{"id":5227,"date":"2016-10-15T16:58:39","date_gmt":"2016-10-15T16:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5227"},"modified":"2016-12-09T17:36:23","modified_gmt":"2016-12-09T17:36:23","slug":"greta-und-hans","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5227","title":{"rendered":"Greta und Hans"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5227&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5227&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Hans und Greta wuchsen in einem kleinen, von dichten W\u00e4ldern umgebenen Dorf auf. Ihre Familien lebten auf benachbarten H\u00f6fen, auf welchen sie Vieh z\u00fcchteten. Sie waren rechtschaffene Leute, die mit allen Menschen im Dorf gut auskamen. Dies war auch notwendig, denn ihr Dorf war so abgelegen, dass nur selten ein Fremder dorthin gelangte. Zwistigkeiten oder gar Streit galt es also zu vermeiden.<br \/>\nSie wuchsen gemeinsam auf, sa\u00dfen im einzigen Klassenzimmer der Volksschule nebeneinander und verbrachten auch ihre Freizeit zusammen. Nach der letzten Klasse folgten sie dem Wunsch ihrer Familien und blieben auf den Geh\u00f6ften ihrer Eltern, um alles Wissenswerte f\u00fcr das Leben als Bauer und B\u00e4uerin zu erlernen.<br \/>\nSie waren zufrieden und freuten sich auf die Zukunft, die vor ihnen lag und die mit jedem Tag rosiger zu werden schien. Bald trafen sie sich n\u00e4mlich nicht mehr blo\u00df, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, sondern weil in ihnen das Verlangen wuchs, den anderen Menschen zu sehen und ihm nahe zu sein. Sie hatten zarte Bande zueinander gekn\u00fcpft und nach dem ersten Kuss im Alter von sechzehn Jahren waren sie sich sicher, dass sie einander liebten.<\/p>\n<p>Umso tragischer war das, was ihnen widerfahren sollte.<br \/>\nZwei Wochen nach dem ersten Kuss verschwand Hans. Das ganze Dorf suchte nach ihm, doch ohne Erfolg. Greta ging von Haus zu Haus und fragte jeden Ortsans\u00e4ssigen, ob er ihren Freund gesehen h\u00e4tte, doch die Antwort war stets die selbe: \u201cNein, Greta. Tut mir leid.\u201d<br \/>\nIhr fiel auf, dass seine Familie sein Verschwinden weit weniger tragisch nahm als sie selbst es tat. Seine Eltern waren ihr gegen\u00fcber reserviert, sagten blo\u00df: \u201cWir wissen doch auch nicht, wo er ist. Mach dir nichts draus &#8211; du wirst einen neuen Freund finden.\u201d<br \/>\nErst konnte sich Greta keinen Reim auf diese Gef\u00fchlsk\u00e4lte machen; als die Gro\u00dfmutter ihres Freundes sie jedoch an der Hand in ihr H\u00e4uschen zog und aufkl\u00e4rte, begann sie zu verstehen.<\/p>\n<p>\u201cEs scheint, dass es an der Zeit ist, dich einzuweihen\u201d, begann die Alte ohne Umschweife. \u201cHans ist weg und er wird es bleiben.\u201d<br \/>\n\u201cAber-\u201d, stotterte Greta, den Tr\u00e4nen nahe. \u201cWarum?\u201d<br \/>\n\u201cAuf unserer Familie lastet ein uralter Fluch. Aus jeder Generation bef\u00e4llt er ein Kind. Vor Hans war der j\u00fcngere Bruder seines Vaters an der Reihe.\u201d Sie r\u00e4usperte sich und sagte mit tonloser Stimme: \u201cEr wurde nie wieder gesehen. Vor zwei Wochen war der Mond voll, da hat er Hans zu dem gemacht, was er jetzt ist.\u201d<br \/>\n\u201cWas ist er jetzt?\u201d, rief Greta.<br \/>\nDie Alte ging nicht auf die Frage ein. Sie sah das M\u00e4dchen mit d\u00fcsterem Blick an und meinte: \u201cWas, glaubst du, ist der Grund, dass es in den W\u00e4ldern so gut wie kein Wild mehr gibt?\u201d<br \/>\n\u201cSie wollen mir doch nicht etwa weismachen, dass Hans als Einsiedler im Wald lebt und sich von Rehen und Wildschweinen ern\u00e4hrt!\u201d<br \/>\n\u201cEin Einsiedler ist ein Mensch, Greta. Hans ist keiner mehr.\u201d<br \/>\nGreta sprang auf.<br \/>\n\u201cDas kann ich nicht glauben!\u201d, rief sie und eilte zur T\u00fcre.<br \/>\n\u201cEs ist nicht wichtig, was du glaubst, mein Kind. Halte dich blo\u00df vom Wald fern!\u201d<\/p>\n<p>Greta dachte nicht daran, dies zu tun. Obwohl die D\u00e4mmerung hereinbrach, lief sie tief in den dunklen Wald und rief nach Hans.<br \/>\nEs war still im Wald. Kein Vogel gab einen Laut von sich, das Ger\u00e4usch der Bl\u00e4tter der B\u00e4ume, die vom Wind bewegt wurden, war das einzige, das an Gretas Ohren drang.<br \/>\nPl\u00f6tzlich h\u00f6rte sie Zweige brechen. Etwas kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Instinktiv suchte sie hinter dem Stamm einer alten Buche Schutz, doch Hans hatte sie bereits gesehen.<br \/>\nEr blieb zwei Meter vor ihr stehen und bedeckte sein Gesicht mit den H\u00e4nden. Greta hatte Angst, doch ging sie zu ihm, umarmte ihn &#8211; und machte einen Satz nach hinten.<br \/>\nEs war zum einen der Geruch, den er verstr\u00f6mte, er roch wie ein nasser Hund, zum anderen hatte sie sein zerrissenes Hemd bemerkt, unter dessen Fetzen tiefe Wunden auf seiner Brust zu sehen waren, die von m\u00e4chtigen Klauen herzur\u00fchren schienen.<br \/>\n\u201cHans, was ist mit dir geschehen?\u201d, rief sie entsetzt.<br \/>\nEr gab einige undefinierbare Laute von sich, und sie zog, um ihn besser verstehen zu k\u00f6nnen, seine H\u00e4nde von seinem Gesicht. Es war kreidebleich, die Wangen waren eingefallen und seine Kiefer waren verformt, als w\u00e4ren sie gewachsen und wieder geschrumpft. Greta erschrak erst, doch als sie in seine Augen blickte, wurde sie von Panik ergriffen.<br \/>\nSeine Augen hatten zwar noch die selbe gr\u00fcne Farbe, die sie so geliebt hatte, doch lag nichts Menschliches mehr in ihnen.<br \/>\n\u201cMein Gott, Hans!\u201d, stammelte sie, doch Gott hatte diesen Wald l\u00e4ngst verlassen.<br \/>\nEr sah sie an und knurrte mehr als dass er sprach: \u201cNun &#8211; Wolf.\u201d<br \/>\nGreta lief so schnell sie konnte aus dem Wald, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und zog die Bettdecke \u00fcber ihren Kopf.<\/p>\n<p>Etwas Unmenschliches hatte von Hans Besitz ergriffen, und Greta wusste das.<br \/>\n\u201cHans ist verflucht\u201d, sagte seine Gro\u00dfmutter, als Greta ihr am n\u00e4chsten Vormittag von der Begegnung im Wald erz\u00e4hlte. Sie packte Gretas Hand und rief: \u201cDu darfst nie wieder in den Wald gehen, h\u00f6rst du! Er w\u00fcrde dich in St\u00fccke rei\u00dfen, so wie es mein Sohn bei seinem-\u201d Sie stockte, doch Greta wusste, was sie sagen wollte.<br \/>\n\u201cGibt es denn keine Erl\u00f6sung von diesem Fluch?\u201d, fragte sie verzweifelt.<br \/>\nDie Alte legte ihre Stirn in Falten und z\u00f6gerte ihre Antwort hinaus.<br \/>\n\u201cNun?\u201d, fragte das M\u00e4dchen ungeduldig.<br \/>\n\u201cEs gibt eine M\u00f6glichkeit, doch ist sie sehr gef\u00e4hrlich f\u00fcr den Menschen, der den Verfluchten retten m\u00f6chte.\u201d<br \/>\n\u201cWelche?\u201d<br \/>\n\u201cMan muss sich der Bestie bei Vollmond bis auf einen Meter n\u00e4hern und ihr einen Pflock mit silberner Spitze ins Herz sto\u00dfen.\u201d<br \/>\n\u201cNein!\u201d, rief Greta entsetzt.<br \/>\n\u201cDoch, mein Kind. Dies ist die einzige M\u00f6glichkeit, Hans zu befreien.\u201d<br \/>\n\u201cWas geschieht dann mit ihm?\u201d<br \/>\n\u201cEr nimmt seine menschliche Gestalt wieder an und kann beerdigt werden. Damit ist der Fluch f\u00fcr alle Zeit aufgehoben.\u201d<br \/>\nGreta schluchzte.<br \/>\n\u201cDas werde ich niemals machen!\u201d<br \/>\n\u201cDas wei\u00df ich doch, Greta\u201d, sagte die Alte mit listigem Blick. \u201cEs w\u00e4re aber das Beste, sowohl f\u00fcr dich als auch f\u00fcr Hans. Er w\u00fcrde seinen Frieden finden, und du m\u00fcsstest nicht den Rest deines Lebens an den Wolf denken, den du nicht erl\u00f6st hast.\u201d<br \/>\nSie zog einen Pflock unter dem Tisch hervor.<br \/>\n\u201cMein Mann hat ihn f\u00fcr unseren Sohn angefertigt, aber-\u201d, ihr versagte die Stimme.<br \/>\n\u201cWas ist geschehen?\u201d, fragte Greta leise.<br \/>\n\u201cMan fand den Pflock neben der grausam zugerichteten Leiche meines Mannes.\u201d<br \/>\n\u201cSollte ich mich dazu durchringen k\u00f6nnen, Hans zu erl\u00f6sen -\u201d<br \/>\n\u201cJa?\u201d Die Alte war pl\u00f6tzlich hellwach.<br \/>\n\u201cWas, wenn die Sache danebengeht?\u201d<br \/>\n\u201cIn diesem Fall kannst du blo\u00df zu Gott beten, dass Hans dich t\u00f6tet.\u201d<br \/>\n\u201cWie bitte?\u201d<br \/>\n\u201cKeine Angst, du wirst nicht lange leiden, glaub mir.\u201d<br \/>\n\u201cUnd wenn er mich nicht t\u00f6tet, sondern blo\u00df verletzt?\u201d<br \/>\n\u201cDann wirst du eine Bestie werden, so wie er.\u201d<br \/>\nGreta dachte einige Minuten lang nach, dann streckte sie ihren Arm aus und sagte: \u201cDen Pflock, bitte.\u201d<br \/>\n\u201cDas ist die richtige Entscheidung, mein Kind\u201d, sagte die Greisin und k\u00fcsste Greta auf die Stirn.<br \/>\nGreta ging nach Hause und versteckte den Pflock.<\/p>\n<p>Als es dunkel wurde, ging sie in den Wald zu der Stelle, an der sie Hans am Vortag getroffen hatte und rief nach ihm.<br \/>\nWieder h\u00f6rte sie das rasch n\u00e4herkommende Brechen von Zweigen, doch hielt die Bestie in einigem Abstand inne. Sie konnte Hans nicht sehen, h\u00f6rte blo\u00df sein kehliges Knurren, das ihr jedoch keine Furcht einfl\u00f6\u00dfte.<br \/>\n\u201cHans, ich habe mit deiner Gro\u00dfmutter gesprochen\u201d, rief sie.<br \/>\nKnurren war seine Antwort.<br \/>\n\u201cIch wei\u00df nun einen Weg, wie du deinen Frieden finden kannst.\u201d<br \/>\nEr gab keinen Laut von sich.<br \/>\n\u201cIch komme zu dir, wenn der Mond voll ist. Hier, an dieser Stelle, treffen wir uns.\u201d<br \/>\nHans knurrte zweimal, was Greta als Zustimmung wertete.<\/p>\n<p>Die folgenden Tage bis zum n\u00e4chsten Vollmond verbrachte Greta in gro\u00dfer innerlicher Aufregung. Sie dachte unabl\u00e4ssig an Hans und ihre gemeinsam verbrachten Tage, und schlie\u00dflich entschloss sie sich, das zu tun, was ihrem Freund Gl\u00fcck bringen w\u00fcrde.<br \/>\nIhrer Familie konnte sie nat\u00fcrlich nichts davon erz\u00e4hlen, ebensowenig wie anderen Menschen aus dem Dorf. Sprachen ihre Eltern von Hans, so gab sie sich reserviert und sagte, dass er wohl in einem anderen Dorf sein Gl\u00fcck gefunden h\u00e4tte.<br \/>\nSie verrichtete die ihr zugewiesenen T\u00e4tigkeiten auf dem Hof gewissenhaft, jedoch ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein.<\/p>\n<p>Am Tag des Vollmondes besuchte sie die Gro\u00dfmutter ihres Freundes.<br \/>\n\u201cIch habe den Pflock gut versteckt. Heute Nacht werde ich ihn holen und in den Wald gehen.\u201d<br \/>\nDie Alte strahlte vor Freude.<br \/>\n\u201cDu musst aber achtgeben, Greta! Hans ist nicht mehr der, den du gekannt hast. Bei der ersten Gelegenheit wird er dich anfallen, und dann ist es um dich geschehen!\u201d<br \/>\n\u201cDas wei\u00df ich.\u201d<br \/>\n\u201cIch w\u00fcnsche dir alles Gute, mein Kind.\u201d<br \/>\n\u201cDanke\u201d, seufzte Greta und verlie\u00df das H\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Um Mitternacht rief Greta nach Hans. Sie wartete auf das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden, doch der Wald blieb still. Eine Wolke gab den Mond frei, da h\u00f6rte sie Zweige brechen, nur wenige Meter hinter sich. Sie wandte sich, den Pflock in der Hand, um und erblickte den gr\u00f6\u00dften Wolf, den sie je gesehen hatte.<br \/>\nDie Augen, aus welchen Hans sie anstarrte, lie\u00dfen sie fr\u00f6steln. Es lag nichts Menschliches mehr in ihnen, sie waren schwarz, so schwarz wie das Fell der Bestie. Der Wolf knurrte, dann \u00f6ffnete er sein mit riesigen Rei\u00dfz\u00e4hnen bewehrtes Maul und lie\u00df ein ohrenbet\u00e4ubendes Geheul ert\u00f6nen.<br \/>\nGreta stand vor dem Biest, hielt diesem die silberne Spitze vor die Schnauze und sagte mit fester Stimme: \u201cDieser Pflock k\u00f6nnte dich t\u00f6ten.\u201d<br \/>\nDer Wolf knurrte.<br \/>\n\u201cDoch das wird er nicht tun\u201d, fuhr sie fort und schleuderte die Waffe von sich.<br \/>\nHans sah dem im Mondschein davonfliegenden Silber nach und h\u00f6rte auf zu knurren.<br \/>\nDas M\u00e4dchen setzte sich auf den Boden und sah zum Wolf auf.<br \/>\n\u201cDu kannst mich t\u00f6ten, Hans\u201d, sagte Greta mit ruhiger Stimme, in der keine Furcht lag. \u201cDu kannst mich jedoch auch zu deiner Gef\u00e4hrtin machen.\u201d<br \/>\nDer Werwolf reagierte nicht.<br \/>\nGreta entbl\u00f6\u00dfte ihre rechte Schulter und hauchte: \u201cBei\u00df mich, aber sei vorsichtig!\u201d<br \/>\nAls Hans seine Z\u00e4hne im Fleisch seiner Freundin vergrub, fiel diese in eine tiefe Ohnmacht.<\/p>\n<p>Nach drei Tagen erwachte sie orientierungslos in einer H\u00f6hle. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gew\u00f6hnen, doch ihr Geruchssinn funktionierte einwandfrei. Unsicher ging sie durch die H\u00f6hle, die erf\u00fcllt war vom Geruch der unz\u00e4hligen Skelette von Rehen und Wildschweinen, die \u00fcberall herumlagen.<br \/>\nEin schwacher Lichtschein wies ihr den Weg nach drau\u00dfen. Vor der H\u00f6hle setzte sie sich auf den Boden und atmete die klare Morgenluft tief ein. Dabei stieg ihr ihr eigener Geruch in die Nase. Sie roch wie ein nasser Hund.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> |Inventarnummer: 16133<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans und Greta wuchsen in einem kleinen, von dichten W\u00e4ldern umgebenen Dorf auf. Ihre Familien lebten auf benachbarten H\u00f6fen, auf welchen sie Vieh z\u00fcchteten. 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