{"id":5201,"date":"2016-10-06T11:14:58","date_gmt":"2016-10-06T11:14:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5201"},"modified":"2016-10-10T12:36:21","modified_gmt":"2016-10-10T12:36:21","slug":"ein-steriler-mensch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5201","title":{"rendered":"Ein steriler Mensch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5201&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5201&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Entweder er stellt seine gef\u00fcllten Kisten auf den Dachboden oder aber er geht in den Garten, errichtet eine kleine Feuerstelle und verbrennt sie. Er entschied sich f\u00fcr Letzteres. Denn selbst wenn er, nachdem er den Dachboden verlassen h\u00e4tte, den Schl\u00fcssel aus dem Schloss gezogen h\u00e4tte, um ihn anschlie\u00dfend wegzuwerfen und nicht wie \u00fcblich einmal umzudrehen, um ihn dann in die Schublade neben der Eingangst\u00fcr zu legen, w\u00e4ren immer noch ein Dutzend Szenarien m\u00f6glich, in denen der Inhalt der Kisten den Weg zur\u00fcck in seine oder gar in die H\u00e4nde eines anderen gefunden h\u00e4tte. Er wollte kein Risiko eingehen.<\/p>\n<p>Von den Tausenden und Abertausenden Seiten, die sich in den letzten Jahren in den Kisten angeh\u00e4uft hatten, war er nun befreit und er hatte endlich wieder Platz. Das ist ein Fortschritt, sagte er sich. Alle Altlasten waren entsorgt, und er konnte wieder unbek\u00fcmmert sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Mutter hinter ihm saubermachte, beschloss er, im nahegelegenen Park spazieren zu gehen, wie er es mehrmals die Woche tat. An einer geeigneten Stelle setzte er sich auf eine Bank und fing an, sich Notizen zu machen.<br \/>\nDie Seiten f\u00fcllten sich, doch schon bald hielt er inne, \u00fcberflog Zeile f\u00fcr Zeile und musste mit Bedauern feststellen, dass es wieder nur Beweismaterial war, wieder nur Zeugnisse seiner selbst, derer er sich sch\u00e4mte.<\/p>\n<p>Manchmal, da faltete er nach Ausf\u00fchrung und Beendigung seiner Gedanken das Papier zusammen. Ein anderes Mal, so wie es heute der Fall war, stand er auf, ging zum n\u00e4chsten M\u00fclleimer und entsorgte das Geschriebene. Dies kam jedoch eher selten vor. Meist nahm er das Geschriebene mit nach Hause, um es dort zu archivieren. Auf halber Strecke kehrte er heute aber noch einmal um und suchte erneut den M\u00fclleimer auf, griff mit der Rechten hinein und w\u00fchlte, bis er die Bl\u00e4tter zwischen seinen Fingern sp\u00fcrte. Er zog sie heraus und zerriss sie zuerst der L\u00e4nge nach, legte dann die zwei entstandenen Stapel aufeinander und teilte diese abermals. Den Vorgang wiederholte er, bis nur mehr winzig kleine quadratische St\u00fcckchen \u00fcbrig geblieben waren. Er blickte sich um. Der Park war wie ausgestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Seine Kleidung war wei\u00df und unbefleckt. Die Mutter wusch sie am sonnt\u00e4glichen Waschtag. Selbst die \u00fcbelsten Flecken konnte sie, in dem Fall, dass er sich beflecken w\u00fcrde, was so gut wie nie vorkam, weil er peinlichst darauf bedacht war, seine Kleidung sauber zu halten, reinigen. Ein wei\u00dfes Gilet, ein wei\u00dfes Hemd, eine wei\u00dfe kurze Hose, wei\u00dfe Socken, blassbraune Sandalen. Er zeigte ungern Haut, doch die Hitze des Sommers verlangte es so. Fr\u00fcher war er es gewohnt, sich auch bei H\u00f6chsttemperaturen in schwarze Kleidung zu h\u00fcllen, doch das hatte er aufgeben.<\/p>\n<p>So wie viele seiner Eigenheiten nur von kurzer Lebensdauer waren und schon bald nach ihrem Aufkommen verschwanden. Andere wiederum hatten scheinbar kein Ablaufdatum. Sie drangen tief in sein Fleisch ein, sodass sie auch, nachdem sie schlichtweg ihre Notwendigkeit verloren hatten, nutzlos sein Wesen zierten. Es waren kleine Souvenirs vergangener Zeiten, die er nur zu gerne vergessen w\u00fcrde. Manchmal kam einer und versuchte sie aufzudecken. Manchmal gelang es. Manchmal nicht. Wenn es gelang, war er besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich an einen Spaziergang im Park, bei dem er einem entfernten Bekannten begegnet war. Dieser war ein besonders interessierter Mensch, einer, der sich zu gerne in das Leben anderer einmischte, so dachte er, einer, der die Kunst des Fragens beherrschte und der es so vermochte, dem Gespr\u00e4chspartner mehr zu entlocken, als ihm eigentlich recht war.<\/p>\n<p>Sie hatten sich gegen\u00fcbergestanden. Der Bekannte war deutlich n\u00e4her ger\u00fcckt als es hierzulande die Konvention war. Die Unterhaltung hatte sich zugespitzt und einen unvorhergesehenen Verlauf genommen. Er war in eine Sackgasse gedr\u00e4ngt worden, die ihm jeglichen Handlungsspielraum nahm. Er hatte die Haltung verloren. Seine Augen waren glasig geworden, und eine erste Tr\u00e4ne bildete sich. Er w\u00fcnschte, er k\u00f6nnte sie so wie den Schleim in der Nase hochziehen und hinunterschlucken. Aber das war ihm nicht m\u00f6glich. Genauso wenig wie es ihm m\u00f6glich war, den Klo\u00df in seinem Hals durch den Speichel in seinem Mund aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Er hatte sich bei dem Herrn entschuldigt und war davongeeilt auf der Suche nach einem sicheren Ort, der ihn f\u00fcr wenige Momente vor den Augen der Welt verbergen w\u00fcrde. Der Vorfall w\u00fcrde sich schnell herumsprechen. Sie hatten gemeinsame Bekannte. Wahrscheinlich hatte er umgehend nach seinem Mobiltelefon gegriffen und begonnen, das sich eben Zugetragene zu verbreiten.<\/p>\n<p>Er verfluchte den Mann. Am liebsten h\u00e4tte er kehrtgemacht, um ihm sein Telefon um die Ohren zu hauen. Er fragte sich, wie es so weit kommen hatte k\u00f6nnen. Wie er die Selbstbeherrschung verlieren und so viel Schw\u00e4che zeigen konnte.<\/p>\n<p>Man musste dem Mann jedoch zugestehen, dass auch er ihm gegen\u00fcber erschreckend ehrlich gewesen war, dass er allzu Intimes preisgegeben hatte. Allm\u00e4hlich begriff er, dass sie w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs eine Art unausgesprochene Vereinbarung getroffen hatten. Er selber war auch offen gewesen, hatte nichts verborgen, hatte sich selbst von seiner menschlichsten Seite gezeigt. Er hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er es nachvollziehen k\u00f6nne, dass er \u00c4hnliches erlebt h\u00e4tte und ihn auf gar keinen Fall f\u00fcr seine Fehlbarkeit verurteilen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dennoch hatte er damals beschlossen, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Es mussten zus\u00e4tzliche Ma\u00dfnahmen getroffen werden. Vor jenem Vorfall war es seine Art gewesen, gewissen Fragen einfach auszuweichen, beziehungsweise wenn n\u00f6tig, um den hei\u00dfen Brei herumzureden. Mit diesem Tag aber hatte er es sich angew\u00f6hnt, im Gespr\u00e4ch mit anderen immer weiter von der Wahrheit abzuweichen. Anfangs hatte er Details bewusst weggelassen oder leicht variiert. Schlie\u00dflich erfand er komplette Geschichten frei. In erster Linie galt dies seinem Schutz, zum anderen jedoch mochte er die Fiktion und wollte ihr nicht nur in seiner dichterischen Arbeit, sondern auch in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen Platz einr\u00e4umen. Es galt, das Fiktionsbed\u00fcrfnis seiner selbst und das der Menschen zu stillen. Hinzu kam, dass sein Leben schlichtweg nicht darauf ausgerichtet war, erz\u00e4hlt zu werden.<\/p>\n<p>Wenn er einen Bekannten traf, w\u00fcrden im Durchschnitt 2,173 Monate vergehen, ehe er ihn erneut traf. Dieser Umstand lie\u00df ihm beim Erz\u00e4hlen freie Hand, w\u00fcrden sich die Menschen doch nach Verstreichen einer solchen Zeitspanne, wenn \u00fcberhaupt, dann nur grob an das erinnern, was er erz\u00e4hlt hatte. Dennoch notierte er sich nach jedem Treffen in kurzen Stichworten, was er demjenigen aufgetischt hatte, und \u00fcberlegte sich sogleich, wie er die Geschichte das n\u00e4chste Mal fortf\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Er wurde immer geschickter darin, sein Leben zu verschleiern, seine Gesichtsmuskulatur so zu kontrollieren, dass kein ungewollter Eindruck entstand, innere Regungen zu vertuschen, sie nicht an die Oberfl\u00e4che gelangen zu lassen, eine Rede zu halten, die es nicht erlaubte, in den K\u00f6pfen der anderen ein Eigenleben zu entwickeln. Seine Gespr\u00e4chsbeitr\u00e4ge waren m\u00f6glichst der Art, dass schon bei der Verabschiedung der andere das Gesagte sofort vergessen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Als er nach Hause kam, war die Mutter bereits mit dem t\u00e4glichen Hausputz fertig und hatte sich hinaus in den Garten begeben, wo sie unbewegt, den Blick auf einen kleinen Baum gerichtet, auf der Wiese sa\u00df. Irgendwann hatten sie aufgeh\u00f6rt, miteinander zu reden. Von ihm erfuhr sie nichts. Nur von den hinterlassenen Gegenst\u00e4nden konnte sie R\u00fcckschl\u00fcsse auf seine Gewohnheiten, auf seinen Alltag, auf seine k\u00f6rperliche und geistige Verfassung ziehen. Er wusste nicht, ob er die t\u00e4glich anstehenden Arbeiten ohne sie bew\u00e4ltigen k\u00f6nnte. Sie war f\u00fcr ihn von unsch\u00e4tzbarem Wert, wenn es darum ging, die t\u00e4glichen Aufr\u00e4umarbeiten zu verrichten. Auf der anderen Seite jedoch war sie seine Schwachstelle. \u00dcber sie war er angreifbar. Sie war die letzte Zeugin, die Letzte, die Bescheid wusste und Auskunft \u00fcber ihn und seine Vergangenheit geben konnte.<\/p>\n<p>Nur sie w\u00fcrde \u00fcbrig bleiben. Doch w\u00e4hrend ihr K\u00f6rper jung geblieben war, war ihr Hirn matschig und weichgesp\u00fclt. Ihr Erinnerungsverm\u00f6gen lie\u00df stark nach, sie brachte Sachen durcheinander und der Verfallsprozess ihres Geistes hatte bereits erschreckende Ausma\u00dfe angenommen. Es war fraglich, ob ihr \u00fcberhaupt jemand Geh\u00f6r schenken w\u00fcrde, und wenn, ob ihr \u00fcberhaupt jemand folgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>W\u00fcrde er unerwartet sterben, dachte er sich wiederholt, sie w\u00fcrden nichts finden. Sie w\u00e4ren vollkommen ahnungslos. Der Pfarrer w\u00fcrde bei der Begr\u00e4bnisrede stumm bleiben und die Handvoll Menschen, die sich in der Kirche versammeln w\u00fcrde, sie w\u00fcrde herumstottern, versuchen, im Gespr\u00e4ch mit anderen Worte zu finden, die seiner Person auch nur im Ansatz gerecht werden k\u00f6nnten. Sie w\u00fcrde kl\u00e4glich scheitern, daf\u00fcr hatte er Sorge getragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ernest Perfahl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/machwerkminiaturen.tumblr.com\/\" target=\"_blank\">machwerkminiaturen<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\"><span style=\"color: #000000;\">hardly secret diary<\/span><\/a> | Inventarnummer: 16130<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entweder er stellt seine gef\u00fcllten Kisten auf den Dachboden oder aber er geht in den Garten, errichtet eine kleine Feuerstelle und verbrennt sie. Er entschied sich f\u00fcr Letzteres. 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