{"id":4942,"date":"2016-08-29T11:29:04","date_gmt":"2016-08-29T11:29:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4942"},"modified":"2016-11-20T16:15:09","modified_gmt":"2016-11-20T16:15:09","slug":"ein-stueck-papier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4942","title":{"rendered":"Ein St\u00fcck Papier"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4942&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4942&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gestern sa\u00df ich in meiner Stammbuchhandlung und bl\u00e4tterte in einem Buch von Joseph Roth, den ich sehr sch\u00e4tze.<br \/>\nDie T\u00fcr ging auf und eine Familie betrat den Laden. Der Mann war westlich gekleidet, seine Frau trug ein langes Kleid und war verschleiert, zwei kleine Kinder, ein Junge und ein M\u00e4dchen, hielten ihre H\u00e4nde. Ich schenkte den Menschen keine Beachtung und las einige S\u00e4tze in verschiedenen Essays und Reportagen Roths. \u201eWas ist ein Mensch ohne Papiere? Weniger als Papier ohne einen Menschen.\u201d Dieser Satz brachte mich zum Nachdenken.<br \/>\n\u201eWie\u201d, fragte ich mich, \u201ewird diese Familie in Anbetracht der gegenw\u00e4rtigen Situation in Europa wahrgenommen? Werden diese Menschen als potenzielle Gefahr angesehen, oder werden ihnen Respekt und Mitmenschlichkeit entgegengebracht?\u201d Ich legte das Buch zur Seite und beobachtete die Situation an der Kasse, wo der Mann der Aushilfskraft dahinter in gebrochenem Deutsch verst\u00e4ndlich zu machen versuchte, dass er einen Stadtplan von Graz erwerben wollte, um problemlos die Standorte diverser sozialer Einrichtungen ermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die K\u00f6rpersprache der Angestellten, die ich noch nie in der Buchhandlung arbeiten gesehen hatte und die von einem Schildchen auf ihrer Bluse als Hilde ausgewiesen wurde, lie\u00df deutlich erkennen, dass sie keine Freude daran hatte, sich mit offenkundig vor einem Krieg geflohenen Menschen abgeben zu m\u00fcssen. Sie hatte zwar die freundlichste Miene aufgesetzt, zu der sie in dieser Situation wohl f\u00e4hig war, doch ihre blauen Augen blickten kalt auf die Kundschaft und sie sprach absichtlich in so schlechtem Deutsch, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass sie den Mann sp\u00f6ttisch nach\u00e4ffte.<br \/>\nIch blieb im bequemen Ledersessel sitzen und dachte mir: \u201eWas gehen mich die Probleme dieses Mannes, sich verst\u00e4ndlich zu machen, an? Jeder Mensch muss selbst sehen, dass er zurande kommt.\u201d Diese \u00dcberzeugung hatte ich mein ganzes Leben lang, also neundrei\u00dfig Jahre.<\/p>\n<p>Der Mann, der sich im Laufe der Diskussion mit Hilde als Fl\u00fcchtling zu erkennen gab, hatte sehr wohl bemerkt, dass die junge Frau ihm nicht gewogen war, und wandte sich an seine Ehefrau, die, da ihre H\u00e4nde in denen ihrer Kinder lagen, mit dem Kopf in Richtung T\u00fcr deutete. Ich wandte meinen Blick von der Szene ab und richtete ihn auf die Buchr\u00fccken, die mich umgaben. Ich sah Werke von Faulkner und Hemingway in den Regalen, dann die Fitzgeralds, meines Lieblingsautors.<br \/>\nDas kleine M\u00e4dchen begann zu weinen, einerseits, weil es die unsch\u00f6ne Szene mitbekam, und andererseits, weil es von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde und nicht von Neugierde getrieben durch den Laden laufen konnte. Da fiel mir ein Satz von Fitzgerald ein: \u201eMit achtzehn sind unsere \u00dcberzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit f\u00fcnfundvierzig sind es H\u00f6hlen, in denen wir uns verstecken.\u201d<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich \u00fcberdachte ich meine \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch sich selbst zu helfen habe. Mir wurde bewusst, dass ich mich in einer H\u00f6hle befand, und das ganze sechs Jahre vor meinem f\u00fcnfundvierzigsten Geburtstag. Ich war erschrocken \u00fcber den Menschen, zu dem ich mich entwickelt hatte, und musste handeln.<br \/>\nAlso erhob ich mich aus dem Sessel, ging zu der Familie und kaufte einen Stadtplan von Graz, welchen ich dem Mann gab, und w\u00fcnschte ihm auf Franz\u00f6sisch viel Gl\u00fcck in der Steiermark. Das Ehepaar bedankte sich sehr herzlich, und bevor ich die Buchhandlung verlie\u00df, riet ich Hilde, k\u00fcnftig ausschlie\u00dflich mit ihrem Papagei in bem\u00fcht schlechtem Deutsch zu sprechen, denn der Vogel w\u00e4re wohl das einzige Lebewesen, das von ihr etwas lernen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16109<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern sa\u00df ich in meiner Stammbuchhandlung und bl\u00e4tterte in einem Buch von Joseph Roth, den ich sehr sch\u00e4tze. Die T\u00fcr ging auf und eine Familie betrat den Laden. Der Mann war westlich gekleidet, seine Frau trug ein langes Kleid und war verschleiert, zwei kleine Kinder, ein Junge und ein M\u00e4dchen, hielten ihre H\u00e4nde. 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