{"id":5323,"date":"2016-10-28T17:40:12","date_gmt":"2016-10-28T17:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5323"},"modified":"2016-11-01T16:51:55","modified_gmt":"2016-11-01T16:51:55","slug":"barbara","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5323","title":{"rendered":"Barbara"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5323&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5323&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Vor drei Tagen stand ich am Rande des B\u00e4chleins, das neben meinem Elternhaus flie\u00dft und die Grenze zwischen zwei \u00c4ckern bildet. Seit ich denken kann, also seit etwa f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren, flie\u00dft es dort vor sich hin, ruhig, seicht und unbegradigt. Ich starrte auf die Oberfl\u00e4che des Wassers und dachte an Barbara.<br \/>\nSie war mit mir aufgewachsen und hatte in ihrem Leben, das nach nur drei\u00dfig Jahren geendet hatte, nie Gl\u00fcck gehabt. Ihr Elternhaus liegt blo\u00df zweihundert Meter von meinem entfernt, und doch liegen Welten dazwischen.<\/p>\n<p>Ich entstamme einer wohlhabenden Familie. Meine um zwei Jahre \u00e4ltere Schwester und ich hatten alles, was wir uns w\u00fcnschten. Ich gebe zu, dass wir damals die gr\u00f6\u00dfte Freude an Sachen hatten, die wir uns eben leisten konnten. Heute jedoch wei\u00df ich, dass das Wertvollste, was wir erhalten hatten, die Liebe unserer Eltern und der Zugang zur Bildung waren. Meine Schwester ist \u00c4rztin, und ich verteidige Menschen vor Gericht, deren Leben aus welchen Gr\u00fcnden auch immer aus dem Ruder gelaufen sind.<\/p>\n<p>Barbara wuchs in einem Elternhaus auf, in welchem es an allem fehlte. Zuneigung, Liebe und Verst\u00e4ndnis erfuhr sie nie von ihren Eltern. Ihr Vater war ein Trinker der schlimmsten Sorte, der seine Frau und sein einziges Kind schlug, wenn er betrunken war. Barbaras Mutter war eine erzkatholische Frau, die ihre Tochter z\u00fcchtigte, sobald sie auch nur den leisesten Verdacht hatte, dass diese etwas getan oder gedacht haben k\u00f6nnte, was im Widerspruch zur strengen Auslegung der Bibel gestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wenn ich an die Zust\u00e4nde denke, die in Barbaras Familie geherrscht haben, so wundere ich mich noch heute, dass sie sich zu einem derart sanftm\u00fctigen und liebenswerten Menschen entwickelt hat, wie sie einer war.<\/p>\n<p>Bevor wir in die selbe Klasse in der Volksschule kamen, hatten wir losen Kontakt zueinander. Wir spielten ein paarmal auf der gro\u00dfen Wiese, die noch immer zwischen unseren Elternh\u00e4usern liegt, Abfangen und Fu\u00dfball. Ihrer Mutter war es gar nicht recht, dass ihre Tochter mit einem Buben spielte, doch lie\u00df sie dies zu jener Zeit noch zu.<br \/>\nIn der Volksschule sa\u00dfen wir nebeneinander. Wir lernten gut und wollten auch an den Nachmittagen Zeit miteinander verbringen, doch ihre Mutter erlaubte das nicht mehr.<br \/>\nZu dieser Zeit begann Barbaras aufgezwungene Isolation.<br \/>\nIch sah sie zwar im Unterricht, doch nach der Schule wurde sie von ihrer Mutter abgeholt und nach Hause gefahren. Keinem in der Klasse, auch der Lehrerin nicht, blieben die blauen Flecken verborgen, die Barbara auf den Armen trug, doch fand es nicht einmal die Lehrerin der M\u00fche wert, auf diese Schandmale einer lieblosen Erziehung zu reagieren.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich, dass sie nicht das einzige Kind war, das geschlagen wurde. Damals, vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren, wurden Z\u00fcchtigungen in kleinen D\u00f6rfern noch \u00fcbersehen, selbst wenn ihre Spuren un\u00fcbersehbar waren.<br \/>\nGer\u00fcchte hatten die Runde gemacht, \u00fcber die Trunksucht von Barbaras Vater und die Strenge ihrer Mutter, doch war es f\u00fcr alle Menschen im Dorf bequemer zu reden als zu handeln.<\/p>\n<p>Nach der Volksschule besuchte ich das Gymnasium im Nachbarort, w\u00e4hrend Barbara auf die \u00f6rtliche Hauptschule geschickt wurde. Ich wei\u00df nicht allzu viel \u00fcber diese vier Jahre in ihrem Leben, denn ich war in ein neues Umfeld gekommen und au\u00dferdem sehr mit Lernen besch\u00e4ftigt. An den Nachmittagen traf ich mich mit Klassenkameraden zum Fu\u00dfballspielen oder Angeln, und so verlor ich Barbara aus den Augen, ohne dies gewollt zu haben.<br \/>\nNachdem sie die Hauptschule abgeschlossen hatte, begann sie eine Friseurinnenlehre im einzigen Frisiersalon unseres Dorfes. Ich war damals bereits Kunde dort, also hatten wir wieder etwas mehr Kontakt zueinander. Ich besuchte den Salon etwa alle zwei Wochen und lie\u00df mir von ihr die Haare schneiden.<br \/>\n\u00dcber Privates unterhielten wir uns dabei kaum. Einmal fragte ich sie, ob sie mich auf eine Party begleiten wollte, doch sie sagte mir seufzend ab. Ihre Mutter hatte ihr verboten, Feste zu besuchen.<br \/>\nNach ihrem Lehrabschluss \u00e4nderte sich Barbaras Situation. Ihr Vater war an einer Leberzirrhose gestorben und ihre Mutter, die gezwungen war, einer Arbeit nachzugehen, um das Haus erhalten zu k\u00f6nnen, hatte weniger Zeit, sie mit Argusaugen zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>Eines Tages zog Barbara aus ihrem Elternhaus aus und mietete eine Wohnung unweit des Gemeindeamtes. Sie hatte einen Mann kennengelernt und zog mit ihm dort ein.<br \/>\nDieser Mann war, wie ihr Vater, ein Trinker, der zur Gewaltt\u00e4tigkeit neigte. Die Nachbarn des Paares beschwerten sich bald \u00fcber lautstarke n\u00e4chtliche Auseinandersetzungen, und so kam es heraus, dass Barbara auch von ihrem Freund geschlagen wurde.<\/p>\n<p>Als ich sie eines Abends zuf\u00e4llig in einem Gasthaus traf, lud ich sie auf ein paar Gl\u00e4ser Wein ein und h\u00f6rte ihr zu. Heute bin ich mir sicher, dass ich der erste Mensch war, der ihr zugeh\u00f6rt hat.<br \/>\nSie erz\u00e4hlte mir von den Zust\u00e4nden in ihrem Elternhaus. Wie schlimm diese wirklich gewesen waren, h\u00e4tte ich mir niemals tr\u00e4umen lassen. Barbara sprach \u00fcber ihre Mutter, die sie in ihrem religi\u00f6sen Wahn immer noch terrorisierte, und \u00fcber ihren Freund, der ihrem Vater in puncto Gewaltbereitschaft um nichts nachstand. Ich war schockiert \u00fcber das Ausma\u00df an Leid, das diese Frau ertragen musste, doch auch fasziniert \u00fcber die Worte, mit welchen sie all das Schreckliche schilderte. In ihren Ausf\u00fchrungen lag keine Bitterkeit, kein Zorn und auch kein Selbstmitleid. Sie beschrieb in warmen Worten, was sich in ihrem Leben zugetragen hatte und immer noch zutrug. Ihre Sicht auf die Menschen, die ihr all das angetan hatten und antaten, war, so seltsam es klingen mag, menschlich. Sie sah sie nicht als Scheusale, sondern als Menschen.<br \/>\nIch bot ihr meine Hilfe an, doch sie lehnte dankend ab.<\/p>\n<p>Eines Tages jedoch wurde es auch Barbara zu viel. Sie warf ihren Freund aus der Wohnung und begann selbst zu trinken.<br \/>\nIch wei\u00df nicht ob es die Einsamkeit war, die sie zur Flasche greifen lie\u00df, oder ob sie durch die Gene ihres Vaters ohnehin vorbelastet und gef\u00e4hrdet war. Jedenfalls konnte Barbara nicht mehr mit dem Trinken aufh\u00f6ren. Sie hatte im Alter von sechsundzwanzig Jahren massiv zu trinken begonnen und mit drei\u00dfig damit aufgeh\u00f6rt.<br \/>\nEs ist keineswegs zynisch von mir zu sagen, dass sie mit drei\u00dfig Jahren den Alkohol hat bleiben lassen, obgleich ich eingangs erw\u00e4hnt habe, dass ihr Leben in diesem Alter geendet hat.<br \/>\nSo traurig das ist, es war eben so.<\/p>\n<p>Barbara brachte es eine Zeitlang fertig, ihrer Arbeit nachzugehen, obwohl sie trank, doch irgendwann war es damit vorbei. Sie verlor ihren Job und trank nur noch. Sie verbrachte Tage und Wochen in ihrer abgedunkelten Wohnung und verlie\u00df diese nur, um Schnaps und Fertiggerichte zu kaufen.<br \/>\nIn dieser Zeit wollte ich sie zweimal besuchen, doch sie \u00f6ffnete ihre T\u00fcre nicht. Sie fragte zwar leise, wer davor stand, doch so bald ich meinen Namen nannte, r\u00fchrte sich dahinter nichts mehr. Ich vermute, dass es nicht an meiner Person gelegen hat. Ganz gleich welchen Namen Barbara geh\u00f6rt h\u00e4tte, sie h\u00e4tte nicht aufgemacht.<\/p>\n<p>Niemandem im Dorf blieb verborgen, was mit ihr los war. Wenn sie mit ungewaschenen Haaren in den Supermarkt kam und Schnaps kaufte, wandten sich die Leute ab. Ihre Mutter lie\u00df jeden, der dies h\u00f6ren wollte, wissen, wie sehr sie sich f\u00fcr ihre gottlose Tochter sch\u00e4mte und dass diese in der H\u00f6lle enden w\u00fcrde.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob Barbara die \u00c4u\u00dferungen ihrer eigenen Mutter zu Ohren gekommen waren. Eines wei\u00df ich jedoch sicher: Die H\u00f6lle, die von der katholischen Kirche als das Schrecklichste alles Vorstellbaren bezeichnet wird, diese H\u00f6lle ist ein Paradies, verglichen mit der H\u00f6lle, in welcher Barbara zu leben gezwungen war.<\/p>\n<p>Im Alter von drei\u00dfig Jahren starb Barbara und wurde auf dem Dorffriedhof beerdigt. Ihre Mutter war der Beisetzung ferngeblieben und hatte sich auch geweigert, ihre Tochter dort ruhen zu lassen, wo ihr Vater lag.<br \/>\nBarbara hatte kein Geld hinterlassen, somit stand die Frage im Raum, wer f\u00fcr das Grab aufkommen w\u00fcrde. Ein Mitglied des Gemeinderates ging von Haus zu Haus, um Spenden f\u00fcr Barbaras Grab zu sammeln. Da ich von meinen Gro\u00dfeltern nicht wenig Geld geerbt hatte, erkl\u00e4rte ich mich bereit, f\u00fcr die Kosten ihres Grabsteins aufzukommen.<br \/>\nIch verzichtete darauf, ein Kreuz in diesen mei\u00dfeln zu lassen, denn Barbara hatte die Kirche gehasst. Stattdessen lie\u00df ich ein Zahnrad in den Stein einarbeiten. Es symbolisiert, dass es oft die kleinen R\u00e4der sind, an welchen von anderen Menschen gedreht wird, die ein Leben gelingen lassen oder eben nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 16146<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor drei Tagen stand ich am Rande des B\u00e4chleins, das neben meinem Elternhaus flie\u00dft und die Grenze zwischen zwei \u00c4ckern bildet. Seit ich denken kann, also seit etwa f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren, flie\u00dft es dort vor sich hin, ruhig, seicht und unbegradigt. Ich starrte auf die Oberfl\u00e4che des Wassers und dachte an Barbara. Sie war mit mir [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[67],"class_list":["post-5323","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-sueffig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5323"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5334,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5323\/revisions\/5334"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}