{"id":4931,"date":"2016-08-29T11:02:50","date_gmt":"2016-08-29T11:02:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4931"},"modified":"2016-09-25T16:38:25","modified_gmt":"2016-09-25T16:38:25","slug":"brief-an-felix","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4931","title":{"rendered":"Brief an Felix"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4931&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4931&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lieber Felix,<\/p>\n<p>Du wurdest im Jahr 2015 geboren. In diesem Jahr befand sich die Welt in einer Krise, deren Ausgang vorherzusagen mir zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen im Salzamt zu Papier bringe, nicht m\u00f6glich ist.<br \/>\nIch bin jedoch zuversichtlich, dass an dem Tag, an dem Du diesen Brief liest, die Stabilit\u00e4t wieder eingekehrt ist. Irgendwie ist es immer mit der Welt im Allgemeinen und mit Europa im Speziellen weitergegangen. Du kannst auf jeden Fall dankbar sein, dass Du im Herzen Europas aufw\u00e4chst, einem nunmehrigen Hort der Menschenrechte und einem althergebrachten der Kunst &#8211; und das musst Du auch. Kleinere St\u00f6rger\u00e4usche gab es immer und wird es immer geben, doch im Gro\u00dfen und Ganzen ist hier ein sicheres und lebenswertes Existieren m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass Du auf eine g\u00e4nzlich andere Art und Weise aufwachsen wirst, als meine geliebte Schwester, Deine Mutter, und ich selbst aufwachsen durften.<br \/>\nNun wirst Du wahrscheinlich schmunzeln, denn unser Aufwachsen wird Dir veraltet, wenn nicht gar archaisch erscheinen. Nun schmunzle auch ich, denn verglichen mit der heutigen Zeit war es das auch. Ich hatte meine erste E-Mail-Adresse im Alter von einundzwanzig Jahren, also, so nehme ich an, zumindest zehn Lebensjahre sp\u00e4ter als Du.<br \/>\nDu wirst von Kleinkindbeinen an vertraut sein mit modernen Kommunikationsmitteln, wie auch mit dem Internet. Dies ist durchaus zu bef\u00fcrworten: Die M\u00f6glichkeit, Informationen binnen Sekunden in mund- oder vielmehr gehirngerechten Happen auf dem Tablet oder Mobiltelefon serviert zu bekommen, ist ebenso begr\u00fc\u00dfenswert wie verf\u00fchrerisch und wohl auch notwendig.<\/p>\n<p>Jedoch ist nicht alles, was diese drei Adjektive in sich vereint, frei von Gefahren (so wie -fast- alles Gute auch seine negativen Seiten hat &#8211; aber das hast Du zu dem Zeitpunkt, an dem Du diesen Text liest, bestimmt schon erfahren m\u00fcssen).<br \/>\nIch meine damit keineswegs die \u00dcberwachung durch den Staat oder ausl\u00e4ndische Geheimdienste oder Augensch\u00e4den durch zu lange Interaktion mit einem Display und diesen ganzen Zinnober, denn all das ist unausweichlich und als Tatsache hinzunehmen (bis auf den Augenschaden hoffentlich).<br \/>\n\u201eWas ist ein Mensch ohne Papiere? &#8211; Weniger als Papier ohne einen Menschen\u201d, hat Joseph Roth geschrieben.<br \/>\nHeute w\u00fcrde er wohl folgende Worte zu Papier bringen: \u201eWas ist ein Mensch ohne Smartphone? &#8211; Weniger als ein Display ohne einen Menschen.\u201d<br \/>\nJoseph Roth war gewiss kein einfacher Mann. Er hatte mit vielen Problemen zu k\u00e4mpfen und tr\u00e4gt selbst die Hauptschuld an seinem fr\u00fchen Ableben.<br \/>\nDoch trotz all der Unmenschlichkeit, welcher er ohne sein Zutun ausgesetzt war, und trotz der schlechten Erlebnisse mit anderen Menschen, f\u00fcr die er sehr wohl etwas konnte, hatte er sich eine, nicht nur in der Literatur seltene, Sichtweise bewahrt, und zwar bis, das ist verb\u00fcrgt, wenigstens zwei Tage vor seinem elenden Tod: die warmherzige Sicht auf die Menschen.<br \/>\nEr hatte die Menschen geliebt, mit all ihren Schw\u00e4chen, Fehlern und sonstigen Unzul\u00e4nglichkeiten. Einen charakterlosen Karrieristen hat er mit der selben Empathie portr\u00e4tiert wie eine leichte Dame oder eine einfache Frau, die nur das Beste f\u00fcr ihr Kind wollte und doch einsam endete.<\/p>\n<p>Du wirst Dich nun fragen, warum ich Joseph Roth in diesem Brief hervorhebe. Nun, lies seine Werke &#8211; sie geh\u00f6ren zum Besten, was ich je gelesen habe.<br \/>\nNein, das ist nat\u00fcrlich nicht der Hauptgrund. Ich will auf g\u00e4nzlich anderes hinaus.<br \/>\nDie moderne Kommunikationstechnologie ist kein Fluch, doch birgt sie die Gefahr, dass die Menschen in ihrem Denken uniform (gemacht) werden. Sie werden dazu gebracht, im Strom mitzuschwimmen (ich habe einige Male vom \u2018Mitlaufen im Gel\u00e4uf der Lemminge\u2019 geschrieben &#8211; aber das ist meine pers\u00f6nliche zynische Sichtweise auf die Gesellschaft).<br \/>\nDu darfst Dich niemals auf das verlassen, was Dir als Wahrheit vorgegaukelt wird. Ich verwende dieses harte Zeitwort bewusst. Nat\u00fcrlich ist es nicht so, dass alles, was im Internet zu lesen steht, eine glatte L\u00fcge ist.<br \/>\nWenn Du jedoch die dort gefundenen Informationen einseitig betrachtest und sie als selbstverst\u00e4ndlich korrekt ansiehst, begibst Du Dich in die Gefahr, Dir ein Urteil zu bilden, ohne die Sachlage kritisch von mehreren Seiten betrachtet zu haben.<\/p>\n<p>Das Leben h\u00e4lt viele \u00dcberraschungen bereit, positive wie auch negative. Die guten tut man allzu oft allzu schnell ab, denn der Mensch erwartet (weil er sich dies naturgem\u00e4\u00df w\u00fcnscht), dass ihm Gutes widerf\u00e4hrt.<br \/>\nDoch auch die schlimmen Dinge (die man, ebenfalls naturgem\u00e4\u00df, nicht erwartet hat) haben etwas Gutes &#8211; glaube mir, ich wei\u00df wovon ich rede.<br \/>\nDies zu erkennen erfordert Zeit, und somit Geduld. Ich selbst habe diese Geduld \u00fcber viele Jahre nicht aufbringen k\u00f6nnen und habe im Augenblick, also im Affekt, reagiert. Sei vern\u00fcnftiger als ich, lieber Felix, und habe Geduld.<br \/>\nDie richtige Bewertung einer \u00fcblen Sache ist immer immer immer erst dann m\u00f6glich, wenn man nicht mehr inmitten des mit ihr verbundenen innerlichen Sturmes steht, dann, wenn man mit ihr fertiggeworden ist und sie von au\u00dfen betrachten kann.<br \/>\nF\u00fcr diese beiden Bewertungen, sowohl f\u00fcr die von Informationen als auch die des Dir Widerfahrenen, braucht es andere Menschen, und zwar solche aus Fleisch und Blut.<br \/>\nNur sie k\u00f6nnen Dir die richtigen Ratschl\u00e4ge geben oder neue Sichtweisen aufzeigen. Die \u2018Freunde\u2019 oder \u2018Follower\u2019 sind sch\u00f6n und gut, doch die pers\u00f6nliche Kommunikation, die von Angesicht zu Angesicht, ist unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Schon heute, zu meiner Zeit, ist es f\u00fcr jeden einfacher (und ich nehme mich da keineswegs aus), auf den \u2018Gef\u00e4llt-mir-Button\u2019 zu klicken oder \u2018Tut mir leid f\u00fcr dich\u2019 auf eine Pinnwand zu schreiben, als sich n\u00e4her mit Umst\u00e4nden oder Tatsachen zu befassen. Damit ist die Sache dann abgehakt.<br \/>\nWarum ich so kritisch \u00fcber dieses Thema schreibe: Schon heute hat die Unpers\u00f6nlichkeit Ausw\u00fcchse angenommen, die mich erschrecken. Ich f\u00fcrchte jedoch (und bin mir dessen beinahe sicher), dass sich dieses Ph\u00e4nomen in den n\u00e4chsten Jahren, also wenn Du aufw\u00e4chst, noch viel weiter auspr\u00e4gen wird.<br \/>\nNun bin ich wieder bei Joseph Roth angelangt.<br \/>\nDu musst einen warmherzigen Blick auf die Menschen richten, vor allem auf die in Deinem pers\u00f6nlichen Umfeld.<br \/>\nJeder von ihnen hat Fehler, Schw\u00e4chen und Unzul\u00e4nglichkeiten, auch Du. (Ich nat\u00fcrlich auch &#8211; Deine Mutter wird Dir eines Tages sicherlich von diesen erz\u00e4hlen.) Daf\u00fcr darfst Du die Menschen nicht verurteilen, vielmehr musst Du sie so sehen und annehmen, wie sie nun einmal sind.<\/p>\n<p>Diesen warmherzigen Blick wirst Du an dem Tag entwickeln, an dem Du Deine Fehler akzeptierst. Ich meine die \u2018Fehler\u2019, die Deinen Charakter, Dein Wesen ausmachen &#8211; keineswegs solche, die Du leicht beseitigen kannst (denn die sollst und musst Du beseitigen). Schlie\u00dflich werden wir nur mitsamt unseren \u2018Fehlern\u2019, \u2018Schw\u00e4chen\u2019 und \u2018Unzul\u00e4nglichkeiten\u2019 ehrlich akzeptiert und (im Idealfall) aufrichtig geliebt, sozusagen als Gesamtpaket.<br \/>\nVon ihnen wissen wirst Du klarerweise schon lange vor diesem Tag, doch erst wenn Du sie als Teil von Dir annimmst, wirst Du sagen k\u00f6nnen: \u201eIch bin ehrlich zu mir selbst und wei\u00df von meinen Fehlern.\u201d Und dann, glaube mir das, kommt der sch\u00f6nste Moment, n\u00e4mlich der, wenn Du Dir sagst: \u201eIch stehe zu mir selbst.\u201d<br \/>\nIch kann Dir nicht sagen, wann dieser Tag kommt, niemand vermag das, doch er wird kommen.<br \/>\nSp\u00e4testens von diesem Tag an wird es Dir dann auch gleichg\u00fcltig sein, was die \u2018Leute\u2019 sagen. Das konnte es Dir zwar bereits am Tag Deiner Geburt sein, denn sie sind und waren nie wichtig, doch ist es manchmal schwer, das Gefiepe der Lemminge zu \u00fcberh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Lieber Felix, ich w\u00fcnsche Dir auf Deinem Lebensweg nur das Beste in allen Belangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16106<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Felix, Du wurdest im Jahr 2015 geboren. In diesem Jahr befand sich die Welt in einer Krise, deren Ausgang vorherzusagen mir zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen im Salzamt zu Papier bringe, nicht m\u00f6glich ist. 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