{"id":4863,"date":"2016-08-20T17:52:57","date_gmt":"2016-08-20T17:52:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4863"},"modified":"2016-08-23T05:59:51","modified_gmt":"2016-08-23T05:59:51","slug":"balkongedanken-die-sonne-sprenkelt-gegen-mein-fenster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4863","title":{"rendered":"Balkongedanken"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4863&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4863&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Sonne sprenkelt gegen mein Fenster. Es ist Sommer und einer der wenigen nicht regnerischen Tage. Gewitter haben ihre Spur im Garten hinterlassen. Schnecken tauchen, hasten, rennen durchs Geh\u00f6lz. Der Blick aus dem Fenster &#8211; selbst der Sonnenuntergang zieht melancholisch alle Aufmerksamkeit auf sich, als letzter Blick auf diese Welt. Hier auf dem Boden meines Balkons gesellen sich ein paar Aktenordner zu mir, und ein Stuhl leistet mir unbeholfen Gesellschaft. Wenigstens er. Es f\u00fchlt sich richtig an, hier zu liegen, hier zu liegen und nie wieder aufzustehen. Ich werde eins mit dem Boden und kann klar denken. Der Stuhl blickt ver\u00e4chtlich auf die halbleere Jacky-Flasche. WAS?! Schreie ich ihn stumm in meinen Gedanken an, du auch noch!? Hast du nicht genug gesehn? Du w\u00fcrdest deine Gedanken doch genauso ertr\u00e4nken, wenn du einen Mund h\u00e4ttest, um dich zu bet\u00e4uben, ein Ohr, um dich zu beschweren! Du hast doch eh keinen Grund, rebellisch zu sein, wof\u00fcr willst du k\u00e4mpfen? Seit Jahren beugst du dich, tr\u00e4gst stoisch deine B\u00fcrde, bis sie dich nicht mehr wollen. Aber dann ist es zu sp\u00e4t, sieh deine Heimat, dein Haus langsam in der Ferne immer kleiner werden, bis es ganz verschwunden ist. Dort wirst du andere treffen wie dich, an diesem Ort. Der letzte Ort. Ich bin dieser Welt \u00fcberdr\u00fcssig, oder sie meiner. Das kann keine Richtigkeit haben, dort zu stranden, wo kein Schiff vorbeikommt. Kein Held, ohne je Rettung zu erfahren. Apathisch dort im seichten Ufer wartend, mit nichts au\u00dfer einer Hand voll Seeluft.<\/p>\n<p>Manchmal, wenn die Nacht hereinbricht, dann kann man <strong>sie<\/strong> sehen, eher k\u00fcrzer als lange verweilend, ihre eigene Existenz nicht ohne die begehrenden Blicke andrer ertragend und doch nur ein Hauch eines lange gekannten entglittenen Gef\u00fchls, das Glauben verlangt, als letzten Wegweiser vor der v\u00f6lligen Finsternis, dem v\u00f6lligen Nichts. Nie lag ein Gedanke ferner als <strong>ihr<\/strong> noch einmal zu begegnen. Das aber lockt <strong>sie<\/strong> herbei, die M\u00f6glichkeit, unersch\u00fctterlich K\u00e4mpfende zu best\u00e4rken, die Anderen auf den rechten Pfad zu weisen und das Gute zu best\u00e4rken, \u00fcbt f\u00fcr <strong>sie<\/strong> nicht dieselbe Faszination aus wie die beinahe Gegangenen zu erreichen. <strong>Sie<\/strong> macht uns zu den Ihren. Warum sollte es uns auch verg\u00f6nnt sein, den Pfad zu verlassen und aufh\u00f6ren zu wandeln, w\u00e4hrend <strong>sie<\/strong> doch ein Leben fernab <strong>ihr selbst<\/strong> f\u00fchrt. Auf diese Weise teilen wir jene B\u00fcrde. Ein Tropfen f\u00fcr einen Verdurstenden, der im Flug die spr\u00f6den Lippen nicht erreicht. Nur die Bewegung der k\u00f6rperlosen Fl\u00fcssigkeit spiegelnd in den Augen jener, die ganze Meere sahen. <strong>Ihre<\/strong> einzige Schw\u00e4che, die Wenigen, die ihr durch die Finger rinnen, nie die s\u00fc\u00dfe Frucht des leichten Lebens erstanden. Den Blick unweigerlich auf den Pfad gerichtet, laufen sie ihre Strecke unerbittlich.<\/p>\n<p>Das erste Mal hier zu sein und gleichzeitig nicht zu sein, ist lange her, der Boden geduldig und wissend, in weiser Voraussicht ahnend, \u00fcber welche Stelle ich stolpern w\u00fcrde, nur um sein Gef\u00fchl zu bekr\u00e4ftigen. Und die Sterne. Sie f\u00fcllen die B\u00fchne, gewohnt perfekt einstudiert zeigen sie sich und doch, bei aller Routine, erwartungsvoll blickend von dort oben. Auf alles, was ich war, was mich ausmachte. Die Erinnerungen flie\u00dfen aus mir heraus, mein Geist hastend nach den immer gleichen Anhaltspunkten, ein Diaprojektor, der mit jeder Vorf\u00fchrung weniger Anziehungskraft besitzt.<\/p>\n<p>Der Wunsch, von einem Moment auf den andern nicht mehr da zu sein, schl\u00e4ngelt sich gewohnt grazil durch das Dickicht verpasster Chancen und besserer Ichs von hinten an. Doch angeschlagen taumelnd wird <strong>ihm<\/strong> immer dieselbe Stelle zum Verh\u00e4ngnis, bezeichnend stehen die Stacheln existenzbeendender Ma\u00dfnahmen viel zu real vor der konturlosen Gestalt. In unvermeidbarer Symbiose als wiederkehrendes \u00dcberlebensmodell mit Daseinsberechtigung allerdings als zahnlose Gefahr im durchsichtigen Alltag.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Krapf<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 16097<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne sprenkelt gegen mein Fenster. Es ist Sommer und einer der wenigen nicht regnerischen Tage. Gewitter haben ihre Spur im Garten hinterlassen. Schnecken tauchen, hasten, rennen durchs Geh\u00f6lz. Der Blick aus dem Fenster &#8211; selbst der Sonnenuntergang zieht melancholisch alle Aufmerksamkeit auf sich, als letzter Blick auf diese Welt. 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