{"id":4927,"date":"2016-08-29T10:51:11","date_gmt":"2016-08-29T10:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4927"},"modified":"2016-11-07T14:57:00","modified_gmt":"2016-11-07T14:57:00","slug":"ein-knall-und-doch-kein-fall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4927","title":{"rendered":"Ein Knall und doch kein Fall"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4927&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4927&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Leben legt manchmal Fallstricke aus, doch nicht jeder Mensch, der von ihnen zu Fall gebracht wird, f\u00e4llt tief.<br \/>\nEine Frau zum Beispiel, die von ihrem Liebhaber schwanger wird, daraufhin ihren Ehemann verl\u00e4sst und fortan gl\u00fccklich mit Freund und Nachwuchs lebt, ist, wie man sagt, auf die Butterseite gefallen.<br \/>\nEin Politiker oder Manager, der, damit er nicht noch mehr Schaden anrichten kann, weggelobt wird, indem er Minister oder Aufsichtsrat wird, f\u00e4llt definitiv nach oben.<br \/>\nMan sieht: Nicht in allen F\u00e4llen muss ein in eine Falle Gefallener seine Felle davonschwimmen sehen oder gar an einen Strick denken.<\/p>\n<p>Karl, ein \u00d6sterreicher von vierzig Jahren, hat noch nie an einen Strick gedacht, und Felle sieht er nur dann nass werden, wenn er den Bisamratten dabei zusieht, wie sie im Bach schwimmen.<br \/>\nEr denkt stets in gro\u00dfen Dimensionen, denn um Kleines schert er sich \u00fcberhaupt nicht. Es w\u00e4re auch unwirtschaftlich, w\u00fcrde er in seiner liebsten Wirkungsst\u00e4tte, dem Wirtshaus, kleine Biere konsumieren, denn wie jeder Biertrinker wei\u00df, rentiert sich das nicht. Die gro\u00dfe Wei\u00dfe Mischung, die Karl gelegentlich zu sich nimmt, kostet zwar das selbe wie zwei kleine Spritzer, doch da er nun einmal gerne aus gro\u00dfen Gebinden trinkt, h\u00e4lt er es auch mit dem Spritzwein so. Beim Schnaps d\u00fcrfen es ruhig kleine Gl\u00e4ser sein, denn diese zeichnen sich durch hohe Stabilit\u00e4t aus. Die ist vor allem dann essenziell, wenn Karl zur Bekr\u00e4ftigung des eben Gesagten mit der Faust auf den Tresen haut und zuvor vergessen hat, das Stamperl auf der Theke abzustellen.<\/p>\n<p>Das Gasthaus ist Karls Lieblingsort, wenngleich es dort Fallen gibt, die er besser meidet. Er verh\u00e4lt sich Menschen, die er nicht kennt, gegen\u00fcber zur\u00fcckhaltend, beinahe maulfaul, denn er sucht tunlichst zu vermeiden, dass sie herausfinden, wie er denkt.<br \/>\nBefindet er sich jedoch im Kreise seiner Trinkkumpane, nimmt er schnell Fahrt auf. Er erkl\u00e4rt, was in der Welt schiefl\u00e4uft, macht bald die daran Schuldigen aus und ger\u00e4t derart in Harnisch, dass seine Trinkgesellen \u00e4ngstlich um sich blicken, ob ein Polizist im Raum ist, wenn Karl seine L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge unterbreitet, was er oft br\u00fcllend macht. Dann denkt er manchmal an seinen Gro\u00dfvater, den er blo\u00df aus Erz\u00e4hlungen kennt und von dem Foto, auf dem sein Ahn die gut sitzende schwarze Uniform eines Standartenf\u00fchrers tr\u00e4gt, und seine Augen werden feucht. Er verl\u00e4sst das Gasthaus und nimmt auf dem Heimweg aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden einen Melissengeist ein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen duscht er und rasiert sich, dann legt er Tracht an und bl\u00e4ttert in der gr\u00f6\u00dften kleinformatigen Tageszeitung des Landes. Karl liest erst den Politikteil, dann, um sich wieder abzuregen, die Seiten mit den Gebrauchtwagenanzeigen. Er h\u00e4tte gerne einen Sportwagen, am besten einen deutschen, doch da ihm das Geld f\u00fcr eine solche Anschaffung fehlt, tr\u00e4umt er einfach weiter davon.<br \/>\nEr geht in den Stall und f\u00fcttert die K\u00fche und die Schweine. Eine Magd w\u00e4re ihm hierbei eine gro\u00dfe Hilfe, doch kann er sich nicht vorstellen, mit einer Frau zu arbeiten. Karl hat Probleme mit Frauen, seit ihm seine davongelaufen ist. Sie konnte seine rustikale Wesensart weder sch\u00e4tzen noch verstehen.<br \/>\nNach der Versorgung seines Viehs trinkt er ein gro\u00dfes Glas Most, und danach ein weiteres. Hierauf pflegt er in sein Schlafzimmer zu gehen und sein Arsenal an Jagdwaffen zu inspizieren. Die Gewehre liegen unter seinem Bett. Sie sind ge\u00f6lt, in Decken eingeschlagen und stets geladen, denn Karl wei\u00df nur zu gut, dass man nie wissen kann.<\/p>\n<p>Ein tragischer Unfall mit einer Schusswaffe hatte das Leben seines Vaters vorzeitig beendet. Dem Alten hatte es gar nicht gefallen, von seinem Sohn im Jagdrevier um Geld angebettelt zu werden, also hatte er Karls Ansinnen schroff zur\u00fcckgewiesen. Dieser geriet in Rage, und nachdem sich zwei Sch\u00fcsse aus seiner einl\u00e4ufigen Flinte gel\u00f6st hatten, war er sich sicher, dass er das Geld erhalten w\u00fcrde.<br \/>\nDer Kommissar, der den Unfall bearbeitete, versuchte Karl eine Falle zu stellen, doch dieser fiel nicht hinein. Nach dem Tod seines Vaters fuhr er mit allen zweiundzwanzig Gewehren in den Wald und gab Sch\u00fcsse aus ihnen ab, sodass es der Polizei unm\u00f6glich war festzustellen, durch welche Waffe der Alte zu Tode gekommen war.<\/p>\n<p>Mit Menschen fremdl\u00e4ndischer Herkunft hat es Karl nicht so. Sie passen einfach nicht in das Bild, das er vor seinem geistigen Auge hat. Im Zentrum dieses Bildes befindet sich sein Stammlokal, in welches Ausl\u00e4nder niemals einkehren, und das soll, wenn es nach Karl geht, auch so bleiben. Schlie\u00dflich wird der Boden dieses sch\u00f6nen Ortes jeden Tag von der ungarischen Raumpflegerin aufs Penibelste gekehrt.<\/p>\n<p>Karl liest keine B\u00fccher, aber er wei\u00df dass es Schriftsteller gibt und dass diese schreiben. Gelegentlich nimmt er an kulturellen Veranstaltungen teil, zum Beispiel wenn der Kameradschaftsbund, der Karl selbstverst\u00e4ndlich zu seinen Mitgliedern z\u00e4hlen darf, die Einweihung einer neuen Fahne zelebriert. Dann gibt es zu essen und auch zu trinken, und endlich tragen alle Anwesenden ihre Fahnen zu dem Tisch, auf dem die neue Fahne liegt, beugen sich \u00fcber diese und loben mit schweren Zungen die Kunstfertigkeit, mit welcher das Ritterkreuz gestickt wurde. Da Karl im Gasthaus oft gesagt wird, dass er eine laute und sch\u00f6ne Stimme hat, l\u00e4sst er diese gerne erklingen und bleibt im Vereinshaus, bis die Fahne wegger\u00e4umt ist und der gesellige, der musikalische Teil des Abends beginnt. Dann werden die schweren und blickdichten Vorh\u00e4nge, die keinen Ton nach drau\u00dfen dringen lassen und keinen Blick nach drinnen, zugezogen und Karl stimmt ein paar aus der Mode gekommene Lieder \u00fcber geschlossene Reihen, die Untreue aller und die Insel Kreta an.<\/p>\n<p>Er hat oft Zeit, gro\u00dfen Gedanken nachzuh\u00e4ngen. Er sinniert gerne \u00fcber eine generelle Neuordnung des Staates \u00d6sterreich unter der F\u00fchrung von Gener\u00e4len. So w\u00fcrde wieder Zucht getrieben und Ordnung einkehren. Wehrdienstverweigerer k\u00f6nnten, an den Pranger gekettet, beschimpft werden und die Grenzen w\u00fcrden dichtgemacht. Karl w\u00fcrde liebend gerne Dienst an der Grenze versehen, doch da er seinen Pr\u00e4senzdienst nicht ableisten durfte, bleibt ihm diese hehre Aufgabe verwehrt.<br \/>\nEr wurde f\u00fcr untauglich erkl\u00e4rt, nie durfte er sich als Soldat f\u00fchlen. Seine Augen w\u00e4ren zu schlecht, hatte er seinen Eltern erz\u00e4hlt.<br \/>\nDie Jagdpr\u00fcfung legte er mit Bravour ab, womit er das vernichtende Urteil der Milit\u00e4rpsychologin ad absurdum f\u00fchrte, dass er keinesfalls eine Schusswaffe in H\u00e4nden halten sollte.<\/p>\n<p>Karl ist ein guter J\u00e4ger. Jedes Mal, wenn er in sein Revier f\u00e4hrt, kommt er mit Beute zur\u00fcck. Am liebsten erlegt er Habichte, doch da diese Raubv\u00f6gel selten und au\u00dferdem schwer zu erwischen sind, muss er sich oft mit einem Falken oder Bussard zufriedengeben. Da er darauf achtet, dass nicht zu viele Beutegreifer, wie F\u00fcchse oder Dachse, in seinem Wald ihr Unwesen treiben, hat er zahlreiche Fallen ausgelegt, welche ihm einen sch\u00f6nen Ertrag an Fellen einbringen. So besitzt Karl acht Fuchskappen f\u00fcr die kalte Jahreszeit, welche seinen Kopf warmhalten, w\u00e4hrend eines seiner f\u00fcnf Katzenfelle seinem Wanst wohlige W\u00e4rme spendet.<\/p>\n<p>Karl isst f\u00fcr sein Leben gerne Schweinsbraten aus Bauchfleisch. Das Brechen der im Backrohr kross gegrillten Schwarte ist ihm Lebenselixier und Daseinsbest\u00e4tigung gleicherma\u00dfen. Der austretende Saft l\u00e4sst ihn auf Beilagen wie Reis oder Salat vergessen, und er bestellt sich oft eine zweite Portion Bauchbraten. Dieses Gericht l\u00e4sst ihn die M\u00fche vergessen, die ihm das Streichen von k\u00fchlschrankkaltem Grammelschmalz auf sein Fr\u00fchst\u00fccksbrot bereitet hat, und macht ihn zugleich sicher, sich eine solide Unterlage f\u00fcr den Abend zuzuf\u00fchren. Hin und wieder isst Karl Gem\u00fcse, vor allem Essiggurken, die er auf ein Brot mit Hartwurst legt, oder Silberzwiebel, die er neben dieses legt. In der Zeitung liest er gerne die Reklame von Superm\u00e4rkten, weil er wei\u00df, dass seine bevorzugten Gem\u00fcsesorten oft verbilligt sind.<\/p>\n<p>Karl ist kein begnadeter Sportler, daf\u00fcr aber begeistertes Mitglied des Turnerbundes. Es bereitet ihm Freude zu sehen, dass sich bereits kleine Kinder f\u00fcr die Ideale des Turnvaters begeistern lassen. Sein Herz macht Freudenspr\u00fcnge, wenn seine Augen Knirpse beobachten, wie sie sich an den Ger\u00e4ten versuchen, ganz in wei\u00df gekleidet, mit lediglich drei Buchstaben in Frakturschrift als Farbtupfer. Einmal im Jahr, beim Bergturnfest, feiern sich die Turner und Karl feiert mit. Nach dem Ende der Wettk\u00e4mpfe, wenn die Sportlichen keine roten Wangen mehr haben, und die Backen von Karl und den \u00fcbrigen Zuschauern immer roter werden, wenn die Sonne ihre letzten warmen Stahlen auf die Szenerie fallen l\u00e4sst und die Polizisten weg sind, gef\u00e4llt es allen, dass er seine Stimme ert\u00f6nen l\u00e4sst und die Lieder, die er beim Kameradschaftsbund so gerne singt, anstimmt, und alle stimmen sie ein.<\/p>\n<p>In seinem Umfeld ist Karl ein geachteter Mann. Er wird f\u00fcr die Art, wie er sein Leben lebt, bewundert. Etwaige kritische Bemerkungen diesbez\u00fcglich wischt er weg wie Bier auf dem Tresen, das einem \u00fcbersch\u00e4umenden Glas entkommen konnte. Seine \u00dcberzeugungen sind kein Fels in der Brandung, vielmehr sind sie so stark in seinem Leben verankert wie eine hunderte Jahre alte Eiche auf einem H\u00fcgel, und wer sich daran reibt, gilt Karl als Borstenvieh. Es w\u00e4re sinnlos, Karl eine Falle zu stellen, er w\u00fcrde nicht hineinfallen, blo\u00df hineintappen. Beim Inspizieren der Falle w\u00fcrde lediglich sein Fu\u00dfabdruck auffallen. Karl wird auff\u00e4llig, wenn er glaubt, er selbst sein zu d\u00fcrfen, doch das f\u00e4llt nicht auf.<br \/>\nKarl ist \u00d6sterreicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16105<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben legt manchmal Fallstricke aus, doch nicht jeder Mensch, der von ihnen zu Fall gebracht wird, f\u00e4llt tief. Eine Frau zum Beispiel, die von ihrem Liebhaber schwanger wird, daraufhin ihren Ehemann verl\u00e4sst und fortan gl\u00fccklich mit Freund und Nachwuchs lebt, ist, wie man sagt, auf die Butterseite gefallen. 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