{"id":5162,"date":"2016-10-01T18:39:17","date_gmt":"2016-10-01T18:39:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5162"},"modified":"2016-10-17T12:44:03","modified_gmt":"2016-10-17T12:44:03","slug":"der-fremde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5162","title":{"rendered":"Der Fremde"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5162&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5162&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Bar ist nicht gut besucht, nur ein P\u00e4rchen sitzt stumm vor den Gl\u00e4sern, deren Rest sie problemlos mit einem halben Schluck leeren k\u00f6nnten. Sie warten damit, schlie\u00dflich ist der Abend lang und die Geldb\u00f6rse d\u00fcnn. Der Kellner wird sie nicht fragen, ob sie noch ein weiteres Bier haben wollen, solange im Glas noch etwas drin ist, sich noch irgendein Bl\u00e4schen an die Oberfl\u00e4che schwindelt.<\/p>\n<p>Nein, es ist zu fr\u00fch f\u00fcr eine neuerlich Bestellung, sie haben das schon vor dem Eingang ausf\u00fchrlich diskutiert: Wenn sie zusammenlegen, reicht es f\u00fcr f\u00fcnf Kr\u00fcgel f\u00fcr sie und sieben f\u00fcr ihn. Das ist etwa die Menge, die sie zum Einschlafen brauchen, zu Monatsbeginn ist das Verh\u00e4ltnis 8:12.<br \/>\nDer Kalender da hinten \u00fcber dem brummenden K\u00fchlschrank behauptet, dass heute Mittwoch ist, Mittwoch der 24. September. Da hat wohl wer vergessen, den Mittwoch, den Donnerstag und den Freitag abzurei\u00dfen, denn das stimmt nicht ganz, die beiden haben kurz gekichert, wie sie das gesehen haben, wissen sie doch, dass heute bereits Samstag ist, der 27., es also nur mehr drei Tage dauert, bis die Renten am Konto landen. Auch das haben sie sich schon vor der T\u00fcr ausgerechnet, schon um die heutige Ration und deren Einteilung zu berechnen.<\/p>\n<p>Der Kellner, er ist nicht von hier aber trotzdem nett, kommt von irgendwo aus dem S\u00fcden \u2013 aus Serbien, Albanien oder dem Kosovo, oder noch weiter s\u00fcdlich, Griechenland, T\u00fcrkei, Tunesien, oder vielleicht mehr aus dem Osten, Tschechien, Ungarn, Ukraine &#8230; ist ja aber auch schei\u00dfegal, in ein paar Wochen wird wieder wer anderer da sein, und auch wieder nach ein paar Wochen weiterfl\u00fcchten, nach England, nach Schweden, nach Amerika.<\/p>\n<p>Adam und Eva sind sehr liberal: Es ist ihnen egal, woher der Typ kommt, sie wollen nur nicht angesprochen werden, der soll weiter und zum wiederholten Mal die Gl\u00e4ser polieren, auch wenn sie trotzdem nicht sauber werden wollen, sie aber in Ruhe lassen. Die beiden tauschen diese Gedanken v\u00f6llig ungeniert aus \u2013 sollte sie der Mann verstehen, w\u00e4re es ihnen auch egal, schlie\u00dflich soll er froh sein, was zu tun zu haben, und immerhin ist hierzulande immer noch der Kunde K\u00f6nig. Und die Kundin K\u00f6nigin, wie Eva kurz l\u00e4chelnd feststellt.<\/p>\n<p>Ahmed poliert weiter Gl\u00e4ser, die schon lange keine Fl\u00fcssigkeit oder ein sauberes Tuch gesp\u00fcrt haben, aus dem Hintergrund t\u00f6nt Musik mit deutschen Texten, in denen es um verlorene Liebe und M\u00fctter geht, um den Juchaza, der auf hohen Bergen automatisch, quasi wie von selbst, der Brust entspringt und so ins tiefe Tal t\u00f6nt, wo es dann alle h\u00f6ren, um die inbr\u00fcnstige Liebe zum Heimatort mit Seitenhieben auf die beiden T\u00e4ler daneben, denen \u2013 etwas verklausuliert \u2013 die Pest an den Hals gew\u00fcnscht wird.<\/p>\n<p>Die Lautsprecher sind aber schon ziemlich desolat, nur wirkliche Kenner k\u00f6nnten aus dem akustischen Brei heraush\u00f6ren, dass es sich dabei um \u00f6sterreichische Folklore handelt. Adam und Eva vermuten jedenfalls, dass es sich dabei um arabische Lieder mit ketzerischem Inhalt handelt, mit dem dieser Moslem, oder was immer er ist, sie \u00fcbers Unterbewusstsein zum Tschihad oder irgendeinem anderen heiligen Krieg hypnotisieren will. Sie sind auch deshalb etwas angespannt, lange sitzen Adam und Eva vor ihren Gl\u00e4sern, blicken immer auf die gro\u00dfe Uhr hinterm Tresen, auf der die Zeit korrekt abgebildet zu sein scheint: Zehn Minuten vor neun, also noch zehn Minuten bis zur n\u00e4chsten Bestellung \u2013 sie haben sich ausgemacht, um neun Uhr den n\u00e4chsten halben Liter reinzuleeren, die anderen dann im Halbstunden-Takt: So kommen sie noch vor eins nach Hause, wo sie dann \u00fcbereinander herfallen werden.<\/p>\n<p>Dabei: Adam will schon seit l\u00e4ngerer Zeit gar nicht mehr so sehr \u00fcber Eva herfallen, macht es eigentlich nur ihr zuliebe, w\u00fcrde am liebsten gleich so richtig schlafen. Eva geht es nicht anders: Sie spielt nur mit, um Adam den Gefallen zu tun, eigentlich w\u00fcrde auch sie lieber nur einfach schlafen. Gut, von Zeit zu Zeit will sie es ja auch, an den christlichen Sonn- und Feiertagen beispielsweise. Der exakt gleiche Gedanke schleicht zeitgleich durch Adams Kopf. Obwohl sie sich so viele Sachen ganz genau ausmachen \u2013 das haben sich noch nicht ausgemacht, dieser Abend im Pub sollte ihnen aber die Gelegenheit geben, dieses Thema endlich einmal anzusprechen, Adam hat sich das f\u00fcr heute vorgenommen, Eva auch.<\/p>\n<p>Beide wollen damit die paar Minuten bis neun noch warten, mit einem frischen Bier l\u00e4sst es sich besser reden. Gleichzeitig holen sie sich zur \u00dcberbr\u00fcckung ihr Handy, Eva aus der Handtasche, Adam aus der Jean, beide tun, als w\u00fcrden sie daraus wichtige Erkenntnisse gewinnen, sind gl\u00fccklich, ein paar Minuten nichts sagen zu m\u00fcssen. Der Kellner poliert ein n\u00e4chstes Glas, die Boxen leeren neuen Brei dr\u00fcber, Eintagsfliegen hauchen freiwillig vorzeitig ihr Leben aus, dabei h\u00e4tten sie sich daf\u00fcr noch ein paar Stunden Zeit lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 16126<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bar ist nicht gut besucht, nur ein P\u00e4rchen sitzt stumm vor den Gl\u00e4sern, deren Rest sie problemlos mit einem halben Schluck leeren k\u00f6nnten. Sie warten damit, schlie\u00dflich ist der Abend lang und die Geldb\u00f6rse d\u00fcnn. 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