{"id":5242,"date":"2016-10-16T15:35:16","date_gmt":"2016-10-16T15:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5242"},"modified":"2016-12-04T14:58:58","modified_gmt":"2016-12-04T14:58:58","slug":"bb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5242","title":{"rendered":"Der Knecht von Modriach"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5242&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5242&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>F\u00fcr Simona und J\u00fcrgen.<\/em><br \/>\n<em>Danke f\u00fcr die Inspiration.<\/em><\/p>\n<p>Gleich nach dem Aufstehen g\u00f6nnt er sich einen Literkrug Most, der Albin Breitschwengler. Das macht er gerne und t\u00e4glich.<br \/>\nDann streicht er einen gro\u00dfen Klotz Bauernbrot auf beiden Seiten fingerdick mit Grammelschmalz ein und macht sich \u00fcber die Kronen Zeitung her.<br \/>\n\u201cDu dummer Hund! Du Gauner, Halunke und Dieb!\u201d, br\u00fcllt er dann oft, wenn er etwas lesen muss, das ein anderer Mensch gemacht hat und das ihm gegen den Strich geht. Und das passiert halt oft.<br \/>\nFluchen tut er \u00fcbrigens fast immer, aber mit sechsunddrei\u00dfig Jahren darf er das wohl.<\/p>\n<p>In Modriach in der Steiermark, wo er herkommt, macht das aber nichts, weil in dem Ort eh nur ein paar Menschen leben.<\/p>\n<p>Er selbst, der Breitschwengler, wohnt auf dem Breitschwenglerhof, den sein Papa Adolf und seine Mama Trudl ihm vermacht haben. Die beiden sind seit vier Jahren unter der Erde, und manchmal denkt ihr Sohn an sie.<br \/>\n\u2018Ja ja, der Vater und die Mutter &#8211; die haben keine Sorgen mehr!\u2019, denkt er dann und erschl\u00e4gt ein paar Ratzen auf seinem Hof.<br \/>\nRatzen hat er n\u00e4mlich viele, aber er hat ja auch viele Sauen und sogar zwei Ochsen im Stall, und viele Henderln, die frei herumrennen.<br \/>\nNach der Kronen Zeitung braucht Breitschwengler meist einen Schnaps. Aber keinen normalen, sondern einen Obstler &#8211; Ehrensache.<br \/>\nAber weil ein Stamperl halt nicht so viel fasst, sind es meistens zwei oder drei.<br \/>\nDann macht er sich gest\u00e4rkt an die Arbeit.<\/p>\n<p>Breitschwengler ist n\u00e4mlich der Knecht auf seinem Hof, also ist er sein eigener Herr.<\/p>\n<p>Seine Schwester, die Sopherl, hat nie was mit der Landwirtschaft zu tun haben wollen. Sie ist Schneidermeisterin in Peggau und kommt nicht mehr nach Modriach.<br \/>\nAls Adolf und Trudl Breitschwengler noch gelebt haben, ist sie schon ab und zu gekommen, doch seit der Albin alleine auf dem Hof ist, traut sie sich nicht mehr dorthin.<br \/>\n\u201cDu bist ein Depp und ein gef\u00e4hrlicher Irrer!\u201d, hat sie ihrem Bruder auf den Kopf zugesagt. \u201cEingesperrt g\u2018h\u00f6rst!\u201d<br \/>\nDann ist sie gefahren.<\/p>\n<p>Breitschwengler wurde auf dem Hof geboren.<br \/>\nAls seine Mama gesehen hat, was f\u00fcr ein prachtvolles Kind sie bekommen hat, da hat sie sich gefreut und gleich gerufen: \u201cDer wird Knecht!\u201d Es war n\u00e4mlich immer schon ihr Traum, einen Knecht zum Sohn zu haben.<br \/>\nSeinem Papa war das egal. Er h\u00e4tte es schon gerne gehabt, wenn sein Bub etwas Anst\u00e4ndiges wird, ein Pfaffe oder ein Kiberer vielleicht, doch hat ihm der Mut gefehlt, der Trudl zu widersprechen.<br \/>\nEinmal hat er das zwar schon gemacht, aber da die Trudl immer, wirklich immer und egal wo sie war, ein Stamperl oder gleich eine Flasche in Griffweite hatte, nahm er sich danach vor, keine zweite Beule auf seinem Kopf zu riskieren.<br \/>\nAlso wurde Breitschwengler Knecht. Die Trudl hat das in die Hand genommen, weil es war ja ihr Wunsch gewesen.<br \/>\nAlbin war ein kr\u00e4ftiger Bub, schon mit zwei Jahren hat er seinen ersten Ratz erschlagen, und seine Mama war sehr stolz. Da hat sie es endg\u00fcltig gewusst: \u201cDer wird ein echter Knecht!\u201d<\/p>\n<p>Am Anfang wollte er seinen Schnuller nie in den Mund nehmen, wenn sie diesen vorher in ihr Stamperl getaucht hatte.<br \/>\nWie oft hat sie gesagt: \u201cJetzt nimm den Zutz in den Mund, Albin! Sonst wirst nie ein gescheiter Knecht!\u201d<br \/>\nDass er dann doch ein gescheiter Knecht geworden ist, daran sind wohl die Tachteln schuld. Denn die haben es ihm leichter gemacht, den Schnuller in den Mund zu nehmen.<br \/>\nEinmal hat der Breitschwengler seiner Mama einen Vorwurf gemacht, da war er zehn Jahre alt.<br \/>\n\u201cMutter\u201d, hat er gesagt, \u201cwenn du den Zutz in den Most getaucht h\u00e4ttest und nicht in den Obstler, w\u00fcrde vielleicht ein noch besserer Knecht aus mir.\u201d<br \/>\nDa hat die Trudl gelacht, ihrem Bub die Hand ausnahmsweise sanft auf die Backe gelegt und gemeint: \u201cDas passt schon, Bub. Du bist eh auf dem richtigen Weg.\u201d<\/p>\n<p>Die Gisela Bartler, seine Lehrerin in der Modriacher Volksschule, hat das anders gesehen.<br \/>\n\u201cWarum hat der Albin immer so glasige Augen?\u201d, hat sie die Trudl Breitschwengler oft gefragt.<br \/>\n\u201cGisi\u201d, hat Trudl dann gesagt, \u201cdu wei\u00dft ja eh, wie das ist. Er wird halt ein Knecht. So wie der Manfred, dein Bruder, der ist ja auch Knecht geworden.\u201d<br \/>\n\u201cJa!\u201d, hat die Bartlerin dann immer gerufen. \u201cEr ist ein Knecht geworden, weil er der St\u00e4rkste von den Buben war. Da war es ja klar, dass es um seinen Kopf nicht schade ist. Aber der Albin ist dein einziger Sohn! Also h\u00f6r in Gottes Namen damit auf, ihm Alkohol zu geben!\u201d<br \/>\n\u201cDer Bub wird Knecht &#8211; und basta!\u201d<br \/>\nIn der Volksschule war Breitschwengler keine Leuchte.<br \/>\nZwei Jahre hat er gebraucht, bis er es geschafft hat, in die Klasse seiner j\u00fcngeren Schwester zu kommen. Die war dar\u00fcber gar nicht froh, denn so hat ganz Modriach erfahren, dass Albin die Volksschule nur geschafft hat, weil sie alle Haus\u00fcbungen doppelt hat machen m\u00fcssen &#8211; einmal f\u00fcr sich selbst und einmal f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Nach der Volksschule ist er in die Hauptschule gegangen und hat dort Rupert Schr\u00f6ll kennengelernt.<br \/>\nSchr\u00f6ll kommt auch von einem Bauernhof, aber aus der Ortschaft Edelschrott. Er war ein schm\u00e4chtiger Bub, der nie h\u00e4tte Knecht werden k\u00f6nnen, also wurde er ein Tischler und ein J\u00e4ger.<br \/>\nDie beiden Buben haben sich gut verstanden, und so wurde eine Freundschaft daraus.<\/p>\n<p>Eine Lehre hat Breitschwengler nicht machen d\u00fcrfen.<br \/>\nNach der Hauptschule, f\u00fcr die er f\u00fcnf Jahre gebraucht hat, ist er Knecht geworden.<br \/>\nUnter den Habichtsaugen seines Papas und den B\u00e4rentatzen seiner Mama hat er gr\u00fcndlich alles gelernt, was ein gescheiter Knecht wissen und k\u00f6nnen muss.<br \/>\nEr hat sich um das Vieh gek\u00fcmmert, und ganz besonders um die Ratzen.<br \/>\n\u201cDie Viecher hab ich gern\u201d, hat er oft gemurmelt, wenn seine Mama nicht dabei war. \u201cAber die Ratzen mag ich nicht!\u201d<br \/>\nFolglich hat Breitschwengler viele von ihnen mit dem erschlagen, was er gerade in der Hand gehabt hat.<\/p>\n<p>Nachdem er sich also einen Liter Most und ein paar Stamperln Obstler eingeschenkt und sein Grammelschmalzbrot so weit verdaut hat, dass er sich wieder r\u00fchren kann, was um circa elf Uhr der Fall ist, macht sich Breitschwengler an die Arbeit.<br \/>\nEr geht in den Stall, mistet ihn aus, geht dann in den Stadl Heu holen und wieder in den Stall, den Viechern das Heu geben.<br \/>\nDann sammelt er noch die Eier von den Hendln ein und denkt sich: \u2018Ich h\u00e4tte den Fuchs nicht abschie\u00dfen sollen! Wenn ich das nicht gemacht h\u00e4tte, h\u00e4tte ich zwar keinen sch\u00f6nen Fuchsschwanz auf dem Schl\u00fcsselbund, aber der Fuchs w\u00fcrde sich nach und nach die Hennen holen und ich m\u00fcsste nicht immer Eier klauben!\u2019<\/p>\n<p>Breitschwengler ist ein gro\u00dfer J\u00e4ger. Seine Gewehre hat er von seinem Papa vererbt bekommen, aber er hat dessen Jagdschein nicht auf sich umschreiben k\u00f6nnen. Er hat zwar dreimal versucht, die Jagdpr\u00fcfung zu machen, aber ein viertes Mal wollte er sich den Stress nicht antun.<br \/>\nEr hat schon viele Tiere geschossen, sogar einen Uhu und einen Habicht.<br \/>\nDas mit dem Ara der Schmitzers war ein Versehen, wie er Otto Kipf, dem Dorfgendarmen, glaubhaft versichert hat.<br \/>\n\u201cMach dir keinen Kopf wegen dem lauten Mistvieh\u201d, hat Kipf gesagt. Und dann hat er noch etwas gesagt, aber ein bisschen leiser: \u201cWas glaubst du, wie oft ich schon auf den Vogel gezielt habe? Aber mit so einer Dienstpistole triffst ja nichts.\u201d<\/p>\n<p>Nach der Arbeit ist es f\u00fcr Breitschwengler an der Zeit, ins Gasthaus zu gehen.<br \/>\nDie einzige Gastwirtschaft, die es in Modriach noch gibt, ist die H\u00fctte zum immer vollen Krug, aber sie wird von den Modriachern der Einfachheit halber Windn genannt.<br \/>\nDie Windn betritt Breitschwengler stets, also wirklich t\u00e4glich (weil einen Ruhetag kann sich der Besitzer der Windn, der von den Modriachern einfach Wirtn genannt wird, nicht leisten) mit einem Ruf, mit dem er kundtut, in welcher Verfassung er sich befindet.<br \/>\nEs kommt oft vor, dass er in die Windn geht, den Wirtn anschaut und \u201cDurst!\u201d ruft. Der Wirtn stellt ihm dann schnell einen gro\u00dfen Krug Most hin, und Breitschwengler nimmt gut f\u00fcnf gro\u00dfe Schlucke. Dann r\u00fclpst er und ist f\u00fcrs Erste zufrieden und begr\u00fc\u00dft die anderen G\u00e4ste in der Windn.<br \/>\nEs kann aber auch passieren, dass er \u201cV\u00f6geln!\u201d ruft.<br \/>\nDann ist es besser, wenn Irmi Motschger nicht im Lokal ist, denn die br\u00fcllt dann immer: \u201cDann geh halt nach Edelschrott ins Puff!\u201d<br \/>\nDaraufhin wird Breitschwengler zuverl\u00e4ssig sehr zornig und hei\u00dft die Motschgerin entweder \u201cWabe!\u201d, \u201cTrutsche!\u201d, \u201cHexe!\u201d, \u201cVoglscheuche!\u201d oder \u201cTrampel!\u201d, aber immer sagt er dazu, dass sie das in der betagten Ausgabe ist.<\/p>\n<p>Breitschwengler hat n\u00e4mlich keine Frau.<br \/>\nEr hat es nie mit einer festen Freundin probieren wollen, sondern immer nur die genommen, die er in Modriach, oder eben in Edelschrott, abbekommen hat.<br \/>\nEinmal hat Breitschwengler eine Frau im Wald getroffen, n\u00e4mlich die Claudia M\u00f6slinger. Sie ist auf ihn zugegangen und hat ihm auf den Hosenstall gegriffen, was ihn zuerst sehr erschreckt hat, aber dann hat es ihn sehr gefreut.<br \/>\nEr hat ihr dann auf ihren Busen gegriffen, was sie gar nicht erschreckt, daf\u00fcr aber sehr gefreut hat.<br \/>\nBald darauf haben sie sich ausgezogen und auf den weichen moosigen Waldboden gelegt. Zuerst hat Breitschwengler sich bewegt, dann hat die M\u00f6slinger die Sache in die Hand genommen, weil er keine Erfahrung gehabt hat und dementsprechend rustikal ans Werk gegangen ist.<br \/>\nSeit diesem Tag ist Breitschwengler bei den Frauen in Modriach als Grobian verschrien und kriegt kaum noch eine ab.<\/p>\n<p>Dann, wenn die Motschgerin das gesagt und er geantwortet hat, will er keinen Most, sondern bestellt gleich ein Stamperl beim Wirtn, aber vom Obstler &#8211; Ehrensache.<br \/>\nDer Wirtn schaut Breitschwengler dann skeptisch an, schenkt zur Sicherheit gleich ein sehr gro\u00dfes Stamperl ein und stellt die Flasche auch gar nicht zur\u00fcck ins Regal, sondern auf den Tresen, damit sein Gast sieht, dass eh noch genug Obstler da ist.<br \/>\nAber auch wenn er zuerst Most nimmt, so bestellt Breitschwengler dann immer ein Stamperl, denn der Obstler ist ihm im Blut.<br \/>\nJedesmal wenn er ihn trinkt, denkt er zur\u00fcck an seinen Schnuller und wird nostalgisch: \u2018Ach, mein Zutz!\u2019, und dann kommt es vor, dass er an seine Mama denkt, wie sie ihm den Zutz weggenommen hat, als er alt genug war, um ein Stamperl zu halten.<br \/>\nAber dann wischt er schnell diese Gedanken weg und will die Speisekarte haben, denn nach der harten Arbeit ist er hungrig.<br \/>\nDas ist das spezielle Gasthausritual des Breitschwengler, dass er die Speisekarte haben will, weil er bestellt ja eh immer den Schweinsbraten.<br \/>\n\u201cWie ist der Braten heute?\u201d, fragt er dann.<br \/>\n\u201cGut\u201d, meint der Wirtn dann.<br \/>\n\u201cGut\u201d, repliziert der Breitschwengler dann. \u201cIch will einen Schweinsbraten! Aber eine ordentliche Portion!\u201d<\/p>\n<p>Sein Essen verputzt er immer am selben Tisch, n\u00e4mlich an dem, an dem seine Mama oft eingeschlafen ist, wenn sie zu viele Stamperln genommen hat.<br \/>\nDie anderen G\u00e4ste beim Wirtn schauen ihm immer beim Essen zu, denn er hat die Tischmanieren eines gescheiten Knechts. Das gut zwei Finger dicke St\u00fcck Schweinsbraten kommt auf Breitschwenglers Teller n\u00e4mlich nie mit einem Messer in Ber\u00fchrung &#8211; ein kr\u00e4ftiger Stich mit der Gabel, und den Rest erledigt sein Gebiss. Die Beilagen isst er nie.<br \/>\nDann wischt er sich mit dem \u00c4rmel seines Hemdes den Mund ab, r\u00fclpst und stellt sich wieder an die Bar zu den anderen Modriachern.<br \/>\nDer Pfarrer, Pater Engelbert, ist immer gerne dabei, wenn ein neuer Obstler aufgemacht wird, und auch Otto Kipf, der Gendarm, sch\u00e4tzt den Schluck aus der frischen Flasche.<br \/>\nDann reden sie \u00fcber das, was sich in Modriach so ereignet hat, in den letzten vierundzwanzig Stunden.<br \/>\nEin Holzknecht von ausw\u00e4rts hat sich mit der Hacke ins Schienbein gehackt &#8211; \u201cSo ein Tollpatsch!\u201d, meint Breitschwengler -, der pensionierte Direktor der Raiffeisenkassa war beim Schwarzfischen im Packer Stausee gesehen worden &#8211; \u201cSo ein Dieb und Wilderer, der Gamsbartkommunist!\u201d &#8211; und dem Huberbauer hat der Fuchs vier Hennen gestohlen &#8211; \u201cIch k\u00f6nnte ihm helfen! Ich habe einen zweiten Schl\u00fcsselbund. Da passt noch ein Schwanz rauf!\u201d<br \/>\nNachdem Breitschwengler \u00fcberall seinen Senf dazugegeben hat und eh schon wieder auf seinen Hof gehen muss, um dort nachzuschauen, ob es eine Arbeit gibt, die er verrichten muss oder k\u00f6nnte, ruft er: \u201cIch muss arbeiten gehen!\u201d Dann zahlt er seine Zeche und ruft noch etwas, aber nur dann, wenn die Irmi Motschger beim Wirtn ist: \u201cDich w\u00fcrde ich eh nicht nehmen!\u201d, bevor er schnell das Gasthaus verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg geht er noch zu Waltrauds Nah und Frisch, wo er sich mit einer Flasche Obstler und mindestens drei Doppellitern Most eindeckt, und dann ist er auch schon wieder daheim.<\/p>\n<p>Dort hat er meistens keine Arbeit, also holt er eine der Mannlicher-Flinten seines Papas von dort hervor, wo er sie lagert, n\u00e4mlich unter seinem Bett, l\u00e4dt die Waffe und entsichert sie bei dieser Gelegenheit auch gleich, weil er wei\u00df, dass man nie wissen kann, ob nicht doch ein Rehbock oder eine Wildsau vor der Haust\u00fcr steht, und geht in den Wald.<\/p>\n<p>Weil er keinen Jagdschein hat, kann Breitschwengler naturgem\u00e4\u00df nicht wissen, wann welche Tiere abgeschossen werden m\u00fcssen, also geht er auf Nummer sicher und zielt auf alles, was sich bewegt.<br \/>\nEs kann vorkommen, dass er auf andere J\u00e4ger trifft.<br \/>\nIn Modriach gibt es nicht viele von diesen, und die, die es gibt, wissen nat\u00fcrlich, dass Breitschwengler keinen Jagdschein hat.<br \/>\nNormalerweise haben sie kein Problem damit, dass er in ihren Revieren herumkoffert und Tiere abschie\u00dft, weil es dort ja eh zu viel Wild gibt und weil er besonders gerne auf V\u00f6gel zielt. Dann denkt er sich immer: \u2018Na, den Vogel hab ich mir aus der Luft gegriffen!\u2019 und freut sich.<\/p>\n<p>Einmal aber ist er einem J\u00e4ger \u00fcber den Weg gelaufen, der die Tatsache, dass Breitschwengler keinen Jagdschein hat, streng sieht: Rupert Schr\u00f6ll, seinem besten, weil einzigen Freund.<br \/>\nDer hat ein Jagdrevier in Modriach gepachtet und Breitschwengler ist, ohne das zu wissen, in dieses eingedrungen.<br \/>\n\u201cSag, bist du jetzt endg\u00fcltig verr\u00fcckt geworden, Breitschwengler?\u201d, rief Schr\u00f6ll.<br \/>\nDer Angesprochene err\u00f6tete. Zuerst wollte er sich als harmloser Schwammerlsucher ausgeben, aber die Mannlicher, die er um die Schulter geh\u00e4ngt gehabt hat, war, das wusste er, ziemlich eindeutig.<br \/>\n\u201cDas ist mir jetzt aber schon sehr peinlich!\u201d, rief er.<br \/>\n\u201cAber geh!\u201d, sagte Schr\u00f6ll. \u201cJeder im Umkreis von zehn Kilometern wei\u00df, dass du ein Wilderer vor dem Herren bist!\u201d<br \/>\n\u201cAlso, ein Wilderer? Ich wei\u00df gar nicht.\u201d<br \/>\n\u201cNein, du eh nicht\u201d, sagte Schr\u00f6ll in einem Ton, der Breitschwengler zu verstehen gab, dass er soeben auf den Arm genommen worden war. \u201cUnd der Papagei, den du geschoss\u2019n hast?\u201d<br \/>\n\u201cDas war ein Unfall, bittesch\u00f6n!\u201d<br \/>\n\u201cWie auch immer, Albin. Sag, warum gehst du denn jagen? Ich meine, du isst das Wildbret ja eh nicht. Du isst doch jeden Tag deinen Schweinsbraten beim Wirtn und kannst ja nicht einmal kochen.\u201d<br \/>\n\u201cEs geht mir einfach ums Schie\u00dfen, Bertl.\u201d<br \/>\n\u201cSo geht das aber nicht, Albin! Ich meine, mir ist das ja wurscht, wenn du mir ein Reh aus dem Revier herausschie\u00dft, aber du kannst als Wilderer Probleme kriegen, gro\u00dfe Probleme.\u201d<br \/>\nBreitschwengler \u00fcberlegte kurz und dabei sah er, dass aus Schr\u00f6lls Rucksack Blut tropfte.<br \/>\n\u201cSag einmal, Bertl, was hast du denn in deinem Rucksack?\u201d<br \/>\nNun err\u00f6tete der Schr\u00f6ll.<br \/>\n\u201cEinen Feldhasen\u201d, sagte er und schaute auf seine Schuhe.<br \/>\nDa erkannte der Breitschwengler, dass er die Gelegenheit hatte, einen Volltreffer zu landen.<br \/>\n\u201cIn der Windn haben sie gesagt, dass die Feldhasen gerade Schonzeit haben\u201d, log er.<br \/>\nDa nahm der Schr\u00f6ll Haltung an und sagte: \u201cAlbin, ich bringe dir morgen drei Liter Obstler und ein bisschen Most vorbei, und du vergisst die Geschichte.\u201d<br \/>\nBreitschwengler f\u00fchlte, dass er bei diesem Handel der Gewinner war.<br \/>\nUnd in der Tat, am n\u00e4chsten Tag kam der Schr\u00f6ll auf den Breitschwenglerhof und brachte das Versprochene vorbei &#8211; und nicht nur das.<br \/>\nEr hatte auch zwei Flobertgewehre dabei, und sie machten Jagd auf die Ratzen, die in gro\u00dfer Zahl auf dem Hof vorkommen.<\/p>\n<p>Wenn Breitschwengler ein Vieh abgeschossen hat, dann l\u00e4sst er es nicht einfach im Wald liegen.<br \/>\nEr nimmt es mit nach Hause und verarbeitet es so, wie er es von seinem Papa gelernt hat. Er nimmt die genie\u00dfbaren Tiere aus und legt ihr Fleisch in eine seiner K\u00fchltruhen im Keller, die seine Mama angeschafft hat. \u201cF\u00fcr schlechte Zeiten\u201d, hat sie gesagt, als sie sie gekauft hat.<br \/>\nWenn er Viecher abschie\u00dft, die er f\u00fcr ungenie\u00dfbar h\u00e4lt, gibt er sie seinen Sauen &#8211; und das funktioniert. Am n\u00e4chsten Tag sind sie weg.<\/p>\n<p>Nach der Jagd, die bis zum Abend dauern kann, geht Breitschwengler heim und w\u00e4scht sich. Meistens macht er das in seiner Duschkabine, die er in einem Baumarkt erstanden hat.<br \/>\nSein Freund Schr\u00f6ll hat sie ihm heimgebracht, weil er selbst keinen F\u00fchrerschein hat.<br \/>\nDen F\u00fchrerschein hat Breitschwengler zweimal angefangen, aber dann doch nicht gemacht.<br \/>\nDass er Jonas Muck, seinen Fahrlehrer, als \u201cEdelschrotter Filzlaus\u201d bezeichnet hat, hat dabei eine Rolle gespielt.<br \/>\nNach dem Waschen hat Breitschwengler sozusagen frei.<br \/>\nDann sitzt er in seinem bequemen Wohnzimmersessel, auf dem das Fell des ersten von ihm gewilderten Keilers liegt, und genehmigt sich einen Ma\u00dfkrug voll Most. Und weil es schade ist, einen Most offen stehenzulassen und er immer Dopplerflaschen kauft, nimmt er eben noch einen Krug.<br \/>\nDabei schaut er fern und wundert sich \u00fcber das, was so gezeigt wird.<br \/>\nLiebesfilme mag er gar nicht, auch mit Dokumentationen kann er nichts anfangen. Am besten gefallen ihm Gruselfilme.<br \/>\nDie schaut er sich an, trinkt dabei Most und Obstler und freut sich, dass er auf seinem Breitschwenglerhof sicher ist vor Vampiren und so Zeug.<br \/>\nWenn er aber ein Stamperl zu viel intus hat, kriegt er es manchmal mit der Angst zu tun: Was, wenn wirklich einmal ein Untoter vor seiner Haust\u00fcr oder gar vor seiner Schlafzimmert\u00fcr steht?<br \/>\nDann liegt Breitschwengler in seinem Bett, unter dem die Mannlicher-Flinten lagern, und fragt sich: \u201cSoll ich die Knochenhacke, die die Waltraud im Nah und Frisch hat, vielleicht doch kaufen?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 16136<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Simona und J\u00fcrgen. Danke f\u00fcr die Inspiration. 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