{"id":4964,"date":"2016-08-30T11:37:23","date_gmt":"2016-08-30T11:37:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4964"},"modified":"2016-09-01T06:49:08","modified_gmt":"2016-09-01T06:49:08","slug":"ccc-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4964","title":{"rendered":"Mit Kafka durch Kierling"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4964&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4964&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Himmelbauerplatz unterhalb der Kierlinger Kirche ist eine Asphaltfl\u00e4che mit acht Parkpl\u00e4tzen f\u00fcr Anrainer, weitere vier sind dem \u00c4rztezentrum vorbehalten. Zur Kierlinger Hauptstra\u00dfe hin, gegen\u00fcber der Volksschule, bl\u00fchen gerade die Linden und setzen sich trotz ihrer Jugend mit ihrem Duft gegen die Autoabgase durch. An der Ostseite steht das Denkmal f\u00fcr den am 3. Juni 1924 im Sanatorium Hoffmann verstorbenen Schriftsteller Franz Kafka, zehn Hausnummern weiter stadtausw\u00e4rts gelegen. Der grobe Steinblock sieht aus, als w\u00e4re ein Meteorit vom Himmel gefallen und h\u00e4tte sich hier in den Asphalt eingerammt. Aus einer Einbuchtung an der Vorderseite ragt eine schwarz-metallene B\u00fcste heraus, es soll wohl Kafka sein. An der rechten Seite ist eine rotgesprenkelte Marmortafel mit vier groben Metallschrauben befestigt, und mit gold-gerahmten Lettern sind die Lebensdaten des Schriftstellers eingraviert: Dr. Franz Kafka, *1883 in Prag, +1924 in Kierling.<\/p>\n<p>Zumindest seit Picasso verlangt niemand eine anatomische \u00c4hnlichkeit, aber die Sehnsucht nach einem Schimmer von einer geistigen N\u00e4he, Anh\u00e4nglichkeit, sogar Liebe bleibt angesichts dieses Denkmals ungestillt. Es ist in seiner ganzen massiven Erscheinung abweisend und so aufgestellt, das man es unbedingt \u00fcber- oder dar\u00fcber hinwegsehen muss.<br \/>\nOder hat man es etwa absichtlich versteckt? Es hat den Anschein, als habe man sich nur halbfreiwillig zu einer Erinnerungsst\u00e4tte f\u00fcr den Juden Kafka durchringen k\u00f6nnen. Auf dem nur ein paar Stufen h\u00f6heren Kirchenplatz etwa? Nein, da stehen das massive Denkmal f\u00fcr \u201edie Helden beider Kriege\u201c und eine Schubertlinde. Noch weniger vorstellbar in dem Park, der den palaisartigen Pfarrhof umgibt.<\/p>\n<p>Ich sitze auf einer Bank des Versch\u00f6nerungsvereins Klbg. neben dem Klotz. Alles ist sehr nett und adrett, offensichtlich gepflegt, ich kann nicht feststellen, ob f\u00fcr den Parkplatz, das \u00c4rztezentrum oder das Kafka-Denkmal; kein M\u00fcll, keine Papierln, keine Kippen, und alle Parker gliedern sich brav in die wei\u00dfen Parkstreifen ein, die Radfahrer in einen raiffeisengelben St\u00e4nder. Es wird ein ewiges Geheimnis der Gemeinderatssitzung bleiben, warum man dem Deutsch schreibenden, j\u00fcdischen Schriftsteller aus Prag den ansehnlichen Platz vor der Jugendstilkirche, nur f\u00fcnf Stufen aufw\u00e4rts, nicht zugestanden hat.<br \/>\nDie letzten Spazierg\u00e4nge durch das Maital, die letzten Blicke von seinem Balkon in die H\u00fcgel, die letzten Ger\u00fcche von Stra\u00dfe und Pfingstrosen.<br \/>\nIm Ort gibt es neben dem Sterbehaus noch einen Kafka-Steg und eine Kafkagasse.<\/p>\n<p>Absicht, ja und nein, Gedenkenwollen und doch nicht oder nicht zu sehr, frage ich mich, als ich auf der Bank neben dem Denkmal sitze, an meinem Sandwich nage und aus meiner Thermoskanne lauwarmen Kaffee trinke. Es ist der 3. Juni 2016, ich mache Pause von meinem Raumdienst im Sterbesanatorium an seinem 92. Todestag. Ich bin die dienstj\u00fcngste der vier ehrenamtlichen Kafka-Witwen.<br \/>\n\u00dcber den Asphaltplatz schaue ich auf die Baustelle der Firma Bosnj. Dom (bosnisches Haus), die gerade einen Wohnkomplex hochzieht, an der Ecke, wo seit 1788 der Gasthof \u201eZum gr\u00fcnen Baum\u201c stand, bis er vor einem Jahr abgerissen wurde. Die Arbeiter machen den Dachstuhl fertig und geben ein kakophonisches Konzert aus H\u00e4mmern und Elektrobohrern ab. Eine barbarische, aber sicherlich vern\u00fcnftige Entscheidung der Gemeinde Klosterneuburg-Kierling, die bestimmt Wohnraumbedarf im Gr\u00fcnen hat.<\/p>\n<p>Der Gasthof war schon lange leergestanden. Die Hintergr\u00fcnde kenne ich nicht, aber f\u00fcr mich ist es eine Demolierung von kulturellem Erbgut. Ich erinnere mich gut an dieses Gasthaus, nicht nur das \u00e4lteste weit und breit mit einem schattigen Garten aus alten Kastanien und Linden, ein hinterbr\u00fchliger Ort, an dem man sich Schubert in Gesellschaft seiner Freunde gut vorstellen konnte. Die ganze, sich vier Kilometer lange im \u00f6den Autoverkehr windende, Hauptstra\u00dfe entlang gibt es kein einziges Einkehrlokal mehr. Das erinnert mich daran, dass diese Gemeinde schon fr\u00fcher auch die \u00dcberreste der Synagoge abgerissen und stattdessen eine Gedenktafel angebracht hat.<br \/>\nOb diese verkehrsumbrauste Ecke ein attraktiver Wohnort sein w\u00fcrde, frage ich mich zwischen dem Jausenbrot und den immer noch befremdeten Blicken auf den Kafka-Klotz neben mir, meines Wissens das einzige Monument in \u00d6sterreich.<br \/>\nGedankenloser ist nur noch der Wackelstein beim Sanatorium von Matliary in der Hohen Tatra.<\/p>\n<p>Man muss Milde walten lassen und dar\u00fcber nachdenken, warum bis auf diese zwei Denkm\u00e4ler &#8211; schwankend zwischen Hilflosigkeit und Verh\u00f6hnung &#8211; keine Kafka-Skulpturen bekannt sind. Wie viele gibt es denn von Shakespeare, Mozart, Goethe, Schiller, Puschkin, Heine, Hugo, Rodin oder Chaplin, alle diese Victorias, Friedriche und Franz Josephe. Und viele andere. Vielleicht kommt das daher, dass bisher niemand Kafka mit einer Skulptur gerecht werden konnte, es gewagt hat, seine schmale, mit 182 Zentimetern hochgewachsene K\u00f6rperlichkeit in den Raum zu stellen. Vielleicht haben sich viele bekannte und unbekannte K\u00fcnstler schon an Kafka abgem\u00fcht, wer wei\u00df mit welchen Materialien: Stein, Metall, Holz, Gips, Gold, Silber, Porzellan, Glas, Alabaster, Perlmutt, Elfenbein, Bernstein, Sandelholz, Plastik, Papier, Pappe, Titan oder T\u00fcll. Und alles wieder verworfen, in Scham und Demut alle Versuche zerst\u00f6rt und tief eingegraben haben.<\/p>\n<p>Einer, der das nicht getan hat, ist Jaroslav Roda, er hat einen Bronze-Koloss von 3,75 Metern H\u00f6he und 700 Kilogramm Gewicht in Prag aufgestellt. Auf den Schultern eines riesigen leeren Mantels reitet ein Zwerg, der wahrscheinlich Kafka darstellen soll \u2013 er ist angeblich der \u201eBeschreibung eines Kampfes\u201c nachempfunden. Ich pers\u00f6nlich vermisse Kafka-Monumente nicht, mir gen\u00fcgen seine Worte. Vielleicht liegt es auch daran, dass die relativ neue Kunst der Fotografie Kafka am ehesten entspricht.<br \/>\nEs existieren viele dokumentierte Fotografien von Kafka, die meisten aus dem Familien- und Freundeskreis. Bis auf die erzwungenen Kinderbilder, allein oder mit den Schwestern, zeigt er keine Scheu vor der Kamera. Immer schaut er mild-freundlich in die Kamera, er l\u00e4sst sich mit dem Apparat ein, fast kokettiert er mit ihm und bleibt doch leicht entfernt von der Szene. Man sieht einen \u00fcberschlanken, gutaussehenden, ausgew\u00e4hlt elegant gekleideten Mann, leicht nach vorne geneigt, mit mild angedeutetem L\u00e4cheln, im scharf geschnittenen Gesicht auffallend gro\u00dfe Augen, der Kopf oft gekr\u00f6nt mit einem hohen, breitkrempigen Hut. Auch sein ausgepr\u00e4gter Hinterkopf und schlanker Hals k\u00f6nnten einen Bildhauer entz\u00fccken. Soweit bekannt, ist Kafka nie anderen als Fotok\u00fcnstlern Modell gestanden.<\/p>\n<p>Die Gedenkst\u00e4tte im Sterbehaus auf der Kierlinger Hauptstra\u00dfe 187 \u2013 ein Stiegenhaus, zwei Zimmer und ein Balkon \u2013 kommt einer ad\u00e4quaten W\u00fcrdigung am n\u00e4hesten. Nachdem sie seit 1982 in d\u00fcsteren, grindigen R\u00e4umen mit einigen Schauk\u00e4sten dahinged\u00e4mmert hatte, nahm sich die Kafka-Gesellschaft einer umfassenden Umgestaltung an mit dem Architekten Michael Balgary und der Vizepr\u00e4sidentin Charlotte Spitzer als von Kafka beseelter Designerin.<\/p>\n<p>Seit der Wiederer\u00f6ffnung vor zwei Jahren sprechen diese zwei R\u00e4ume eine vorsichtige, ehrerbietige, weil nichts und niemanden vereinnahmende Einladung aus, sich dem Menschen Franz Kafka, seinem Werk und seinen letzten sechs Lebenswochen zu n\u00e4hern. Voll und minimalistisch gleichzeitig, als sollten die letzten Atemz\u00fcge nicht gest\u00f6rt werden. Fotos, Gegenst\u00e4nde und Dokumente an W\u00e4nden und in Vitrinen, die Lebensdaten affichiert, eine nachgebaute Ecke mit einem damals \u00fcblichen Spitalsbett, gebrochenes Licht, wei\u00dfe Laken mit Zitaten, B\u00fccherborde, zeitgem\u00e4\u00dfe Aufnahmen von Kierling und seiner Umgebung, so wie sie Kafka damals gesehen haben k\u00f6nnte.<br \/>\nEtwa den Blick von seinem Sonnenbalkon in den Garten des Sanatoriums und auf den gegen\u00fcberliegenden Wienerwaldhang. Man kann ihn betreten und sich einlassen auf die inneren Bilder von den letzten Blicken, man kann seinen Augen nach links zur Kierlinger Kirche folgen, von der jetzt durch nachgewachsene B\u00e4ume und Neubauten nur noch das Turmkreuz wahrzunehmen ist; der Bergr\u00fccken im Blick geradeaus ist jetzt viel dichter bewachsen als vor 92 Jahren. Er reicht hinunter bis ins Maital, ein gro\u00dfer Name f\u00fcr einen schmalen Weg entlang einem nicht einmal einem Meter breiten Bacherl, das aus Maria Gugging kommt.<br \/>\nBiegt man am gro\u00dfen, neuer\u00f6ffneten Hofer-Markt links zum Maibach ein, kommt man an der R\u00fcckseite des Gartens an einer versteckten Pforte vorbei, auf der man, wenn man einen Tipp bekommen hat, noch ein verwittertes und verwachsenes Schild \u201eSanatorium Hoffmann\u201c erkennen kann. Da k\u00f6nnte Kafka, gerahmt und gest\u00fctzt von Dora Diamant und Robert Klopstock, durchgetreten sein auf ihrem Spaziergang zum \u201eGr\u00fcnen Baum\u201c.<\/p>\n<p>Wenn ich auf diesem Balkon stehe und zum Maibach hinunterschaue, mag ich die Vorstellung, dass Kafka einmal, vielleicht mehrmals, sicher nicht sp\u00e4ter als Ende April, Anfang Mai 1924, weil er danach schon zu schwach war, durch den Garten, durch die Pforte, durch das Maital zum \u201eGr\u00fcnen Baum\u201c und zur Post spaziert ist, Briefe und Karten aufgegeben hat an die Eltern, die Geschwister, an Onkel Siegfried, an Max Brod, Manuskripte an den Verlag.<\/p>\n<p>Sicher bin ich nicht die erste Besucherin, die ein paar H\u00e4user vor dem Sanatorium konsterniert vor der Tischlerei KAFKA stehen bleibt, sich die Augen reibt und \u00fcberlegt, ob und wer uns da einen Streich spielt. Kafka, tschechisch \u201eDohle\u201c, war ein h\u00e4ufiger Name der Kategorie Maier\/M\u00fcller, und der Kierlinger Tischler Kafka jun. hat heute mit dem Versicherungsbeamten und Schriftsteller Dr. Franz Kafka nur so viel zu tun, als er die Inneneinrichtung des Gedenkraumes beigesteuert hat.<\/p>\n<p>Das dreist\u00f6ckige Haus Nummer 187 auf der Kierlinger Hauptstra\u00dfe ist ein unscheinbarer, sp\u00e4tklassizistischer Bau, der an der Westseite seltsam abgerissen wirkt, wie ein verst\u00fcmmelter Stockzahn. Immer wenn ich mich von der Station des 239A an der Lenaugasse dem ehemaligen Sanatorium n\u00e4here, bedauere ich, dass ich nicht \u00fcber die Inbrunst einer Gl\u00e4ubigen verf\u00fcge, die sich einem Heiligtum n\u00e4hert.<br \/>\nAber sobald ich das Haustor aufsperre, hinter dem eigenartigerweise links immer ein Besen steht, als w\u00fcrde der Odradek aus der Erz\u00e4hlung \u201eDie Sorge des Hausvaters\u201c auf mich warten, sp\u00fcre ich ein hauchfeines Momentum. In einem kindlichen Orakelspiel bem\u00fche ich mich, nicht auf die im Fu\u00dfboden des Vorhauses eingelassenen Mosaiksteine zu treten: Gleich hinter dem Eingang steht SALVE und drei Stufen h\u00f6her die Jahreszahl 1901, damit ich die unsichtbaren Fu\u00dfstapfen nicht zer-st\u00f6re.<br \/>\nSo wie wir als Kinder manche Ritzen zwischen den Steinen ausgelassen haben, damit etwas Bestimmtes eintritt oder ausbleibt. Da ist Kafka dar\u00fcbergegangen. Es gibt auf der ganzen Welt sonst keinen Ort, von dem man das mit Sicherheit sagen kann. Wenn man sich in diesem n\u00fcchternen Haus in fr\u00fchere Zeiten hineinschwelgen m\u00f6chte, muss man das innerlich tun, mit Hilfe der Vorstellungskraft.<br \/>\nUnd dann wieder Kafka lesen.<\/p>\n<p>Am 3. Juni 2016 stehen in pr\u00e4chtigster Rosaf\u00fclle Pfingstrosenst\u00f6cke im Vor- und Hintergarten des ehemaligen Sanatoriums. Eine seiner letzten Sorgen hat er auf einem Sprechzettel festgehalten. Sie gilt der richtigen Behandlung des Pfingstrosenstrau\u00dfes in seinem Zimmer. Wer hat sie ihm gebracht? Woher stammen sie? Aus dem Sanatoriumsgarten? Wie auch immer: Er hat sie wahrgenommen und genossen. In einer flachen Schale, damit die St\u00e4ngel nicht am Boden anstehen, so halten sie lange, ewig.<\/p>\n<p>Charlotte Spitzer schneidet die mitgebrachten Pfingstrosen, ihre sind voll und wei\u00df mit gelben Bl\u00fctenst\u00e4nden, genau nach dieser Anweisung zurecht, verteilt sie in Glasvasen an mehreren Stellen, z\u00fcndet neben der Fischer-Gesamtausgabe eine dicke Kerze an und zieht sich zur Sterbestunde zum Meditieren auf den Balkon zur\u00fcck. Im Blick die letzten Blicke.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 16110<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmelbauerplatz unterhalb der Kierlinger Kirche ist eine Asphaltfl\u00e4che mit acht Parkpl\u00e4tzen f\u00fcr Anrainer, weitere vier sind dem \u00c4rztezentrum vorbehalten. Zur Kierlinger Hauptstra\u00dfe hin, gegen\u00fcber der Volksschule, bl\u00fchen gerade die Linden und setzen sich trotz ihrer Jugend mit ihrem Duft gegen die Autoabgase durch. An der Ostseite steht das Denkmal f\u00fcr den am 3. 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