{"id":4888,"date":"2016-08-22T07:40:50","date_gmt":"2016-08-22T07:40:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4888"},"modified":"2016-09-11T17:34:31","modified_gmt":"2016-09-11T17:34:31","slug":"ein-gefaehrliches-alter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4888","title":{"rendered":"Ein gef\u00e4hrliches Alter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4888&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4888&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ja, das haben Sie, Fr\u00e4ulein. Sie sind nicht richtig alt. Und richtig jung sind Sie auch nicht. Genau im Kinderkrieg-Alter, um genau zu sein. Also wir suchen etwas Bleibendes, Dauerhaftes, Beanspruchbares, etwas Lohnendes, etwas Kalkulierbares.<\/p>\n<p>Nein, so haben sie es nat\u00fcrlich nicht gesagt, eh klar. Aber gemeint. Und ich hab weder gesagt, dass ich kein Fr\u00e4ulein bin, noch dass es sie einen feuchten Dreck angeht, ob ich einmal auch Mutter sein will oder nicht. Noch nicht. Die k\u00f6nnen mich mal.<\/p>\n<p>So bin ich also wieder auf der Suche nach etwas Bleibendem, Dauerhaftem, etwas, was mich beansprucht, aber nicht zu sehr, etwas, was mein Leben finanziert, etwas Kalkulierbarem. Und au\u00dferdem m\u00f6chte ich gerne wissen, ob ich einmal Mutter sein werde oder nicht. So verschieden sind meine Fragen also gar nicht von jenen, die in den K\u00f6pfen derer kreisen, die ich verachten muss.<br \/>\nIch komme folglich zu dem zwingenden Schluss: Ich bin in einem gef\u00e4hrlichen Alter.<\/p>\n<p>Wohin mit mir?\u00a0 Erst einmal ab in das Gewohnte, die vier eigenen W\u00e4nde, es sind zwar tats\u00e4chlich viel mehr, aber da hat sich wohl jemand die genaue Z\u00e4hlung ersparen wollen. Oder es waren damals wirklich nur vier W\u00e4nde, in denen die Menschen gewohnt haben, als diese Floskel entstanden ist. Nein, das mit dem Fokussieren ist nicht so einfach. Vielleicht war es damals leichter, als die Menschen tats\u00e4chlich noch in vier W\u00e4nden wohnten, also von exakt vier Mauern begrenzt waren, nicht mehr. Weniger geht sowieso nicht. Und die waren sicher nicht so hoch wie heutzutage, das kommt noch dazu.<\/p>\n<p>Es kommt heute sicher niemand vorbei, das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist zwar Freitagabend, \u00fcbrigens der Abend nach dem f\u00fcnfzehnten Vorstellungsgespr\u00e4ch in diesem Halbjahr, aber wer soll denn da vorbeikommen. Ich m\u00fcsste rausgehen, um andere Menschen zu treffen. Daf\u00fcr br\u00e4uchte ich Geld, das ich nicht habe. Vielleicht h\u00e4tte ich mehr davon, wenn ich in nur vier W\u00e4nden wohnen w\u00fcrde, bestimmt sogar.<\/p>\n<p>Es kommt doch jemand vorbei. Sachen gibt es. Er will bei mir \u00fcbernachten. Soll sein, er braucht nichts zu bezahlen. Er hat nicht einmal vier W\u00e4nde. Er hat gar keine eigenen W\u00e4nde mehr. Null W\u00e4nde. Ich habe keine Einw\u00e4nde. Er soll ruhig bei mir schlafen.<\/p>\n<p>Beim gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck erz\u00e4hlt er mir, dass er sich auf den Sommer freut. Eigentlich will er n\u00e4mlich nicht mehr bei Bekannten \u00fcbernachten. No offence, sagt er noch. Er ist n\u00e4mlich mal ein Engl\u00e4nder gewesen, bevor er ein Niemand wurde, ein Staatenloser. Er hat also nicht nur keine W\u00e4nde, sondern auch kein Land mehr, das behaupten k\u00f6nnte, er geh\u00f6re ihm. Die Freiheit sieht trotzdem anders aus. Meint er. Er muss es wissen. No offence.<\/p>\n<p>Na gut, weiter geht es. N\u00e4chster Termin beim AMS. Wieder keine Ernte eingefahren, die Bem\u00fchungen der Betreuer haben nicht gefruchtet, sie sind schon recht frustriert. Wohl, weil ich in einem gef\u00e4hrlichen Alter bin. Oder weil es \u00fcberhaupt sehr anstrengend ist, Menschen wie mich irgendwo reinpassend zu machen. Hm. Ich bin ihnen nichts neidig, wie meine Freundin immer sagt.<br \/>\nSo einfach kann ich es mir aber auch wieder nicht machen. Ich muss schon selbst was tun. Ich geh jetzt erst mal heim, in die eigenen vielen W\u00e4nde. Ein bisschen Anstarren, wird schon werden. Den Bus spare ich mir heute.<br \/>\nBeim n\u00e4chsten Mal wird es h\u00e4rter werden, angek\u00fcndigt ist es schon. Sie werden mir auch andere Jobs anbieten, die nichts mehr mit dem zu tun haben werden, wof\u00fcr ich mich ausgebildet habe. Ich kann dann alles machen, abwaschen, putzen, finden sie, dabei mache ich lieber Dreck als ihn wegzumachen. Aber das wissen die noch nicht. Ich sage es ihnen besser nicht. Und in einem gef\u00e4hrlichen Alter bin ich auch. Widerspenstig au\u00dferdem.<\/p>\n<p>Wenig brauche ich, das ist gut. Nicht so wenig wie der ehemalige Engl\u00e4nder, aber Kartoffeln esse ich gerne auch mehrmals pro Woche. Obwohl die Bioqualit\u00e4t nicht ganz billig ist. Ach, einen gewissen Standard m\u00f6chte ich schon gerne halten.<\/p>\n<p>Diesmal kommen zwei vorbei, ein \u00e4lteres Geschwisterpaar. Sie k\u00f6nnen es sich leisten, mir Geld f\u00fcrs Leihen meiner Schlafcouch zu geben. Ich kenne sie schon lange, damals waren sie noch kein \u00e4lteres Geschwisterpaar, sondern ein mittelaltes. Sie sind freundliche Menschen; vor die Wahl gestellt, mit wem von ihnen allen ich dauerhaft wohnen wollen w\u00fcrde, w\u00e4ren sie momentan meine Favoriten.<\/p>\n<p>Sie schnarchen nicht, sie essen leise. Beim Klogang schlie\u00dfen sie die T\u00fcr, bevor sie irgendetwas anderes machen. Ich wei\u00df das sehr zu sch\u00e4tzen. Sie sind nicht so lange hier, dass ich ihre Fernsehgewohnheiten studieren h\u00e4tte k\u00f6nnen. Ich glaube, wir k\u00e4men gut aus miteinander. Dass ich keinen Fernseher mehr habe, w\u00fcrde die Sache sogar noch vereinfachen, im Fall der F\u00e4lle. Kein Streit ums Programm. Was sie sonst so machen, au\u00dferhalb meiner vielen W\u00e4nde, kann ich nicht sagen. Ich kann ja nicht mal sagen, was ich sonst so mache, abgesehen von meinen AMS-Terminen und Vorstellungsgespr\u00e4chen.<\/p>\n<p>Ah, was Neues. Ich mache einen Motivierungskurs. Zur Motivation n\u00e4mlich. Ich ziehe mich daf\u00fcr genauso an, als wolle ich zu einem Bewerbungsgespr\u00e4ch, das wollten sie so. Und bereue es sofort. Dort ist n\u00e4mlich einer, der auch motiviert werden soll, so wie ich. Nur ist er cool angezogen, nicht so bieder wie ich. Er sieht aus wie ein Rockstar. Wie ein Rockstar fr\u00fcher ausgesehen hat. Knallenge Lederhosen. Dr\u00fcber ein Etwas von einem T-Shirt, ein lockeres, abgefucktes Ding, und da dr\u00fcber ist eine Jacke geworfen, die so speckig ist, dass sie fast so sch\u00f6n gl\u00e4nzt wie das schwarze Lederding, in dem seine langen Beine stecken. Die F\u00fc\u00dfe \u00fcbrigens in unspektakul\u00e4ren ausgelatschten Billigturnschuhen, aber das ist mir egal. Kann ich ausblenden, problemlos.<\/p>\n<p>Wie auch das gesamte Motivationsprogramm, ebenso m\u00fchelos. Ist f\u00fcr die Katz\u2018. Brauche ich nicht. Ich bin ausreichend motiviert. Zumindest reicht es aus, um jeden zweiten Tag aufzustehen und mir diesen Mist zu geben. Der Ex-Rockstar langweilt sich dort auch sehr sch\u00f6n. Manchmal g\u00e4hnt er mir verschw\u00f6rerisch zu. Da klopft mein Herz dann jedes Mal ganz wild.<\/p>\n<p>So kann es ein Weilchen dahingehen, von mir aus. Gelegentlich schaut wieder jemand bei mir zu Hause vorbei. Forcieren m\u00f6chte ich das \u00dcbernachten aber gerade nicht. Irgendwie laugt es mich aus, wenn so viele andere Menschen, noch dazu verschiedene, in meinen vielen W\u00e4nden und damit notgedrungen auch um mich sind. Fr\u00fcher hat mir das nichts ausgemacht. Meine Adresse geht anscheinend noch selbstt\u00e4tig reihum, aus der Zeit, in der das f\u00fcr mich noch gepasst hat. Das mit dem Zuverdienst kann ich mehr denn je brauchen, doch die Anstrengung ist unterbezahlt, finde ich mittlerweile.<\/p>\n<p>So geht es mir auch mit jedem Jobangebot, das f\u00fcr mich ausgegraben wird. Der Arbeitsmarkt verlangt mir inzwischen auch schon einiges ab, ohne dass ich ihm noch wirklich angeh\u00f6re. Von der Ferne ruft er mich. Und er stresst mich ganz sch\u00f6n damit.<\/p>\n<p>Es ist geschehen, der sch\u00f6ne Gelangweilte hat mich angesprochen, er hat mich gefragt, ob ich auch was vom Automaten m\u00f6chte, und ich hab gleich gesagt, ich geh einfach mit und schau mal. Das war einigerma\u00dfen schlagfertig in Anbetracht der Umst\u00e4nde, dass ich jedes Mal nerv\u00f6s werde, wenn er mich nur ansieht, zuf\u00e4llig. So sind wir zum Automaten geschlendert, sch\u00f6n langsam, man hat schlie\u00dflich Motivationspause und keine Eile, so schnell zur\u00fcckzukommen. Und dann waren wir uns einig, dass eine Cola-Dose nicht so viel kosten sollte, schon gar nicht, wenn sie in einem Automaten herumlungert, der nur zwei G\u00e4nge entfernt von einem Motivationskurs f\u00fcr Langzeitarbeitslose steht und zum Konsumieren verf\u00fchrt.<\/p>\n<p>So was von einig waren wir uns, und schlie\u00dflich haben wir uns eine Dose geteilt, haben sie zwischen uns und unseren sehr kleinen Schlucken und durstigen M\u00fcndern hin- und hergereicht, im stillen Einvernehmen und Gedanken daran, dass eine Rotweinflasche besser w\u00e4re, irgendwie. Dann auch die Schlucke gr\u00f6\u00dfer, bestimmt.<\/p>\n<p>Und dann sind wir Richtung Kurszimmer zur\u00fcckgegangen, der Sch\u00f6ne und ich, und ich wollte aufs Klo, weil ich schon dringend musste, vor dem Kurs, dann ja wieder so lange sitzen. Ich dachte, er geht in seins, weil er auch musste, aber nein, er geht nicht in seins, weil er lieber in Frauenklos pinkelt. Die M\u00e4nnerklos sind ihm zu dreckig, sagt er. Aha.<\/p>\n<p>Tja, und kaum bin ich fertig und er auch, rauschen die Sp\u00fclungen hier und dort in den benachbarten Kabinen und ich wasche mir die H\u00e4nde, da steht er hinter mir, weil ich schneller am Waschtisch bin \u2026 Da streckt er seine langen Fast-Musiker-H\u00e4nde nach vorn zum Waschbecken und zu meinen unter mein genau richtig warmes Wasser, steht dabei noch direkter hinter mir, ich sp\u00fcre schon die glatte Lederhose sich an meine Jeans schmiegen (ja, inzwischen hab ich im Kurs auch andere Sachen an, Schluss mit Blusen und Blazern \u2026). Und auf einmal waschen seine H\u00e4nde die meinen und meine die seinen, und seine Hose und meine Hose wollen keinen Millimeter Luft zwischen einander lassen. Und das wollen wir auch nicht.<\/p>\n<p>Im Nachhinein gesehen war es wohl nicht besonders gescheit, gemeinsam in eine der Kabinen zur\u00fcckzuhasten, den Inhalten der jeweiligen Hosen ihren Willen und die Beinkleider runter zu lassen, zur Vereinigung von Leder und Baumwolle am Boden und sonstigem auf dem Klodeckel. Aber was ist schon gescheit. Es ging einfach nicht anders und anders sollte es auch nicht sein. Hand in Hand haben wir nachher das Klo verlassen. Ich musste nochmal schnell ins Kurszimmer, weil ich meine Tasche dort hatte und entschuldigte mich, mir sei schlecht geworden und mein Kurskollege bringe mich\u00a0 heim.<\/p>\n<p>Ich glaube fast, er hat wie ich gerade ein gef\u00e4hrliches Alter. Da kann alles M\u00f6gliche passieren, habe ich mir sagen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=430\">\u00fc18<\/a> | Inventarnummer: 16099<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, das haben Sie, Fr\u00e4ulein. Sie sind nicht richtig alt. Und richtig jung sind Sie auch nicht. Genau im Kinderkrieg-Alter, um genau zu sein. Also wir suchen etwas Bleibendes, Dauerhaftes, Beanspruchbares, etwas Lohnendes, etwas Kalkulierbares. Nein, so haben sie es nat\u00fcrlich nicht gesagt, eh klar. Aber gemeint. 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