{"id":4922,"date":"2016-08-29T10:44:09","date_gmt":"2016-08-29T10:44:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4922"},"modified":"2016-10-05T08:09:18","modified_gmt":"2016-10-05T08:09:18","slug":"rueckblick-eines-priesters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4922","title":{"rendered":"R\u00fcckblick eines Priesters"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4922&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4922&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mein Name ist Pater Reinhard Puswald, ich bin dreiundachtzig Jahre alt und diktiere meinem Mitbruder Pater Franziskus Gruber diese Worte, w\u00e4hrend ich auf meinem Sterbebett liege. Sie sollen mein Verm\u00e4chtnis sein und sind m\u00f6glicherweise dazu angetan, jungen Ordensmitgliedern einen Eindruck zu vermitteln, worauf es meiner Ansicht nach beim Priesterberuf ankommt.<br \/>\nIch sage bewusst Beruf, denn bei aller Wertsch\u00e4tzung der Berufung, die jeder von uns zu Beginn seiner Ordenslaufbahn versp\u00fcrt, handelt es sich letztlich um nichts anderes als um einen Beruf, den wir bis zum Ende unseres Lebens ausf\u00fchren wollen.<\/p>\n<p>Als ich im Alter von neunzehn Jahren in den Zisterzienserorden eingetreten bin, lag ein Leben voller Unruhe hinter mir, eines, das gepr\u00e4gt war von Trunkenheit, kurzlebigen Beziehungen zu Frauen und der Frage nach dem Sinn meines Daseins.<br \/>\nDennoch fiel es mir leicht, all diesen Trubel hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, eines, das von Disziplin, Pflichterf\u00fcllung und der Liebe zu meinen Mitmenschen und zu Gott erf\u00fcllt war.<br \/>\nAus Egon Puswald wurde Pater Reinhard.<br \/>\nVon einem Tag auf den anderen war ich ein geachteter Mann, denn ich trug die Tracht meines Ordens. Zu einem akzeptierten Gottesmann wurde ich jedoch erst viele Jahre sp\u00e4ter, als die Menschen erkannten, dass es mir ernst war mit dem, was ich sagte und machte, und vor allem, nachdem ich mir selbst die Torheiten meiner jungen Jahre vergeben hatte.<\/p>\n<p>Das Leben im Kloster hielt viele Aufgaben und Pflichten f\u00fcr mich bereit. Die meisten von diesen bereiteten mir Freude, ein paar nahm ich als gegeben hin und nur sehr wenige bereiteten mir ernstlich Kummer.<br \/>\nFr\u00fch am Morgen aufzustehen und sich zum Gebet zu versammeln, fiel mir anfangs schwer, doch nach einer gewissen Zeit erkannte ich, dass der Mensch einfach mehr vom Tage hat, wenn er diesen zeitig beginnt. Das Gebet, in welchem ich fr\u00fcher inbr\u00fcnstig Zwiesprache mit Gott zu halten glaubte, wurde \u00fcber die Jahre eine Art Meditation, ein wiederkehrender Anlass, in mich zu gehen, innezuhalten und mich meines Standortes zu besinnen, um meine Standpunkte gegebenenfalls nachjustieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEs war oftmals notwendig, diese Standpunkte zu \u00e4ndern, denn der Beruf des Priesters bringt es mit sich, dass man mit Menschen arbeitet, und Menschen \u00e4ndern ihre Denkweisen und ihr Handeln. Dies trifft auf alle Menschen zu, also auch auf uns M\u00f6nche.<\/p>\n<p>Ich hatte, als ich Pfarrer eines kleinen Dorfes wurde, mit unterschiedlichen Charakteren zu tun. Vielen von diesen konnte ich tats\u00e4chlich eine Hilfestellung bei der L\u00f6sung ihrer Probleme geben, zum Beispiel wenn ihre Verwandten verstorben waren oder durch die Beichte. Im Zuge des Bu\u00dfsakraments offenbarten sie nicht blo\u00df ihre begangenen S\u00fcnden, sondern erz\u00e4hlten mir von ihren innerlichen Problemen. Fr\u00fcher war es so, dass der Pfarrer ein St\u00fcck weit die Arbeit verrichten musste, und dies, so der Idealfall, auch tun wollte, f\u00fcr die heute ein Therapeut zust\u00e4ndig ist.<br \/>\nIch versuchte nach Kr\u00e4ften, diesen Menschen zu helfen, auch wenn ich dabei etliche Male an die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit stie\u00df oder gesto\u00dfen wurde. Ich bekenne, dass ich bei mehreren Gelegenheiten nicht anders handeln konnte, als die betreffenden Menschen mit deutlichen Worten darauf hinzuweisen, dass f\u00fcr ihre Probleme, und vor allem die Schwere, in der diese zutage traten, das Gespr\u00e4ch mit einem Priester nicht ausreichen konnte und sie so schnell wie m\u00f6glich professionelle medizinische Hilfe in Anspruch nehmen sollten.<\/p>\n<p>Im Falle einer jungen Frau versagte ich und machte mir \u00fcber viele Jahre Vorw\u00fcrfe, dass ich eine Mitschuld an ihrem Tod tragen w\u00fcrde. Irgendwann belastete mich dieser Todesfall nicht mehr, denn ich hatte erkannt, dass ich meinem Beruf entsprechend, und somit richtig, gehandelt hatte. Auch wenn es meine Berufung war, und immer noch ist, den Menschen zu helfen, so ist es allein aus Gr\u00fcnden des Selbstschutzes unerl\u00e4sslich, die Grenzen, die mein Beruf mir setzt, zu akzeptieren und einzuhalten.<\/p>\n<p>Diese Grenzen gibt es nat\u00fcrlich auch im Zusammenleben mit meinen Mitbr\u00fcdern. Ich habe es genossen, mit sehr unterschiedlichen Menschen zu leben. Mit den meisten hatte ich ein gutes Auskommen in allen Belangen. Wir zogen an einem Strang und hatten Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Eigenheiten und Schw\u00e4chen, die jeder von uns hatte und hat. Selbst als Mitbr\u00fcder V\u00e4ter wurden, hielten wir zu ihnen und sorgten daf\u00fcr, dass es ihren Kindern an nichts fehlte.<br \/>\nMit den Oberen meiner Di\u00f6zese geriet ich einige Male aneinander, doch nachdem mir klargeworden war, dass sie in ihrem Beruf gefangen waren, kommentierte ich die R\u00e4nke, die sie schmiedeten und die von politischen, wirtschaftlichen und pers\u00f6nlichen Interessen durchsetzt waren, nicht l\u00e4nger und lie\u00df sie gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Heute bin ich alt und krank, doch habe ich das Gl\u00fcck, sagen zu k\u00f6nnen, dass ich ein gutes Leben hatte. Ich habe gelernt, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind, und auch dass es Dinge gibt, die der Glaube allein nicht zurechtr\u00fccken kann.<br \/>\nIch bedaure, dass ich mich nicht st\u00e4rker daf\u00fcr eingesetzt habe, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden d\u00fcrfen, doch bin ich mir sicher, dass meine jungen Mitbr\u00fcder die Courage haben werden, diese Grenze zu sprengen, der ich mich aus Gr\u00fcnden der damaligen Weltanschauung innerhalb der katholischen Kirche kaum zu n\u00e4hern wagte.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie viele Tage auf Erden mir noch gegeben sind, doch werde ich mit der Gewissheit einschlafen, dass mein Dasein nicht vergebens war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\"><span style=\"color: #000000;\">hardly secret diary<\/span><\/a> | Inventarnummer: 16104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Pater Reinhard Puswald, ich bin dreiundachtzig Jahre alt und diktiere meinem Mitbruder Pater Franziskus Gruber diese Worte, w\u00e4hrend ich auf meinem Sterbebett liege. Sie sollen mein Verm\u00e4chtnis sein und sind m\u00f6glicherweise dazu angetan, jungen Ordensmitgliedern einen Eindruck zu vermitteln, worauf es meiner Ansicht nach beim Priesterberuf ankommt. Ich sage bewusst Beruf, denn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[36],"class_list":["post-4922","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-hardly-secret-diary"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4922"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4926,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4922\/revisions\/4926"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}