{"id":5145,"date":"2016-10-01T17:56:47","date_gmt":"2016-10-01T17:56:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5145"},"modified":"2016-10-05T08:13:55","modified_gmt":"2016-10-05T08:13:55","slug":"wer-hat-angst-vor-rot-gelb-und-blau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5145","title":{"rendered":"Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5145&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5145&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Dass die mich nicht eingelocht und freigesprochen haben, war kein Gl\u00fcck, das war K\u00f6nnen. Wegen Unzurechnungsf\u00e4higkeit zur Tatzeit. Sonst w\u00fcrde ich jetzt noch in der Anstalt hocken. Und &#8230; das mit dem Bild, das habe ich mir reichlich \u00fcberlegt. Ich meine, da habe ich ein Bild besch\u00e4digt und dann st\u00fcrzen sich alle auf mich wie auf einen Massenm\u00f6rder. Da kann es schon mal passieren, dass ich total durcheinanderkomm und irgendwas daherplappere. Die tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnde sind mir damals auch gar nicht klar gewesen. Nicht so wie jetzt. \u00dcber die k\u00f6nnte ich ein Buch schreiben.<\/p>\n<p>Was die Zeitungen gebracht haben, war ja sowieso alles Mist. Das war wieder typisch. Von \u201ezerhacken\u201c konnte ja keine Rede sein. Ich meine, \u201eIrrer\u201c, das kann von mir aus durchaus zutreffen.<\/p>\n<p>Aber irgendwie trauere ich der Zeit noch immer ziemlich nach, in der ich mich regelrecht paradiesisch gef\u00fchlt habe. Ich habe jetzt fast das Gef\u00fchl, dass derjenige, der da letzten Sommer die Aktion gemacht hat, ein anderer war. So kommt mir das fast vor. Das war ein Sprung aus 30 Metern H\u00f6he mit dem Kopf voran ins kalte Wasser. \u00dcberhaupt komm ich mir heute ganz anders vor. Ich kann es gar nicht recht fassen, dass ich das wirklich war. Der, der bin ich nicht, das war ein anderer. Aber wer bin ich denn eigentlich? Meine Geschichte \u2013 die klingt wie die eines jeden, irgendwie langweilig. Fast habe ich den Eindruck, die Leute interessieren sich mehr f\u00fcr erfundene Geschichten, f\u00fcr spektakul\u00e4re. Sie rechnen sogar damit.<\/p>\n<p>Geboren bin ich in einer kleinen Gemeinde mit 8.000 Einwohnern. Vier Geschwister habe ich noch und davon bin ich der \u00c4lteste. In der Schule war ich nicht schlecht, aber das war nicht so wichtig. Meinen Eltern jedenfalls nicht. Sie wollten nur, dass man mehr oder minder ein ordentlicher Kerl wird. Da kommen so Sachen ins Spiel wie Pflichterf\u00fcllung. Dass man ehrlich ist. So was in der Richtung. Nach der Matura hab ich dann mit Medizin begonnen. Am Anfang meines Studiums habe ich noch Idealvorstellungen gehabt. Aber ich war von dem, was dort an der Uni gelaufen ist, ziemlich entt\u00e4uscht. Ich habe die Art der Leute \u00fcberhaupt nicht gemocht. Was sich die erwartet haben, hat mit mir \u00fcberhaupt nicht \u00fcbereingestimmt. Die hatten vor, ein dickes Auto zu fahren oder sich irgendwelche Annehmlichkeiten zu leisten. Es hat mich regelrecht angeekelt. Die hatten wirklich nur Geld, Autos, Tennis und M\u00e4dchen im Kopf. Meinen Eltern war das egal, was ich mache. Die stehen nicht so auf Prestige-Dinge. Aber sie h\u00e4tten es doch ganz gerne gesehen, wenn ich weitermachte. Ich bin dann n\u00e4mlich auf Veterin\u00e4rmedizin umgestiegen. Das Verh\u00e4ltnis zu meinen Eltern? Vater, bestens \u2013 mein einziges Vorbild, und Mutter? Sie opfert sich f\u00fcr die Kinder auf.<\/p>\n<p>Jedenfalls zu der Zeit damals habe ich mich wohlgef\u00fchlt. Ich kam mir irgendwie als Kr\u00f6nung der Sch\u00f6pfung vor. Da gab es keine Vorbilder. In so einer Euphorie, da will man vom Arzt nichts wissen, da f\u00fchlt man sich kerngesund. Da sind dann automatisch alle Leute, die einen bewegen wollen, zum Arzt zu gehen, vollkommen schwachsinnig. Das gute Gef\u00fchl hat man von vornherein. Da braucht eigentlich kaum mehr etwas zu passieren. Das kann gar nicht mehr gesteigert werden. Man ist dauernd fit. So eine Art Schlaflosigkeit und Getriebenheit. In den Zeiten ist das \u00fcberhaupt kein Problem \u2013 wie man so sagt \u2013 irgendwelche Frauen aufzurei\u00dfen. Es geht dann alles wie von selbst. Insofern tr\u00e4gt das noch weiter zur Steigerung von diesem Hochgef\u00fchl bei. Der Kopf, der war unheimlich frei. Man hat wesentlich besser denken k\u00f6nnen. Es waren massenhaft Assoziationen da, und es kam mir so vor, als h\u00e4tte ich dreimal so schnell gedacht wie irgendwelche anderen Leute. Aber das ist nur f\u00fcr einen selber so.<\/p>\n<p>Man steht vollkommen \u00fcber allem. In so einem Zustand habe ich in einem nagelneuen wei\u00dfen Anzug einen Fluss durchquert, weil mir die n\u00e4chste Br\u00fccke zu weit weg war. Ein anderes Mal habe ich Leuten Zigaretten besorgt: Da standen massenhaft Leute vorm Bahnhof, die auf einen Zug gewartet haben. Und die haben mich nach Zigaretten gefragt. Ich hatte keine, weil ich zu der Zeit praktisch kaum geraucht habe. Also habe ich was besorgt. Habe einen Automaten kaputtgeschlagen und den Leuten die P\u00e4ckchen gebracht. Das war genau gegen\u00fcber dem Polizeirevier. Und f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter haben die mich eingelocht. Wenn m\u00f6glichst alle Leute in diesem Zustand w\u00e4ren, dann w\u00fcrde das auf den ersten Blick ziemlich chaotisch ablaufen, das Leben. Aber andererseits doch ziemlich geregelt und regelrecht paradiesisch, weil man sich wohlf\u00fchlt und man in diesem Zustand gar nicht in der Lage ist, jemandem richtig weh zu tun.<\/p>\n<p>Ich war vorher schon, ich glaube so zwei Monate vorher, mehr oder minder zuf\u00e4llig in die Nationalgalerie geraten. Und dann war es diese Absperrung, ja erst diese Plastikabsperrung halbkreisf\u00f6rmig um das Bild herum am Boden, die mich so richtig aufmerksam gemacht hat. Was soll das denn, hab ich mich gefragt: Soll das ein Bild sch\u00fctzen oder was? Ich fand das richtig komisch, ich meine, so was findet man ja gew\u00f6hnlich auf Parkpl\u00e4tzen. Aber in einem Museum Autos, die Bilder besch\u00e4digen, also das finde ich ziemlich komisch. Wie die ein Bild vor seinen Liebhabern sch\u00fctzen! Und dann diese drei Fl\u00e4chen Farbe. Das muss man sich erst einmal vorstellen: ein Riesending mit blo\u00df drei Fl\u00e4chen Farbe drauf. Wenn du davorstehst, kommst du dir richtig klein vor.<\/p>\n<p>Ich habe es mir also angesehen und dann den W\u00e4rter gefragt, was das sein soll. Und der gibt mir zur Antwort: Wenn es drei Millionen gekostet hat, dann muss es ja Kunst sein \u2013 und dabei hat er sogar noch geschmunzelt. Drei Millionen &#8211; habe ich gedacht \u2013 ein Wahnsinnspreis. Da muss es etwas Besonderes sein, und hab mir dann das Bild noch einmal aus allen Perspektiven angeguckt. Als ich praktisch in der Mitte vor dem Bild stand, direkt vor der Absperrung, da hatte ich irgendwie so ein ganz seltsames Gef\u00fchl. Da hat mich was durchzuckt. Ich versp\u00fcrte in irgendeiner Form Furcht davor. F\u00fcr einige Momente bekam ich regelrechte Angstzust\u00e4nde. Ich bin mir da selber nicht sicher, ob man das Gef\u00fchl Angst nennen kann. So was \u00c4hnliches. Jedenfalls rein vom Verstandesm\u00e4\u00dfigen her habe ich \u00fcberhaupt keine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Nationalgalerie kenne ich das Dahlemer Museum von verschiedenen Besuchen. Wenige Tage vor der Sache in der Nationalgalerie bin ich da gewesen. Mir ist dort besonders Giovanni Battista Moronis Gem\u00e4lde aufgefallen: Der Herzog von Albuquerque. Also das war f\u00fcr mich unheimlich l\u00e4cherlich! Da ist der Don Gabriel auf dem Bild mit einem irgendwie \u00e4ngstlichen Gesichtsausdruck und darunter auf dem Postament steht: Hier stehe ich ohne Furcht, und der Tod schreckt mich nicht. Unheimlich l\u00e4cherlich! Ja, das Bild zweifellos, das Bild ist gut. Nichts gegen den Maler, der beherrscht seine Kunst. Aber diese j\u00e4mmerliche Gestalt des Herzogs hat mich an manche B\u00fccher und Schallplatten erinnert, die ich in der Zeit ebenfalls f\u00fcr Lug und Trug hielt. In meiner Wohnung hatte ich gerade eine Art Ausmistung vorgenommen, alles was Pseudokultur war. Darunter auch s\u00e4mtliche B\u00fccher von Thomas Bernhard. Ich hatte n\u00e4mlich den Eindruck, die Leute werden regelrecht an der Nase herumgef\u00fchrt. Ich wei\u00df bis heute nicht, was ich von dem Bernhard zu halten habe. Einiges von ihm habe ich gelesen und konnte mit nichts auch nur das Geringste anfangen. Aber trotzdem hat er mich irgendwie interessiert. Ich habe gedacht, vielleicht schreibt der so tiefgr\u00fcndig und tiefsch\u00fcrfend, dass man eine Weile braucht, das zu verstehen. Aber gerade zu der Zeit hatte ich das Gef\u00fchl, der schreibt so einen Mist, und die Leute m\u00f6gen das, obwohl es ihnen genauso geht wie mir. Dabei verstehen sie nicht, was er \u00fcberhaupt bringen will.<\/p>\n<p>Ein Buch muss ein Schlag auf den Kopf des Lesers sein, hat Kafka einmal gesagt \u2013 meine Hochachtung vor dieser Feststellung \u2013 aber es gibt viel zu wenig Menschen auf dieser Welt mit Wunden auf den K\u00f6pfen. Jedenfalls eingeschn\u00fcrt wie ein Sack habe ich dann den ganzen Schrott in ein Bettlaken und dem Herzog von Albuquerque vor die F\u00fc\u00dfe kippen wollen, weil er die Leute in derselben Art zum Narren h\u00e4lt: dieser ganze Habitus und dazu dieser Wahnsinnspreis. Mit meinem Kulturbeutel haben die mich dort gleich abgewiesen. Und so hab ich das B\u00fcndel an der Garderobe abgeben m\u00fcssen. Wenigstens wollte ich dem scheinheiligen Herzog ein Buch widmen: Watten von Thomas Bernhard habe ich erwischt, um symbolisch etwas dort zu lassen. Ich wollte gerade das orangerote Buch in den Rahmen stellen, da hat mich wieder so ein W\u00e4rter ermahnt. Okay, okay ist ja schon gut, denke ich mir. Ich wollte nicht gro\u00df mit dem diskutieren, und so habe ich das Buch eben vor das Bild auf den Boden gelegt. Das wird wohl noch erlaubt sein. Es schien mir dann sauberer zu sein nach dieser Art Ausmistung. Gewisserma\u00dfen ein kleiner Beitrag zur Sauberkeit f\u00fcr die Wohngemeinschaft.<\/p>\n<p>In der Zeit \u00fcber Ostern bin ich praktisch allein in der Wohngemeinschaft gewesen. Alle anderen waren weg, und ich war ohne jeden Pfennig Geld, weil ich nicht zur Bank konnte. Ich hatte mit dem Karfreitag nicht gerechnet. Sa\u00df also hier rum und war vollkommen pleite. Und weil ich so kribbelig war, konnte ich unm\u00f6glich in der Wohnung sitzen bleiben und bin deswegen raus. Ich wollte einfach unter Menschen. Raus, raus, raus. War laufend auf Achse. Mehr oder minder zu Fu\u00df zum Kudamm gezogen und dergleichen &#8230; Dabei bin ich unheimlich geladen gewesen, weil das mit dem Geld nicht geklappt hatte. Ich hatte zwar Schecks, doch damit konnte ich mir nichts kaufen. Ich war fast am Verhungern und Verdursten. Es hat mich fix und fertig gemacht, dass dieses Schei\u00dfgeld \u00fcberall im Weg war. \u00dcbrigens, das Geld mache ich oft verantwortlich f\u00fcr alle m\u00f6glichen Missst\u00e4nde, weil ja die Weltordnung auf dem Kopf steht. Als Inbegriff von diesem ganzen Chaos habe ich dann auch dieses Bild gesehen.<\/p>\n<p>Ich will jetzt nicht das Bild abwerten, aber es geht jetzt rein um den materiellen Wert von diesem Ding. Wenn f\u00fcr so etwas fast drei Millionen Mark bezahlt werden und sonst irgendwo m\u00fcssen Kinder verhungern, dann ist das doch eine unheimliche, fragw\u00fcrdige Angelegenheit. Da kann das Bild noch so gut sein, dann m\u00fcsste es verboten sein, gesetzlich verboten, dass so ein Bild erworben werden darf. Es sei denn, jeder hat ausreichend zu essen. \u2013 Das sind alles Sachen, die sind nicht durchzuf\u00fchren. Aber wieso eigentlich nicht?<\/p>\n<p>Ich bin bereits einen Tag vorher, in der Nacht von Ostersonntag auf Montag, wie in Trance zur Nationalgalerie gegangen. Ich habe in der Nacht Halluzinationen gehabt, weil ich so lange nichts geschlafen hatte. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass mich ein Engel oder so etwas zum goldenen Kalb f\u00fchrt, um das die Berliner herumtanzen. Und da war f\u00fcr mich schon klar, dass ich in der Nationalgalerie was machen wollte. Nur war mir da immer noch nicht so recht klar, was. Meine Gedanken kreisten nur noch ums Geld. Wenn man kein Bares hat, dann ist man vollkommen aufgeschmissen. Diese Bed\u00fcrftigkeit habe ich Ostern \u00fcber am eigenen Leib richtig erfahren und damals geglaubt, man kann sie den Leuten in einer Aktion irgendwie nahebringen.<\/p>\n<p>Am Morgen hat mir jeder Schritt furchtbar wehgetan. Durch das n\u00e4chtelange Herumziehen quer durch Berlin waren meine Beine angeschwollen. Ich hatte eine Funkstreife angehalten: K\u00f6nnen Sie mich zur Nationalgalerie fahren? Ich hatte einfach kein Geld f\u00fcr ein Taxi. Und wie die mich bemerkt haben, gucken die mich an wie einen Marsmenschen. Was ist denn jetzt los? Wie es bei mir gefunkt hat, waren die schon wieder weg. Einfach abgehauen. Ich hatte ganz das Ding am Kopf vergessen, den blauen Bauhelm. Warum ich den noch aufhatte, wei\u00df ich nicht. Vielleicht f\u00fchlte ich mich sicherer. Jedenfalls diese drei Fl\u00e4chen Farbe lie\u00dfen mir keine Ruhe. Drei Fl\u00e4chen Farbe f\u00fcr 2,7 Millionen DM!<\/p>\n<p>Ich musste es dem Bild einfach zeigen und der ganzen Scheinheiligkeit, der Verlogenheit. \u00dcberhaupt der Skrupellosigkeit der M\u00e4chtigen. Da kam mir die Idee, ein paar Sachen unter das Bild zu legen. Vielleicht zu den Farben passende Sachen. Da war einmal Rot. Insofern hat mir da die rote Liste schon ziemlich gut hingepasst. Die ist doppelt so dick wie die Bibel mit rund 70.000 Arzneimitteln drin. Die hat jeder Arzt. Mir ist augenf\u00e4llig, dass die Pharmaindustrie jede Menge Gelder zur Verf\u00fcgung hat, mit deren Hilfe sie dementsprechend \u00fcber ihre Lobby in den Gesetzen rumpfuschen kann. Blau \u2013 der Spiegel. Auf dieser Ausgabe war die Margaret Thatcher als Jeanne d\u2019 Arc. Das fand ich ein wenig unerh\u00f6rt, obwohl ich von politischen Zusammenh\u00e4ngen kaum was wei\u00df. In Ritterr\u00fcstung war sie abgebildet vor dunkelblauem Hintergrund, wie sie mit Glorie in den Falkland-Krieg zieht. Ich habe nur den Eindruck gehabt, dass die Berichterstattung nichts als L\u00fcgen gewesen ist. Deshalb hat der Spiegel mir gut in den Kram gepasst f\u00fcr den blauen Teil in diesem Bild. Ich habe wirklich gedacht, die jubeln die Thatcher da hoch zu einer Art Heiliger. Zu der Zeit habe ich das ganz w\u00f6rtlich verstanden. Beim Gelb habe ich an das gelbe Haushaltsbuch unserer Wohngemeinschaft gedacht, das wir hier seit vier oder f\u00fcnf Jahren gef\u00fchrt haben. Das erschien mir wesentlich mehr wert, ein Kunstwerk genannt zu werden \u2013 und alles was damit zusammenh\u00e4ngt \u2013 wie dieses Bild. F\u00fcr mich ist dieses unscheinbare Haushaltsbuch so ein Symbol von Zusammenleben. In gewissem Sinne ist das f\u00fcr mich \u2013 jetzt einmal h\u00f6her betrachtet \u2013 so eine Art unverk\u00e4ufliches Kunstwerk und die Wohngemeinschaft so was wie ein Gesamtkunstwerk.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn. Aber es hat f\u00fcr mich gr\u00f6\u00dfere Bedeutung als so ein Machwerk in dieser Richtung.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass mein Rumflippen, bevor es durch die Sache in der Nationalgalerie regelrecht kriminell wurde, anderen Leuten auf den Wecker gegangen ist. Ich bin in einem solchen Zustand dann n\u00e4mlich auch \u00fcberm\u00e4\u00dfig kritisch. Ich habe den Leuten alles M\u00f6gliche an den Kopf geschmissen. Teilweise auch Sachen, wo sie arg betroffen waren. Sachen, die man nicht ausspricht.<\/p>\n<p>Und ich wei\u00df ja selber, dass ich in so Zust\u00e4nden manchmal meine Mitbewohner ganz link behandelt habe, wenn sie mir kritisch gegen\u00fcbergestanden sind \u2013 und das m\u00fcssen sie ja. In dem Zustand musste laufend etwas los sein. Zumal ich jede zweite Nacht wachgeblieben bin. Die sind ja gar nicht mehr zum Schlafen gekommen. Wenn ich drei Tage lang wach war, dann waren die es auch. Da kam es dann zu ziemlichen Problemen.<\/p>\n<p>Ich habe mich zu der Zeit einfach derma\u00dfen wohlgef\u00fchlt, immer permanent wohlgef\u00fchlt, dass ich das Bed\u00fcrfnis hatte, ich m\u00fcsste anderen Leuten zu diesem Zustand verhelfen. Ich dachte, ich bin im Besitz der absoluten Wahrheit, wie man es machen muss, um richtig zu leben. Ich habe fast auf eine so brutal schulmeisterliche Art und Weise den Leuten dahin helfen wollen. Da kam es oft genug dazu, dass ich nach einer Weile, wenn ich gemerkt habe, die Leute, die \u00e4ndern sich nicht, die sind nach wie vor in irgendwelche nebens\u00e4chlichen Sachen verrannt, dass ich die dann irgendwie durch so einen gewissen heilsamen Schock dazu bringen wollte, dass sie genauso drauf kommen werden, wie ich drauf war.<\/p>\n<p>Als ich Dienstagabends also zum Museum komme, ist der Haupteingang verschlossen. Ich hab damals nicht gewusst, dass da eine Ausstellung abgebaut wird. Aber ich hab die Menschen im Inneren des Geb\u00e4udes gesehen und bin zum Hintereingang gegangen: Vielleicht ist da offen. Da war so eine kleine Glast\u00fcre, da stand \u201eKein Eingang\u201c drauf. Und da habe ich mir gedacht, bei den K\u00fcnstlern, wenn da steht \u201eKein Eingang\u201c, dann kann man da bestimmt rein. Da war auch prompt offen. Eine Menge Arbeiter waren damit besch\u00e4ftigt, ein Ausstellungsst\u00fcck abzutransportieren. Das muss ziemlich empfindlich gewesen sein. Sp\u00e4ter hab ich irgendwo erfahren, dass das ein 20-Tonnen-St\u00fcck war von Joseph Beuys \u201eUnschlitt\u201c. Ich bin da nicht weiter aufgefallen unter den Arbeitern. Habe ja ausgesehen wie die mit meinem blauen Schutzhelm auf und der ausgemusterten Ledertasche. Die haben mich schon gesehen. Aber die waren mit dem 20-Tonnen-St\u00fcck besch\u00e4ftigt. Ich bin weiter so durch die Ausstellungshalle geschlendert, und da stand eine Rolle mit Verpackungsmaterial.<\/p>\n<p>Ich war unheimlich gut drauf, und diese Rolle stand gerade richtig. Wenn man mit einem Fu\u00df so dagegenschl\u00e4gt, wird die Rolle richtig saftig gef\u00e4llt. Das hat einen ziemlichen Krach gemacht auf dem Granitfu\u00dfboden, und die haben sich alle nach mir umgedreht und mich b\u00f6se angesehen, als w\u00fcrde ich sie bei der Arbeit st\u00f6ren. Irgendeine Entschuldigung habe ich vor mich hingemurmelt und das Ding wieder aufgerichtet: Eventuell ist das ja auch ein Kunstwerk, habe ich gesagt, da h\u00e4tte ich wohl mehr aufpassen m\u00fcssen, so was in der Art.<\/p>\n<p>Die Arbeiter haben sich nichts weiter dabei gedacht. Vielleicht dass das nur ein Versehen war, und dann waren wieder alle konzentriert auf diese gewaltigen Fettbl\u00f6cke, die man langsam mit \u00d6ldruckwinden angehoben hat. Das muss ja ungeheuer schwer sein, dachte ich, so wie das aussieht, oder die Maschine ist schlecht. Auf jeden Fall dauerte das eine Ewigkeit. Ich ging auf dieses f\u00fcnfteilige Ding zu und bin da stehengeblieben, sah eine Weile zu und hab dann auch auf und nieder gesagt: auf \u2013 nieder \u2013 auf, auf \u2013 nieder &#8230; Aber irgendeinem Typen bin ich auf die Nerven gefallen: Wenn Sie hier Kommando geben, dann kann ich ja gleich nach Hause gehen!<\/p>\n<p>Okay, okay, ich geh ja schon. Der hat mir richtig den Spa\u00df verdorben. Die W\u00e4rter m\u00fcssen mich offenbar f\u00fcr einen Transportarbeiter gehalten haben, denn als ich an ihnen vorbeigegangen bin, haben die nichts gesagt. Also wenn ich da gleich aufgefallen w\u00e4re und die h\u00e4tten mich rausgeschickt, dann \u2013 ich wei\u00df nicht \u2013 dann h\u00e4tte ich es vielleicht noch mal ausprobiert. Aber ich w\u00e4re nicht traurig gewesen. Aber so &#8230;<\/p>\n<p>Im Souterrain der Nationalgalerie befindet sich die st\u00e4ndige Sammlung. An dem Tag war das Haus f\u00fcr Publikum geschlossen, und da haben sie auch die Ausstellungsr\u00e4ume verriegelt und das Licht abgedreht bis auf die Notbeleuchtung. Aber ich wusste ja, wo das Bild zu suchen war und fand mich trotz des D\u00e4mmerlichts zurecht. Zum Gl\u00fcck war der Beckmann-Raum, in dem sich das Bild befindet, unverschlossen. Wahrscheinlich war da f\u00fcr eine Putzfrau oder so aufgesperrt worden. Jedenfalls hatte ich unwahrscheinliches Gl\u00fcck. Alles ging so leicht.<\/p>\n<p>Ich bin da runter in diesen mittleren Raum, und da war es ziemlich finster. Da war es ganz sch\u00f6n d\u00fcster, sodass ich die Farben als Farben gar nicht mehr gesehen habe, nur verschiedene Graut\u00f6ne. Es war irgendwie ganz seltsam. Dieses Gef\u00fchl der Beklemmung von der ersten Begegnung mit dem Bild war wieder da. In diesem Augenblick habe ich Angst gehabt und deshalb laut geschrien. Ich habe aus Leibeskr\u00e4ften gebr\u00fcllt. Ich kann es gar nicht fassen, dass mich da niemand geh\u00f6rt hat. Ich war unheimlich laut. Auch schon als ich reingegangen bin, weil ich Angst hatte, dass mir irgendetwas passieren kann. Ich meine, es klingt jetzt vielleicht l\u00e4cherlich: Was sollte mir schon passieren &#8230; Aber es ist schlecht zu sagen, dass da irgendwelche Gespenster drin hausen &#8230; nichts Artikuliertes, lauter unartikuliertes Zeug. Das Br\u00fcllen hab ich als befreiend empfunden. Es hat mir Mut gemacht. Ich wollte zuerst nur die Sachen, die ich in der Ledertasche mit in die Nationalgalerie gebracht hatte, dort hinwerfen und dann wieder gehen. Doch da hatte ich irgendwie das Gef\u00fchl, dass ich mich dagegen wehren muss. Und aus einer gewissen Angst heraus bin ich dann gegen das Bild vorgegangen. Zuerst ein Faustschlag ins Gelbe. Wie so ein Punchingball hat das Gem\u00e4lde nachgegeben. Das hat bestimmt so einen halben Meter zur\u00fcckgefedert \u2013 vielleicht bilde ich mir das auch nur ein \u2013 und hat meine Faust wieder herausgedr\u00fcckt. Aber es hat sich ganz seltsam und unheimlich z\u00e4h angef\u00fchlt. Dass es nicht kaputtzubekommen war, hat mich nach diesem ersten Schlag fuchsteufelwild gemacht. Das war so, als w\u00fcrde es sich wehren gegen mich. Dann habe ich diese Stange vom Boden herausgerissen und damit mitten ins Blaue gedroschen. Ich habe gedacht, wenn ich damit dagegenschlage, dann ist es endg\u00fcltig kaputt. Ich wollte es gar nicht unbedingt kaputtmachen! Ich hatte nur f\u00fcr einen Moment so das Gef\u00fchl: Ich muss mich regelrecht dagegen wehren. Deswegen auch der Fu\u00dftritt ins Rote. Das war dann nur noch der Rest. Ich muss das jetzt noch mal sagen: Ich habe das alles ja nicht so vollkommen \u00fcberlegt und geplant gemacht. Das ist im weitesten Sinn ein Unfall gewesen. Ich wollte es dem Bild zeigen. Das habe ich auch denen bei der Vernehmung gesagt.<\/p>\n<p>Auf die dunkelblaue Bildfl\u00e4che habe ich einen Zettel geklebt mit dem Spruch: Wer es bis jetzt noch nicht versteht, soll daf\u00fcr bezahlen. \u2013 Ein kleiner Beitrag zur Sauberkeit. Der Titel sollte mehr oder minder ironisch ausdr\u00fccken, dass ich den ganzen Kunstrummel idiotisch finde. Aber wer eben meint, diese Aktion sei irgendetwas wert, der k\u00f6nne sie mit seinem Geld erwerben und der soll ruhig schon mal daf\u00fcr bezahlen.<\/p>\n<p>Vor dem roten Teil habe ich die rote Liste hingeworfen. Vor den blauen den neuesten Spiegel und vor den gelben Teil: das gelbe Haushaltsbuch und drauf den zweiten Zettel mit meiner Anschrift. Dann habe ich noch mein rotes Sparbuch dort gelassen und einige Schecks, die ich mir am Morgen geholt habe. Zu holen war da sowieso nichts. Ich war ja total abgebrannt.<\/p>\n<p>Beim Rausgehen hatte ich nicht das Gef\u00fchl, ich muss dahinschleichen \u2013 \u00fcberhaupt nicht. Was sollte mir schon passieren! Ich muss dazu auch sagen, wenn das nichts geworden w\u00e4re, w\u00e4re es mir auch egal gewesen. Ich wollte f\u00fcr mich dadurch nicht irgendwie einen befriedigenden Zustand erreichen. Ich war so gut drauf, mir ging es so gut, dass es kaum zu steigern war.<\/p>\n<p>Als ich pl\u00f6tzlich aus dem Beckmann-Raum gekommen bin, stand ein alter W\u00e4rter vor mir und sagte: Im Museum haben Sie nichts zu suchen. Ich war sehr ruhig und gelassen. Nach der Erregung und dem Gebr\u00fcll hatte ich \u00fcberhaupt keine Angst mehr vor irgendwelchen Konsequenzen. Der hat mich dann in die obere Halle zur\u00fcckgef\u00fchrt und am Haupteingang auf die Stra\u00dfe gesetzt. Vorher hatte er noch meine Ledertasche kontrolliert. Da war mittlerweile nichts mehr drin \u2013 bis auf so ein paar Schecks.<\/p>\n<p>Ich kann mir die Situation gut vorstellen, w\u00e4hrend ich in aller Ruhe verschwunden bin, macht er das Licht an und sieht auf seine alten Tage genau das, was er immer verhindern wollte. Das ist die Angst eines Museumsw\u00e4rters.<\/p>\n<p>Als die ganze Sache dann gelaufen war, war ich irgendwie so benommen, als ob ich gerade aus dem Kino k\u00e4me. Der Typ, der \u201eWer hat Angst vor Virginia Woolf\u201c geschrieben hat, wie hei\u00dft er doch gleich, der &#8230; der &#8230; \u00a0ist ja egal, der sagt doch das Gleiche wie der Kafka. Er denkt, es w\u00e4re h\u00fcbsch, wenn die Leute beim Verlassen des Theaters auf die Fahrbahn wanderten und von einem Taxi \u00fcberfahren werden w\u00fcrden. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte er nicht, dass sie sich dabei verletzen, aber besser w\u00e4re, so aus dem Theater zu kommen als mit dem einzigen Gedanken: Wo hatte ich blo\u00df mein verdammtes Auto geparkt? Und genauso war es bei mir.<\/p>\n<p>Noch am selben Abend haben sie dann in der Wohngemeinschaft \u00fcber moderne K\u00fcnstler geredet. Es war nur zum Kopfsch\u00fctteln. Einem habe ich erz\u00e4hlt, dass ich in der Nationalgalerie ein Happening veranstaltet habe. Der hat mich so doof angeguckt, dass ich ihm drauf erkl\u00e4ren musste: Andere K\u00fcnstler haben sich besonders w\u00fcst geb\u00e4rdet und sind als K\u00fcnstler anerkannt worden. Vielleicht gelingt mir das auch eines Tages. Was andere K\u00fcnstler gemacht haben, das bringe ich bestimmt!<\/p>\n<p>Auf der Polizei \u2013 wie die mich vernommen haben \u2013 da habe ich irgendwie Angst gekriegt. Ich wusste ungef\u00e4hr, wie die denken und was die h\u00f6ren wollen: \u201eDas Bild ist meiner Meinung nach eine Perversion der deutschen Flagge und soll den Deutschen Angst machen.\u201c So was in der Art. \u201eIch habe dem Bild mitten in die Visage gespuckt, weil es eine Schande f\u00fcr die Nationalgalerie ist. Auch andere Bilder in der Nationalgalerie geh\u00f6ren meines Erachtens da nicht hin.\u201c Das hat denen so gut gefallen, da hat es mir Spa\u00df gemacht, so weiterzuspielen.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es f\u00fcr meine Pflicht gehalten, die Menschheit darauf aufmerksam machen zu m\u00fcssen, dass Steuergelder in Millionenh\u00f6he f\u00fcr solche das deutsche Volk beleidigenden Bilder nicht ausgegeben werden d\u00fcrfen.\u201c Ich hatte das Gef\u00fchl, das hat denen so gut gefallen, die haben mir fast rechtgegeben. Ich will jetzt nicht behaupten, die Polizisten wollten mir irgendwas in den Mund legen. Ich hatte nur den Eindruck, die checken das nicht ab, wenn ich denen gro\u00df und breit erkl\u00e4re, was mich wirklich dazu gebracht hat und was ich da beabsichtigt hatte. Das hatte ja mit dem deutschen Volk \u00fcberhaupt gar nichts zu tun. Ich bin ja kein Rechter oder ein Kriegstreiber. Immerhin habe ich zwei Antr\u00e4ge auf Wehrdienstverweigerung gestellt. Und nach Berlin bin ich auch gezogen, damit ich nicht zum Bund muss. Das mit dem deutschen Volk war ja alles nur Masche. Aber die haben sie vor allen Dingen auch sofort begriffen. Letztlich ist es mir v\u00f6llig gleichg\u00fcltig gewesen, was ich da unterschrieben habe. Hauptsache war, dass wir mit diesem bl\u00f6dsinnigen Papierkram fertig wurden. Das Rumsitzen bei der Vernehmung hat mich unheimlich genervt.<\/p>\n<p>Ich habe ganz genau gewusst, dass die mich in eine Anstalt stecken wollen. Aber das wollte ich nicht. Dazu muss ich auch sagen, dass ich mich zu der Zeit, wenn es notwendig war, auch vollkommen ruhig geben konnte. Ich war nicht immer nur total hektisch und aufgedreht. Das lag mir schon am Herzen, der Amts\u00e4rztin klarzumachen, dass ich in diesem Zustand vollkommen normal bin.<\/p>\n<p>Das war mein Gl\u00fcck. Und so haben sie mir ein paar Wochen Ruhe gelassen. In der Zeit habe ich Leserreaktionen in der Presse verfolgen k\u00f6nnen. Einer hat geschrieben, man soll diejenigen, die das aufgeh\u00e4ngt haben, ebenfalls aufh\u00e4ngen. Oder ein anderer: Wir nehmen uns vor, dieses primitive Bild erneut zu zerst\u00f6ren \u2013 aber total! Ein anderer wieder hat geschrieben: Ich teile Ihnen hiermit mit, dass ich auch Lust h\u00e4tte, irgendwelchen abstrakten Schei\u00df zusammenzuschlagen. Wenn ich einen K\u00fcnstlerfarbenkasten bekommen h\u00e4tte, st\u00fcnde ich der abstrakten Weltspitze keineswegs nach; damals in der Schule habe ich auch gemalt. Ich konnte genauso wenig wie z. B. der Hans Hartung, hatte aber keine Chance mit so einem Kack von Pelikan Wasserfarben. Damit war ich unterprivilegiert.<\/p>\n<p>Aber das \u00c4rgste, was ich gelesen habe: Der B\u00fcrgermeister bei uns zu Hause soll mich f\u00fcr das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen habe. Ich mit dem Bundesverdienstkreuz! Und das, weil ich was kaputtgeschlagen habe. Also wenn das nicht komisch ist, dann wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Nach ein paar Wochen haben sie mich dann doch in die Psychiatrie gesteckt. Der Nerven\u00e4rztin habe ich erkl\u00e4rt: Ich bin selbst in der Lage, ein vergleichbares Gem\u00e4lde f\u00fcr einen Bruchteil des Ankaufspreises herzustellen. Durch mein Vorgehen habe ich dem Bild erst Bekanntheit und Wert vermittelt, und die Differenz des Kaufpreises zum jetzigen Wert m\u00fcsse man mir eigentlich auszahlen. Ich habe ihr auch \u2013 so wie ich gelesen habe \u2013 erkl\u00e4rt: In Wirklichkeit hat \u201eWho\u2019s Afraid of Red, Yellow and Blue\u201c bei der Witwe Barnett Newmans nur 100.000 Dollar gekostet. Das sind 250.000 DM. Wer wei\u00df, wer sich da das andere Geld eingesteckt hat!<\/p>\n<p>Knapp ein Vierteiljahr nach der Sache habe ich dann dem Direktor der Nationalgalerie geschrieben und der Witwe Barnett Newmans. Die wollte ich nat\u00fcrlich auch kennenlernen. Wenn sie schon meine Sache so ausgeschlachtet und heftig verurteilt haben wie \u201eKulturschande\u201c, \u201efurchtbare Untat\u201c, dann wollte ich auch mit denen reden &#8230;<\/p>\n<p>Also habe ich geschrieben: Ich bin mir fast sicher, dass Sie \u2013 wie die meisten, die mich nicht pers\u00f6nlich kennen \u2013 ein falsches Bild von mir haben. Und dass ich derzeit noch der Einzige bin auf der ganzen Welt, der dieses physio-psychologische Gem\u00e4lde erkannt hat usw. und so fort \u2013 egal. Jedenfalls geschrieben haben sie mir bis heute nicht.<\/p>\n<p>Beim Prozess haben sich mich dann freigesprochen. Nur \u2013 im Falle einer Wiederholung wollen sie mich dann einlochen. Aber \u2013 alles Quatsch. Ich bin ja sowieso davon \u00fcberzeugt, dass der Newman eigentlich, wenn er noch leben w\u00fcrde, mit mir einer Meinung w\u00e4re. Und vielleicht \u00fcberhaupt nichts dagegen gehabt h\u00e4tte, dass das so gelaufen ist. Vorausgesetzt man h\u00e4tte mit ihm sprechen k\u00f6nnen. Aber nat\u00fcrlich geht das nicht, wenn die Leute aus den Zeitungen irgendwelchen Stuss erfahren.<\/p>\n<p>Ich habe auch so das Gef\u00fchl \u2013 ich muss ja auch sagen, ich kenne den Newman \u00fcberhaupt nicht \u2013 aber ich habe so das Gef\u00fchl, dass das Bild jetzt durch diese Sache, die ich da gemacht habe, erst richtig vollendet ist. Und dass das, was ich da gemacht habe, den Leuten einiges erst richtig klarmacht oder das Bild erst richtig klarmacht. Ich war damals auch wirklich der Meinung, man w\u00fcrde meine Aktion im Nachhinein auch als so eine Art Aktionskunst, Happening, akzeptieren, das hab ich auch der Nerven\u00e4rztin erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Immerhin die ganze Sache ist jetzt schon eine Weile her, aber ich finde, diese Aktion m\u00fcsste \u2013 wenn man sie jetzt in Verbindung sieht mit den Sachen, die ich eigens daf\u00fcr mitgenommen habe \u2013 eigentlich jeder, der davon h\u00f6rt, unheimlich gut finden. Wenn nicht, dann hat er von dieser Aktion oder \u00fcberhaupt von diesem Ding nichts, aber schon gar nichts kapiert; wer dieses Bild kapiert, muss es einfach zerst\u00f6ren. Und die, die das nicht tun, zerst\u00f6ren es noch viel mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Fritz Schuler<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau&#8217;n<\/a> | Inventarnummer: 16122<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die mich nicht eingelocht und freigesprochen haben, war kein Gl\u00fcck, das war K\u00f6nnen. Wegen Unzurechnungsf\u00e4higkeit zur Tatzeit. Sonst w\u00fcrde ich jetzt noch in der Anstalt hocken. Und &#8230; das mit dem Bild, das habe ich mir reichlich \u00fcberlegt. 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