{"id":4936,"date":"2016-08-29T11:17:39","date_gmt":"2016-08-29T11:17:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4936"},"modified":"2016-09-06T08:59:02","modified_gmt":"2016-09-06T08:59:02","slug":"stosslos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4936","title":{"rendered":"Sto\u00dflos"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4936&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4936&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Nachdem ich heute \u2013 nach einem Besuch bei meinem Zahnarzt wollte ich mich bewegen, um mein Blut zum ordnungsgem\u00e4\u00dfen Zirkulieren zu animieren, auf dass es das Narkosemittel rasch abbauen helfen konnte \u2013 \u00fcber die Tuchlauben gegangen war, freute ich mich darauf, die Hofburg geschwind hinter mir lassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es waren n\u00e4mlich keine von Fremdenf\u00fchrern geleiteten Gruppen von Touristen auszumachen, welche diesen F\u00fchrern, wie eine Schafherde ihrem Leithammel, auf Schritt und Tritt folgen, und welche ich \u00fcberaus gr\u00e4sslich finde. Oft genug setzen sich diese Gruppen aus Menschen zusammen, sowohl fremdl\u00e4ndischer als auch offensichtlicher l\u00e4ndlicher Provenienz, welchen, ich kann es nicht anders ausdr\u00fccken, ein boviner Gesichtsausdruck zu attestieren ist. Es ist nicht so, dass ich mich an Menschen st\u00f6ren w\u00fcrde, welche ein kuhhaftes \u00c4u\u00dferes zur Schau tragen, Gott bewahre. Es ist mir wirklich gleichg\u00fcltig, wie ein Mensch von Mutter Natur erschaffen wurde, oder wie er sich zurechtmacht. Niemand kann etwas f\u00fcr sein Aussehen, und viele Menschen k\u00f6nnen es sich nun einmal nicht leisten, sich Kleidung zu kaufen, die mir pers\u00f6nlich als wenigstens einigerma\u00dfen stilvoll erscheint, oder wollen dies auch nicht, wenn in den L\u00e4ndern, aus welchen sie nach \u00d6sterreich kommen, ihr Kleidungsstil nicht blo\u00df gesellschaftlich akzeptiert, sondern \u00fcblich ist.<\/p>\n<p>Ich st\u00f6re mich an diesen Gruppen aus einem g\u00e4nzlich anderen Grund. Sie hindern mich n\u00e4mlich am Gehen, und zwar, um pr\u00e4zise zu sein, am Halten meines Schritttempos. Es ist so, dass ich f\u00fcr gew\u00f6hnlich schnell gehe. Dieses schnelle Gehen ist zum einen der Sport, den ich am meisten sch\u00e4tze, und der einzige, den ich betreibe, zum anderen ist es die Art und Weise, die ich als die f\u00fcr mich geeignetste erachte, um Inspiration f\u00fcr mein literarisches Schaffen zu finden.<br \/>\nIch musste mich also durch gleich zwei Touristengruppen k\u00e4mpfen, welche ich davor nicht gesehen hatte, denn beide befanden sich im Innenhof der Hofburg. Ich dr\u00e4ngte mich an den Menschen vorbei und fragte mich, auf wie vielen Fotos ich zu sehen sei, denn ich habe schon vor geraumer Zeit aufgeh\u00f6rt, stehenzubleiben, wenn ich Touristen sehe, die sich gegenseitig ablichten, wenn die Linie zwischen Linse und portr\u00e4tierter Person meinen Weg kreuzt. Doch g\u00e4be es einen Anlass f\u00fcr mich, wirklich sofort stehenzubleiben, um das Gelingen eines Fotos nicht zu gef\u00e4hrden: N\u00e4mlich dann, wenn ein Tourist ein eben def\u00e4kierendes Fiakerpferd ablichten m\u00f6chte. Daf\u00fcr h\u00e4tte ich Verst\u00e4ndnis, ehrlich. Ich halte dieses Motiv eben f\u00fcr in hohem Ausma\u00df geeignet, als repr\u00e4sentative Erinnerung an Wien herzuhalten, zumal das Foto in einer Stadt geschossen werden w\u00fcrde, deren innerster Bezirk st\u00e4ndig erf\u00fcllt ist vom Geruch der Hinterlassenschaften dieser Pferde.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberquerte die Ringstra\u00dfe und bog daraufhin links ab, um den Touristen beim Denkmal f\u00fcr die Kaiserin zu entgehen, also wanderte ich der Fassade des Kunsthistorischen Museums entlang.<br \/>\nEine Rabenkr\u00e4he flog etwa f\u00fcnf Meter vor mir \u00fcber den Weg. Ich schaute dem Vogel nach, denn ich bin sehr interessiert an der Ornithologie, und stellte fest, dass er keinen Sto\u00df mehr besa\u00df. Der Terminus Sto\u00df bezeichnet im \u00dcbrigen das, was gerne als der Schwanz eines Vogels bezeichnet wird. Die Kr\u00e4he musste ihres Sto\u00dfes schon vor einiger Zeit verlustig gegangen sein, denn ihr Flugverhalten war als v\u00f6llig normal zu bezeichnen.<br \/>\nIch fragte mich, wie es wohl dazu gekommen sein k\u00f6nnte, dass die Kr\u00e4he ihren Sto\u00df verloren hatte, doch gelangte ich zu keiner befriedigenden Antwort. Ich wanderte weiter auf meinen angestammten Wegen der Inspiration, also durch den siebenten Bezirk, der mein Lieblingsbezirk in Wien ist, obgleich ich niemanden pers\u00f6nlich kenne, der in diesem Bezirk wohnt, der charakterlich oder intellektuell einigerma\u00dfen interessant f\u00fcr mich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich ging also mit z\u00fcgigen Schritten durch diesen Bezirk und beobachtete aufmerksam die Menschen und Geb\u00e4ude, denn durch dieses Dinge-auf-mich-einwirken-Lassen habe ich bereits viele Themen erkannt, \u00fcber die es zu schreiben lohnt und \u00fcber die ich dann geschrieben habe. Heute jedoch gelang mir das nicht. Ich betrachtete viele Menschen, alleine oder zu mehreren sitzend, gehend oder laufend, und Bauwerke, las im Vorbeigehen Plakate und sonstige Schriften auf ihren Fassaden, doch sah ich nichts und niemanden, der oder das eine Story wert gewesen w\u00e4re.<br \/>\nKurze Zeit nachdem ich den Scheitelpunkt meiner \u00fcblichen Runde hinter mich gebracht hatte, erkannte ich, dass ich bereits etwas gesehen hatte, was es wert war, dar\u00fcber zu schreiben, und zwar nicht auf meiner eigentlichen Runde durch Neubau, sondern beim Kunsthistorischen Museum, n\u00e4mlich die Rabenkr\u00e4he, der der Sto\u00df fehlte. Obgleich ich keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr dessen Fehlen hatte finden k\u00f6nnen, lie\u00df mich der Gedanke an diesen Vogel nicht los. Ich dachte st\u00e4ndig an dieses Bild, das immer noch vor meinem geistigen Auge stand, w\u00e4hrend ich alles be\u00e4ugte, was mich umgab.<br \/>\nEs war das Fehlen eines f\u00fcr das Flugverhalten eines Vogels essenziellen Teils, das jedoch ohne Folgen geblieben war.<br \/>\n\u201eWie kann es sein\u201d, fragte ich mich, \u201edass ein Wesen seinem Tagesablauf ohne erkennbare Einschr\u00e4nkungen folgen kann, obwohl diesem Wesen eine so wichtige k\u00f6rperliche Voraussetzung daf\u00fcr abhandengekommen ist? Wie kann man sich so verhalten, obwohl einem, wenigstens in gewisser Weise, der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen wurde?\u201d<\/p>\n<p>Ich selbst war lange Zeit nicht in der Lage, einem auch nur einigerma\u00dfen geregelten Leben nachzugehen. Mein Tagesablauf war sehr wohl geregelt. Aufstehen, Texte in den Computer h\u00e4mmern, zu Mittag essen, danach weiterh\u00e4mmern oder fernsehen, schlie\u00dflich ein Spaziergang und am Ende stand das Schreiben im Salzamt. An vielen Tagen zumindest. An den anderen unterlie\u00df ich das Schreiben und trank gr\u00e4sslich viel. Das unkontrollierte Saufen und Nichtschreiben hatte den, durchaus angenehmen, Nebeneffekt, dass ich am Tag darauf keine Texte abzutippen hatte. Mir war der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen worden, und ich konnte keine M\u00f6glichkeit erkennen, somit auch nicht n\u00fctzen, sie wieder auf diesen zu stellen.<br \/>\nUnd doch habe ich den Boden wieder ber\u00fchrt. Es ist nicht so, dass ich mein gesamtes K\u00f6rpergewicht auf diesen h\u00e4tte wirken lassen k\u00f6nnen, um dadurch auf einem sicheren Fundament zu stehen zu kommen, aber Ber\u00fchrungen, wenn auch sanfte, waren immerhin ein Anfang.<\/p>\n<p>Ich erkannte eine gewisse \u00c4hnlichkeit zwischen der Rabenkr\u00e4he und mir.<br \/>\nIch wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, kann es gar nicht wissen, was der Vogel gef\u00fchlt hat, als ihm sein Sto\u00df abhandenkam. Hat er, in einer Art Schockstarre, alles fallenlassen, alles fahrenlassen? Hat er sich zur\u00fcckgezogen, in die innere Klause, einem Eremiten gleich?<br \/>\nIch habe so gehandelt.<br \/>\nNein, das hat die Kr\u00e4he nat\u00fcrlich nicht gemacht. Ansonsten h\u00e4tte ich sie heute nicht sehen k\u00f6nnen. Denn dann w\u00e4re sie gestorben, was hei\u00dft verendet. Sie w\u00e4re schwach geworden, k\u00f6rperlich schwach, und einem Fuchs, Marder oder gefiederten Beutegreifer zum Opfer gefallen. Sie ist ihrem Instinkt gefolgt, der ihr sagte, dass sie weiterk\u00e4mpfen muss. \u201eDu, Rabenkr\u00e4he\u201d, so lauteten anzunehmenderweise seine unh\u00f6rbaren Worte, \u201emusst trotz deiner nunmehrigen Beeintr\u00e4chtigung weiterk\u00e4mpfen und das Fliegen wenigstens so gut wiedererlernen, dass du dir Nahrung suchen kannst, denn sonst stirbst du!\u201d<br \/>\nDie Kr\u00e4he war, zwar von ihrem Instinkt gesteuert, aber dennoch, vern\u00fcnftiger als ich, denn ich habe mich in gewissen Phasen zu gewissen Zeiten mit der zeitnahen Endlichkeit meines Lebens abgefunden.<\/p>\n<p>Dass es letzten Endes doch nicht so weit kam, habe ich wohl meinem eigenen \u00dcberlebensinstinkt zu verdanken, der erwiesenerma\u00dfen bei Weitem schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt ist als der von Tieren, ansonsten h\u00e4tte ich weit weniger Zeit ben\u00f6tigt, um zu erkennen, dass das Leben einfach weitergehen muss.<br \/>\nDenn dessen Ende ist ohnehin unausweichlich. Warum also sollte ein Mensch wie ich, der eine stark ausgepr\u00e4gte Inklination hat, gegen Handlungen, Ansichten und Verhaltensweisen zu rebellieren, ausgerechnet gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes und die Unklarheit, wann dieser eintreten wird, ank\u00e4mpfen, indem ich diesen selbst herbeif\u00fchre? Das w\u00e4re erstens ein zu gro\u00dfes Risiko, denn vielleicht kommt doch noch was, und zweitens w\u00e4re es h\u00f6chst inkoh\u00e4rent in Hinblick auf mein bisheriges stetes rebellisches Verhalten, was zum Beispiel Arbeit anlangt. Denn so gr\u00e4sslich der schwarze Wolf der Depressionen und die Oberfl\u00e4chlichkeit mancher Leute auch waren und sein m\u00f6gen, an ihnen zugrunde zu gehen, das steht nicht daf\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16107<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich heute \u2013 nach einem Besuch bei meinem Zahnarzt wollte ich mich bewegen, um mein Blut zum ordnungsgem\u00e4\u00dfen Zirkulieren zu animieren, auf dass es das Narkosemittel rasch abbauen helfen konnte \u2013 \u00fcber die Tuchlauben gegangen war, freute ich mich darauf, die Hofburg geschwind hinter mir lassen zu k\u00f6nnen. 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