{"id":5240,"date":"2016-10-16T15:34:51","date_gmt":"2016-10-16T15:34:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5240"},"modified":"2016-11-20T17:23:39","modified_gmt":"2016-11-20T17:23:39","slug":"aa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5240","title":{"rendered":"Zwei Sch\u00fcsse"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5240&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5240&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Heute kam ich am fr\u00fchen Nachmittag von der Jagd zur\u00fcck und ging in den Keller meines Elternhauses. Dort reinigte ich meine Flinte, stellte sie in den Waffenschrank und entsorgte zwei Patronenh\u00fclsen, die Schrot enthalten hatten.<br \/>\nAls ich damit fertig war, h\u00f6rte ich die Stimme meiner Mutter.<br \/>\n\u201cEgon, komm bitte in die Stube!\u201d<br \/>\nDies sagte sie in dem f\u00fcr sie typischen Tonfall, den sie immer dann in ihre Stimme legt, wenn sie etwas Wichtiges mit mir besprechen m\u00f6chte. Dieser Tonfall macht es mir unm\u00f6glich, ihrem Wunsch zuwiderzuhandeln.<\/p>\n<p>Ich eilte also in die Stube unseres Hauses. Sie ist mit Zirbenholz get\u00e4felt, und in der Mitte steht ein gro\u00dfer Tisch, ebenfalls aus Zirbe, und darauf liegt stets ein rot-wei\u00df kariertes Tischtuch.<br \/>\n\u201cFrau Mama, was w\u00fcnschen Sie?\u201d, fragte ich.<br \/>\nIch pflege meine Eltern zu siezen, denn ich finde, dass sich dies in gewissen Kreisen geh\u00f6rt. Meine Familie ist n\u00e4mlich sowohl adelig als auch reich.<br \/>\n\u201cEgon, ich habe deine Erz\u00e4hlung gelesen\u201d, begann sie.<br \/>\nIch blickte sie erwartungsvoll an. Innerlich war ich sehr angespannt, denn meine Mutter ist meine strengste Kritikerin. Ich sehe mich n\u00e4mlich als Schriftsteller, auch wenn der Erfolg bislang ausgeblieben ist.<br \/>\n\u201cIch bin zu neunzig Prozent stolz auf dich und dein Werk\u201d, fuhr sie fort.<\/p>\n<p>Ich war freudig erregt.<br \/>\n\u201cEs sieht so aus, als h\u00e4tte mein einziges Kind endlich begriffen, wie man Geschichten verfasst. Das Ende missf\u00e4llt mir, doch dazu kommen wir sp\u00e4ter.\u201d<br \/>\n\u201cVielen Dank, liebe Frau Mama\u201d, sagte ich.<br \/>\n\u201cWenn ich an deine fr\u00fcheren Erz\u00e4hlungen denke, Egon, an deine Theorien \u00fcber die, wie du sie genannt hast, Bet\u00e4tigung im Rudel, muss ich sagen, dass du dich eindeutig weiterentwickelt hast.\u201d<br \/>\nSie zog einen Hunderteuroschein hervor und reichte ihn mir.<br \/>\n\u201cDas Geld hast du dir verdient, Egon\u201d, sagte sie.<br \/>\n\u201cDanke, Frau Mama. Sie sind sehr gro\u00dfz\u00fcgig.\u201d<br \/>\n\u201cDu darfst das Geld aber nicht wieder an einem Abend vertrinken!\u201d, mahnte sie.<br \/>\n\u201cVersprochen, Frau Mama.\u201d<\/p>\n<p>\u201cNun zu deiner Erz\u00e4hlung, Egon. Der Anfang gef\u00e4llt mir \u00fcberaus gut. Du beschreibst sehr anschaulich, wie du mit deinem Vater in unser Jagdrevier f\u00e4hrst. Gibt es dort wirklich so viele Eichelh\u00e4her?\u201d<br \/>\n\u201cJa, Frau Mama. Sie sollten einmal mitkommen, dann w\u00fcrden Sie sie sehen.\u201d<br \/>\n\u201cEgon, du wei\u00dft, dass ich die Jagd verabscheue!\u201d<br \/>\n\u201cIch w\u00fcrde niemals wagen, in Ihrer Gegenwart auf ein Tier anzulegen\u201d, sagte ich schnell.<br \/>\n\u201cLassen wir das. Du hast Talent, Egon. Leider hast du bislang nicht allzu viel Gebrauch davon gemacht.\u201d<br \/>\n\u201cIch wei\u00df, Frau Mama\u201d, sagte ich kleinlaut.<br \/>\n\u201cDu beschreibst die Tiere und Pflanzen vor dem Hochstand sehr naturnah. Auch Situationen des Zwischenmenschlichen kannst du gut wiedergeben. Hast du dich auf der Fahrt ins Revier wirklich mit deinem Vater gestritten?\u201d<br \/>\n\u201cJa, Frau Mama. Jedes Mal, wenn ich mit Herrn Papa im Auto sa\u00df, gerieten wir in Streit.\u201d<br \/>\n\u201cEgon, du musst verstehen, dass dein Lebenswandel den Unmut deines Vaters erregt.\u201d<br \/>\n\u201cIch mache doch nichts Unartiges\u201d, warf ich ein.<br \/>\n\u201cAber auch nichts Artiges, Egon. Du arbeitest nicht und trinkst zu viel. Da darf es Dich nicht wundern, dass er dir seit sechs Jahren kein Geld gibt. Immerhin bist du achtunddrei\u00dfig Jahre alt!\u201d<br \/>\nIch schwieg.<br \/>\n\u201cAber zur\u00fcck zu deinem Text. Der Mittelteil ist dir ebenfalls gelungen.\u201d<br \/>\n\u201cVielen Dank.\u201d<br \/>\n\u201cDu hast die Einsamkeit auf dem Hochstand gekonnt in Worte gefasst. Wie ihr nebeneinander sitzt und schweigen m\u00fcsst, um das Wild nicht zu verscheuchen, und wie ihr blo\u00df abwarten k\u00f6nnt, bis sich ein Reh oder Wildschwein aus der Deckung wagt.\u201d<br \/>\n\u201cDas ist das Schwierigste an der Jagd, Frau Mama. Man darf keinen Laut von sich geben.\u201d<\/p>\n<p>\u201cWann hast du die Kurzgeschichte denn geschrieben?\u201d<br \/>\n\u201cGestern.\u201d<br \/>\n\u201cM\u00f6chtest du ein Glas Rotwein?\u201d<br \/>\n\u201cSehr gerne, Frau Mama. Sie sind sehr gro\u00dfz\u00fcgig.\u201d<br \/>\n\u201cDann hole bitte eine Flasche Lafite.\u201d<br \/>\nIch ging in den Keller, holte den Wein, entkorkte und dekantierte ihn.<br \/>\n\u201cIch habe ein Geschenk f\u00fcr dich, Egon\u201d, sagte meine Mutter und verlie\u00df den Raum.<br \/>\nZwei Minuten sp\u00e4ter kehrte sie zur\u00fcck und dr\u00fcckte mir eine goldene Armbanduhr in die Hand.<br \/>\n\u201cErkennst du diese Uhr, Egon?\u201d, fragte sie, doch es war eine rhetorische Frage.<br \/>\n\u201cJa, Frau Mama. Es ist meine Patek Philippe\u201d, sagte ich leise.<br \/>\n\u201cDer Besitzer des Nachtclubs, in dem du offenbar Stammgast bist, hat sie mir gegeben.\u201d<br \/>\nIch wagte kein Wort zu sagen.<br \/>\n\u201cNachdem ich deine Schulden in seinem Bordell beglichen hatte!\u201d, sagte sie und sah mich streng an.<br \/>\nIch err\u00f6tete.<br \/>\n\u201cWas hast du dir blo\u00df dabei gedacht, Egon?\u201d, rief sie.<br \/>\nMir wurde abwechselnd hei\u00df und kalt.<\/p>\n<p>\u201cIch brauche ein Glas Wein\u201d, seufzte sie.<br \/>\nIch goss ein und wir tranken einen Schluck.<br \/>\n\u201cSo etwas darfst du nie wieder machen, Egon! Du machst uns noch zum Gesp\u00f6tt der ganzen Umgebung.\u201d<br \/>\n\u201cEs tut mir sehr leid, Frau Mama.\u201d<br \/>\n\u201cDu hast in dieser Bar \u00fcbrigens Lokalverbot. Das hat der Besitzer mir versprochen.\u201d<br \/>\nIch wurde von einer pl\u00f6tzlichen Panik ergriffen, doch wagte ich nicht zu protestieren.<br \/>\n\u201cGut, Egon. Betrachten wir die Sache als erledigt.\u201d<br \/>\n\u201cVielen Dank, Frau Mama\u201d, sagte ich und war froh, dass dieses peinliche Thema vom Tisch war.<\/p>\n<p>\u201cLass uns \u00fcber den Schluss deiner Erz\u00e4hlung sprechen, Egon. Dieser ist dir wohl entglitten.\u201d<br \/>\n\u201cWieso denn?\u201d<br \/>\n\u201cNun, er ist unlogisch. Du steigst mit deinem Vater vom Hochstand, ohne dass ihr ein Tier erlegt habt.\u201d<br \/>\n\u201cDas kam leider h\u00e4ufig vor\u201d, gab ich zu.<br \/>\n\u201cVor dem Hochstand geratet ihr erneut in Streit \u00fcber deinen Lebenswandel.\u201d<br \/>\n\u201cAuch das war nicht ungew\u00f6hnlich.\u201d<br \/>\n\u201cGut. Bis hierher konnte ich dir folgen. Was dann jedoch passiert, erscheint mir unlogisch.\u201d<br \/>\n\u201cWas genau, Frau Mama?\u201d<br \/>\n\u201cIhr steht im Gras und streitet. Pl\u00f6tzlich l\u00f6sen sich aus deiner Flinte zwei Sch\u00fcsse und dein Vater bricht t\u00f6dlich getroffen zusammen.\u201d<br \/>\n\u201cWas verstehen Sie daran nicht?\u201d<br \/>\n\u201cDu verwendest doch eine einl\u00e4ufige Flinte, weil sie leichter ist als eine mit zwei L\u00e4ufen, oder?\u201d<br \/>\n\u201cDas stimmt.\u201d<br \/>\n\u201cWie ist es denn m\u00f6glich, dass sich zwei Sch\u00fcsse aus einem Gewehr l\u00f6sen, das blo\u00df einen Lauf hat? Das ist doch unlogisch.\u201d<br \/>\nIch versuchte nicht zu grinsen, doch vergeblich.<br \/>\n\u201cDas ist die k\u00fcnstlerische Freiheit des Schriftstellers, Frau Mama\u201d, sagte ich.<\/p>\n<p>Meine Mutter dachte einige Sekunden lang nach. Dann begann sie zu verstehen.<br \/>\n\u201cBist du verr\u00fcckt?\u201d rief sie. \u201cSoll das hei\u00dfen, dass du nach dem ersten Schuss nachgeladen hast?\u201d<br \/>\nIch schwieg und versuchte, ernst zu bleiben. Bald jedoch konnte ich nicht anders und begann schallend zu lachen.<br \/>\nMeine Mutter starrte mich entgeistert an.<br \/>\n\u201cEgon, du bist verr\u00fcckt! Deinen eigenen Vater um die Ecke zu bringen und dazwischen auch noch nachzuladen, um ganz sicher zu gehen, also das ist der Gipfel! Dieser Text ist der perfideste, den ich je gelesen habe!\u201d<br \/>\nSie war au\u00dfer sich.<\/p>\n<p>Ich redete beruhigend auf sie ein, und nach zehn Minuten hatte sie sich wieder gefangen.<br \/>\nWir tranken die Flasche leer und sprachen \u00fcber Belanglosigkeiten. \u00dcber den Schluss meiner Kurzgeschichte sprachen wir nicht, doch nach dem letzten Glas kam meine Mutter nochmals darauf zur\u00fcck.<br \/>\n\u201cEgon, ich habe mir das Ganze durch den Kopf gehen lassen. Ich sehe leider keine andere M\u00f6glichkeit, als deinem Vater zu erz\u00e4hlen, welches Ende du ihm zugedacht hast. Es tut mir leid, aber den Zorn, den deine Erz\u00e4hlung bei ihm entfachen wird, hast du dir selbst zuzuschreiben!\u201d<br \/>\nIch schwieg.<br \/>\nMeine Mutter sah auf die Uhr und sagte: \u201cEs ist sp\u00e4t geworden, Egon. Ich werde zu Bett gehen.\u201d<br \/>\n\u201cDas ist sicherlich eine gute Idee nach all der Aufregung, Frau Mama.\u201d<br \/>\n\u201cWo ist eigentlich dein Vater?\u201d<br \/>\nMit meiner unschuldigsten Miene beantwortete ich ihre Frage: \u201cFrau Mama, der Herr Papa befindet sich im Jagdrevier.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> |Inventarnummer: 16135<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute kam ich am fr\u00fchen Nachmittag von der Jagd zur\u00fcck und ging in den Keller meines Elternhauses. Dort reinigte ich meine Flinte, stellte sie in den Waffenschrank und entsorgte zwei Patronenh\u00fclsen, die Schrot enthalten hatten. Als ich damit fertig war, h\u00f6rte ich die Stimme meiner Mutter. \u201cEgon, komm bitte in die Stube!\u201d Dies sagte sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[73],"class_list":["post-5240","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-drah-di"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5240"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5479,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5240\/revisions\/5479"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}