{"id":4881,"date":"2016-08-22T07:15:51","date_gmt":"2016-08-22T07:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4881"},"modified":"2016-09-04T16:10:11","modified_gmt":"2016-09-04T16:10:11","slug":"borromaeus-beistand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4881","title":{"rendered":"Borrom\u00e4us\u2018 Beistand"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4881&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4881&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Zu F\u00fc\u00dfen des Heiligen liegen rechts zwei Putti und ich bin dabei, die beiden kleinen barocken Kerle wieder adrett herzurichten, konkret restauriere ich gerade, mit der Farbpalette in der linken und dem Pinsel in der rechten Hand, den linken bl\u00e4ulichen Fl\u00fcgel des hinteren Engels, dessen Blick tr\u00e4umerisch in Leere zu gehen scheint.<br \/>\nEs ist eine spannende Arbeit in luftiger H\u00f6he, unsere Chefin ist umg\u00e4nglich und kompetent und wir sind ein eingeschworenes Team.<\/p>\n<p>Das war nicht von Beginn an so.<\/p>\n<p>Am ersten Arbeitstag vor zwei Wochen gehe ich auf die Karlskirche zu. Der prachtvolle Fischer-von-Erlach-Bau aus dem 18. Jahrhundert liegt direkt am Karlsplatz und ist ein Glanzst\u00fcck europ\u00e4ischer Baukunst und ein Wahrzeichen Wiens. Leider sind der Park davor und die nahegelegene U-Bahnstation ein frequentierter Drogenumschlagplatz. Die imposante Kuppel der Kirche pr\u00e4gt das Wiener Stadtbild. Die Mittelfront des Kirchenbaus hat die Form eines griechischen Tempels, die beiden Seitenkapellen erinnern stilistisch an die italienische Renaissance, mit D\u00e4chern, die chinesischen Pagoden \u00e4hneln. Unklar ist mir, ob die Triumphs\u00e4ulen nach r\u00f6mischem Vorbild gemacht sind, lassen sie doch zugleich an islamische Minarette denken.<\/p>\n<p>Ich sehe mich im Inneren des gro\u00dfen Sakralbaus in aller Ruhe um. \u00dcber dem Kirchensaal erhebt sich die riesige ovale Kuppel, darin das m\u00e4chtige Fresko; es zeigt im Zentrum den Kirchenheiligen Borrom\u00e4us, wie er um Abwendung der Pest bittet.<\/p>\n<p>Langsam steige ich die Treppe am raumgreifenden Bauger\u00fcst empor. Und w\u00e4hrend ich an H\u00f6he gewinne, umgibt mich eine F\u00fclle plastischer Ornamente, und malerische Fresken mit kr\u00e4ftigen Farbakzenten bringen Leben in den Innenraum. Die r\u00f6tlichget\u00f6nten Farben der Marmorsockel, die rosenholzfarben marmorierten Stuckpilaster und die gemalte Scheinarchitektur am Kuppelfu\u00df erf\u00fcllen den Raum harmonisch. Barock assoziiert in verzerrter Form T\u00e4uschung, Tr\u00fcgerisches, das sich in Malerei und Stuck manifestiert. Eine Illusion von Plastizit\u00e4t, die den Raum gr\u00f6\u00dfer erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Immer wieder werfe ich auch einen Blick hinauf zum gro\u00dfen Kuppelfresko, einer Vision der himmlischen Sph\u00e4ren. Ich bestaune den dramatischen Himmel des Malers Johann Michael Rottmayr, der als 70-J\u00e4hriger seine letzten f\u00fcnf Lebensjahre in der Kuppel verbrachte, von 1725 bis zu seinem Tod. Aber ich w\u00fcrde l\u00fcgen mit der Behauptung, der Anblick der Fresken sei ein spirituelles Erlebnis bei diesem ersten, langsamen Anstieg \u00fcber die Treppen, deren Anzahl ich sp\u00e4ter von meinem Kollegen erfahre, es sind 118.<br \/>\nDas Ziel des Malers war, die unbegrenzte Weite hinauf zu Gott in der Kuppel abzubilden, indem er einerseits hinter seine Figurengruppen eine gelbliche bis blaugraue Wolkenwand f\u00fcgte, die den Blick zum Himmel begrenzt, andererseits diese nach oben immer transparenter werden l\u00e4sst. Das Himmelsblau wird zwischen den Figuren sichtbar, \u00f6ffnet den Raum wieder und erm\u00f6glicht das Ausschw\u00e4rmen des Blickes in die Unendlichkeit. Sonst nur vom Boden aus gro\u00dfer Distanz in ihrer lebensfrohen Interaktion sichtbar, sind die farbigen Figuren pl\u00f6tzlich zum Greifen nahe.<\/p>\n<p>Ich ahne bereits aus halber H\u00f6he die zahlreichen Wassersch\u00e4den und Verschmutzungen, die zu beseitigen sein w\u00fcrden, um danach auf die Originalsubstanz zu sto\u00dfen. In diffiziler Arbeit sollen die un\u00fcbersehbaren Sch\u00e4den eliminiert werden, Schollenbildung und Versalzungen, die verblichene Maloberfl\u00e4che aufgefrischt werden. \u00dcber Monate werden wir nun im Auftrag des Denkmalamtes die Figuren reinigen und nachmalen, zum Teil ist die Schicht aus Staub und Ru\u00df bis zu f\u00fcnf Millimeter dick.<\/p>\n<p>Nach Abschluss meines Studiums ist das mein erster Job als Restauratorin. Die Leitung der Renovierung des Deckenfreskos in der m\u00e4chtigen Kuppel der Wiener Karlskirche h\u00e4tte eine Universit\u00e4tsprofessorin aus Salzburg bekommen sollen, sie wurde aber letztendlich einem italienischen Kunsthistoriker \u00fcbertragen, einem \u00a0\u2013 wie sich sp\u00e4ter herausstellen sollte \u2013 arroganten Schn\u00f6sel. Einem, der nicht m\u00fcde wird, uns junge Restauratorinnen st\u00e4ndig anzumachen und zu bel\u00e4stigen. Ganz selbstverst\u00e4ndlich bezieht er auch die arrivierte Forscherkollegin aus Salzburg, die mit im Team ist, in den Kreis der Bedr\u00e4ngten mit ein. Es ist fr\u00fchlingshaft warm in der Kuppel, wir Frauen arbeiten in Shorts und im Top, ernten seine feixenden Blicke und vollmundigen verzichtbaren Komplimente.<\/p>\n<p>Die Arbeit vollzieht sich in kleinen Schritten, bis zu vier Restauratoren sind gleichzeitig am Werk, um die \u00fcber 1200 Quadratmeter gro\u00dfe Fl\u00e4che ann\u00e4hernd in ihren urspr\u00fcnglichen Zustand zu bringen. Die weltber\u00fchmten Gem\u00e4lde erscheinen nach und nach leuchtender und farbiger; der Unterschied zwischen bearbeiteten und unbearbeiteten Fl\u00e4chen ist bald klar wahrnehmbar.<\/p>\n<p>Mit dabei ein liebensw\u00fcrdiger junger Kollege aus Nieder\u00f6sterreich, ein ehemaliger Kommilitone, etwas tollpatschig, wohlbeleibt von zu viel Fastfood, das sich w\u00e4hrend der letzten lernintensiven Studienmonate um seine K\u00f6rpermitte breitgemacht hat. Er k\u00f6nnte den Lift benutzen, nimmt aber die Stufen, was unseren Vorgesetzten, den wir unter uns nur den Imperator nennen, veranlasst, ihn jedes Mal lauthals mit einem scharfen \u201ePresto, presto, andiamo!\u201c zu drangsalieren, das durch die Kuppel hallt und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, auch der Fremden, auf die schwerf\u00e4lligen Schritte des jungen Mitarbeiters bei seinem Aufstieg auf 32 Meter H\u00f6he lenkt. Das Besondere an unserem hochgelegenen Arbeitsplatz ist n\u00e4mlich, dass dieser \u00fcber einen Panoramalift auch f\u00fcr eine zahlende \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich und somit von Touristen frequentiert ist.<br \/>\nUnser beh\u00e4biger junger Kollege kann nicht lange verbergen, dass er Angst vor Fahrst\u00fchlen hat, was unseren italienischen Chef dazu anspornt, dem armen Mann noch mehr zuzusetzen. Und in Anlehnung an Galileo Galilei kommentiert er belustigt seine angestrengten Bem\u00fchungen, zu seinem hochgelegenen Arbeitsplatz aufzusteigen, mit \u201eUnd er bewegt sich doch.\u201c Sein eigenes, darauf folgendes h\u00e4misches Gel\u00e4chter bricht sich immer stakkatoartig in der Kuppel und ist weit zu h\u00f6ren.<br \/>\nIch kann mir nicht vorstellen, wie wir so einen widerlichen Menschen \u00fcber die kommenden Monate aushalten sollen. Ich richte jedenfalls das eine oder andere Sto\u00dfgebet in den ellipsoiden Himmel \u00fcber uns, direkt adressiert an Borrom\u00e4us, auf dass er uns doch m\u00f6glichst auch von dieser Pest befreien m\u00f6ge.<\/p>\n<p>In der ersten Arbeitswoche beschlie\u00dfe ich eines Mittags, meine Pause oben in der Kuppel zu verbringen und nicht mit den anderen essen zu gehen. Ich nehme also die mitgebrachte Jause hoch oben auf der Plattform ein und genie\u00dfe den Kirchenraum aus dieser Perspektive und vor allem die ungewohnte Stille und das Alleinsein \u2013 Touristen sind \u00fcber Mittag n\u00e4mlich auch keine in der Kirche.<\/p>\n<p>Nach dem Essen lege ich mir meinen zusammengerollten Pullover unter den Nacken und mich auf den R\u00fccken, um bis zur R\u00fcckkehr der Kollegen ein Nickerchen anzuschlie\u00dfen. Meine Augen wandern in die Kuppel knapp \u00fcber mir, \u00fcber diese pittoreske Welt aus Wolken und Heiligen, die ob ihrer r\u00e4umlichen Unmittelbarkeit wahrlich eine Art Himmelszelt \u00fcber meinem Lager bildet. Ich versuche, dem Blick des Borrom\u00e4us\u2018 zu folgen und kurz bevor mir die Augen zufallen, registriere ich Gemurmel tief unter mir, und es gelingt mir einfach nicht, es auszublenden, zumal ich mir einbilde, den unverkennbaren italienischen Singsang unseres unliebsamen Teamleiters zu h\u00f6ren. Also stehe ich auf und versuche zu erkennen, wer sich da mit wem unterh\u00e4lt und meine Mittagsruhe irritiert. Zwei Personen sitzen in einer der B\u00e4nke nebeneinander und es will mir aus der gro\u00dfen Distanz nicht gelingen, die Gesichter deutlich auszumachen, zumal der eine Typ eine Kapuze tr\u00e4gt. Es ist \u2013 nach der Intonation zu schlie\u00dfen \u2013 keine Plauderei, eher ein Verhandeln, das da im sakralen Halbdunkel vor sich geht, aber worum geht es dabei blo\u00df?<\/p>\n<p>Meine Neugierde ist geweckt, ich schnappe mir die Kamera, mit der unser Imperator t\u00e4glich die Sch\u00e4den an den Fresken f\u00fcrs Denkmalamt dokumentiert, und fokussiere aus luftiger H\u00f6he das Zoom auf das Geschehen zwischen den Kirchenb\u00e4nken. Ich sehe, dass der Kapuzentyp eine Sonnenbrille tr\u00e4gt und seinem Nachbarn \u2013 ja, es ist tats\u00e4chlich unser Chef! \u2013 mehrere S\u00e4ckchen mit einem wei\u00dfen Pulver zeigt und ihm diese schlie\u00dflich in die Hand gibt. Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich begreife, dass dort unten offensichtlich ein Handel sehr weltlicher Natur abl\u00e4uft.<br \/>\nIch wage kaum zu atmen und obwohl ich so weit entfernt bin, habe ich pl\u00f6tzlich Angst, entdeckt zu werden. Geistesgegenw\u00e4rtig dr\u00fccke ich dennoch wiederholt den Ausl\u00f6ser, um das Unglaubliche zu dokumentieren. 32 Meter in senkrechter Luftlinie entfernt und dennoch beinahe vor meiner Nase passiert eine Straftat:\u00a0 Ein Dealer verkauft unserem Vorgesetzten Kokain. Ja, mitten in der Kirche!<\/p>\n<p>Aus der Kirchenkuppel hinabblickend, ist mir schlagartig bewusst, dass es keine gro\u00dfe H\u00f6he braucht, um tief zu fallen.<br \/>\nEin S\u00fcndenfall, der nicht ohne Folgen bleibt: Wie jeden Abend \u2013 so auch an diesem \u2013 bringt der Chefrestaurator die volle Speicherkarte aus der Digitalkamera selbst zum Denkmalamt, wo die inkriminierenden Fotos gesichtet werden.<\/p>\n<p>Mit dieser kompromisslosen Stringenz h\u00e4tte ich offen gesagt nicht gerechnet: Bereits am n\u00e4chsten Tag ist der Imperator seinen Job los! Wir bekommen ihn gar nicht mehr zu Gesicht, wohl aber seine verschmitzt strahlende Nachfolgerin: Die Salzburger Wissenschaftlerin wird gebeten, ihn in seiner Leitungsfunktion abzul\u00f6sen, was sie nach klugem Verhandeln \u00fcber die Dotierung auch gerne tut.<\/p>\n<p>Und vor uns liegen nun ein paar lehrreiche und unbeschwerte Monate in der Karlskirche.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau&#8217;n<\/a> | Inventarnummer: 16098<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu F\u00fc\u00dfen des Heiligen liegen rechts zwei Putti und ich bin dabei, die beiden kleinen barocken Kerle wieder adrett herzurichten, konkret restauriere ich gerade, mit der Farbpalette in der linken und dem Pinsel in der rechten Hand, den linken bl\u00e4ulichen Fl\u00fcgel des hinteren Engels, dessen Blick tr\u00e4umerisch in Leere zu gehen scheint. 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