e4hrend f\u00fcr Mutter, die J\u00fcngste und obendrein ein M\u00e4dchen, nichts mehr blieb. Die beiden Buben nahmen ihre Chancen auch wahr. Leopold wurde Primararzt und Fritz erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Mutter blieb auf der Strecke.<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, hat Mutter einmal zu Fred gesagt, ich habe in meiner Jugend so viel Gl\u00fcck gehabt. Gl\u00fcck kommt mir vor wie ein Bankkonto. Anfangs hatte ich viel davon. Aber irgendwann, ich wei\u00df nicht genau wann, war es auf einmal leer. Mein Gl\u00fcck war einfach zu Ende, aufgebraucht: Gl\u00fccksende. Seither habe ich nie mehr den Dreh gefunden, das Konto wieder aufzuf\u00fcllen. &#8211; Schrecklich, dachte Fred. Gl\u00fcck nur im Au\u00dfen zu sehen: im Job, im Geld, in der Partnerschaft. Ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf \u00c4nderung. Gleichzeitig aber sp\u00fcrte er eine Gewissheit in sich, dass sich etwas in ihm gegen diese Aussichtslosigkeit auflehnte. Ist Gl\u00fcck nicht mehr im Innen zu suchen?, fragte er sich. Mehr ein Lebenszustand, den man sich auf ewig bewahren kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Fritz Schuler<br \/>\n<span style=\"color: #333333;\"><em>(Anfangskapitel aus dem Roman \u201eGl\u00fccksende\u201c &#8211; in Entstehung)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> |<\/span>Inventarnummer: 16149<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erz\u00e4hlte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was f\u00fcr ein Schock war das f\u00fcr Fred. Und doch keine \u00dcberraschung. Eher logische Folge. 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