{"id":5158,"date":"2016-10-01T18:34:57","date_gmt":"2016-10-01T18:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5158"},"modified":"2016-11-03T13:52:07","modified_gmt":"2016-11-03T13:52:07","slug":"das-bic-hat-er-sich-nicht-gekauft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5158","title":{"rendered":"Feuerzeug"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5158&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5158&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Bic hat er sich nicht gekauft: Es ist irgendwie gekommen, auf einmal dagewesen, da wo kurz vorher noch gar nichts war, n\u00e4mlich in seiner Hand, da war es auf einmal, hat dann seinen Weg in Haralds Hosentaschen wie von selbst gefunden, ganz ohne willentliches Zutun von Harald selber. Egal welche Hose er sich anzieht, egal welche Lade er aufmacht \u2013 in jeder Tasche, in jedem Sackerl findet sich eines der Dinger, mal schlicht einf\u00e4rbig, mal beschriftet, besonders viele kommen vom S\u00e4gewerk Pr\u00f6dl, was ihn oft irritiert, geh\u00f6rt ihm doch das Unternehmen nicht, kennt er auch keinen Menschen, der da arbeitet, au\u00dferdem liegt es gut zweihundert Kilometer s\u00fcdlich in einem anderen Bezirk, einem anderen Bundesland, Harald hat das gegoogelt.<\/p>\n<p>So ist das heute, er kennt es aber auch anders: Im letzten, gnadenlosen Winter durchst\u00f6berte er die ganze Wohnung, fand nirgendwo ein Feuerzeug, auch keine Streichh\u00f6lzer; keine Steine, mit denen er Funken schlagen , kein Stroh, das einen davon auffangen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Damals arrangierte er am E-Herd ein paar schlanke Sp\u00e4ne, die er sich aus seinem Kochl\u00f6ffel geschnitzt hatte, zu einem kleinen Lagerfeuer, darunter platzierte er die Watte eines ungebrauchten Tampons als Futter, drapierte es noch mit hauchd\u00fcnnen Streifchen, die er aus dem Klopapier gefuzelt hatte \u2013 das Fl\u00e4mmchen brennt aber nur kurz \u2013 die Zigaretten liegen noch im Zimmer, die Sp\u00e4ne fangen das Feuer nicht wirklich, Harald kommt zu sp\u00e4t zur\u00fcck.<br \/>\nSo ist er doch noch runter auf die Stra\u00dfe, die wenigen Passanten rauchen nicht und f\u00fcrchten sich vor dem Mann, der sie, mit einer Zigarette im Mundwinkel, eine zweite in der anderen feuchten Hand, seltsam ansieht \u2013 so als wollte er sie gleich was fragen. Sie wechseln die Stra\u00dfenseite, so bald sie ihn sehen und beschleunigen ihre Schritte, so bald Harald Anstalten zeigt, eine Bewegung in ihre Richtung zu machen.<\/p>\n<p>Seine Freunde kennen diese Geschichten, schon seit Jahren stecken sie ihm ab Ende September Feuerzeuge zu, lassen ihre unbeaufsichtigt vor ihm liegen. Ende Oktober ist dann Haralds kleine Wohnung so bunt wie der Fr\u00fchling: in der K\u00fcche zu farbenfrohen Gr\u00fcppchen arrangiert, im Zimmer nach Grundfarben zusammengefasst, auf der Stellage vor den ungelesenen B\u00fcchern in einer lange Doppelreihe platziert \u2013 diese Exemplare sind mit Werbeaufschriften versehen, Harald ordnet sie t\u00e4glich alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben der Firmen, die diese Feuerzeuge unters Volk streuen. Auch dieses Jahr ist das S\u00e4gewerk Pr\u00f6dl prominent vertreten, Harald reiht sie unter \u201eP\u201c ein, nicht unter \u201eS\u201c.<br \/>\nAuf der Fensterbank, auf und in der Vitrine, am Sp\u00fclkasten im Klo, auf und im Alibert, auch auf Tisch und Sessel kugeln ein paar, noch nicht sortierte, herum \u2013 es m\u00fcssen tausende Bics sein, die seiner Bleibe einen etwas seltsamen, aber doch irgendwie lustigen, frohen Eindruck verleihen.<\/p>\n<p>Der November und die ersten beiden Dezemberwochen sind Haralds Hoch-Zeit: Er ist stets gut gelaunt, l\u00e4sst keine Party, kein Konzert aus, er ist \u00fcberall anzutreffen, wo sich mehr als f\u00fcnf befreundete Seelen zusammenrotten. In dieser Zeit geht er nicht aus dem Haus, ohne eine stattliche Anzahl der Feuerzeuge mitzunehmen, alle Taschen seines Sakkos beulen sich fast obsz\u00f6n, und er geht mit seinem Vorrat \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgig um: Er verschenkt sie wie selbstverst\u00e4ndlich bei jeder Gelegenheit, dr\u00fcckt an der Busstation einer Greisin eines in die Hand, auch wenn sie nicht wei\u00df, wie ihr geschieht, begl\u00fcckt den Buschauffeur mit einem roten, die anderen Fahrg\u00e4ste mit andersfarbigen Bics, bevor er sich hinsetzt.<br \/>\nIn der Stadt angekommen, l\u00e4sst er mit jeder gerauchten Zigarette einen der Feuerspender liegen, sein Sakko wirkt bald unnat\u00fcrlich, auch wenn sich in seinen vielen Taschen und T\u00e4schchens nur mehr wenige befinden. Es geht sich stets gut aus, vor seiner Haust\u00fcr z\u00fcndet er sich eine letzte Zigarette an, nimmt das letzte verbliebene Bic sicherheitshalber mit rauf.<\/p>\n<p>Es reicht jeweils bis knapp zum Jahreswechsel. So ab der dritten Adventwoche wirkt Harald nicht mehr so eloquent, so freundlich, so rund, wie ihn seine Freunde kennen \u2013 auch wenn es nach dem ersten Blick noch so scheint, aber selbst darin ist bereits eine gewisse Nervosit\u00e4t zu erkennen.<br \/>\nIn der letzten Woche des Jahres Harald sieht nur mehr seine beiden vertrautesten Freunde und das auch nur in seiner Wohnung, die nun farblos wirkt, grau in grau wie das Schwarz-Wei\u00df-Foto von ihm als Kind \u2013 diesem jungen, Gesicht, das ihn st\u00e4ndig aus einem kleinen Rahmen beobachtet: Vom Schreibtisch aus hat es auch einen guten \u00dcberblick \u00fcber Haralds Reich.<\/p>\n<p>Harald ist unaufmerksam, l\u00e4dt das Handy, auch wenn er es nur mehr kurz und bei dringendem Bedarf einschaltet, sucht best\u00e4ndig irgendwas lange, bis er vergisst, was er eigentlich gesucht hat, \u00fcberpr\u00fcft st\u00e4ndig den Wasserstand der \u201aEstufa Hidroponica\u2019, die er hydrokulturell aufzieht \u00a0\u2013 \u00a0seine Freunde, die nur mehr die Sorge um Harald zu ihm bringt, bleiben jeweils nur kurz.<\/p>\n<p>Harald l\u00e4sst Silvester aus, rettet sich ins neue Jahr mit Feuerzeugen, die er noch in der einen oder andere Hosentasche findet, in einem schon so lange nicht mehr angezogen Anzug, in einem der vielen Schr\u00e4nke, vielleicht ganz hinten in der Brotlade, versteckt im Sommerschuh, vergraben in der eigentlich f\u00fcr die Petersilie gedachten Erde im Blumentopf in der K\u00fcche. Als letzten Ausweg gibt es noch auf kurzer Schnur vom Balkon herabh\u00e4ngende, st\u00e4ndig Wind und Wetter ausgesetzte Exemplare, vorsorglich hat er sie in kleine Plastiks\u00e4ckchen eingeschwei\u00dft. Es handelt sich um v\u00f6llig ungebrauchte, farbriksneue Reklame-Tools vom S\u00e4gewerk Pr\u00f6dl, genau so wie die Chance, die er in besseren Zeiten, mit Resten vom Silvesterblei beschwert, im Sp\u00fclkasten versenkt hat.<\/p>\n<p>Der J\u00e4nner ist hart, gegen Ende des Monats findet Harald auch die beiden Balkon-Exemplare nicht mehr, was ihn halb verr\u00fcckt macht: Er lebt in seiner Wohnung in einem geschlossenem Inertialsystem, aus dem, rein physikalisch gesehen, einfach nichts verschwinden kann und Harald hat seine Wohnung schon seit Wochen nicht mehr verlassen, keine Freunde mehr empfangen, weiblichen Besuch gibt es in dieser Jahreszeit sowieso nicht. Zigaretten hat er noch genug, er hat f\u00fcr die schwere Zeit sicherheitshalber f\u00fcnfzehn Stangen Zigaretten gebunkert \u2013 es gibt aber kein Feuer, schlie\u00dflich funktioniert auch die eiserne Reserve aus dem Klo nicht: Er hat wohl in den guten Zeiten schlampig gearbeitet \u2013 das Ding schwimmt in dem Plastik wie ein Goldfisch im Glas. W\u00e4hrend es Harald im Backrohr bei nur f\u00fcnfzig Grad und offener T\u00fcr vorsichtig trocknet, durchst\u00f6bert er die ganze Wohnung, findet nur Bestandteile von Feuerzeugen, allerdings keinen Z\u00fcndstein, es gibt auch keine Streichh\u00f6lzer.<\/p>\n<p>Auch keine Steine, mit denen er Funken schlagen k\u00f6nnte, kein Stroh, das einen davon auffangen k\u00f6nnte. Er arrangiert am E-Herd ein paar schlanke Sp\u00e4ne, die er sich wieder aus seinem bereits sehr seltsam geformten Kochl\u00f6ffel schnitzt, zu einem kleinen Lagerfeuer, darunter platziert er die Watte des vorletzten ungebrauchten Tampons als Futter, drapiert es noch mit hauchd\u00fcnnen Streifchen, die er aus dem Klopapier fuzelt. Die Zigarette hat er bereits im Mund \u2013 das Fl\u00e4mmchen brennt aber zu kurz oder Harald saugt etwas zu sp\u00e4t dar\u00fcber, er zieht nur kalte Luft in seine Lunge, kalte Luft, die etwas nach Tabak schmeckt.<\/p>\n<p>So geht er doch noch runter auf die Stra\u00dfe, die wenigen Passanten rauchen nicht und f\u00fcrchten sich vor diesem Mann mit dem etwas seltsamen Blick und einer Zigarette im Mundwinkel, eine andere in der feuchten Hand.<\/p>\n<p>Erst dann kommt der Februar, danach der M\u00e4rz und so weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> |Inventarnummer: 16125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bic hat er sich nicht gekauft: Es ist irgendwie gekommen, auf einmal dagewesen, da wo kurz vorher noch gar nichts war, n\u00e4mlich in seiner Hand, da war es auf einmal, hat dann seinen Weg in Haralds Hosentaschen wie von selbst gefunden, ganz ohne willentliches Zutun von Harald selber. 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