{"id":5008,"date":"2016-09-11T12:24:24","date_gmt":"2016-09-11T12:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5008"},"modified":"2016-09-13T12:26:53","modified_gmt":"2016-09-13T12:26:53","slug":"die-hochzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5008","title":{"rendered":"Die Hochzeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5008&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5008&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Aurouggla \u2013 Teil 2<\/em><\/p>\n<p>Nachdem meine Familie also erfolgreich im Hotel Belvedere untergebracht worden war, trat etwas Ruhe in die ganze Sache ein. Vater hatte aufgeh\u00f6rt, nerv\u00f6s zu schnupfen, und Mutter genoss den ausgezeichneten Blick \u00fcber Meran von der Terrasse des Hotels aus. Sie sah, zumindest f\u00fcr Momente, sogar etwas entspannt aus. Und ich? Nun, ich richtete mich in meinem kleinen Einzelzimmer so gut es ging ein, packte meine Lieblingsb\u00fccher aus und mein Malzeug und h\u00e4ngte meine Kultjeans und T-Shirts ordentlich nacheinander in den Kasten. Den grauenhaften Anzug ganz zuletzt. Den m\u00fcsste ich ohnehin ja blo\u00df nur einmal anziehen. Dann ging ich auf Entdeckungstour. Zuerst die f\u00fcnf Minuten hinunter zur Bar Diana, wo ich mir ein Pompelmo (exotisch, was? Grapefruitsaft) genehmigte, welches sich die Muata nicht zahlen lie\u00df. Wohin ich denn spazieren gehen sollte?, fragte ich artig. Dort, den steilen Waldweg hinauf zum Sulfner-See. Ist das weit? Na, geah, wann\u00b4d gmiadlich geasch, a holbe Schtund. Do hosch, a Tafele Schokolade fian Hunga. Ich wandte zaghaft ein, gegen, und l\u00e4chelte, aber man verstand mich nicht.<\/p>\n<p>Also ging ich los. Ein wundersch\u00f6ner Wald! Hohe Fichten, unterwandert von allerlei Str\u00e4uchern. Dazwischen Farne in \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe und eine sagenhafte Luft, die nach Harz, nach frischem Laub und Waldboden roch. Dort ein mir unbekannter K\u00e4fer, da ein Vogelger\u00e4usch, das ich nicht kannte. Raubvogel vielleicht. Durch die hohen Wipfel blitzte warm die Nachmittagssonne und tauchte alles in ihr mildes Licht.<br \/>\nIch denke, ich habe mich nie wieder so gl\u00fccklich und frei gef\u00fchlt wie in diesem Augenblick. Oder vielleicht in den kommenden Spazierg\u00e4ngen hierher. Langsam wurde der steile Weg eben, als ich eine Art Plateau inmitten dieses Zauberwaldes erreicht hatte. Jetzt wechselte der braune Waldboden in sattes Gr\u00fcn. Dort vorne sah ich etwas gl\u00e4nzen, das musste die Wasseroberfl\u00e4che des Sees sein. Und tats\u00e4chlich! Ich kam meinem Ziel rasch n\u00e4her.<\/p>\n<p>Ein mittelgro\u00dfer See, inmitten eines Hochwaldes. Wahnsinn! Das Wasser schien dunkel, beinahe schwarz und spiegelte auf seiner Oberfl\u00e4che die es umgebenden B\u00e4ume wider. Ein gutes Drittel des Sees war mit Seerosen bedeckt. Gro\u00dfe gr\u00fcne Bl\u00e4tter lagen wie Matten, die zum Draufsteigen einluden, auf der ruhigen Wasseroberfl\u00e4che verziert durch hunderte von Bl\u00fcten, die, libellenumschw\u00e4rmt ihre rosa K\u00f6rbchen weit ge\u00f6ffnet hielten, als wollten sie damit die Sonnenstrahlen einfangen.<br \/>\nIch lie\u00df mich auf einem Baumstrunk nahe am Wasser nieder und weidete mich an der F\u00fclle meiner Eindr\u00fccke, ich konnte diesen Anblick kaum fassen. Meine Augen glitten immer wieder rundherum, um nur ja nichts auszulassen, damit mir auch nichts entging, um dieses Idyll vollkommen zu verinnerlichen, ja um es mit nach Hause zu tragen, es in meinem Inneren abzulichten und um es eins zu eins wieder abrufbar zu machen, wenn ich seiner bedurfte.<\/p>\n<p>Ich hatte von der Wiener Tante eine billige Kamera geschenkt bekommen, die stolz an meiner Knabenbrust baumelte. Ich nahm sie hoch und fotografierte beinahe den ganzen Film leer, als ich vor mir, im Wasser, eine Bewegung wahrnahm. Im seichten Wasser in Ufern\u00e4he ringelte sich grazil eine Ringelnatter (drum hei\u00dft sie ja auch so) \u00fcber den See und nahm \u00fcberhaupt keine Notiz von mir, dem Eindringling, der ich war. Ich knipste wie verr\u00fcckt hinter ihr her. Und mit der Entwicklung dieses Filmes w\u00fcrde ich ganz sicher nicht warten wollen, bis ich wieder zu Hause w\u00e4re. Den wollte ich gleich morgen nach Meran tragen. Wir blieben zehn Tage hier, das ging sich locker aus. Ich wei\u00df nicht, wie lange ich hier gesessen sein mochte, doch durch die D\u00e4mmerung aufmerksam geworden, trat ich schlie\u00dflich den R\u00fcckweg an. Wer wei\u00df, vielleicht machte man sich schon Sorgen, wo ich geblieben war?<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag, ein strahlender Sonntag, der nicht strahlender h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, war der von allen hei\u00df erwartete Hochzeitstag. Mir, um ganz ehrlich zu sein, war er als solcher egal, eher l\u00e4stig, denn es w\u00fcrde mir nicht erspart bleiben, meine geliebten ausgewaschenen engen Jeans mit dem scheu\u00dflichen Anzug zu vertauschen und meine hohen schn\u00fcrbaren Rauleder-Boots, wie sie damals in Mode waren, durch schwarze spitze Halbschuhe zu ersetzen. Die kleine Schar der Hochzeitsg\u00e4ste wuchs rasch an und formierte sich vor der Bar Diana zu einer un\u00fcbersehbar langen Menschenkette in Festtagskleidung. Dann erschienen die Braut und der Br\u00e4utigam. Er mit dunklem Rauschebart in Schwarz, sie mit Blumenkr\u00f6nchen und in Wei\u00df. Die Sonne brannte um zehn Uhr vormittags schon herunter, als ob es Mittag w\u00e4re. Nach etlichen Gl\u00e4sern Sekt, die gereicht wurden, ging es endlich in Richtung der nahegelegenen Kirche, neben den ber\u00fchmten Haflinger Pferden offizielles Wahrzeichen des Dorfes, zu St. Kathrein genannt, einem aus grauem Stein erbauten Kirchlein aus dem 13. Jahrhundert, das weithin gut sichtbar war.<\/p>\n<p>Der offiziell zeremonielle Teil zog sich genauso in die L\u00e4nge wie sein Menschenzug, und mir wurde hei\u00df in dem engen Sakko, welches ich am liebsten ausgezogen h\u00e4tte. Die ungewohnte Krawatte w\u00fcrgte mich am Hals, und Schwei\u00dftropfen rannen in B\u00e4chen gesammelt \u00fcber Brust und R\u00fccken. Mutter wurde \u00fcbel, wie immer, und sie musste von meinem Vater kurz hinausbegleitet werden, an die frische Luft, die gar nicht frisch, sondern sauhei\u00df war. Aber bitte, Einbildung ist alles, und sie tat ihre Wirkung, denn beide kehrten nach einigen Minuten wieder zufrieden auf ihren Platz zur\u00fcck. Endlich war diese Folter dann auch einmal vor\u00fcber, nicht nur f\u00fcr mich, das Brautpaar hatte sich die ewige Treue und so weiter geschworen und gek\u00fcsst.<\/p>\n<p>M\u00fchsam verlie\u00df der Tross, schwerf\u00e4llig vom langen Stehen und Sitzen, den k\u00fchlen Kirchenraum. H\u00e4nde wurden gesch\u00fcttelt, Gl\u00fcckw\u00fcnsche und Segensworte gesprochen, Schwei\u00dfperlen wurden mit riesigen Stofftaschent\u00fcchern weggetupft.<br \/>\nM\u00e4nner und Frauen in S\u00fcdtiroler Tracht hatten ordentlich an der dicken Kleidung zu leiden. Das Zeug hielt dicht, in vielen Schichten, wie eine Zwiebel. Kittel und Sch\u00fcrzen, in Schwarz und Blau, Wamse und Joppen, Hosen mit breiten Tr\u00e4gern, in Rot und Gr\u00fcn. Ich tr\u00e4umte von meinen Jeans und einem lockeren T-Shirt, die einsam im Hotelkasten hingen. Und nach Laufen war mir. So ganz leicht, mich bewegen k\u00f6nnen, und das dumme Zeug da ausziehen und niemanden sehen, mit niemandem reden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Leute formierten sich langsam zum Festzug, und das Ganze w\u00e4lzte sich also wieder retour, vorbei an der Diana und hinauf zum Hotel Belvedere. Halb eins. Und hei\u00df. Mutter musste mit einem Taxi gef\u00fchrt werden, weil ihr schon wieder \u00fcbel war. Vater fuhr gleich mit. Er hatte die ganze Zeit keine Miene verzogen, nur leise geschnupft, wie er es immer tat, wenn ihm was nicht geheuer war. Schlie\u00dflich handelte es sich um die erste Hochzeit eines seiner Kinder, seiner Tochter, noch dazu seiner Lieblingstochter, die, die er aus erzieherischen Gr\u00fcnden mit zehn Jahren in ein SOS- Kinderdorf bei Graz gesteckt hatte und die wir zu Allerheiligen, knochend\u00fcrr wegen Unterern\u00e4hrung und Heimweh, wieder nach Hause holen mussten. Aber das ist eine andere Geschichte. Damals mussten sie \u201eHoch auf dem gelben Wagen\u201c singen, wenn sie fr\u00fchmorgens zur Schule gebracht worden waren. Das hat sie mir beigebracht, mit f\u00fcnf. Seit dieser Zeit denke ich immer an \u201eHoch auf dem gelben Wagen\u201c, wenn ich an sie denke. So ein Schmarren!<\/p>\n<p>Ich hatte noch nie so eine gro\u00dfe Festtafel gesehen wie jene in diesem Hotel. Dreiseitig, an der vierten Seite wegen des Eingangs offen und f\u00fcr die Kellner bequem zug\u00e4nglich. Der Vater des Br\u00e4utigams, der wortkarge F\u00f6rster, und unser Vater sa\u00dfen sich gegen\u00fcber. Es wurde nichts gesprochen, was keinen \u00fcberraschte. Sie sa\u00dfen nur da und starrten vor sich hin. Unserer schnupfte, der ihrige seufzte immerzu jajajaja. Mutter und Muata waren da schon aus anderem Holz geschnitzt. Frauen unter sich. Das funktionierte ganz gut. Ich sa\u00df zwischen den Br\u00fcdern des neuen Schwagers, die auch nicht gerade eloquent schienen. Und wenn sie mal was sagten, dann verstand ich sie nicht. Aber ich tat so, als verst\u00fcnde ich und l\u00e4chelte immer, wenn sie, mir zugewandt, was zu melden hatten. S\u00fcdtirolerisch ist eine Wissenschaft f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Erst als ich in der Bar Diana Servierdienste leistete, lernte ich diese h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Sprache. Doch davon sp\u00e4ter. Egal also. Man trank und a\u00df und fotografierte und nahm den Kaffee und dazu die Torte und trank wieder und a\u00df wieder bis zum fr\u00fchen Abend. Mir war scheu\u00dflich fad. Doch dann aber wurde die Braut entf\u00fchrt, und es kam Leben in die Bude. Wir Jungen sollten sie suchen. Bl\u00f6de Idee, aber bitte. Und damit kam ich offiziell auf den Plan. Wir Burschen sollten sie also suchen, ich und die Br\u00fcder des Br\u00e4utigams, und wir hatten die Zeche zu zahlen, die die entf\u00fchrte Braut mit ihren Entf\u00fchrern hinterlassen hatte. \u00dcberall da, wo sie, kurz bevor wir eintrafen, bereits wieder weitergeeilt waren. Die ganze Angelegenheit h\u00e4tte mir ja wurscht sein k\u00f6nnen wie nur was, w\u00e4re da nicht pl\u00f6tzlich eine eigene Vespa gewesen, wie bereits erw\u00e4hnt, in Orange, die man mir zu Suchzwecken zur Verf\u00fcgung gestellt hatte. Ich bl\u00fchte auf! Das war nat\u00fcrlich was f\u00fcr so einen gut beh\u00fcteten vierzehnj\u00e4hrigen Knilch wie mich, mit so einem Ding da die Gegend unsicher zu machen! Und ich nahm mich nat\u00fcrlich dementsprechend wichtig, indem ich ordentlich Gas gab, nachdem mir der \u00e4ltere der beiden Br\u00fcder rasch beigebracht hatte, wie ich mit der Karre da umzugehen h\u00e4tte. Und ab ging die Post, auf steilen krummen Wegen Richtung Falzeben, Meran zweitausend, wie das Hochplateau hei\u00dft, gar nicht so einfach zu bewerkstelligen auf so einem Zweirad, \u00fcber Kn\u00fcppelwege und sandige Stellen und in Spurrinnen, auf denen man leicht zu Sturz kommen konnte.<\/p>\n<p>Uns jedoch war nichts zu bl\u00f6d und nichts zu schwierig, kein Weg zu steinig und keine Jausenh\u00fctte zu abgelegen, wie sich herausstellen sollte, die wir abfuhren, um dort das entflohene Ehegef\u00e4hrt zu suchen. Und ja, die hatten \u00fcberall eine ordentliche Zeche hinterlassen, wo sie gewesen waren, f\u00fcrwahr! Und sie waren immer schon weg, wenn wir ankamen.<br \/>\nOschtia, fluchten die Burschen gottesl\u00e4sterlich. Ich hatte auch dieses Wort nicht verstanden, lie\u00df es mir aber im Laufe der n\u00e4chsten Tage erkl\u00e4ren. Ganz einfach, es bedeutete Hostie. Genauso h\u00e4ufig fluchten sie \u201eMadonna\u201c. Das kapierte ich schon eher. Und die beiden Knaben bl\u00e4tterten die Tausender, wenn auch zwar nur Lire, nur so hin, und weiter ging die wilde Jagd.<\/p>\n<p>Mich lie\u00df man nicht bezahlen, ich sei ja blo\u00df ein Sch\u00fclerlein. Ich h\u00e4tte auch gar nichts gehabt, womit ich h\u00e4tte zahlen sollen. Die Br\u00fcder aber gingen schon in die Lehre und hatten Geld dabei. Also suchten wir wie verr\u00fcckt. Bis man die Ausrei\u00dfer, die \u00fcbrigens mit einem gel\u00e4ndeg\u00e4ngigen Auto unterwegs waren, gegen einundzwanzig Uhr gefunden hatte. Und damit war die Jagd f\u00fcr uns Jungen beendet, Gott sei Dank unfallfrei. Im Konvoi ging\u00b4s dann talw\u00e4rts, \u00fcber Stock und Stein, wie wir gekommen waren, aber weniger stressig als bei der Suche nach der gestohlenen Braut.<\/p>\n<p>Als Oberdieb outete sich \u00fcbrigens der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Hotels Belvedere. Wir erreichten rasch bekanntes Gebiet. Vor der Bar Diana stellte ich mit den anderen mein Fahrzeug ab. Alle nahmen noch einen Abschiedstrunk und verabschiedeten sich recht bald und sehr herzlich, man war zusammengewachsen durch die waghalsige Tour. Es war genug f\u00fcr einen Tag gewesen, ganz ohne Schei\u00df, wie der Deutsche zu sagen pflegt, auch f\u00fcr uns Jungens, die wir nicht geheiratet hatten und es auch noch lange nicht vorhatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16111<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aurouggla \u2013 Teil 2 Nachdem meine Familie also erfolgreich im Hotel Belvedere untergebracht worden war, trat etwas Ruhe in die ganze Sache ein. Vater hatte aufgeh\u00f6rt, nerv\u00f6s zu schnupfen, und Mutter genoss den ausgezeichneten Blick \u00fcber Meran von der Terrasse des Hotels aus. Sie sah, zumindest f\u00fcr Momente, sogar etwas entspannt aus. Und ich? 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