{"id":4859,"date":"2016-08-20T17:28:09","date_gmt":"2016-08-20T17:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4859"},"modified":"2016-08-25T05:31:10","modified_gmt":"2016-08-25T05:31:10","slug":"von-meinen-wundervoelkchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4859","title":{"rendered":"Von meinen Wunderv\u00f6lkchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4859&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4859&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Bist du auch einer dieser Leute, die einem Kind nicht glauben wollen, nur weil es ein Kind ist? Wenn dem so ist, brauchst du dir meine Geschichte gar nicht anzuh\u00f6ren, denn ich bin erst dreizehn \u2013 und f\u00fcr die meisten Leute bedeutet das: ein Kind. Aber solltest du wiederum jenen anderen angeh\u00f6ren \u2013 ich meine damit diese, die sich zumindest nicht abwenden, wenn ein Kind spricht, wenn es versucht, etwas ihm Wichtiges, etwas, das ihm tief im Herzen liegt, mitzuteilen \u2013 wenn du einer von diesen Leuten bist, m\u00f6chte ich dir von meinem Geheimnis erz\u00e4hlen \u2026<\/p>\n<p>\u201eWer nicht lesen kann, muss alles glauben, was einem gesagt wird\u201c, hatten meine Eltern immer gesagt, als ich dasselbe gerade in der Schule lernte &#8211; eines der einzigen Dinge, in denen sie sich einig waren. Heute streiten sie nur mehr, stehen kurz vor der Scheidung, aber davon m\u00f6chte ich gar nicht erz\u00e4hlen \u2026<\/p>\n<p>Jedenfalls hatte ich darum begonnen zu schreiben.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb der Schule: \u201eWas f\u00fcr Kinder in meinem Alter nicht so selbstverst\u00e4ndlich war\u201c, hatte unsere alte Nachbarin, Oma Socke \u2013 sie war nicht tats\u00e4chlich meine Oma, aber ich hatte es mir als Kleinkind angeeignet, sie so zu rufen \u2013, einmal gemeint und mich angel\u00e4chelt. Mittlerweile muss ich gestehen, dass mir der Name \u201eSocke\u201c etwas peinlich ist \u2013 aber Oma Socke ist einfach Oma Socke: \u201e\u2026 und daran wird sich so schnell auch nichts \u00e4ndern\u201c, hatte sie ein anderes Mal ge\u00e4u\u00dfert. \u2013 Ja ich schrieb, und ich schrieb viel. \u00dcber dies und das, manchmal \u00fcber jenes, oft auch \u00fcber etwas anderes.<\/p>\n<p>Eines jedoch hatten meine Geschichten immer gemein \u2013 sie waren alle wahr.<\/p>\n<p>H\u00f6rst du? Das ist wichtig, um alles Folgende zu verstehen &#8211; sie waren alle wahr!<\/p>\n<p>Eines Abends also \u2013 es ist noch nicht so lange her \u2013 sa\u00df ich in meinem Zimmer auf dem Bett und ertr\u00e4umte mir neue Geschichten, wie ich es oft an den Freitagen zu sp\u00e4ter Stunde zu tun pflegte, da ich am n\u00e4chsten Tag keine Schule hatte. Sie handelten von Elfen, Drachen, Baumwesen, Feen und vielen weiteren sonderlichen Gestalten, die zusammen die tollsten Abenteuer erlebten, Fl\u00fcsse durchquerten, Gebirge \u00fcberwanden, Burgen eroberten \u2013 und das alles in meinem Kopf.<\/p>\n<p>Bis ich es zu Papier brachte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich glitten sie hinab, die Wunderv\u00f6lker, von meinem Kopf, \u00fcber meinen Arm und die Finger, hin zu meinen Stift und schlie\u00dflich auf dem Papier m\u00fcndend \u2013 es war wie Zeichnen oder so wie wenn man Musik machte, die im Akt des Schreibens nur man selbst h\u00f6ren konnte. Sie waren mein Geheimnis, und ich schrieb sie auf, damit sie wahrhaftig wurden, damit auch meine Eltern und andere \u2013 jeder, der sich daf\u00fcr interessierte &#8211; teilhaben durfte an den vielen Abenteuern. \u201eWer nicht lesen kann, muss alles glauben\u201c, und darum schrieb ich \u00fcber sie! Damit man <em>mir<\/em> glaubte, dass sie existierten, und das nicht nur in meinem Kopf, wie meine Eltern behaupteten.<\/p>\n<p>Aber an jenem Abend war es dann wieder so weit gewesen \u2026<\/p>\n<p>Meine Eltern hatten die Stimmen gegeneinander erhoben. Das passierte in letzter Zeit so h\u00e4ufig. Und es war nicht eine dieser Auseinandersetzungen, die im Schweigen des jeweils anderen endeten, nein, diesmal war es richtig schlimm. Zuerst hatte es nur gebrodelt, wie es eben meistens so war, aber sobald jemand etwas Falsches sagt, irgendeine Kleinigkeit erw\u00e4hnt, dann eskaliert es. Sie werden laut und lauter, schreien einander an, und wenn es nicht im Schweigen endet, so kann es passieren, dass einige Dinge in unserem Haus zu Bruch gehen, dass mein Vater handgreiflich wird \u2026<\/p>\n<p>Und an jenem Abend war es solch eine Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht genau, was da unten in der K\u00fcche geschah, aber was ich h\u00f6rte, gereichte mir f\u00fcr Tr\u00e4nen. Da fielen sie, von meinen Augen aufs Papier, zwischen die Worte und all die Namen meiner Wunderv\u00f6lker. Ich vermochte ihre Hilfeschreie zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend sie in meinen Tr\u00e4nen ertranken: \u201eHilfe! Aufh\u00f6ren!\u201c, drangen ihre unz\u00e4hligen Stimmchen an mein Ohr, aber ich konnte nichts machen.<\/p>\n<p>Ich konnte nichts machen.<\/p>\n<p>Weg, weg! Ich wollte weg! Doch wohin? Bei Oma Socke w\u00fcrden mich meine Eltern sofort finden, und sie sollten mich nicht finden \u2013 zumindest eine Zeit lang nicht. W\u00e4hrend ich so \u00fcberlegte, war ich bereits von meinem Bett gesprungen, aus meinem Zimmer und die Treppen hinabgest\u00fcrmt und, ehe es meine Eltern bemerken konnten, aus der Haust\u00fcr geeilt.<\/p>\n<p>Die Wunderv\u00f6lker hatte ich in meinem Zimmer zur\u00fcckgelassen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen war es bereits dunkel, nur ein paar Stra\u00dfenlaternen zerstreuten ihr Licht auf meinem Weg durch jene nebelige Fr\u00fchlingsnacht. Zuvor hatte geregnet. Da lief ich nun \u00fcber den feuchten Asphalt meiner Siedlung, und w\u00e4hrend die tobenden Stimmen meiner Eltern in meinem Kopf in den Hintergrund r\u00fcckten, mehrten sich die Tr\u00e4nen in meinen Augen. Wie die Brotkr\u00fcmelchen im M\u00e4rchen mit der Hexe im Knusperh\u00e4uschen, verlor ich sie auf meinem Weg, weg von Zuhause.<\/p>\n<p>Im Unterschied, dass ich durch sie nicht zur\u00fcckfinden wollte.<\/p>\n<p>Die asphaltierte Stra\u00dfe wandelte sich zu einem Feldweg, der parallel zum dunklen Acker an einem Wald entlang verlief. Fr\u00fcher waren wir hier immer spazieren gewesen als Familie \u2013 an sonnigen Wochenenden. Damals noch mit M\u00e4xchen, unserem Hund, bevor er \u2026<\/p>\n<p>Ach, weg, weg! Ich wollte weg!<\/p>\n<p>Vom Feldweg bog ich durch das Gestr\u00fcpp in den pfadlosen Wald hinein. All die hohen B\u00e4ume in ihrer finsteren Gestalt zogen an mir vorbei, doch kam es mir so vor, als laufe ich am Stand. \u201eUnerw\u00fcnscht \u2026 du bist hier unerw\u00fcnscht!\u201c, wisperte es von ihren Kronen herab, ein mir hinterherjagendes Gemenge zischender Stimmen. Das Ge\u00e4st knasterte, die Bl\u00e4tter raschelten, und nur mehr die Sterne und der Mond erleuchteten mir meinen Weg durch den n\u00e4chtlichen Wald.<\/p>\n<p>Irgendwann brach ich zusammen und landete im feuchten Moos, nahe einem Teich.<\/p>\n<p>Dort weinte ich. Zusammengekauert und allein. Selbst die B\u00e4ume schienen sich von mir abzuwenden. Meine Tr\u00e4nen tr\u00e4nkten das Moos und mein stockender Atem verblies in der Nacht \u2026<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ein ziemlich trauriges Ende f\u00fcr meine Geschichte gewesen. Den meisten Leuten entkommt an diesem Punkt ein mitleidiges Seufzen, sie klopfen mir auf die Schulter, streicheln meine Hand, aber das m\u00fcssen sie nicht \u2013 ja sie sollen das nicht tun. Denn w\u00e4re das das Ende gewesen, w\u00fcrde es sich ja um kein Geheimnis handeln. Zumindest um keines, das es wert w\u00e4re, so zu nennen. Aber das, was dann passierte, was auf mein Zusammenbrechen im Wald folgte, das ist eines der Geheimnisse, die man auch wirklich so rufen darf:<br \/>\nDenn als ich so im feuchten Moos lag, zogen die fremden Stimmen fort, und das war als lichteten sich dunkle Wolken, an einem Tag, an dem du es gar nicht mehr erwartet h\u00e4ttest. Meist siehst du dann einen Regenbogen, manchmal sogar zwei, und genauso f\u00fchlte sich der Moment an, als mir freundlichere Stimmen an mein Ohr drangen, Stimmchen gar, vertraut und f\u00fcrsorglich. Ein Kichern, ein z\u00e4rtliches Schmunzeln, lautlos, aber irgendwie hatte ich auch das geh\u00f6rt. Etwas strich an meinen Haaren vorbei, irgendwas sp\u00fcrte ich auch an meinen Beinen \u2013 etwas Kleines, Zerbrechliches vielleicht \u2013 auf einmal zupfte mich etwas an meinem \u00c4rmel, an der Schulter, und an den Socken! Das war schon ziemlich absurd, befand ich. Aber nicht falsch verstehen!, ich f\u00fchlte mich nicht bedroht oder \u00e4ngstlich, nein, es war ein Gef\u00fchl der Geborgenheit, das ich empfand. So \u00f6ffnete ich meine dem Moose zugekehrten Augen und sah auf \u2026 und was ich erblickte, glich einem Wunder \u2026<\/p>\n<p>Elfen tanzten um mich herum, dort an dem Baum, da an dem Teich und gleich hier am Moos; und neben ihnen her: eine Schar von Feen, die kleiner und etwas ungest\u00fcmer sogar durch die Luft segelten. Sie neckten einander, erfreuten sich ihres Lebens und zupften an meinem Gewand herum, dass auch ich lachen musste.<\/p>\n<p>\u201eHallo ihr\u201c, begr\u00fc\u00dfte ich die kleinen Wunderv\u00f6lkchen, und sie erwiderten mir ein L\u00e4cheln. \u201eSei nicht traurig\u201c, bedeutete mir der Tanz der Elfen: \u201eWir sind f\u00fcr dich da\u201c, der Flug der Feen. Ihre Sprache dr\u00fcckte sich nicht mit Worten aus, so wie die meine, nein, sie kommunizierten eleganter, mit ihren Bewegungen, ihren Gesichtsausdr\u00fccken, den verschmitzten Blicken \u2026<\/p>\n<p>Da bemerkte ich, dass da noch mehr waren! Aus dem Unterholz und dem Gestr\u00fcpp traten sie hervor, die Baumwesen, in ihren knorrigen Gestalten und friedfertigen Gesichtern. In einem entschleunigten Tempo wandelten sie geruhsam hinab zum Teich, lie\u00dfen sich nieder und tauchten ihre Wurzelf\u00fc\u00dfe ins k\u00fchle Wasser. Von dort aus winkten sie mir zu und genossen ihre Wahrhaftigkeit. Ihnen folgten die Drachen, die gr\u00f6\u00dfer waren als ich erwartet hatte: Sie legten sich neben mich zur Ruh, dabei sie ab und zu aus ihren N\u00fcstern in die frische Nachtluft schnaubten.<\/p>\n<p>\u201eSeid ihr alle meinetwegen gekommen?\u201c, fragte ich sie gl\u00fccklich, und mir war es, als antworteten sie mit: \u201eJa.\u201c Das lie\u00df mich innehalten und all den Schmerz vergessen, Tr\u00e4nen der Trauer wandelten sich zu jenen der Freude. Meine Wunderv\u00f6lkchen um mich versammelt \u2026 schlussendlich also waren sie doch am Leben, und nicht nur stumme Schriftz\u00fcge auf einem Papier. Meine Eltern w\u00fcrden mir das nie glauben \u2026<\/p>\n<p>Meine Eltern \u2026<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte kurz, und wandte mich mit einer neuen Frage an meine Wunderv\u00f6lkchen: \u201eSagt, wollt ihr mich nach Hause begleiten? \u2013 Zu meinen Eltern? Ich m\u00f6chte, dass sie euch kennenlernen!\u201c<\/p>\n<p>Da sahen die Wesen einander an, sowohl Elfen und Feen als auch die Baumgestalten und Drachen. Auch sie \u00fcberlegten. Und das nicht kurz, m\u00f6chte ich anmerken! Aber nach einer Weile einigten sie sich und beschlossen, mich zu begleiten.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich nicht mehr freuen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Zuerst setzten sich die Baumwesen in Bewegung. Langsam erhoben sie sich und stapften im gem\u00e4chlichen Gange los. Dann formierten sich die Elfen \u2013 gleich einem Tanz wehten sie daraufhin durch den Wald. Ich selbst sprang auf den R\u00fccken eines der Drachen und f\u00fchrte meine V\u00f6lkchen, umgeben von umherschwirrenden Feen, an.<\/p>\n<p>Ein Lied \u2026 ein Lied h\u00e4tten wir nun singen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch ihr Anblick und das Gef\u00fchl, das mir meine V\u00f6lkchen gaben, waren so als ob man Musik machte, und damit mir Lied genug.<\/p>\n<p>Bald hatten wir den Wald hinter uns gelassen. Und zur\u00fcck am Feldweg wurde mir erst unsere Anzahl bewusst, Scharen um Scharen tauchten zwischen den B\u00e4umen hervor. Nun waren es nicht nur mehr Elfen, Feen, Baumwesen und Drachen, nein, hinzu traten Greifen, Einh\u00f6rner, schillernde V\u00f6gel, die ihre Farbe wechseln konnten und ich deswegen \u201ePurpuren\u201c getauft hatte, und und und \u2026<\/p>\n<p>Das ganze Gefolge meiner Wunderv\u00f6lkchen. Sie waren alle gekommen.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe nach Hause war menschenleer, da es bereits sp\u00e4t in der Nacht geworden war. Nun wimmelte es da von meinen Wesen. Zuhause angekommen, l\u00e4utete ich selbstbewusst an der T\u00fcr. Es dauerte nicht lange, bis sie ge\u00f6ffnet wurde und meine besorgten Eltern heraustraten.<\/p>\n<p>\u201eWo bist du gewesen?\u201c, umarmte mich meine Mutter erleichtert.<\/p>\n<p>Als ich zu meinem Vater aufsah, bemerkte ich, dass sein Blick woanders ruhte. Staunend musste er meine Wunderv\u00f6lker gemustert haben, denn kein Wort entkam seinen Lippen. Auch meine Mutter hielt inne, nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte.<\/p>\n<p>Und beide l\u00e4chelten sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 16095<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bist du auch einer dieser Leute, die einem Kind nicht glauben wollen, nur weil es ein Kind ist? Wenn dem so ist, brauchst du dir meine Geschichte gar nicht anzuh\u00f6ren, denn ich bin erst dreizehn \u2013 und f\u00fcr die meisten Leute bedeutet das: ein Kind. 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