{"id":4938,"date":"2016-08-29T11:21:51","date_gmt":"2016-08-29T11:21:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4938"},"modified":"2016-11-13T17:21:13","modified_gmt":"2016-11-13T17:21:13","slug":"noch-kinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4938","title":{"rendered":"Noch Kinder"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4938&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4938&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u2018Mit achtzehn sind unsere \u00dcberzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit f\u00fcnfundvierzig sind es H\u00f6hlen, in denen wir uns verstecken.\u2019<br \/>\nDieser Satz von F. Scott Fitzgerald ist sowohl tiefe Erkenntnis \u00fcber das Wesen des Menschen, als auch Aufforderung, den eigenen Standort von Zeit zu Zeit infrage zu stellen und seine Standpunkte gegebenenfalls nachzujustieren, wie es Alois Pichler in dieser Erz\u00e4hlung macht.<\/p>\n<p>Es war ein Morgen wie jeder andere im Leben von Alois Pichler. Er erwachte um neun Uhr, stellte den Wecker ab und ging in den Stall, um nach seinen Schweinen zu sehen. Nachdem er sie versorgt hatte, ging er zum Gartentor, \u00f6ffnete seinen Briefkasten und nahm die Zeitung heraus. Dann br\u00fchte er sich eine gro\u00dfe Tasse starken Kaffee und begann mit der Lekt\u00fcre.<br \/>\nSeit ihn seine Frau sieben Jahre zuvor verlassen und die gemeinsamen Kinder mitgenommen hatte, lebte er alleine auf seinem Bauernhof in Weintarg, einem kleinen Dorf in der N\u00e4he der steirischen Landeshauptstadt Graz. Er hatte ihn von seinen Eltern \u00fcbernommen und f\u00fchrte ihn so gut es ging, und alle paar Jahre hatte er genug Geld gespart, um sich einen neuen Gel\u00e4ndewagen kaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Schlagzeile auf der Titelseite lie\u00df ihn erstarren. Ihm wurde abwechselnd hei\u00df und kalt, und er fragte sich, ob diese Wallungen vom Obstler herr\u00fchren konnten, den er am Abend zuvor \u00fcberreichlich genossen hatte.<br \/>\n\u201eNein, das kann nicht sein\u201d, brummte er. Schnaps hatte er immer gut vertragen.<br \/>\nAus diesem Umstand schloss er, dass die Schlagzeile \u2018Fl\u00fcchtlinge: Weintarg bekommt Asylzentrum\u2019 ihn aufgeregt haben musste.<br \/>\n\u201eSo etwas!\u201d, rief er in den Raum, in dem er alleine sa\u00df. \u201eJetzt kommen die Ausl\u00e4nder zu uns! Nun m\u00fcssen wir uns warm anziehen!\u201d<br \/>\nDa es ein warmer Vormittag im September war, verzichtete er darauf und ging barfu\u00df und in kurzen Hosen auf seinem Grundst\u00fcck auf und ab.<br \/>\n\u2018Ich habe ja nichts gegen Ausl\u00e4nder!\u2019, dachte er immer wieder. \u2018Aber diese Fremden sind nicht von hier!\u2019<\/p>\n<p>Er beschloss, zum Gemeindeamt zu fahren und die Sache mit Franz M\u00f6stl, dem B\u00fcrgermeister, zu besprechen. Wichtige Angelegenheiten kl\u00e4rte Alois stets an oberster Stelle, und da M\u00f6stl sein Freund und Trinkkumpan war, war er zuversichtlich, dass seine Intervention das Asylantenheim w\u00fcrde verhindern k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eEs tut mir leid, Alois, aber da ist nichts zu machen. In diesem Fall beginnt die Befehlskette im Innenministerium und endet hier bei mir\u201d, sagte M\u00f6stl.<br \/>\n\u201eWie kannst du so etwas nur zulassen, Franz?\u201d, rief Pichler, packte den B\u00fcrgermeister an den Schultern und sch\u00fcttelte ihn.<br \/>\n\u201eMir sind die H\u00e4nde gebunden\u201d, st\u00f6hnte der Politiker und befreite sich aus dem Griff seines Freundes. \u201eWarte erst mal ab, Alois. So schlimm wird es schon nicht werden.\u201d<br \/>\n\u201eNein, sicherlich nicht\u201d, spottete Pichler. \u201eEs wird noch schlimmer werden!\u201d<br \/>\n\u201eTrink erst mal einen Obstler\u201d, meinte M\u00f6stl und stellte eine Flasche und zwei Gl\u00e4ser auf den Tisch.<br \/>\nNachdem sie einander zugeprostet und ihre Gl\u00e4ser in einem Zug geleert hatten, fuhr er fort: \u201e\u00dcbermorgen findet in der Mehrzweckhalle ein Informationsabend zu diesem Thema statt. Da werden alle Fragen beantwortet.\u201d<br \/>\n\u201eAch, das bringt doch nichts\u201d, seufzte Alois, nahm die Flasche und f\u00fcllte die Gl\u00e4ser wieder an.<br \/>\n\u201eDu wirst gut mit den neuen Mitb\u00fcrgern auskommen, Alois\u201d, prophezeite der B\u00fcrgermeister zum Abschied.<\/p>\n<p>Wieder auf seinem Hof, bereitete Pichler einen z\u00fcnftigen Grenadiermarsch zu, seine Leibspeise. W\u00e4hrend er a\u00df, dachte er an die seinem Dorf bevorstehende Pr\u00fcfung und kam zu dem Schluss, dass sich \u2018das Ganze nicht ausgehen\u2019 konnte.<br \/>\nDennoch nahm er am Informationsabend teil. Er sa\u00df in der ersten Reihe und lauschte den Ausf\u00fchrungen Franz M\u00f6stls. Nachdem dieser fertig gesprochen hatte, forderte er die Anwesenden auf, ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern oder Fragen zu stellen.<br \/>\nErst wagte niemand, dies zu tun. Dann erhob sich Alois und die Augen aller waren auf ihn gerichtet.<br \/>\nEr err\u00f6tete und stammelte: \u201eIch m\u00f6chte nach Hause gehen, und dazu muss ich eben aufstehen.\u201d<br \/>\nDer ganze Saal begann zu lachen, dann lachte auch Alois und stolzierte in seinem besten Steireranzug aus der Mehrzweckhalle.<\/p>\n<p>Mit den Dorfbewohnern sprach Pichler selten. Er galt in Weintarg als Sonderling, dem man besser nicht zu nahe kam. Schlie\u00dflich war ihm die Frau davongelaufen und hatte sogar die Kinder mitgenommen. Er musste also ein wenigstens einigerma\u00dfen schlechter Mensch sein.<br \/>\nDass sich das Ehepaar Pichler schlicht auseinandergelebt und die Notbremse gezogen hatte, damit die Kinder nicht leiden mussten, wusste niemand au\u00dfer Franz M\u00f6stl. Alois hatte es nie f\u00fcr notwendig erachtet, den Leuten den wahren Sachverhalt zu erl\u00e4utern, denn was diese dachten und redeten, war ihm gleichg\u00fcltig, und Franz hatte sich zur Trennung seines Freundes aus Gr\u00fcnden der Diskretion nie ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter kamen die Fl\u00fcchtlinge.<br \/>\nSie wurden in einem leerstehenden Geb\u00e4ude neben der Volksschule untergebracht, das den f\u00fcnfundzwanzig Menschen genug Platz bot, sodass die vier Familien auch r\u00e4umlich beisammenbleiben konnten.<br \/>\n\u2018Was h\u00e4tte die Gemeinde mit diesem Geb\u00e4ude alles machen k\u00f6nnen!\u2019, dachte Pichler und malte sich aus, welchem anderen Zweck das seit Jahren leerstehende Geb\u00e4ude h\u00e4tte dienen k\u00f6nnen. Er wusste, dass es sich um ein sch\u00f6nes Bauwerk handelte, doch konnte er sich nicht mehr an dessen Farbe erinnern, so lange hatte er es weder gesehen noch daran gedacht.<\/p>\n<p>Er fuhr zum Kaufhaus, um Lebensmittel f\u00fcr das Wochenende einzukaufen. Als er in der Schlange vor der Kasse stand und sich umdrehte um zu sehen, wer hinter ihm wartete, sah er ein Ehepaar mit drei quengelnden Kindern. Er erkannte sofort, dass es sich um Fl\u00fcchtlinge handelte.<br \/>\n\u2018Jetzt habe ich sie im R\u00fccken\u2019, dachte er, und als er seinen Blick wieder nach vorn richtete: \u2018Um Gottes Willen! Die alte Frau Egger erz\u00e4hlt der Kassiererin wieder von ihren Enkelkindern. Das dauert jetzt sicherlich eine halbe Stunde.\u2019<br \/>\nDie drei Kinder hinter ihm wurden immer unruhiger und Frau Egger immer redseliger. Da wurde Alois Pichler zornig.<br \/>\n\u201eFrau Egger!\u201d, rief er. \u201eErz\u00e4hlen Sie schon wieder von den Kindern Ihrer Tochter?\u201d<br \/>\nDie Angesprochene sah ihn an und erschrak, doch wandte sie sich wieder der Kassenkraft zu.<br \/>\nAlois lie\u00df nicht locker.<br \/>\n\u201eWann wird denn Ihre Enkeltochter anfangen, in Graz als T\u00e4nzerin zu arbeiten, so wie ihre Mutter?\u201d<br \/>\nFrau Egger zog schnell einen Geldschein hervor, bezahlte ihren Einkauf und verlie\u00df mit hochrotem Kopf den Laden.<\/p>\n<p>Die Kinder hinter Alois hatten inzwischen zu weinen begonnen und deren Eltern wurden der Lage nicht Herr, denn sie waren zum ersten Mal in \u00d6sterreich und dar\u00fcber hinaus in diesem Gesch\u00e4ft im steirischen Weintarg. Sie waren also verwirrt und unsicher.<br \/>\nPichler f\u00fchlte, dass er etwas tun oder sagen musste. Er ging nach vorn zur Kasse, wo die S\u00fc\u00dfigkeiten in Regalen lagen, nahm drei S\u00e4ckchen mit Bonbons und sagte zur Kassiererin: \u201eDie rechnest du bei mir dazu.\u201d<br \/>\nDann ging er zu den Kindern, dr\u00fcckte jedem ein S\u00e4ckchen in die Hand und sagte: \u201eBald k\u00f6nnt ihr dieses Gesch\u00e4ft verlassen.\u201d<br \/>\nDie Kinder h\u00f6rten auf zu weinen und jedes nahm ein Bonbon aus seiner T\u00fcte und steckte es in den Mund.<br \/>\nDie Eltern gaben Alois die Hand und sagten: \u201eThank you very much, Sir.\u201d<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter sa\u00df Pichler auf der Holzbank vor seinem Wohnhaus und spielte mit den K\u00e4tzchen, die seine Katze kurz zuvor geworfen hatte. Eine Familie ging an seinem Grundst\u00fcck vorbei. Die beiden kleinen T\u00f6chter sahen die jungen Katzen, rissen sich von ihren Eltern los und liefen zu Alois, um auch mit den Tieren zu spielen.<br \/>\nDie Eltern liefen ihnen nach, doch als der Besitzer der K\u00e4tzchen ihnen mit einer Handbewegung bedeutete, dass die Kleinen die Tiere ruhig streicheln durften, standen sie f\u00fcnf Minuten neben ihrem Nachwuchs und sahen diesem zu. Dann zogen sie ihre T\u00f6chter von Pichlers Grund, was die M\u00e4dchen zum Weinen brachte.<br \/>\n\u2018Das war wohl eine neue Erfahrung f\u00fcr die fremden Kinder\u2019, dachte Alois. \u2018Dort, wo sie herkommen, gibt es wahrscheinlich keine kleinen Katzen &#8211; und wenn doch, werden sie bestimmt schnell so gro\u00df wie Geparde oder so etwas. Na ja, sie h\u00e4tten sicher gerne l\u00e4nger mit den K\u00e4tzchen gespielt, aber so ist nun einmal das Leben.\u2019<\/p>\n<p>Am Abend dieses Tages sa\u00df Alois in seiner guten Stube vor einem Glas und einer Flasche Obstler und dachte an die beiden M\u00e4dchen.<br \/>\nDa erinnerte er sich daran, welche Tiere und Ger\u00e4te er als Kind unbedingt hatte haben wollen, jedoch nicht bekommen hatte, weil seine strengen Eltern stets dagegen gewesen waren.<br \/>\n\u201eWozu brauchst du einen Hund? Richte doch ein Schwein ab!\u201d, hatte sein Vater oft gesagt.<br \/>\n\u201eWir hatten auch keinen Computer und sind dennoch erfolgreiche Bauern geworden!\u201d, hatte eine der Standardantworten seiner Mutter gelautet.<br \/>\n\u201eEs sind ja noch Kinder!\u201d, rief Alois. \u201eKinder, die auf dem Land aufwachsen m\u00fcssen, in der Steiermark!\u201d<br \/>\nEr trank die Flasche aus und nahm sich vor, am n\u00e4chsten Tag zu handeln.<\/p>\n<p>Nachdem er seine Ferkel versorgt hatte, fing Alois s\u00e4mtliche K\u00e4tzchen auf seinem Hof ein, setzte sie in einen Karton mit Luftl\u00f6chern und legte diesen auf den Beifahrersitz seines Autos. Dann ging er in den Keller und holte ein Dutzend Gl\u00e4ser mit eingelegtem Gem\u00fcse, welche er im Kofferraum verstaute.<br \/>\nEr startete den Wagen und fuhr zum Gemeindeamt. Dort sagte er zu seinem Freund, dem B\u00fcrgermeister: \u201eKomm, Franz! Wir fahren zu den Fl\u00fcchtlingen.\u201d<br \/>\nFranz M\u00f6stl blickte ihn erschrocken an und fragte: \u201eWas hast du vor, Alois?\u201d<br \/>\n\u201eIch werde den Menschen etwas schenken.\u201d<br \/>\nSie fuhren zum Asylzentrum und Alois \u00fcberreichte den Kindern die K\u00e4tzchen und den Erwachsenen die Einmachgl\u00e4ser.<br \/>\nDie Freude bei den Fl\u00fcchtlingen war riesengro\u00df und Alois Pichler fuhr in dem Wissen, etwas Gutes getan zu haben, zur\u00fcck zu seinem Hof.<br \/>\n\u2018Es sind ja noch Kinder\u2019, dachte er. \u2018Und auch deren Eltern sollen etwas Vern\u00fcnftiges zu essen haben.\u2019<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16108<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2018Mit achtzehn sind unsere \u00dcberzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit f\u00fcnfundvierzig sind es H\u00f6hlen, in denen wir uns verstecken.\u2019 Dieser Satz von F. 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