{"id":4914,"date":"2016-08-26T07:08:44","date_gmt":"2016-08-26T07:08:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4914"},"modified":"2016-09-01T06:50:48","modified_gmt":"2016-09-01T06:50:48","slug":"die-kinder-vom-sonnberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4914","title":{"rendered":"Die Kinder vom Sonnberg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4914&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4914&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Auskunftsperson ist der Wirt der Redlinger H\u00fctte, der liebensw\u00fcrdige und redefreudige Johann Riegler, der seit 38 Jahren dieses Gasthaus bewirtschaftet, wahrscheinlich den sch\u00f6nsten Platz im Wienerwald. Charlotte und ich waren auf einer Expedition, um Wege, Distanzen, Zeiten und Rastm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die zweite Kafka-Wanderung am 11. September 2016 zu erkunden.<br \/>\nWir bekommen eine Lektion Heimatgeschichte. Die Redlingerh\u00fctte geht auf eine Arbeitersiedlung der 1780er zur\u00fcck, auf Joseph II. Der Reformator und Praktiker unter den Monarchen holte Wald- und Steinarbeiter, vor allem B\u00f6hmen und Tschechen, f\u00fcr die Sandsteinbr\u00fcche in der Umgebung. Sie stellten Schleifsteine her, die besten in der ganzen Monarchie und exportiert bis nach England. Sp\u00e4ter kamen die \u201eGastarbeiter\u201c f\u00fcr die Westbahn dazu. Ende des 19. Jahrhunderts verwandelten sich die Arbeiterbaracken in einen Wienerwald-Einkehrgasthof, wie sie damals in den Au\u00dfenbezirken und rund um Wien aus dem Boden sprossen.<\/p>\n<p>Besonders gef\u00e4llt uns die Vorstellung, dass, w\u00e4re Kafka fr\u00fcher und ges\u00fcnder als 1924 in Kierling angekommen, es diesen Ort schon gegeben hat und der flei\u00dfige Wanderer sicher auf diese idyllische Waldlichtung gesto\u00dfen w\u00e4re. Wahrscheinlich h\u00e4tte er ihn an einen der Gastg\u00e4rten in und um Prag erinnert, in denen er gern sa\u00df und sich mit Freunden traf. Den Schweinsbraten mit Kraut und Kn\u00f6deln, f\u00fcr den die Redlinger H\u00fctte heute ber\u00fchmt ist, h\u00e4tte der fr\u00fche Veganer auch bei bester Gesundheit nicht bestellt, aber vielleicht eine Linzertorte, die er trotz seiner strengen Reformkost immer gern mochte.<br \/>\nOb er vielleicht ein Kafka-Men\u00fc auf die Speisekarte setzen soll, fragt der offensichtlich kafkakundige und einf\u00fchlsame Wirt mit einem Augenzwinkern. Gebratene K\u00e4fer mit \u00c4pfeln? Charlotte lacht aus vollem Hals, als sie sich dieses \u201eGesundheitsmen\u00fc\u201c vorstellt: Rohkost, Fr\u00fcchte, N\u00fcsse, Honig, ein Krug Milch, Wasser und &#8211; das Ungeziefer. Wir bestellen Linzertorten als eine der Nachspeisen f\u00fcr unseren n\u00e4chsten Kafka-Spaziergang am 11. September. Bei Radler, Gepritztem und Grammelschmalzbrot mit reichlich Zwiebel und anhand einer Wanderkarte f\u00fcr die Kierlinger Umgebung erkl\u00e4rt uns der Wirt die verschiedenen Wege von hier weg in alle Richtungen und auch die Abstiege ins Kierlingbachtal. Der l\u00e4ngere Weg f\u00fchrt in einem gro\u00dfen Bogen um den Marbach zum Sonnberg, dem mit 420 Metern h\u00f6chsten in der Umgebung.<\/p>\n<p>In einer Senke unter dem Nordhang befand sich einmal ein Steinbruch f\u00fcr den Abbau von Sandstein. Nur noch einige, fast unsichtbare Steinh\u00e4nge sind geblieben, dicht \u00fcberwachsen von B\u00e4umen und Unterholz, von undurchdringlichen Brombeerhecken, Kletten und mannshohen Brennnesseln. Noch tiefer in der Senke stand einmal eine Burg, von der nicht einmal der Name bekannt ist und auch nicht die geringsten Spuren \u00fcbriggeblieben sind, erz\u00e4hlt der Wirt. Nur eine Legende hat sich erhalten: Sie ist durch ein schreckliches Feuer zerst\u00f6rt worden. Und wer dort \u2013 nat\u00fcrlich nur um eine mondhelle Mitternacht \u2013 vorbeikommt, kann noch immer das Schreien und Weinen von den in der brennenden Burg gefangenen Kindern vernehmen, so gr\u00e4sslich, dass jedem Wanderer das Blut in den Adern gefriert und er schnellstens das Weite sucht. So hat noch niemand das R\u00e4tsel der weinenden Kinder erkunden k\u00f6nnen. Wer waren die Kinder? Die Spr\u00f6sslinge der Burgherren? Eine Schule, ein Waisenhaus? Ob dieses traurige Ereignis auf den 30-j\u00e4hrigen Krieg, die T\u00fcrkenbelagerungen oder die Franzosenz\u00fcge zur\u00fcckgeht, kann uns nicht einmal der ortskundige Wirt sagen.<\/p>\n<p>Wir sind uns sicher, dass Kafka, w\u00e4re er bei ihm eingekehrt und h\u00e4tte er diese Geschichte geh\u00f6rt, einen Tagebucheintrag gemacht, einen Brief oder eine Parabel geschrieben h\u00e4tte.<br \/>\nDie Suche nach der Burg. Das Schloss. Oder w\u00e4re Kafka, der passionierte Spazierg\u00e4nger und Spezialist f\u00fcr Nachtmahre, einmal um Mitternacht diesen Weg gegangen, um dem Geheimnis, das ihn sicher angezogen h\u00e4tte, auf den Grund zu kommen, um etwas ihm entsprechendes &#8222;Kafkaeskes&#8220; draus zu machen.<\/p>\n<p>Wir nahmen den Wanderweg 6 durch das Gr\u00fcntal nach Kierling zur\u00fcck. Er sollte laut Wegweiser \u201e40 min\u201c dauern, wir brauchten aber viel l\u00e4nger, weil es st\u00e4ndig etwas zu bestaunen, bereden und fotografieren gab. Diese Strecke bietet an jeder Stelle so viel Lieblichkeit, dass einem die Tr\u00e4nen kommen und man niederknien m\u00f6chte: zuerst vorbei an einem Teich, ein St\u00fcck durch einen Obstgarten mit rotb\u00e4ckigen \u00c4pfeln und dann bergauf durch alte Buchenw\u00e4lder, so dicht und hoch, dass sie \u00fcber dem Weg einen Tunnel bilden, und wir nicht mehr wissen, wer sich vor wem verneigt.<br \/>\nCharlotte ist fasziniert von der \u00c4hnlichkeit zu der ihr vertrauten M\u00fcritzer Landschaft, wo Kafka im Sommer 1923 seine letzte gro\u00dfe Liebe, Dora Diamant, kennenlernte. Genauso ein Wald mit Buchen, aber stell dir vor, du kommst aus dem Wald raus, und dann sind da Sandd\u00fcnen und die Ostsee. Ich bin \u00fcberrascht, hatte ich bei M\u00fcritz doch immer an F\u00f6hren gedacht. Meine Erinnerungen an die Ostsee verbanden sich mit der gro\u00dfen Wanderd\u00fcne der Kurischen Nehrung, die mit F\u00f6hren befestigt wird, mit den F\u00f6hrenw\u00e4ldchen rund um Thomas Manns Haus in Nidden und den Str\u00e4nden von Klaipeda mit ihren locker im Sand stehenden F\u00f6hren.<\/p>\n<p>Im Gr\u00fcntal m\u00fcndet der Buchenwaldweg in eine unerwartet weite Wiese mit leichten Wellen und einem freien Rundblick auf die Wienerwaldh\u00fcgel. Gr\u00e4ser und Blumen stehen h\u00fcfthoch, sie werden offenbar nicht gem\u00e4ht, und Margeriten, Glockenblumen, Skabiosen, Hahnenfu\u00df, Storchenschnabel, Schafgarbe, Ochsenmaul, Kuckucksnelken, Wiesenschaumkraut, Taubnessel, Flockenblume, Giersch, Knabenkraut, Blutweiderich, Beinwell, Pimpernell, Wiesensalbei und verschiedene Kleearten d\u00fcrfen sich seit dem Fr\u00fchling ausbreiten.<br \/>\nWir beugen uns \u00fcber ein Blumengestr\u00fcpp am Wegrand und finden, dass das Blau der Wegwarte noch sch\u00f6ner, tiefer violett ist als das der Kornblume. In zwei Feldern ist der Hafer gelb und eigentlich reif f\u00fcr die Ernte. Ob er auch geerntet wird, bezweifeln wir, weil er vom Regen an vielen Stellen niedergedr\u00fcckt und von Pflanzen \u00fcberwuchert ist, die man \u00fcblich Unkraut nennt: Ackerwinde, Ackersenf, Distel, Kornrade, Mohn, Beinwurz und Leinkraut.<\/p>\n<p>Am Scheitelpunkt kommen wir an einem Marterl vorbei, dem h\u00f6lzernen K\u00e4ferkreuz, umrahmt von einigen B\u00e4nken mit der Widmung des Kierlinger Weinbauvereins. Einige gro\u00dfe V\u00f6gel kreisen dar\u00fcber, ob es Bussarde oder Falken sind auf der Jagd nach M\u00e4usen? Nur Kr\u00e4hen und Tauben k\u00f6nnen wir mit Sicherheit bestimmen. Sie sitzen so dicht aufgereiht auf den Hochspannungsleitungen, flattern und fliegen auf, dass man meinen k\u00f6nnte, sie m\u00f6gen den Elektrosmog und rappen dabei Elektrosongs.<br \/>\nEs ist eine der wenigen Stellen im dicht be- und zersiedelten Wienerwald, an denen man au\u00dfer einem Stadeldach weit und breit kein einziges Bauwerk sieht. Im Blick voraus ragen die Wienerwaldh\u00fcgel hoch empor wie ein Gebirgszug, was er ja als letzter Ausl\u00e4ufer der Ostalpen geologisch tats\u00e4chlich ist. Vielleicht zum ersten Mal verstehen wir, dass der Wienerwald die z\u00e4rtlichste Umarmung ist, die die Alpen f\u00fcr eine Stadt bereit haben. Eine besonders sch\u00f6ne Wiesen-Waldbucht in einer Mulde mit Baumst\u00e4mmen und einem J\u00e4gerstand am Rand k\u00f6nnen wir uns als die letzte Station f\u00fcr eine Kafka-Lesung vorstellen.<\/p>\n<p>Wir stimmen \u00fcberein, dass Kafka den Gr\u00fcntalweg wahrscheinlich gemocht h\u00e4tte und er ihn immer wieder auf- und abgegangen w\u00e4re, bei jeder Tages- und Nachtzeit, um zu ergr\u00fcnden, was ihm daran guttut und was ihn st\u00f6rt, um seine Wirkung in sich eindringen zu lassen. Kurz werden wir in unseren Phantasiegespr\u00e4chen irritiert von der Gestalt eines enorm gro\u00dfen, braunen Tieres, das in der Ferne an einem Weidezaun entlanggeht. Ein Mammut im Gr\u00fcntal? Kann nicht sein. Weiter unten kommen wir zu einer Weide, auf der sich eine Kuh mit ihrem Kalb an einem Wassertrog labt. Wahrscheinlich sind sie dicht hintereinander gegangen. Eine Schafherde ist in einem Pferch nebenan untergebracht. Es gibt noch einen richtigen Bauern im Wienerwald, wundern wir uns, Landmaschinen, Strohballen und S\u00e4cke mit Futtermittel unter einem Stadel, aber kein Mensch weit und breit.<br \/>\nWeiter unten verengt sich der Wiesenweg, ges\u00e4umt von Wildkirschen und Edelkastanien, darunter meterhohe Brombeer- und Brennnesselwildnis, in eine dramatische Wienerwaldschlucht, an beiden steilen Seiten bewachsen von Laubwald, mit einem m\u00e4andernden B\u00e4chlein tief unten, so klein, dass es auf der Wanderkarte nicht einmal eine Linie oder einen Namen hat. An diesem sonnigen Juli-Tag wird es pl\u00f6tzlich so d\u00e4mmrig-gr\u00fcn, dass wir nicht mehr den Grund des Tales erkennen k\u00f6nnen. Als nach einer scharfen Wendung des Weges die ersten H\u00e4user im Licht des sich weitenden Gr\u00fcntals auftauchen, beginnen wir mit steigender Begeisterung, ein von uns imaginiertes Quartier f\u00fcr Kafkas ideale Sommerfrische auszusuchen.<\/p>\n<p>Dieses Haus, nein jenes, zu gro\u00df, zu klein, zu teuer, zu einfach, zu laut, schau, das da hat eine Terrasse nach S\u00fcdosten, die k\u00f6nnte er m\u00f6gen, aber der Weg hinauf ist zu steil, denk dir den Winter aus. Dann rechts ein gr\u00fcn-wei\u00dfes Haus, \u201eVilla Frei. geb. 1901\u201c steht in goldenen Lettern \u00fcber dem Eingang, das w\u00e4re das richtige, meinst du nicht auch? In dem T\u00fcrmchen k\u00f6nnte er sein Schreibzimmer einrichten. Auf dem Balkon k\u00f6nnte er ungest\u00f6rt seinen M\u00fcller-Leibes\u00fcbungen nachgehen und sich nackt sonnen. W\u00fcrden seine qu\u00e4lenden Kopfschmerzen nachlassen? K\u00f6nnte er hier die N\u00e4chte durchschlafen oder sogar etwas schreiben? Ein Kanapee muss unbedingt hinein, so wie in allen seinen Prager Zimmern. Aber nicht einmal Charlotte wei\u00df mehr \u00fcber deren Beschaffenheit. Aus Leder, mit Stoff, welchem? Wie lang, wie hoch? Mindestens so hoch, dass sich das Riesenungeziefer namens Gregor Samsa darunter verkriechen h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bellende Hunde, kr\u00e4hende H\u00e4hne, kreischende S\u00e4gen, heulende Rasenm\u00e4her, schreiende Kinder, Schritte der Nachbarn, Husten, Lachen, Gespr\u00e4che, fast alles st\u00f6rte den extrem l\u00e4rmempfindlichen, an Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen leidenden Kafka. Schau, hinter dem Haus, ein Stapel Holz und eine Wiese, da k\u00f6nnte er dem Holzhacken, dem Heuen fr\u00f6hnen und nackt auf der Wiese herumlaufen. Die Hecken sind hoch, niemand w\u00fcrde ihn beim M\u00fcllern und Nacktbaden st\u00f6ren. Im Natursanatorium Jungborn am Harz braucht er im Juli 1912 eine Woche, um die Scham und die Badehose abzulegen. Ihm wird \u00fcbel beim Anblick der alten M\u00e4nner mit Spitzbauch und Glatze, die nackt mit der Sense hantieren, \u00fcber Heuhaufen h\u00fcpfen, Fu\u00dfball spielen, miteinander boxen oder nackt \u00fcber die Wiese st\u00fcrmen und sich bei Regen im nassen Gras w\u00e4lzen. Im Tagebuch vom Juli 1912 macht er ausf\u00fchrliche Notizen von dieser Szenerie.<\/p>\n<p>Guck mal, Veronika, in diese Ecke des Garten, unter dem alten Kirschbaum lie\u00dfe sich leicht ein \u201eLuftlichth\u00e4uschen\u201c bauen, da m\u00fcsste er nicht einmal auf der Leiter in die obersten \u00c4ste steigen, sie fallen ihm direkt in den Mund. Eines war sicher, er w\u00fcrde hier keine K\u00f6chin brauchen, ob Vermieterin oder Schwester. Er k\u00f6nnte fast zur G\u00e4nze Selbstversorger sein und seiner Angewohnheit des \u201eFletcherns\u201c ungest\u00f6rt nachgehen, dem stundenlangen Kauen der Nahrung. Ein Jungborn f\u00fcr sich allein, ideal! Nicht ganz, gibt Charlotte zu bedenken, denn im Grunde liebte er Gesellschaft, er unterhielt sich gerne mit den G\u00e4sten der Sanatorien und Pensionen. Immer fand er dort praktischerweise unter ihnen Vorbilder f\u00fcr seine Gestalten. Etwa den christlichen Landvermesser Hilster, der ihn mit der Bibel missionieren wollte. Er ging als Josef. K. in ver\u00e4nderter Form in \u201eDas Schloss\u201c ein.<\/p>\n<p>Wenn es ihn aus seiner Klause im Gr\u00fcntal unter Menschen zieht, k\u00f6nnte er zur Redlingerh\u00fctte hinaufspazieren und dort mit dem Wirt, seinen Kindern und Angestellten plaudern, vielleicht auch nur schweigend in einer Ecke sitzen, mit dem Hut auf dem Kopf, und mit dem zutraulichen Hund spielen. Er h\u00e4tte sich am\u00fcsiert \u00fcber diesen freundlichen, dicken Fuchs-Dackel-Sch\u00e4ferhund mit zu kurzen Beinen vom Format und Farbe einer nur leicht angebratenen Rindsroulade, der sich bis heute gern zu F\u00fc\u00dfen der G\u00e4ste im Kies w\u00e4lzt. Wahrscheinlich h\u00e4tte er ihn \u2013 trotz extremer Un\u00e4hnlichkeit \u2013 Max genannt und mit dem Hundemax gesprochen. Vielleicht eine Karte nach Prag in die Postdirektion geschrieben mit \u201eLieber Max, du in deinem Anzug, in der Hitze \u2026\u201c Schreiben oder Notizen machen w\u00fcrde er dort nicht, denn seine Schreibzeit waren die einsamen N\u00e4chte.<br \/>\nEine Schwimmgelegenheit m\u00fcsste man f\u00fcr ihn ausforschen, denkt Charlotte weiter, denn ohne das Schwimmen w\u00fcrde es kein guter Ort f\u00fcr Kafka sein. Aber die Wienerwaldb\u00e4chlein reichen nicht einmal einer jungen Forelle zum Schwimmen. Wir \u00fcberlegen, ob er wohl den 50-min-Weg \u00fcber den Wei\u00dfen Hof nach Kritzendorf an der Donau in Kauf nehmen w\u00fcrde? Wir glauben, ja, war er doch ein ge\u00fcbter, ausdauernder Wanderer. Donau oder Strombad, beide h\u00e4tten Wasser genug f\u00fcr den leidenschaftlichen Schwimmer. Im stillen Donauarm von Kritzendorf k\u00f6nnte er sogar ein Boot mieten, so eines, wie er es in Prag an der Moldau besa\u00df, wo er flussaufw\u00e4rts ruderte und sich dann nackt flussabw\u00e4rts treiben lie\u00df. Wir w\u00fcrden auch den Wirt der Redlingerh\u00fctte nach einem Pferd f\u00fcr Kafkas Reitlaune befragen. Ein Ritt zum Sonnberg, zur Sandsteinmine oder zur geheimnisvollen Burg der Kinder, bei Mond oder Sonne. Wir waren sicher, dass der Wirt ihn wahrscheinlich bei sich w\u00fcrde g\u00e4rtnern lassen, wenn es ihn \u00fcberkam, und ihn vielleicht daf\u00fcr mit Obst und Gem\u00fcse entlohnte.<\/p>\n<p>Wie in allen G\u00e4rten des Gr\u00fcntales bl\u00fchen um die gr\u00fcn-wei\u00dfe Villa Frei gerade die Rosen, Oleander, Gladiolen und Hortensien in vielen Farben, die Hauswand entlang ziehen sich volle Ranken mit Him- und Brombeeren, und im Vorgarten warten \u00fcbermannshohe Ribiselb\u00fcsche und Hollerstauden aufs Geerntetwerden. Kafka w\u00fcrde hier ankommen k\u00f6nnen. Die vorbeiwandernden Quartiermacherinnen sind zufrieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 16102<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Auskunftsperson ist der Wirt der Redlinger H\u00fctte, der liebensw\u00fcrdige und redefreudige Johann Riegler, der seit 38 Jahren dieses Gasthaus bewirtschaftet, wahrscheinlich den sch\u00f6nsten Platz im Wienerwald. Charlotte und ich waren auf einer Expedition, um Wege, Distanzen, Zeiten und Rastm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die zweite Kafka-Wanderung am 11. September 2016 zu erkunden. 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