{"id":5208,"date":"2016-10-06T11:47:35","date_gmt":"2016-10-06T11:47:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5208"},"modified":"2016-10-11T11:49:34","modified_gmt":"2016-10-11T11:49:34","slug":"drei-episoden-oder-die-suche-nach-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5208","title":{"rendered":"Drei Episoden und die Wahrheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5208&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5208&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Da geht ein sportlich gekleideter Mann vor mir. Pl\u00f6tzlich beginnt er zu laufen, hastet Richtung Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcbergang, die Ampel steht auf Rot. Er ignoriert die Warnfarbe, blickt einmal kurz nach rechts, dann nach links, wieder nach rechts und l\u00e4uft einfach weiter, \u00fcber die Fahrbahn. Dr\u00fcben angekommen, bleibt er stehen. Atmet schwer, sieht \u00fcber die Stra\u00dfe zu mir her\u00fcber, auf die Zur\u00fcckgebliebene, steht einfach da, auf der anderen Seite und wartet aufs Gr\u00fcnwerden der Fu\u00dfg\u00e4ngerampel. Inzwischen ist er wieder zu Atem gekommen.<br \/>\nEs ist gr\u00fcn, ich quere die Fahrbahn, er auch. In der Mitte der Stra\u00dfe sehe ich ihn fragend an. Er l\u00e4chelt und sch\u00fcttelt den Kopf, mehr f\u00fcr sich als f\u00fcr mich, und geht in die Richtung zur\u00fcck, aus der er urspr\u00fcnglich gekommen ist.<\/p>\n<p>Eine Frau bewegt sich langsam schwankend vor mir. Sie scheint mit ihren High Heels noch auf Kriegsfu\u00df zu stehen. Passenderweise zeigen sich diese angriffslustig in grellem Pink. Darauf abgestimmt erscheint ihr Mund \u00fcppig geschminkt, wie in schreiende Farbe getunkt. Was will er damit sagen? Was will sie damit sagen? Mir offensichtlich nichts, sie l\u00e4chelt und schwankt h\u00fcftschwingend weiter.<\/p>\n<p>Ein Kind wirft den Ball. Er landet wieder in meinem Garten. Der Bub schreit mir fr\u00f6hlich zu: \u201eNochmal bitte!\u201c Sicher, ich werfe den Ball zur\u00fcck. Er kann es nicht lassen, immer wieder ballert er so haargenau an unserem gemeinsamen Zaun entlang, dass das Gescho\u00df bei mir landet. Seufzend erhebe ich mich zum x-ten Mal aus meiner Liege. Das Buch f\u00e4llt zu Boden, der Ball rollt vor meine F\u00fc\u00dfe. Ich trete ihn diesmal ordentlich, sodass er h\u00f6her als sonst \u00fcber den Zaun fliegt. Gleich noch ein St\u00fcckchen weiter, in den anderen Garten. Ich h\u00f6re den Buben aus etwas weiterer Entfernung schreien: \u201eBitte den Ball! Die Nachbarin war\u2019s!\u201c (Genau, die Nachbarin war\u2019s. Ich bin die Nachbarin, die B\u00e4lle in anderer Menschen G\u00e4rten schie\u00dft \u2026) Kurz darauf ert\u00f6nt seine Stimme wieder, mit erfreulichem, weil mich nicht mehr betreffendem Abstand: \u201eNochmal bitte!\u201c<\/p>\n<p>Da frage ich mich pl\u00f6tzlich, wie diese drei Personen, mit denen ich an jenem Tag zu tun hatte, wohl sind oder auch, wie sie einmal waren, bis sie so wurden, wie sie nun sind.<br \/>\nNach reiflicher \u00dcberlegung komme ich zu dem Schluss: Es gibt mehrere denkm\u00f6gliche Varianten (und unz\u00e4hlige denkunm\u00f6gliche noch dazu), ich gehe sie der Reihe nach durch.<\/p>\n<p>Der Mann: Er hatte sich etwas zu beweisen. Er suchte die Gefahr. Bei Rot \u00fcber die Stra\u00dfe zu rasen, hatte ihm einen Nervenkitzel verursacht, noch gesteigert durch die Gewissheit, erstauntes Publikum wie mich vorzufinden.<br \/>\nOder er war einfach zu sp\u00e4t dran gewesen und dann draufgekommen, dass er nochmal zur\u00fcck musste, den Schl\u00fcssel vergessen hatte, oder eine Herdplatte in Verdacht, nicht abgedreht worden zu sein.<\/p>\n<p>Die Frau: Sie glaubte, eine maximale Wirkung zu erzielen, wenn sie auf Farbe und H\u00f6he setzte. Sie war oft \u00fcbersehen worden und machte sich nun gr\u00f6\u00dfer und bunter, als sie tats\u00e4chlich war, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.<br \/>\nOder aber sie war tats\u00e4chlich eine grelle, starke, ja, auch schreiende Person und ehrlich genug, dies sofort zu signalisieren: Wenn du damit nicht klarkommst, bin ich kein Umgang f\u00fcr dich! Ich gefalle mir, wie ich bin und lasse mich sicher nicht unterkriegen. Da geht es um mehr als um Lockbeh\u00fcbschung oder Kriegsbemalung.<\/p>\n<p>Der Bub: Er wollte sich reiben, er wollte meine Geduld austesten. Er warf so oft den Ball \u00fcber die gemeinsame Grenze, bis mir der Geduldfaden riss und ich \u00fcber das Ziel hinausschoss. Er hatte mich provoziert und war damit erfolgreich gewesen. Darum wandte er sich dann den anderen Nachbarn zu, um deren Nervenst\u00e4rke zu testen und sich dabei heimlich ins F\u00e4ustchen zu lachen.<br \/>\nOder es war ihm unglaublich langweilig, bei ihm war niemand zu Hause, er freute sich, dass er mit jemandem reden konnte. Er suchte Kontakt, fand ihn auch wiederholt, und als er merkte, dass das zu viel des Guten war, suchte er anderweitig nach menschlichem Austausch (des Balles und von Worten). Eigentlich war es ein Ballspiel \u00fcber die Z\u00e4une hinweg, aus diesem Blickwinkel betrachtet.<\/p>\n<p>All diese \u00dcberlegungen bringen mich an einen Punkt, und zwar an einen, an dem ich \u00fcber mich selbst nachdenken muss, nolens volens.<br \/>\nBin ich die, die Menschen aufgrund einer Situation, aufgrund einer kurzen Szene einsch\u00e4tzen muss? Will ich etwa \u201edie Wahrheit\u201c finden? Oder kann ich es bleiben lassen? Kann ich meiner so sicher sein, dass ich nicht bewerten muss, wer oder was auch immer meinen Weg kreuzt? Kann ich das, \u201enicht werten\u201c?<\/p>\n<p>Ich fange einmal damit an, meine eigene Rolle nicht zu bewerten, das ist das Einfachere. Ich hab hier einfach drei Episoden erz\u00e4hlt. Und nicht eine davon ist wahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 16131<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da geht ein sportlich gekleideter Mann vor mir. Pl\u00f6tzlich beginnt er zu laufen, hastet Richtung Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcbergang, die Ampel steht auf Rot. Er ignoriert die Warnfarbe, blickt einmal kurz nach rechts, dann nach links, wieder nach rechts und l\u00e4uft einfach weiter, \u00fcber die Fahrbahn. Dr\u00fcben angekommen, bleibt er stehen. 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