{"id":5258,"date":"2016-10-17T05:55:59","date_gmt":"2016-10-17T05:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5258"},"modified":"2016-12-12T11:31:13","modified_gmt":"2016-12-12T11:31:13","slug":"mein-weg-zum-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5258","title":{"rendered":"Mein Weg zum Schreiben"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5258&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5258&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin Schriftsteller, nicht K\u00fcnstler, denn ich erachte die Schriftstellerei nicht als Kunst, vielmehr stehe ich auf dem Standpunkt, dass sie eine Notwendigkeit f\u00fcr den schreibenden Menschen darstellt, beispielsweise um seinen Standort kundzutun, um mitzuteilen, wo er innerlich zu verorten ist, oder um sich, wie man sagt, Dinge von der Seele zu schreiben.<\/p>\n<p>Ich bin allerdings kein geborener Schriftsteller, denn lange Jahre war ich K\u00fcnstler, und zwar ein gro\u00dfer Maler und Objektk\u00fcnstler. Ich hatte jedoch keinen Erfolg mit meiner Kunst, habe blo\u00df ein einziges Kunstwerk an den Mann bringen k\u00f6nnen, oder vielmehr an die Frau, denn meine Mutter war so freundlich, mir dieses f\u00fcr eine wahre Unsumme abzukaufen. Sie sagte damals zu mir: \u201cMichael! Dein Kunstwerk ist h\u00f6chst gr\u00e4sslich, dennoch kaufe ich es dir f\u00fcr f\u00fcnfzehn Millionen Euro ab, denn in den vergangenen leidvollen Jahren musste ich erkennen, dass du wohl nur im Bereich der Literatur t\u00e4tig sein kannst. Ich zahle so viel Geld, damit du nicht darauf angewiesen bist, eine Arbeit anzunehmen, wie als normal zu bezeichnende Menschen sie verrichten. Ich m\u00f6chte es n\u00e4mlich nicht erleben, dich im Gef\u00e4ngnis besuchen zu m\u00fcssen.\u201d<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass ich eine k\u00fcnstlerische Ausbildung genossen h\u00e4tte. Nachdem ich maturiert hatte, bewarb ich mich an zwei Kunstuniversit\u00e4ten in Wien. Ich verzichtete darauf, eine Mappe mit Werken von mir einzureichen, vielmehr beschrieb ich detailliert, welche Kunstwerke ich zu erschaffen gedachte. Nun, ich wurde abgelehnt.<\/p>\n<p>Der Rektor der einen Universit\u00e4t sprach sogar in der palastartigen Behausung meiner Familie vor, um meiner Mutter zu sagen: \u201cFrau Timoschek, Ihr Sohn ist verr\u00fcckt! Bitte sperren Sie ihn in Ihrem Park ein und lassen Sie ihn um Himmels willen nicht entkommen!\u201d Meine Mutter antwortete: \u201cGlauben Sie mir, das wei\u00df ich. Ich habe bereits versucht, ihn einzusperren, doch jedes Mal hat er es fertiggebracht, die Mauer zu \u00fcberwinden.\u201d Kopfsch\u00fcttelnd verlie\u00df der Rektor den Wohnsaal meiner Familie und murmelte dabei: \u201cSo was! Dieser Timoschek ist v\u00f6llig \u00fcbergeschnappt!\u201d Ich war entmutigt, doch hoffte ich zu diesem Zeitpunkt noch auf eine positive Antwort der zweiten Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nun, ich wurde eingeladen, pers\u00f6nlich dort vorzusprechen. In freudiger Erwartung betrat ich den gro\u00dfen H\u00f6rsaal, in welchem sich s\u00e4mtliche Professoren und Assistenten versammelt hatten. Der Vizerektor kam auf mich zu, nahm mich an der Hand und f\u00fchrte mich in die Mitte des Saales. Dann rief er: \u201cWerte Kolleginnen, werte Kollegen, dieser Mensch hier ist Michael Timoschek!\u201d Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ein paar Professoren brachen in schallendes Gel\u00e4chter aus, doch die meisten musterten mich auf die selbe Art und Weise, wie sie vermutlich eine moderne Skulptur betrachteten, jedoch wagte niemand, mich anzusprechen. Bis auf den Vizerektor. Bevor er mir f\u00fcr alle Zeit verbot, auch nur einen Fu\u00df auf das Gel\u00e4nde der Universit\u00e4t zu setzen, \u00fcberreichte er mir ein Blatt Papier, auf welchem eine Adresse vermerkt war. Tief getroffen ob der eben erfahrenen Ablehnung, fuhr ich sogleich zu dieser Adresse, die sich als Anschrift der \u00f6rtlichen Irrenanstalt entpuppte. Ich fuhr wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Ich war sehr verletzt, dennoch verlor ich nicht den Mut. Ich beschloss, meine gro\u00dfe K\u00fcnstlerkarriere als Autodidakt anzugehen. F\u00fcr mein erstes Kunstwerk besorgte ich mir vier Fische. Einen Karpfen, einen Wels, eine Forelle und einen Hecht. Diese Fische ordnete ich so an, dass die Forelle in die Schwanzflosse des Hechts biss und gleichzeitig vom Wels gebissen wurde, in dessen Schwanzflosse der alles verschlingende Karpfen biss. In den Beh\u00e4lter, es handelte sich um ein au\u00dfer Dienst gestelltes Aquarium, in dem mein Werk stand, goss ich Formaldehyd. Ich gab dem Objekt den Namen \u2018Die Uners\u00e4ttlichkeit des Karpfens\u2019. Stolz auf mein Kunstwerk, lief ich sogleich zu meinen Eltern und f\u00fchrte sie in den Teil ihrer ger\u00e4umigen Garage, in dem ich es erschaffen hatte. Ich zog das Tuch vom Aquarium und erwartete die Reaktion meiner Eltern. Mein Vater stand vor meinem Kunstwerk und schwieg. Er betrachtete es mit gro\u00dfen Augen, er nahm seine Brille ab und putzte deren Gl\u00e4ser, dann blickte er wieder auf meine Kunst. Er wandte sich um, sah mir in die Augen und fragte: \u201cWas ist das, Michael?\u201d Bevor ich antworten konnte, begann er zu br\u00fcllen: \u201cWas zur H\u00f6lle ist das? Ich hatte es ja schon immer vermutet, aber das ist der Beweis!\u201d Dann lief er aus der Garage. Ich war verst\u00f6rt, also fragte ich meine Mutter: \u201cMeint Vater den Beweis, dass ich ein gro\u00dfer K\u00fcnstler bin?\u201d Meine Mutter sah erst auf mein Werk, dann in meine Augen und schlug die H\u00e4nde \u00fcber ihrem Kopf zusammen. \u201cNein, Michael. Vater meint damit, dass du verr\u00fcckt bist. Und, ehrlich gesagt, bist du wirklich \u00fcbergeschnappt. Wei\u00dft du, Michael, wenn du wenigstens auf das Formaldehyd verzichtet h\u00e4ttest, dann k\u00f6nnte ich die Fische kochen. Aber so \u2026\u201d Dann verlie\u00df auch sie die Garage.<\/p>\n<p>Ich war, das spreche ich offen aus, entmutigt. Es ging mir wirklich schlecht. So schlecht, dass am Tag darauf meine, wie ich sie nenne, \u2018Schwarze Periode\u2019 begann. Ich kaufte drei\u00dfig Leinw\u00e4nde und bemalte sie mit schwarzer Farbe. Ich h\u00e4ngte die Bilder dieser Serie in mein Schlafzimmer, doch bereits nach drei Tagen waren sie mir nicht mehr dunkel genug, also nahm ich sie ab und \u00fcbte mich in der hohen Kunst der \u00dcbermalung, indem ich sie mit schwarzer Farbe \u00fcbermalte. Danach waren sie perfekt. Meine Eltern meinten, sie w\u00fcrden mein f\u00fcrwahr gro\u00dfes Genie aus den Bildern dieser Serie hell herausleuchten sehen, was mich sehr freute. Mein Vater bat mich, ihm diese Bilder als Leihgabe zu \u00fcberlassen, was ich nat\u00fcrlich gerne machte. Ich denke, sie befinden sich immer noch im hinteren Bereich des gro\u00dfen Kellers meiner Eltern, gegen Staub gesch\u00fctzt von einem ausrangierten Tischtennistisch.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter, die damals noch lebte, wollte mein, wie sie es nannte, Abbildungsgeschick testen und bat mich, sie m\u00f6glichst lebensecht zu portr\u00e4tieren. Da ich zu dieser Zeit ein gro\u00dfer K\u00fcnstler war, lehnte ich es selbstverst\u00e4ndlich ab, sie auf gew\u00f6hnliche Weise einfach abzumalen. Au\u00dferdem wollte ich sie \u00fcberraschen, denn das Portr\u00e4t sollte in der Nacht enth\u00fcllt werden, in der ein gro\u00dfer Ball mit vielen prominenten G\u00e4sten im Wohnsaal meiner Eltern stattfand. Ich legte mich m\u00e4chtig ins Zeug. Nachdem mich Schl\u00fcssell\u00f6cher schon immer interessiert hatten, fiel es mir leicht, jenes ausfindig zu machen, dass sich in der T\u00fcre des Badezimmers meiner Gro\u00dfmutter befand. Der Ball, eine \u00fcberaus gediegene Veranstaltung, befand sich auf seinem H\u00f6hepunkt, als mein Vater seinen G\u00e4sten verk\u00fcndete: \u201cWerte Ballg\u00e4ste, mein Sohn Michael, er ist K\u00fcnstler, hat ein Portr\u00e4t meiner Mutter gemalt. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu d\u00fcrfen, dass meine liebe Mutter es nun enth\u00fcllen wird.\u201d Unter tosendem Applaus schritt meine Gro\u00dfmutter, mit mir an ihrer Seite, vor das Kunstwerk und enth\u00fcllte es. Als die G\u00e4ste das riesige Bild sahen, verebbte der Applaus und Schweigen machte sich im Saal breit. Mein Vater brachte seiner Mutter ein Glas Cognac. \u201cTrink das, liebe Mutter\u201d, sagte er, \u201cdu bist einer Ohnmacht nahe.\u201d Meine Gro\u00dfmutter nahm einen ordentlichen Schluck, und bald wankte sie wirklich nicht mehr. Die einzigen Ger\u00e4usche im Saal waren nun das Knirschen der Z\u00e4hne meines Vaters und der emp\u00f6rte Ausruf \u201cMichael!\u201d meiner Mutter. Das Bild zeigte eine nackte alte Frau vor dem Spiegel eines Badezimmers. Da meine Gro\u00dfmutter auf einer m\u00f6glichst lebensechten Darstellung bestanden hatte, war die Frau auf meinem Kunstwerk mit allen Attributen einer nackten Achtundneunzigj\u00e4hrigen versehen. In ihrer rechten Hand hielt sie eine vollst\u00e4ndige Zahnprothese, ihre linke Hand hielt ein imagin\u00e4res Mikrofon und aus ihrem zahnlosen Mund kamen die Worte \u2018Der Tag f\u00fcr Brot und Freiheit bricht an\u2019, anschaulich gemacht durch eine gro\u00dfe Sprechblase. Ein Raunen ging durch den Saal, meine Mutter sah mich an, als ob sie endlich die Gr\u00f6\u00dfe meines Genies erkannt h\u00e4tte, meine Gro\u00dfmutter verlie\u00df mit schnellen Schritten den Saal, und mein Vater hing mein Kunstwerk ab und warf es aus dem Fenster.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen baten mich meine Eltern, das Malen bleiben zu lassen. \u201cMichael\u201d, meinte meine Mutter \u201cwarum versuchst du es nicht mit Skulpturen aus Stein, also mit der Bildhauerei?\u201d \u201cMutter hat recht\u201d, sagte mein Vater. \u201cGro\u00dfmutter hat sich wieder beruhigt, also vergessen wir den Vorfall. Aber nun ist es an der Zeit f\u00fcr dich zu erkennen, dass die Malerei einfach nicht deinem riesigen Genie angemessen ist.\u201d Das leuchtete mir ein.<\/p>\n<p>Ich besorgte mit einen riesigen Block besten wei\u00dfen Marmors und begann sogleich mit der Arbeit an diesem schwierigen Material. Ich bohrte, mei\u00dfelte, schliff und schnitt, und am Ende polierte ich. Mein k\u00fcnstlerisches Konzept war, eine S\u00e4ule zu erschaffen, die mein Elternhaus um mindestens acht Meter \u00fcberragen w\u00fcrde. Sie sollte wie ein riesiger Spargel vor diesem stehen, um der ganzen Stadt mein Genie vor Augen zu f\u00fchren. Da ich V\u00f6gel sehr liebe, hatte ich im obersten Teil der S\u00e4ule einen Wulst geschaffen, auf welchen diese Tiere nisten konnten. Mit einem eigens angeschafften Kran lie\u00df ich das Kunstwerk aufrichten. Meinen Eltern gefiel die S\u00e4ule sehr, wenigstens aus der N\u00e4he. Mein Vater hatte einen Termin in der Innenstadt. \u201cMichael\u201d, sagte meine Mutter, \u201cendlich hast Du ein vern\u00fcnftiges Kunstwerk erschaffen.\u201d Ich war sehr erfreut. Zwei Stunden sp\u00e4ter kam mein Vater zur\u00fcck. Er warf mir einen w\u00fctenden Blick zu, fl\u00fcsterte meiner Mutter etwas ins Ohr und fuhr mit ihr davon. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter sah ich die Limousine meines Vaters wieder vorfahren. Meine Mutter sprang aus dieser, rannte auf mich zu und br\u00fcllte: \u201cMichael! Du hast uns in der ganzen Stadt l\u00e4cherlich gemacht! Dein Kunstwerk sieht aus wie ein \u2026 wie ein \u2026 ich kann es gar nicht aussprechen!\u201d Mein Vater las meiner Mutter eine eben eingegangene Nachricht vor: \u2018Gl\u00fcckwunsch, Herr Timoschek! Vor Ihrem Palast entphallt sich wirklich gro\u00dfe Kunst!\u2019 Meine Eltern gerieten in Harnisch, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mein Vater rief den Kranf\u00fchrer an und befahl ihm, mein Kunstwerk umgehend zu beseitigen. Nun liegt mein Meisterwerk im Park meiner Eltern, zwischen der Mauer und einer eigens gepflanzten dichten Hecke.<\/p>\n<p>Meine Mutter gab mir f\u00fcnfzehn Millionen Euro und nahm mir das Versprechen ab, mich k\u00fcnftig der Literatur zu widmen. Dieses Versprechen gab den Ausschlag, dass ich ein gro\u00dfer Schriftsteller geworden bin. Ich habe bereits vier B\u00fccher geschrieben. Mein erstes Werk tr\u00e4gt den, zugegeben, etwas sperrigen Titel \u2018Die Rudelbildung als Ph\u00e4nomen eines Teilbereiches des menschlichen Sozialverhaltens\u2019. Ich habe bereits achtzehn Exemplare davon verkauft. Meinem Vater gefiel der Titel so gut, dass er die gesamte erste Auflage gekauft und sich auch noch die Rechte an diesem Werk gesichert hat. \u201cIch m\u00f6chte verhindern, dass dieses Werk in die falschen H\u00e4nde ger\u00e4t\u201d, meinte er. Meiner Mutter gefiel mein erstes Buch gar nicht. \u201cMichael!\u201d, sagte sie. \u201cDeine Theorien \u00fcber die, wie du schreibst, Bet\u00e4tigung im Rudel sind mir zu ungusti\u00f6s!\u201d Zur Zeit arbeite ich an meinem literarischen Meisterwerk. Der Titel des Romans lautet \u2018Das Rudel. oder: Milorads Erlebnisse\u2019 Es handelt sich dabei um ein durchaus erotisches Werk. Da dieser Roman als mein Meisterwerk angesehen werden wird, habe ich an eine Startauflage von zwanzig Exemplaren gedacht und hoffe, dass mein Vater auch dieses Mal die gesamte Auflage kauft.<\/p>\n<p>Somit habe ich es doch noch geschafft. Ich war ein verkannter gro\u00dfer K\u00fcnstler, doch heute bin ich ein gro\u00dfer Schriftsteller.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> |Inventarnummer: 16138<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Schriftsteller, nicht K\u00fcnstler, denn ich erachte die Schriftstellerei nicht als Kunst, vielmehr stehe ich auf dem Standpunkt, dass sie eine Notwendigkeit f\u00fcr den schreibenden Menschen darstellt, beispielsweise um seinen Standort kundzutun, um mitzuteilen, wo er innerlich zu verorten ist, oder um sich, wie man sagt, Dinge von der Seele zu schreiben. 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