{"id":5326,"date":"2016-10-29T12:09:39","date_gmt":"2016-10-29T12:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5326"},"modified":"2016-11-25T17:47:26","modified_gmt":"2016-11-25T17:47:26","slug":"in-einem-kleinen-dorf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5326","title":{"rendered":"In einem kleinen Dorf"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5326&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5326&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gratwein ist ein kleines Dorf in \u00d6sterreich. Es ist unweit der steirischen Landeshauptstadt Graz gelegen. Etwa dreitausendf\u00fcnfhundert Menschen leben in Gratwein, und die haben es in sich.<\/p>\n<p>Oswald Heiner, der ehemalige Gratweiner K\u00fcnstler, ist einer von ihnen. An einer Universit\u00e4t hat er nie studiert, er hat sich alles selbst beigebracht. Bevor er K\u00fcnstler wurde, war er Metzger. Das erkl\u00e4rt die Kunst, die er macht. Doch davon sp\u00e4ter.<br \/>\nEin weiterer Gratweiner ist Paul Meister. Sein Name passt zu ihm, denn er ist der B\u00fcrgermeister. Auch sa\u00df er einmal im Vorstand der \u00f6rtlichen Raiffeisenkasse. Wie Oswald hat auch Paul sich alles selbst beigebracht. Als er kein Bauarbeiter mehr sein wollte, wurde er kriminell. Etliche Diebst\u00e4hle und drei Jahre im Grazer Gef\u00e4ngnis sp\u00e4ter wurde er B\u00fcrgermeister.<br \/>\nEin dritter Mann aus Gratwein ist Markus Suppan. Ihm geh\u00f6rt eines der siebzehn Gasth\u00e4user im Ort. Er hat es von seinem Vater \u00fcbernommen. Sein Lokal ist immer gut besucht, denn viele Gratweiner trinken gerne Bier und Wein. Schnaps trinken sie auch gerne.<br \/>\nMaria Ponisch war die Direktorin der Volksschule. Sie ist mit Gernot verheiratet, dem Dorfpolizisten. Maria besucht oft das Gasthaus von Markus, um Bier zu trinken. Es kommt h\u00e4ufig vor, dass ihr Mann in seiner Uniform neben ihr an der Bar steht. Er trinkt stets Wein und danach Schnaps.<\/p>\n<p>Eines Abends standen die Genannten, ohne den Polizisten, an der Bar und beschlossen, ihr Dorf zu versch\u00f6nern.<br \/>\nOswald Heiner, der K\u00fcnstler, sagte in die Runde: \u201eGratwein ist kein sch\u00f6nes Dorf! Lasst uns \u00fcberlegen, wie wir es sch\u00f6ner machen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister war sofort Feuer und Flamme. \u201eDas ist eine gute Idee, Oswald! Ich bin schon lange der Ansicht, dass Gratwein zu grau, zu farblos ist.\u201c<br \/>\nMaria Ponisch sagte: \u201eDann erschaffe ein Kunstwerk, Oswald. Du bist doch der K\u00fcnstler hier.\u201c<\/p>\n<p>Der Angesprochene dachte einige Sekunden lang nach und sagte dann: \u201eDas kostet aber Geld. Meine Kunstwerke sind nicht billig.\u201c<br \/>\nPaul Meister nahm einen gro\u00dfen Schluck von seinem Bier und lachte. \u201eGeld ist kein Problem. Ich bin im Vorstand der Bank. Sag mir einfach, wie viel du haben willst.\u201c<br \/>\nOswald Heiner wiegte seinen Kopf hin und her. Er gab sich den Anschein, dass er nachdachte und rechnete. \u201eAchtzigtausend Euro\u201c, sagte er schlie\u00dflich.<br \/>\nMarkus Suppan, der Wirt, warf ein: \u201eAber du hast uns ja noch gar nicht gesagt, was f\u00fcr ein Kunstwerk du erschaffen willst!\u201c<br \/>\n\u201eEin wahres Meisterwerk wird das\u201c, sagte der K\u00fcnstler.<br \/>\n\u201eNa, da bin ich aber gespannt!\u201c, meinte Maria Ponisch. \u201eVon dir habe ich noch nichts gesehen, das diese Bezeichnung verdient.\u201c<br \/>\n\u201eLass dich \u00fcberraschen\u201c, gab Oswald zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch wenn sich Oswald Heiner als K\u00fcnstler sah und bezeichnete &#8211; er war immer noch ein Metzger. Er erschuf n\u00e4mlich Kunstwerke aus Tieren.<br \/>\nNach dem Tod seiner Eltern hatte er die Fleischerei verkauft, um sich ganz der Kunst widmen zu k\u00f6nnen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatte er es geschafft. Im kleinen Rahmen wenigstens. Im Turnsaal der Hauptschule des Nachbarortes Gratkorn wurden seine Werke ausgestellt. Zwar nur f\u00fcr eine Woche, aber immerhin. Gegen Ende dieser Woche hatten sie sich n\u00e4mlich aufzul\u00f6sen begonnen. Oswald hatte versehentlich seine Ortsansichten von Gratwein in Essig eingelegt und nicht in Alkohol. Und da sie aus Fleisch gemacht worden waren, l\u00f6sten sie sich eben auf.<br \/>\nDiesen peinlichen Fehler machte er kein zweites Mal. Er hatte angefangen, Tiere in Alkohol einzulegen, und zwar ganze Tiere. Und der Plan ging auf. Im ersten Jahr seiner Karriere als K\u00fcnstler konnte er ganze drei Kunstwerke verkaufen. Immerhin.<br \/>\nErst hatte er K\u00fche und Schweine eingelegt, doch bald tat er dies auch mit H\u00fchnern und Fischen. Er nahm auch Auftr\u00e4ge an. Wollte ein Kunde blo\u00df eine halbe Kuh in seinem Wohnzimmer stehen haben, so bekam er sie auch. Als Metzger war das Halbieren der Tiere kein Problem f\u00fcr Oswald Heiner.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre wurde er erfolgreich. Seine Werke wurden von den Kunstkritikern zwar nicht beachtet, doch in vielen Gratweiner H\u00e4usern wurden sie geliebt. Besonders seine eingelegten Fische, wie Hechte oder Karpfen, wurden oft bestellt. Diese Objekte waren klein und nicht allzu teuer. Es kam h\u00e4ufig vor, dass M\u00e4nner Karpfen bei Oswald in Auftrag gaben. Wahrscheinlich um sich bei ihren Frauen f\u00fcr deren Kochk\u00fcnste zu bedanken. Oder als Wink mit dem Zaunpfahl. Um sie n\u00e4mlich darauf aufmerksam zu machen, dass viel zu selten Karpfen auf dem Tisch stand.<br \/>\nEgal &#8211; Oswald Heiner war auf dem besten Weg, ein gro\u00dfer Gratweiner K\u00fcnstler zu werden. Wenn nicht sogar der gr\u00f6\u00dfte.<\/p>\n<p>Und da kam ihm der Auftrag, das Dorf zu versch\u00f6nern, gerade recht. Er freute sich sogar so sehr dar\u00fcber, dass er die Anwesenden auf Schnaps einlud.<br \/>\n\u201eBrauchst du Material f\u00fcr dein Kunstwerk?\u201c, fragte Paul Meister.<br \/>\n\u201eJa, das brauche ich. Ich brauche ein Huhn, aber ein gro\u00dfes.\u201c<br \/>\n\u201eDann geh zu einem Bauern und kaufe eines\u201c, sagte Maria Ponisch und leerte ihr Schnapsglas.<br \/>\n\u201eNein, Maria, ich erledige das\u201c, sagte Meister und grinste.<br \/>\nAlle im Raum lachten, denn sie wussten, wie das zu verstehen war. Bevor Paul n\u00e4mlich B\u00fcrgermeister von Gratwein wurde und bei Raiffeisen anfangen durfte, war er ein ber\u00fcchtigter H\u00fchnerdieb. Und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Bis er erwischt und ins Gef\u00e4ngnis gesperrt wurde.<\/p>\n<p>\u201eWas brauchst du noch?\u201c, fragte Markus Suppan.<br \/>\n\u201eEinen Ziegenbock. Aber einen schwarzen!\u201c<br \/>\n\u201eWer in der Umgebung hat noch Ziegen?\u201c, fragte Maria.<br \/>\n\u201eGustav Herbst hat noch welche. Aber ob er auch schwarze hat, wei\u00df ich nicht\u201c, murmelte der Wirt.<br \/>\n\u201eDann nimm einen wei\u00dfen Ziegenbock und bemale ihn mit schwarzer Farbe\u201c, schlug Paul vor.<br \/>\n\u201eGenau! Du bist schlie\u00dflich K\u00fcnstler\u201c, sagte Maria.<br \/>\n\u201eJa, das bin ich\u201c, gab Oswald zur\u00fcck. \u201eIch werde den Bock selbst bemalen. Markus, noch eine Runde Schnaps, bitte!\u201c<br \/>\nSie hoben ihre Gl\u00e4ser, stie\u00dfen an und tranken sie aus. In Gratwein ist es n\u00e4mlich Brauch, mit Schnapsgl\u00e4sern anzusto\u00dfen. Besonders oft wird an Dienstagen angesto\u00dfen. Und jener Tag war ein Dienstag.<\/p>\n<p>\u201eBrauchst du noch weitere Tiere?\u201c, fragte Paul.<br \/>\n\u201eJa. Ein Wildschwein. Einen gro\u00dfen Keiler.\u201c<br \/>\n\u201eSag, Oswald, was f\u00fcr ein Kunstwerk wirst du f\u00fcr Gratwein erschaffen?\u201c, fragte Maria Ponisch.<br \/>\n\u201eEin Meisterwerk, wie ich schon gesagt habe.\u201c<br \/>\n\u201eDas Wildschwein stellt kein Problem dar\u201c, sagte Meister.<br \/>\n\u201eStiehlst du eines?\u201c, fragte Oswald, und alle lachten.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagte Paul. \u201eMeine Bank besitzt ein Gehege mit \u00fcber f\u00fcnfzig Wildschweinen.\u201c<br \/>\n\u201eWof\u00fcr z\u00fcchtet ihr die?\u201c, fragte Maria.<br \/>\n\u201eAch, ich und meine Vorstandskollegen lieben die Jagd.\u201c<br \/>\n\u201eIm Gehege?\u201c, fragte sie.<br \/>\n\u201eJa. Dort ist die Trefferquote h\u00f6her.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWaren das jetzt alle Tiere?\u201c, fragte die Schuldirektorin und bestellte eine Runde Schnaps.<br \/>\n\u201eNein, bis jetzt habe ich erst drei. Ich brauche aber vier.\u201c<br \/>\n\u201eWas brauchst du noch?\u201c, fragte Markus.<br \/>\n\u201eEine schwarze Katze w\u00e4re gut.\u201c<br \/>\n\u201eNein, sicherlich nicht!\u201c, protestierte Paul. \u201eWenn du eine Katze in Alkohol einlegst, halten alle Leute uns Gratweiner f\u00fcr Barbaren!\u201c<br \/>\n\u201eEine Katze geht wirklich nicht, Oswald!\u201c, pflichtete Maria dem B\u00fcrgermeister bei.<br \/>\n\u201eEin Hund scheidet dann wohl auch aus\u201c, murmelte Oswald.<br \/>\n\u201eBist du verr\u00fcckt?\u201c, rief Maria. \u201eWillst du unser Dorf zum Gesp\u00f6tt der Steiermark machen?\u201c<br \/>\nOswald Heiner dachte einige Sekunden lang nach und sagte l\u00e4chelnd: \u201eNein, nat\u00fcrlich nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso, Oswald, welches Tier brauchst du noch?\u201c<br \/>\n\u201eEine Eule w\u00e4re gut. Am besten ein Uhu.\u201c<br \/>\n\u201eEulen sind streng gesch\u00fctzt\u201c, sagte Paul.<br \/>\n\u201eWie w\u00e4re es mit einer Kr\u00e4he?\u201c, fragte Maria.<br \/>\n\u201eNein, eine Kr\u00e4he kommt mir nicht in mein Meisterwerk!\u201c, rief Oswald entr\u00fcstet.<br \/>\n\u201eEine Gans vielleicht?\u201c, schlug Markus vor und f\u00fcllte die Gl\u00e4ser wieder voll.<br \/>\n\u201eEine Gans? Das ist eine sehr gute Idee\u201c, sagte der K\u00fcnstler mit zufriedener Miene. \u201eAber woher bekomme ich eine Gans?\u201c<br \/>\nPaul Meister deutete mit dem Zeigefinger auf seine eigene Brust und meinte: \u201eUm die Gans k\u00fcmmere ich mich auch.\u201c<br \/>\n\u201eDann wirst du aber einen gro\u00dfen Sack brauchen, Paul\u201c, sagte Maria. \u201eWenn du in der Nacht in den Gefl\u00fcgelhof des Bauern Huber einbrichst.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe noch einen solchen im Keller\u201c, sagte Paul. \u201eAus den alten Zeiten.\u201c<br \/>\nAlle lachten und stie\u00dfen an.<\/p>\n<p>\u201eSomit steht der Erschaffung meines Meisterwerks nicht mehr im Wege\u201c, sagte Oswald heiter.<br \/>\n\u201eIn drei Tagen bekommst du die Tiere\u201c, sagte Paul.<br \/>\n\u201eWie lange wird es dauern, bis du dein Werk vollendet haben wirst?\u201c, fragte Maria.<br \/>\n\u201eDas h\u00e4ngt davon ab, ob ich so viel Alkohol in kurzer Zeit bekomme. Das Meisterwerk wird n\u00e4mlich ziemlich gro\u00df werden.\u201c<br \/>\nMartin Suppan, der Wirt, stellte lachend eine volle Flasche Schnaps auf die Theke. \u201eDie geht aufs Haus! Damit du erkennst, dass es in Gratwein immer genug Alkohol gibt.\u201c<br \/>\nAlle lachten, Paul f\u00fcllte die Gl\u00e4ser, und sie tranken.<br \/>\n\u201eNein, im Ernst\u201c, sagte Oswald. \u201eIn etwa einer Woche bin ich damit fertig.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wo stellen wir das Kunstwerk hin?\u201c, fragte Markus.<br \/>\n\u201eZwei Herzen schlagen nun in meiner Brust!\u201c, rief Paul Meister. \u201eEntweder vor dem Gemeindeamt oder vor der Raiffeisenkasse.\u201c<br \/>\n\u201ePaul, du musst entscheiden, welches Geb\u00e4ude wichtiger f\u00fcr Gratwein ist\u201c, sagte der Wirt.<br \/>\nPaul Meisters Antwort kam prompt: \u201eNat\u00fcrlich die Bank!\u201c<br \/>\nWieder lachten alle.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter war Oswald Heiners Meisterwerk fertig. In einem riesigen Beh\u00e4lter aus Panzerglas waren die vier Tiere in Alkohol eingelegt. Die Gans stand mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln auf dem Wildschwein. Und das Huhn hatte sich auf dem schwarz bemalten Ziegenbock niedergelassen. Am oberen Rand des Kunstwerks stand in goldenen Buchstaben geschrieben: \u2018Oswald Heiner, Gratweiner Bestien, 2012\u2019.<br \/>\nDie Enth\u00fcllung des Meisterwerks war gro\u00df angek\u00fcndigt worden. Sogar die steirische Tageszeitung hatte einen Journalisten und einen Fotografen geschickt.<br \/>\nEtwa zweitausend Gratweiner waren gekommen, der Platz vor der Bank war voll.<\/p>\n<p>Als B\u00fcrgermeister Paul Meister das Werk enth\u00fcllte, ging ein Raunen durch die Menge. Sogar junge Menschen nahmen ihre Brillen ab und reinigten deren Gl\u00e4ser. Sie konnten einfach nicht glauben, was sie da sahen.<br \/>\nEinige brachen in schallendes Gel\u00e4chter aus. Eine alte Frau begann zu weinen.<br \/>\n\u201eVon dieser Schande wird sich Gratwein nie erholen!\u201c, schluchzte sie.<br \/>\nDer Apotheker des Dorfes, ein wichtiger Mann, begann mit Oswald Heiner zu br\u00fcllen. Der K\u00fcnstler verstand die Welt nicht mehr.<br \/>\nDer Journalist stellte ihm ein paar Fragen zu dem Meisterwerk. Und nachdem der Fotograf die Bestien von allen Seiten fotografiert hatte, hielt er sich den Bauch vor Lachen.<br \/>\nDie Zeitung brachte ein Foto von Oswalds Werk auf der Titelseite. Die Schlagzeile lautete: \u2018In Gratwein ertrinken nun auch Tiere im Alkohol!\u2019<br \/>\nUnter dem Foto war ein kurzer Text zu lesen. \u2018Der stolze \u2018K\u00fcnstler\u2019 Oswald Heiner vor seinem \u2018Meisterwerk\u2019. Daneben steht eine alte Frau und weint! Ist das wirklich Kunst?\u2019<\/p>\n<p>Zwei Wochen nach der Enth\u00fcllung hatte sich ein Komitee in Gratwein gebildet. Es forderte im Namen von \u00fcber zweitausend Unterst\u00fctzern die sofortige Entfernung der Bestien. Paul Meister versuchte, die Wogen zu gl\u00e4tten. Er lie\u00df die Schrift am oberen Rand erg\u00e4nzen. Und zwar um \u2018Eigentum der Raiffeisenkasse Gratwein\u2019. Das beschwichtigte die Gegner des Meisterwerks jedoch blo\u00df f\u00fcr wenige Tage.<br \/>\nEin Einwohner Gratweins drohte telefonisch gar damit, das Werk in die Luft zu sprengen. Da wurde es dem B\u00fcrgermeister dann doch zu viel. Das Eigentum seiner Bank durfte einfach nicht angetastet werden. Er lie\u00df es bekleben.<br \/>\nDer W\u00fcrfel steht immer noch auf dem Platz vor der Bank. Sein Inhalt wird von schwarz-gelben Folien vor Blicken gesch\u00fctzt. \u2018Raiffeisen &#8211; so eine Bank!\u2019 ist darauf zu lesen. In Gratwein nennt man den W\u00fcrfel mittlerweile \u2018Wespenstich\u2019. Vermutlich weil Wespen ebenfalls schwarz-gelb sind. Und weil sie Schmerzen verursachen, wenn man ihnen zu nahe kommt.<\/p>\n<p>Was wurde aus den an diesem Skandal beteiligten Personen?<br \/>\nNun, Maria Ponisch ist nicht mehr Direktorin der Volksschule. Sie wurde in den Landesschulrat berufen, und zwar an eine verantwortungsvolle Stelle. Heute ist sie Inspektorin f\u00fcr Volksschulen. Und steht noch \u00f6fter mit ihrem Ehemann, dem Polizisten, an Markus Suppans Bar.<br \/>\nPaul Meister ist immer noch der B\u00fcrgermeister von Gratwein. Die letzten Gemeinderatswahlen hat er knapp gewonnen. Er arbeitet auch noch immer f\u00fcr Raiffeisen, jedoch nicht mehr als Vorstand der Gratweiner Kasse. Eine interne Pr\u00fcfung hatte einen Fehlbetrag in H\u00f6he von achtzigtausend Euro ans Tageslicht gebracht. Man fand eine L\u00f6sung f\u00fcr die Sache. Das fehlende Geld wurde einfach von der Raiffeisenbank Graz \u00fcberwiesen. Als Dank f\u00fcr diese selbstlose Geste durfte die Bank Paul Meister in ihre Dienste nehmen. Heute sitzt er in einem kleinen B\u00fcro in Graz und beantwortet die Briefe unzufriedener Kunden. Dass ein Wildschwein offenbar aus dem Gehege entkommen war, wurde ihm nicht zur Last gelegt.<br \/>\nMarkus Suppan steht immer noch jeden Tag in seinem Gasthaus. Seitdem er Alkohol ausschenkt, ohne nach den Ausweisen offenkundig noch sehr junger Menschen zu fragen, l\u00e4uft es noch besser f\u00fcr ihn. Er kann es sich mittlerweile sogar leisten, die Gratweiner Kinderfu\u00dfballmannschaft zu sponsern. Auf den Dressen steht: \u2018Komm in Suppans Gasthaus &#8211; deine Eltern sind schon dort!\u2019<\/p>\n<p>Und Oswald Heiner wurde der Assistent eines wirklichen K\u00fcnstlers. Nach dem Gratweiner Skandal hatten viele Menschen ihre Kunstwerke von Oswald zur\u00fcckgegeben. Einige nicht einmal von Angesicht zu Angesicht. Sie warfen sie einfach auf Oswalds Grundst\u00fcck und fuhren schnell weg. Vergebens hatte er versucht, in Gratwein eine Arbeit zu finden, denn als K\u00fcnstler wurde er nicht einmal mehr in diesem Dorf wahrgenommen. Niemand wollte ihn einstellen. Auf der Stra\u00dfe wurde er verspottet. Und als ob das nicht schon genug gewesen w\u00e4re, erteilte ihm Markus Suppan auch noch Lokalverbot. Dies war der Wunsch einiger Stammg\u00e4ste gewesen. Er zog nach Graz, doch auch dort wurde er erkannt und auf der Stra\u00dfe ausgelacht. So sah er sich gezwungen, die Steiermark zu verlassen.<br \/>\nUnd dennoch geht es Oswald Heiner heute weit besser als den anderen Beteiligten. Ein bekannter und steinreich gewordener britischer K\u00fcnstler hatte von Oswalds Schicksal erfahren. Dieser Brite macht ein Verm\u00f6gen mit eingelegten Tieren. Aus Solidarit\u00e4t gab er dem K\u00fcnstler Oswald Heiner eine Stelle in seiner Werkst\u00e4tte und entlohnt ihn bis heute f\u00fcrstlich. Nie im Leben h\u00e4tte es sich Oswald tr\u00e4umen lassen, einmal mit Haien arbeiten zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schaun<\/a> |Inventarnummer: 16147<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gratwein ist ein kleines Dorf in \u00d6sterreich. Es ist unweit der steirischen Landeshauptstadt Graz gelegen. Etwa dreitausendf\u00fcnfhundert Menschen leben in Gratwein, und die haben es in sich. Oswald Heiner, der ehemalige Gratweiner K\u00fcnstler, ist einer von ihnen. An einer Universit\u00e4t hat er nie studiert, er hat sich alles selbst beigebracht. 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