{"id":5222,"date":"2016-10-15T16:53:23","date_gmt":"2016-10-15T16:53:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5222"},"modified":"2016-10-30T08:55:56","modified_gmt":"2016-10-30T08:55:56","slug":"das-lange-und-glueckliche-leben-des-franz-rieser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5222","title":{"rendered":"Das lange und gl\u00fcckliche Leben des Franz Rieser"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5222&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5222&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>An einem sonnigen Fr\u00fchlingstag im Jahr 2013 verlie\u00df Franz Rieser sein Haus. Er versperrte die Eingangst\u00fcre und setzte sich auf die rustikale Holzbank vor seinem Heim. \u00bbMurli, Minka!\u00ab, sagte er halblaut, doch laut genug, dass seine beiden Katzen ihn h\u00f6ren konnten. Sie sprangen zu ihm auf die Bank und schnurrten vor Behaglichkeit, w\u00e4hrend er sie streichelte.<br \/>\nZehn Minuten sp\u00e4ter k\u00fcsste er die Katzen auf ihre K\u00f6pfe und verlie\u00df sein Grundst\u00fcck. Mit langsamen Schritten m\u00fchte er sich den kleinen H\u00fcgel hinter seinem Haus hinauf. \u203aEs w\u00e4re besser gewesen, einen richtigen Spazierstock zu nehmen\u2039, dachte er. \u203aDieses schwere Ding taugt nicht zur Gehhilfe.\u2039<\/p>\n<p>Auf der Kuppe des H\u00fcgels stand ein Apfelbaum in voller Bl\u00fcte.<br \/>\nUnter diesem Baum lie\u00df Franz Rieser sich nieder. Er hatte ihn vor vielen Jahrzehnten gemeinsam mit Maria, seiner Ehefrau, gepflanzt. Er sa\u00df, seinen R\u00fccken an den Baumstamm gelehnt, im Gras. Seine rechte Hand hielt einen zylindrischen Gegenstand, diesen betrachtete er. Er drehte ihn zwischen seinen Fingern und f\u00fchlte, wie er langsam w\u00e4rmer wurde. Dann zuckte Franz Rieser mit seinen Schultern und schob den Zylinder in die linke der beiden f\u00fcr ihn vorgesehenen \u00d6ffnungen.<\/p>\n<p>So sa\u00df er da und dachte \u00fcber sein Leben nach, welches nun schon dreiundneunzig Jahre andauerte und, von zwei Ereignissen des Ungl\u00fccks abgesehen, gl\u00fccklich verlaufen war. Naturgem\u00e4\u00df, wie das bei vielen Menschen so ist, kamen ihm diese beiden Ereignisse zuerst in den Sinn.<br \/>\nDas erste von beiden war der Michael gewesen, sein Sohn. Dieser war im Alter von vierunddrei\u00dfig Jahren in Wien gestorben. In einer kalten Novembernacht im Jahre 1974 war der Michael in die Donau gest\u00fcrzt und ertrunken. Lange Zeit hatten Franz und Maria keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Tod ihres Sohnes finden k\u00f6nnen. Der Michael war ein hervorragender Schwimmer gewesen, also h\u00e4tte er nicht ertrinken m\u00fcssen. Monika, seine um drei Jahre j\u00fcngere Schwester, hatte ihren Eltern oft gesagt: \u00bbIch bin mir sicher, dass der Michael jemanden in der Donau hat treiben sehen. Und da konnte er eben nicht anders, als ins Wasser zu springen, um diesem Menschen das Leben zu retten. Ihr wisst ja, was f\u00fcr eine hilfsbereite Art er gehabt hat. Und dabei, bei diesem Versuch zu helfen, ist er umgekommen.\u00ab<\/p>\n<p>Maria Rieser hatte sich leichter mit dieser Erkl\u00e4rung zufriedengeben k\u00f6nnen als ihr Mann.<br \/>\nDieser war eigens nach Wien gefahren, drei Wochen nach dem Begr\u00e4bnis seines Sohnes, und hatte sich in dessen Umfeld umgeh\u00f6rt. Was er damals erfahren hatte, behielt er stets f\u00fcr sich, denn er wollte seine geliebte Ehefrau nicht mit Dingen belasten, die nicht mehr zu \u00e4ndern waren, und Monika, Michaels geliebte Schwester, wollte er auch nicht verst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Er hatte mit s\u00e4mtlichen Freunden seines Sohnes gesprochen und Folgendes erfahren: Der Michael war die Monate vor seinem Tod sehr ungl\u00fccklich gewesen. Ein paar Freunde sprachen von todtraurig, einer gar von \u00e4rztlich diagnostizierten Depressionen. Der Alkohol war in seinen letzten Monaten das einzige Lebenselixier des Michael gewesen, erfuhr er weiters, Seelentr\u00f6ster und wohl auch Schlafmittel. Der Grund f\u00fcr diese Verzweiflung w\u00e4re wohl eine Frau gewesen, sagte man ihm, aber Genaueres erfuhr Franz Rieser nicht, nat\u00fcrlich aus dem Grund der Diskretion.<br \/>\nAll das, was er erz\u00e4hlt bekommen hatte, sagte ihm, dass der Michael mitnichten das Leben einer anderen Person hatte retten wollen, sondern dass er seiner gequ\u00e4lten Seele wenigstens durch seinen Tod den Frieden hatte schenken wollen, den diese im lebendigen Michael nicht mehr hatte finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie er so dasa\u00df, an den Baum gelehnt und an seinen Sohn denkend, stiegen ihm die Tr\u00e4nen in die Augen.<br \/>\n\u203aWenn er doch nur gesagt h\u00e4tte, dass ihn etwas qu\u00e4lt\u2039, dachte er, \u203adann h\u00e4tte ich ihm doch helfen k\u00f6nnen. Dann h\u00e4tte sich der Bub nicht umbringen m\u00fcssen. Aber er hat ja nie etwas gesagt.\u2039 Er weinte stumm vor sich hin. \u203aEr hat nie etwas Vern\u00fcnftiges gemacht, der Michael\u2039, dachte er weiters, \u203akeine Arbeit hat er gehabt, und eine eigene Familie auch nicht. Aber er hat es immer geschafft, wenigstens irgendwie durchzukommen. Vielleicht h\u00e4tte seine letzte Idee, es mit dem Schreiben zu versuchen, zum Erfolg gef\u00fchrt. Wenn er nur durchgehalten h\u00e4tte. Ach, was denke ich da? So war es eben. Schad um den Bub.\u2039<br \/>\nMonika, das zweite Kind von Maria und Franz Rieser, hatte stets entsprochen und die ihr gestellten Aufgaben aufs Beste erledigt. Sie hatte Medizin studiert und arbeitete als Haut\u00e4rztin in Graz. Sie war mit einem Notar verheiratet und hatte zwei wohlgeratene T\u00f6chter, welche selbst jeweils zwei Kinder zur Welt gebracht hatten.<\/p>\n<p>Am Tag vor diesem Fr\u00fchlingstag im Jahr 2013 hatte Franz Rieser mit seiner Tochter telefoniert. \u00bbMonika\u00ab, hatte er sie gefragt, \u00bbwas soll ich der Mama von dir ausrichten?\u00ab<br \/>\n\u00bbPapa\u00ab, hatte sie geantwortet, \u00bbes wird noch eine lange Zeit dauern, bis du die Mama wieder triffst!\u00ab<br \/>\n\u00bbWenn ich sie treffe, ganz egal wann das sein wird: Was soll ich ihr sagen?\u00ab<br \/>\n\u00bbBitte sag ihr, dass es uns allen gut geht und dass wir sie vermissen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas werde ich. Soll ich ihr noch etwas sagen?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa. Sag ihr, dass ich erkannt habe, dass sie recht hatte.\u00ab<br \/>\n\u00bbWomit hatte sie recht?\u00ab<br \/>\n\u00bbSie hat immer gesagt, dass zwei Menschen oder Dinge, die zusammengeh\u00f6ren, stets beisammen sein m\u00fcssen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, das hat die Mama oft gesagt.\u00ab<\/p>\n<p>Und sie hatte es nicht blo\u00df gesagt, Maria Rieser hatte nach diesen Worten gelebt, so wie auch ihr Ehemann.<br \/>\nVon Kindesbeinen an hatten sie sich gekannt, waren sie doch auf benachbarten Bauernh\u00f6fen aufgewachsen. Sie waren im selben Jahr, 1920, geboren worden, blo\u00df drei Wochen trennten ihre Geburtstage. Sie hatten die selbe Klasse in der Volksschule besucht, und danach auch in der Hauptschule nebeneinander gesessen.<br \/>\nMaria hatte eine Lehre zur Schneiderin abgeschlossen, Franz eine zum Tischler, doch hatten sie ihre Berufe nie zum Gelderwerb ausge\u00fcbt, denn Franz Rieser war es, als einzigem Kind seiner Eltern, bestimmt, den Hof seiner Familie zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Im Alter von sechzehn Jahren waren die beiden eine, zun\u00e4chst heimliche, Beziehung eingegangen, die bis zu Marias Tod Bestand hatte, und sogar \u00fcber diesen hinaus, denn Franz h\u00e4tte niemals zugelassen, dass eine andere Frau als seine Maria neben ihm liegt. Auch f\u00fchlte er sich zu alt dazu.<br \/>\nSobald sie vollj\u00e4hrig geworden waren, hatten sie geheiratet, und im Alter von zwanzig Jahren hatte Maria Michael und drei Jahre sp\u00e4ter Monika zur Welt gebracht. Vom Zweiten Weltkrieg waren sie verschont geblieben. Franz Rieser hatte es durch verwandtschaftliche Beziehungen so einrichten k\u00f6nnen, dass er nicht an die Front musste, und in der kleinen Ortschaft im steirischen H\u00fcgelland fand der Krieg so gut wie nicht statt.<\/p>\n<p>Franz f\u00fchrte den Hof seiner Familie vorbildlich. Er sorgte gut f\u00fcr das Vieh, und mit der Zeit wurde der Hof immer gr\u00f6\u00dfer. Neue St\u00e4lle wurden erbaut, Obstg\u00e4rten von benachbarten Geh\u00f6ften \u00fcbernommen, und bald galt das Ehepaar Rieser als reich.<br \/>\nUnd in der Tat, Sorgen hatte es keine. Franz liebte seine Arbeit, und so verwundert es nicht, dass er sie gut verrichtete. Er konnte es sich leisten, ein gro\u00dfes und ertragreiches Jagdrevier mit vielf\u00e4ltigem Wildbestand zu pachten und wurde ein begeisterter und eifriger J\u00e4ger.<\/p>\n<p>Seine Ehefrau widmete sich den Kindern, die beide das Gymnasium des Nachbarortes besuchten. Monika lernte gut und maturierte mit Auszeichnung, der Michael musste zwei Klassen wiederholen und legte seine Matura mit Ach und Krach ab. Monika studierte dann Medizin in Graz und der Michael Kunst in Wien. Jedoch brach er sein Studium nach wenigen Semestern ab und lebte vorwiegend von dem Geld, das ihm von seinen Eltern \u00fcberwiesen wurde.<br \/>\nAuf Urlaub fuhr die Familie Rieser selten, und wenn doch, dann blo\u00df f\u00fcr wenige Tage nach Italien. Selbst als l\u00e4ngst Knechte und M\u00e4gde auf dem Hof besch\u00e4ftigt und die Kinder aus dem Haus waren, g\u00f6nnten sich Maria und Franz keinen langen Urlaub.<br \/>\nSie waren sich eben selbst genug. \u00bbDas Wichtigste ist, dass wir stets beisammen bleiben\u00ab, hatte Maria oft gesagt. \u00bbUnd das k\u00f6nnen wir zu Hause genauso gut wie in Spanien oder auf den Malediven.\u00ab Und Franz hatte ihr dann stets beigepflichtet.<br \/>\nIn all den Jahrzehnten ihrer Ehe hatte es keine einzige Nacht gegeben, die sie nicht nebeneinander verbracht hatten. Und es hatte niemals Streit gegeben, noch nicht einmal Zank. Kein Ohr der Welt h\u00e4tte von einem b\u00f6sen Wort zwischen den Eheleuten Rieser berichten k\u00f6nnen, denn kein solches war jemals gefallen.<\/p>\n<p>Franz Rieser sa\u00df unter dem bl\u00fchenden Apfelbaum und dachte an seine Maria. Wieder weinte er stumm.<br \/>\nVor genau einem Jahr war Maria Rieser gestorben.<br \/>\nSie war ohne erkennbare Anzeichen einer Krankheit an seiner Seite eingeschlafen. Aufwachen hatte er alleine m\u00fcssen.<br \/>\nEr griff in die Tasche seiner Jacke und zog einen weiteren zylindrischen Gegenstand heraus. Auch dieser wurde in seiner Hand bald warm, so warm, wie es ihm ums Herz war beim Denken an Maria.<br \/>\n\u203aAch, meine Maria\u2039, dachte er, \u203avor genau einem Jahr bist du gegangen. Wie geht es dir? Und wie geht es dem Michael? Ist er bei dir? Ich habe dir heute Blumen auf dein Grab gelegt. Und nachgedacht. Schon bald werde ich wieder an deiner Seite sein.\u2039 So dachte er, w\u00e4hrend er den Blick fest auf den Gegenstand in seiner Hand gerichtet hielt.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass sie niemals voneinander getrennt geschlafen hatten, man sah Franz und Maria Rieser blo\u00df zu zweit in der \u00d6ffentlichkeit. Die raren Besuche der Dorfkirche standen sie gemeinsam durch, auch die seltenen Einkehren in das teurere und bessere Gasthaus des Ortes fanden gemeinsam statt. Sie hatten sich nicht absichtlich vom Dorfleben ferngehalten, es hatte sich einfach so ergeben, dass sie die meiste Zeit auf ihrem Hof zubrachten. Gastfreundlich, das waren sie. Wann immer jemand aus dem Dorf auf ihren Hof kam, wurde dieser Mensch gro\u00dfz\u00fcgig bewirtet, oft mit Gerichten aus Wildfleisch, das Franz von seinen zahlreichen Jagdausfl\u00fcgen mit nach Hause brachte.<br \/>\nSo war es auch nach dem Begr\u00e4bnis des Michael. Beinahe alle Dorfbewohner waren auf den Hof der Riesers gekommen, um ihr Mitgef\u00fchl zum Ausdruck zu bringen, denn trotz ihrer sehr privaten Lebensf\u00fchrung waren diese im Ort hochgeachtete Leute. Und alle wurden sie bewirtet, obwohl der Michael vielen von ihnen als Sonderling gegolten hatte, zu dem man besser Abstand hielt. Und des Michaels Eltern hatten das genau gewusst.<\/p>\n<p>\u203aDu warst die einzige Frau, die ich geliebt habe. Kein Schrei, keine Tr\u00e4ne kann die Tiefe des Lochs ausdr\u00fccken, das dein Fortgehen in mich gerissen hat\u2039, dachte Franz Rieser. Das Objekt in seiner Hand war nun mehr als nur warm. Es war hei\u00df, ganz so, als dr\u00e4ngte die Hitze aus ihm heraus. Und Franz f\u00fchlte diese Hitze. Sie begann n\u00e4mlich, von seiner Handfl\u00e4che ausgehend, sich in ihm auszubreiten, immer n\u00e4her kam sie seinem Herzen. \u203aVorige Woche habe ich das Geld vom Verkauf des Hofes der Monika \u00fcberwiesen. Selbst unsere Enkelkinder sind nun befreit von Geldsorgen. Und das ihr Leben lang, wenn sie geschickt mit dem Geld umgehen.\u2039<\/p>\n<p>Zwei Monate nach dem Tod seiner Ehefrau hatte Franz Rieser den gro\u00dfen Hof verkauft und sich blo\u00df ein kleines Haus am s\u00fcdlichen Rande des Anwesens behalten. Der Besitzer des \u00f6rtlichen S\u00e4gewerks hatte eine sehr gro\u00dfe Summe bezahlt und zugesichert, worauf Franz bestanden hatte, n\u00e4mlich dass s\u00e4mtliche M\u00e4gde und Knechte ihre Arbeitsstellen behalten durften.<br \/>\nEr hatte es in dem gro\u00dfen Haus, das er mit seiner Frau bewohnt hatte, nicht mehr ausgehalten. Jeder einzelne Einrichtungsgegenstand erinnerte ihn an sie, mit jedem Winkel eines jeden Raumes waren Erinnerungen verbunden, und zwar ausschlie\u00dflich sch\u00f6ne.<br \/>\nEr, der in seinem ganzen Leben niemals eine andere Frau als seine Maria gek\u00fcsst hatte, der niemals auch nur einen einzigen Gedanken darauf verschwendet hatte, einer anderen Frau die F\u00fc\u00dfe zu streicheln, h\u00e4tte unm\u00f6glich weiter in diesem Haus leben k\u00f6nnen. Noch dazu, wo ihr Geruch in jedem Zimmer deutlich wahrzunehmen war.<br \/>\n\u203aDie M\u00f6bel habe ich den Knechten und den M\u00e4gden geschenkt. Sie werden sie in Ehren halten. Ich habe die Monika gefragt, ob sie etwas davon brauchen kann, doch bis auf ein paar Tischt\u00fccher, die du gen\u00e4ht hast, hat sie nichts davon brauchen k\u00f6nnen, und ihre Kinder auch nicht.\u2039<br \/>\nEr hatte sein kleines Haus mit neuen M\u00f6beln eingerichtet, die g\u00fcnstig aber formsch\u00f6n waren, denn er hatte es nicht \u00fcbers Herz gebracht, Dinge, die ihn an seine Frau erinnert h\u00e4tten, mitzunehmen.<\/p>\n<p>Dieses eine Jahr, dieses exakt eine Jahr, nach Marias Tod war das schlimmste im Leben des Franz Rieser gewesen.<br \/>\nNach ihrer Beerdigung, an welcher eine gro\u00dfe Zahl an Menschen teilgenommen hatte, hatte er sich um den Verkauf des Hofes gek\u00fcmmert. Danach war er in ein tiefes seelisches Loch gefallen.<br \/>\nEr hatte jeden Tag bis zur Mittagszeit im Bett gelegen, jedoch keineswegs schlafend, sondern hellwach und in Gedanken versunken. Allein, er wusste oftmals selbst nicht, woran er dachte. Nat\u00fcrlich dachte er oft an Maria. Diese Gedanken waren die einzigen, die f\u00fcr seine Seele greifbar waren, denn jedes Mal, wenn sie wieder verschwinden wollten, hielt diese sie fest und zerrte sie zur\u00fcck in den Fokus seiner Wahrnehmung.<br \/>\nDann stand er auf, versorgte Murli und Minka, die Katzen, und bereitete sich ein k\u00e4rgliches Mittagsmahl zu, meist blo\u00df Suppe und ein St\u00fcck Schwarzbrot. An den Nachmittagen spazierte er oft \u00fcber seinen ehemaligen Hof und unterhielt sich mit den dort arbeitenden Menschen, bevor er, schon am fr\u00fchen Abend, ermattet zu Bett ging.<\/p>\n<p>Monika, seine Tochter, war viele Male aus Graz gekommen, um ihrem Vater Gesellschaft zu leisten. Wenn es das Wetter zulie\u00df, sa\u00dfen sie auf der Holzbank vor seinem Haus und sprachen \u00fcber Verschiedenes.<br \/>\n\u00bbIch w\u00fcnschte, ich w\u00e4re bereits wieder bei der Mama.\u00ab Diesen Satz musste Monika oft h\u00f6ren und auch ertragen.<br \/>\n\u00bbPapa\u00ab, pflegte sie dann zu sagen, \u00bbder Augenblick wird kommen, in dem du wieder bei der Mama bist. So wie er eines Tages auch f\u00fcr mich kommen wird, dich und die Mama wiederzusehen. Und den Michael.\u00ab Den letzten Satz sagte sie oft seufzend.<\/p>\n<p>Eines Tages erz\u00e4hlte Franz Rieser seiner Tochter, was er vor vielen Jahrzehnten in Wien \u00fcber die letzten Monate im Leben des Michael erfahren hatte.<br \/>\nMonika brach daraufhin in Tr\u00e4nen aus, aber es waren keine Tr\u00e4nen der Trauer, sondern solche der Befreiung. \u00bbPapa\u00ab, schluchzte sie, \u00bbich habe es immer gewusst, dass der Michael sich umgebracht hat.\u00ab Das Wort \u203agewusst\u2039 schrie sie beinahe heraus.<br \/>\n\u00bbWie, du hast es gewusst?\u00ab fragte Franz erstaunt.<br \/>\n\u00bbIn seiner Wohngemeinschaft gab es dieses eine M\u00e4dchen. Sie hat mich angerufen, nachdem der Michael gesprungen ist. Auf dem K\u00fcchentisch hatte er einen Brief f\u00fcr mich hinterlassen. Darin steht, dass er seine Schatten nicht mehr aush\u00e4lt. Und dass ich euch nichts davon erz\u00e4hlen darf, dass es Selbstmord war. Weil er euch nicht noch mehr belasten wollte.\u00ab<br \/>\nFranz legte seine Hand auf die seiner Tochter, sah ihr lange in die Augen und fl\u00fcsterte: \u00bbIch habe es auch gewusst. Ich hatte zwar keinen Beweis, aber tief in mir habe ich es gewusst.\u00ab Dann lagen sie sich in den Armen, minutenlang und weinend.<\/p>\n<p>An diesem Fr\u00fchlingstag im Jahr 2013, unter einem bl\u00fchenden Apfelbaum sitzend, wusste Franz Rieser, dass er zu seiner Maria gehen wollte und auch w\u00fcrde.<br \/>\n\u203aMeine Maria, du hattest recht\u2039, dachte er. \u203aWas zusammengeh\u00f6rt, muss zusammenbleiben. Und das gilt auch f\u00fcr die Seelen. Zwei Seelen, die zusammengeh\u00f6ren, m\u00fcssen wieder zusammenkommen. In wenigen Augenblicken sind wir wieder vereint, du, der Michael und ich.\u2039<\/p>\n<p>Ein letztes Mal blickte Franz Rieser auf die Schrotpatrone, die er in seiner Hand hielt, dann schob er sie in den rechten Lauf und spannte beide H\u00e4hne.<br \/>\nAls Monika h\u00f6rte, was vorgefallen war, dachte sie: \u203aLeb wohl, Papa. Und sag der Mama bitte, dass sie recht hatte.\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16132<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem sonnigen Fr\u00fchlingstag im Jahr 2013 verlie\u00df Franz Rieser sein Haus. Er versperrte die Eingangst\u00fcre und setzte sich auf die rustikale Holzbank vor seinem Heim. \u00bbMurli, Minka!\u00ab, sagte er halblaut, doch laut genug, dass seine beiden Katzen ihn h\u00f6ren konnten. 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