{"id":4846,"date":"2016-08-17T18:30:18","date_gmt":"2016-08-17T18:30:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4846"},"modified":"2016-08-21T14:20:32","modified_gmt":"2016-08-21T14:20:32","slug":"mein-see-sommersymphonien-am-mondsee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4846","title":{"rendered":"Mein See \u2013 Sommersymphonien am Mondsee"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4846&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4846&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Den Vater meiner Mutter habe ich nie kennengelernt und wei\u00df auch bis heute nur wenig \u00fcber ihn. Er ist acht Jahre vor meiner Geburt gestorben. Die Tochter, auf die Namen Sieglinde Mathilde Hermine getauft, hat nie viel von ihrer Familie preisgegeben. Ich wusste, dass sie keinen ihrer Namen mochte und fand auch f\u00fcr keinen einen passenden Kosenamen. Unsere Vorschl\u00e4ge wie Siegi, Matti oder Hella lehnte sie ab. Mein Vater nannte sie Mama. Einige wenige Gegenst\u00e4nde aus dem Besitz ihrer Vorfahren sind auf uns gekommen. Alle bewunderte ich: den gravierten Handspiegel aus Silber mit Kamm und B\u00fcrste, eine Rosenthaldose f\u00fcr Schmuck, eine Amethystkette, die ich als Sechsj\u00e4hrige beim Prinzessinnenspiel verlor &#8211; alle schienen mir von au\u00dferordentlicher Sch\u00f6nheit und von Geheimnissen umgeben zu sein.<br \/>\nSogar von Mamas Stiefmutter, die sie als F\u00fcnfj\u00e4hrige bekommen hat, habe ich sp\u00e4t und nur aus zweiter Hand erfahren. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals nach ihrer Kindheit gefragt zu haben.<\/p>\n<p>Aus ihrer Salzburger Schulzeit hat sie Erinnerungen an die Trapp-Familie, mit deren einer Tochter sie das Gymnasium besucht hatte. Vielleicht sind wir auch deswegen sieben Kinder geworden? Papa machte einmal eine halbernste Bemerkung, dass Mama eigentlich acht Kinder wollte, um zumindest in dieser Hinsicht die Trapps zu \u00fcbertreffen.<br \/>\nGesichert ist: Gro\u00dfvater Karl Bruche war Ingenieur und Zeichenlehrer an technischen Schulen in Salzburg und Wien. Seine Vorfahren stammen aus Norddeutschland und aus der Zips in der Slowakei. Auf Fotos sehe ich einen alten Mann mit Kaiser-Franz-Joseph-Bart. In den Sommerferien bereiste er als Hobbymaler die Adria-K\u00fcsten. Einige Malb\u00fccher und einzelne Bl\u00e4tter sind erhalten geblieben und ruhen im Familienfundus.<br \/>\nAls Kind habe ich darin so gerne gebl\u00e4ttert wie in Vel\u00e1zquez- oder D\u00fcrerb\u00e4nden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter schenkte mir meine Mutter ein Aquarell ihres Vaters, das er zus\u00e4tzlich mit Buntstiften kolorierte. Es stellt eine K\u00fcste dar, wahrscheinlich in Istrien; gerahmt von Pinien, treffen Meer und Himmel in einer Linie zusammen, am linken Rand eingeschnitten von einem Felsenstrand mit Macchia-B\u00fcschen.<br \/>\nWenn ich von meinem Schreibtisch aufschaue, zur\u00fcckgelehnt wie an einen Pinienstamm, kann ich das warme Harz riechen und das Konzert der liebestollen Zikaden unter dem best\u00e4ndigen Meeresrauschen h\u00f6ren.<br \/>\nEin Sehnsuchtsbild. Das Land der Griechen mit der Seele suchen. Beide Eltern waren Altphilologen und Germanisten. Und sie liebten Italien: Kennst du das Land, wo die Zitronen bl\u00fchen? Dieses Bild hat wahrscheinlich, obwohl keine gro\u00dfe Kunst, die Grundlage f\u00fcr meine \u00dcberzeugung gelegt, dass Kunstwerke in erster Linie Nutz- und Gebrauchsgegenst\u00e4nde sind. Lebensmittel, \u00dcberlebensmittel. Ich habe ihm vor Jahren einen schlichten Holzrahmen verpasst, er k\u00f6nnte von einem Baum von dort sein.<\/p>\n<p>Um dem ungekannten Gro\u00dfvater n\u00e4herzukommen, habe ich mir immer gern vorgestellt, dass dies sein Lieblingsplatz war, dieser Blick aufs Meer unter den B\u00e4umen, vom letzten Erdstreifen hinaus ins Unendliche. Wie er auf seinem einbeinigen Malerstockerl sitzt, vorm Sonnenaufgang alleine im Nebel, in der Stille der Mittagshitze das Meer glitzert und sich im Sonnenuntergang gold-purpurn f\u00e4rbt. Die Farbe von reifem Weizen, hatte Homer festgestellt. Einmal auf meinen vielen Istrienreisen, habe ich in einem Moment des Schauens gemeint, bei Bale, n\u00f6rdlich von Pula, genau diese Stelle gefunden zu haben. Julia hat dort ein Bild gemalt und dabei unwissentlich denselben Winkel gew\u00e4hlt. Vererbung des Blicks, ob es so etwas gibt?<\/p>\n<p>Immer lebendig und pr\u00e4sent war der Salzburger Gro\u00dfvater aber mit seinem Verm\u00e4chtnis, dem Sommerhaus am Mondsee. Welche Weitsicht hat er bewiesen, als er zu Beginn der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts ein Seegrundst\u00fcck kaufte und darauf ein Holzh\u00e4uschen im Stil der Mondseer Bootsh\u00fctten errichten lie\u00df.<br \/>\nIm R\u00fccken die Drachenwand und der dreigipfelige Schober, gegen den See hin eine ein Meter hohe Steinmauer, leicht rechts die stumpfe, gutm\u00fctige Nase des Schafbergs, gegen\u00fcber die sanften Wellen des Mondseer Hochmoors, sp\u00e4ter auch das Unget\u00fcm der Autobahnraststation. Wieder ist er da, dieser Blick vom Ufer auf das Wasser, auf die Berge und in die Wolken. Morgenrot \u2013 Gutwetterbot, Abendrot bringt Schmutz und Kot \u2013 oder ging\u2018s umgekehrt? Hat der Berg an Huat, wird das Wetter guat, hat der Berg an Sabl, wird das Wetter miserabel.<\/p>\n<p>Die Schafsnase hatte nach dem Regen oft einen Sabl. Diese Bauernregel bewahrheitete sich immer, wie Papa leicht triumphierend feststellte, als h\u00e4tte er etwas dazugetan. Er war der von Mama etwas respektlos genannte \u201eWolkenzutzler\u201c, weil er abwechselnd nach Westen schaute, hinter unserer H\u00fctte, in den Wetterwinkel Richtung Salzburg, oder auf der Bank an der Hauswand sitzend, den Schafberg studierte, weil der angeblich alles verriet, was f\u00fcr die Wetterprognose wichtig war. So viel ist sicher, dass wir uns nie an den im Abendrot rauschgolden angemalten und von zuckerlrosa \u00fcberhauchten Kalkw\u00e4nden im Morgenrot sattsehen konnten.<br \/>\nVon diesem kleinen Uferfleck aus lie\u00df wahrscheinlich schon der Gro\u00dfvater seine Blicke vom Almkogel \u00fcber Scharfling bis zu den Felsst\u00fcrzen und Ger\u00f6llhalden auf der Brust des Schafbergs schweifen und runter, wo hinter dem Bergzwickel von Unterach der Attersee lag. Es ist leicht auszudenken, dass der Bruche-Gro\u00dfvater auch hier gemalt und gezeichnet hat, obwohl davon keine Spuren auf die n\u00e4chste Generation gekommen sind. Oder vielleicht doch? Das Zeichentalent meiner Br\u00fcder und das meiner Tochter \u2013 stammt es von ihm? Der gro\u00dfe Unbekannte hat uns viele sch\u00f6ne Sommer an diesem See geschenkt. Er hat f\u00fcr sich und uns mehr als eine Sommerfrische begr\u00fcndet, nach der Geburtsheimat M\u00fchlviertel uns in eine mindestens ebenb\u00fcrtige zweite Heimat eingepflanzt, uns im Salzkammergut eingewurzelt, bis heute, in der vierten Generation nach ihm.<\/p>\n<p>Die Seligkeit war nicht zu \u00fcberbieten, wenn man unter dem Glucksen, Gurgeln und z\u00e4rtlichem Schmatzen des Sees gegen die Steinmauer aufwachte und sofort wusste \u2013 Ostwind \u2013 das Versprechen auf einen sch\u00f6nen Badetag. \u00dcber die Innenseiten des Daches zittern Kringel, die Wellen spiegeln sich in tanzenden Lichtflecken. Noch bevor man aufstand, meldeten sich die Schwaneneltern H\u00e4nsel und Gretel und ihre Jungen mit einem leisen Fiepsen, die Enten mit ihrem Geschnatter und verlangten ihr Fr\u00fchst\u00fcck. Wir pfl\u00fcckten L\u00f6wenzahn und Gras von der Wiese und br\u00f6ckelten altes Brot in den See. Dass Schw\u00e4ne sch\u00f6n aussehen, aber b\u00f6se sind, erfuhren wir, als einmal der Hansl meinen Vater unter scharfem Zischen in den gro\u00dfen Zeh biss, so fest, dass der Nagel blau anlief und er lang nicht in die Schuhe kam.<\/p>\n<p>Sogar die heftigsten Gewitter habe ich in guter Erinnerung, auch wenn Donner und Regeng\u00fcsse tobten, die Blitze mit hohen Font\u00e4nen in den See einschlugen und der Sturm das Wasser aufpeitschte. Dann verwandelte sich das stille, sanfte Gew\u00e4sser in Meeresungeheuer, vor denen sogar Odysseus Respekt gehabt h\u00e4tte. Wir wussten uns aber in Sicherheit, weil es ja rundherum viele h\u00f6here Geb\u00e4ude gab und B\u00e4ume, dass die Blitze unsere kleine H\u00fctte mit Sicherheit nicht treffen w\u00fcrden. Wir z\u00e4hlten immer von 21 aufw\u00e4rts die Sekunden zwischen Blitz und Donner, so viele Kilometer war das Gewitter noch entfernt. Schaurig-sch\u00f6n war es, als einmal auf dem gegen\u00fcberliegenden Ufer ein Blitz in ein Bauerngeh\u00f6ft einschlug und wir dem n\u00e4chtlichen Inferno zusahen. Unser privates Feuerwerk. Wie alle Kinder waren wir ein wenig grausam, dem Spektakel mehr zugeneigt als dem Mitleid. Wie wir zwischen dem Donnergrollen das Tat\u00fc-Tata der Feuerwehren h\u00f6rten und im Licht der Blitze und des Feuers die M\u00e4nnlein mit Leitern und Schl\u00e4uchen hin und her wieseln sahen, das Vieh, das aus den St\u00e4llen getrieben wurde und die Menschen h\u00e4nderingend durcheinander liefen. Aber was wollte man gegen das Schicksal machen, wenn man Brandlgschwandtner hie\u00df? Seither wei\u00df ich, dass es die Angst-Lust wirklich gibt.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns alle noch an das Bild erinnern, als die Schafbergbahn \u00fcber dem langgezogenen R\u00fccken ihre Rauchw\u00f6lkchen ausstie\u00df, zweimal in der Stunde.<br \/>\nDen Schafberg haben wir oft bestiegen, von jeder Seite, jeden Steig kannten wir, jede Ger\u00f6llhalde auf und ab, nur nicht die Schafbergbahn selbst, die kannten wir nur aus der Ferne, nie waren wir in ihr drin gesessen. Wir kannten sie gut und wieder auch nicht, \u00fcberquerten oft ihre Geleise, von unten sahen wir immer nur ihre Rauchw\u00f6lkchen \u00fcber dem Schafsr\u00fccken aufsteigen oder flach liegen, je nach Luftdruck \u2013 f\u00fcr Papa ein wichtiger Hinweis f\u00fcr seine Wetterprognosen. In der Senke, knapp bevor es zum Hals aufstieg, hielt es still \u2013 das war die Mittelstation. Eine Fahrt mit diesem Wunderding der Technik konnte sich eine Familie mit sieben Kindern nicht leisten. Nie. Auch in das mond\u00e4ne Schafberg-Hotel waren wir nie eingekehrt. Diese steinerne Trutzburg mit den rot-wei\u00df-roten Fensterl\u00e4den blieb f\u00fcr uns verschlossen, wir bogen darum herum zum niedrigeren Nebengipfel, dem Adlerhorst, und schauten in die steilen Gr\u00e4ben des Nebengipfels hinunter auf die k\u00fchn segelnden Bergdohlen, die im Auftriebswind stehenden Bussarde und bei Gl\u00fcck auf G\u00e4msen in Felsgraten und Latschen.<br \/>\nAls ich nach meinem Amerika-Jahr meine Gastfamilie durch \u00d6sterreich, dabei auch durch das Salzkammergut, f\u00fchrte, lud sie mich zu einer Fahrt mit der Schafbergzahnradbahn und zu einer Jause in das Hotel ein. Ich war nicht weniger ger\u00fchrt als meine New Yorker G\u00e4ste, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden. Eine sp\u00e4te Entt\u00e4uschung war es, als ich feststellte, dass die dieselgetriebene Zahnradbahn die Rauchfahnen schon lange k\u00fcnstlich herstellte.<\/p>\n<p>In der Realzeit sind die Sinneseindr\u00fccke nicht getrennt, sondern eine Symphonie aller Sinne von Sehen, H\u00f6ren, Schmecken, Tasten und Riechen. Am Mondsee wurde der Gleichzeitigkeitssinn gesch\u00e4rft, die Verdichtung des Lebens. Alles war farbiger, klarer, schmackhafter, geruchsintensiver und mit vielen Wundern ges\u00e4ttigt. Mit acht Jahren war ich mit der Mondsee-Initiation dran; das wurde erst m\u00f6glich, nachdem die drei \u00e4lteren Geschwister als erwachsen genug eingestuft wurden, im Sommer allein ihrer Wege zu ziehen. Da erst durften wir J\u00fcngeren nachr\u00fccken, weil ja nie genug Platz f\u00fcr alle sieben in der H\u00fctte war. Wir hatten damals noch kein Auto, fuhren also umst\u00e4ndlich von Tulln mit Bahn und Autobus nach Bad Schallerbach zu Onkel Karl, der in Bachmaning eine Gemischtwarenhandlung betrieb und einen kleinen Milit\u00e4r-grauen Renault hatte. So einen, bei dem die T\u00fcren in der Mitte zueinander aufgehen und die Winker mit einem lauten Klicken auf den Seiten herausschnellen wie kleine Streckenw\u00e4rter. Der brachte uns, ich wei\u00df nicht wie, zusammengepresst, zu f\u00fcnft nach Plomberg am Mondsee, mit allem Gep\u00e4ck. Papa fuhr mit dem Rad nach. Everything goes.<\/p>\n<p>Die Kirschen von Bachmaning, ich wei\u00df nicht mehr, ob aus dem Onkel Karl- oder in einem Nachbargarten, sie sind bis jetzt noch immer die besten auf der Welt. Die Spannung in der Hand beim Griff in einen der gro\u00dfen Glasbeh\u00e4lter mit dem schr\u00e4gen Hals, zu dem mich Tante Hermi eingeladen hat, ich kann sie jetzt noch sp\u00fcren. Die Seidenzuckerl der Tante Hermi. Die gr\u00f6\u00dfte Sensation, an die ich mich erinnere, war die Schartner Bombe, gespendet von den mir unheimlich reich scheinenden Onkel Karl und Tante Hermi. Das G\u00f6ttergetr\u00e4nk in der dunkelgr\u00fcnen, rundlichen Flasche mit einer gelben Zitrone drauf, das spritzig kitzelte auf der Zunge und explodierte am Gaumen, bald schon war es warm und schlabbrig wie Kinder-Lulu. Es roch im Zustand der Zersetzung nach Kaugummi, wenn wir so etwas schon gekannt h\u00e4tten. Aber in diesem Geschmack aus Scharten winkte die gro\u00dfe, neue Welt!<\/p>\n<p>Bei uns geriet fast jede Situation zum Wettbewerb. Wer sah in dem Bergzwickel hinter Regau als erstes den Attersee und rief als erster: \u201eAh, der See!\u201c Wer sah nach dem Hochmoor als erstes die Spitze des Schafbergs, das erste Segelboot am Mondsee? Wenn wir an einer Burg vorbeikamen, nie verga\u00df Mama das \u201eRiesenspielzeug\u201c von Chamisso anzustimmen, in das wir wie trainierte Papageien im Chor einfielen: \u201cBurg Nideck ist im Elsass der Sage wohl bekannt\/Die H\u00f6he, wo vor Zeiten, die Burg der Riesen stand\u2026 \/<br \/>\nEin gro\u00dfer Silbersch\u00f6pfer bei uns im Haushalt, wahrscheinlich das einzig erhaltene St\u00fcck eines Services, hie\u00df \u201eder Suppenl\u00f6ffel von der Burg Nideck\u201c.<br \/>\nBis zu den letzten Zeilen schmetterten wir durch den VW-K\u00e4fer: \u201eSie selbst ist nun verfallen, die St\u00e4tte w\u00fcst und leer.\/Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.\u201c Gerade da tauchten die Ruinen von Burg Wartenfels auf halbem Weg zum h\u00f6chsten Schobergipfel mit dem Kreuz auf, und die hei\u00dfe, beengte Autofahrt hatte in Plomberg ihr Ende. Ob die bildungsb\u00fcrgerlichen Eltern uns damit die gr\u00f6\u00dfere Realit\u00e4t von Dichtung praktisch vorf\u00fchren wollten oder selbst nur ihren Spa\u00df hatten? Sie sagten einander stundenlang Gedichte und Balladen auf, ihr Wettbewerb? Wer kann das heute noch wissen. Auf jeden Fall trainierte Mama bis ins hohe Alter mit dem Gedicht- und Balladenschatz ihr ohnedies ausgezeichnetes Ged\u00e4chtnis. Sie hatte eine eigene Wikipaedia im Kopf.<\/p>\n<p>Am Mondsee erkannte ich, dass das Salzkammergut ganz anders roch als meine Donau-M\u00fchlviertler-Umgebung. Das frisch gem\u00e4hte Gras hinter unserer H\u00fctte bis zum Hanslbauer, das Heu, der klare, nicht modrig-algige Geruch des Wassers, wie ich es von der Donau kannte, hier viel frischer, weil aufgemischt vom durchsichtigen Seewasser, vom zitronigen Schilf und angereichert mit den Wald- und Beerenger\u00fcchen.<\/p>\n<p>Die ganze Sch\u00f6nheit des Lebens konnte einem in einem Sommersonntag aufgehen: Drau\u00dfen in der Seemitte flattern und knattern wei\u00dfe Segel im Wind, Reihe um Reihe ist aufgezogen. Wir haben Gl\u00fcck und sitzen in der ersten Reihe, denn unserem Ufer gegen\u00fcber liegen die Wendebojen der Mondseer Segelregatta. Postkarten- und Landschaftsmalermotive mit glitzernden, t\u00fcrkisblauen Wellen und Sch\u00e4fchenw\u00f6lkchen dar\u00fcber. Das Licht funkelt und flimmert, als h\u00e4tte ein freigiebiger Zauberer Edelsteine ins Wasser gesch\u00fcttet. Nachdem wir alle schwimmen gelernt hatten, durften wir das Holzboot des Tischler-Ebner-Nachbarn ausleihen, nach links bis zur M\u00fcndung der Fuschler Ache ins Schilf fahren oder nach rechts um den M\u00fcndungsspitz des Klausbaches, in die Bucht mit den Bootsh\u00fctten bis zum Hotel Plomberg.<br \/>\nViel sp\u00e4ter bekamen wir ein eigenes Ruderboot aus Plastik, das man leicht auf den Steg ziehen konnte. Franzi war der geborene Fischer und verbrachte viel Zeit im Boot, wobei er nicht einmal den Regen scheute, weil da angeblich die Fische noch besser anbissen. Mehr als einen ungenie\u00dfbaren Wei\u00dffisch oder eine lebensm\u00fcde Aalrutte brachte er meiner Erinnerung nach nie nach Hause. Das Fischen ist das Ziel, nicht der Fisch, lautete einer von Mamas stehenden Spr\u00fcchen, \u00e4hnlich wie beim Wandern, keine M\u00fcdigkeit vorsch\u00fctzen!<br \/>\nMir imponierte, dass der ganze See in Privatbesitz war und einer Frau geh\u00f6rte (laut Wikipaedia heute 16 Millionen Euro wert, habe ich gerade gegoogelt). Die G\u00e4nge in das Allmeier\u2018sche Schloss in Mondsee, wo man die Fischereikarten l\u00f6sen musste, hatten immer etwas von der Andacht einer Wallfahrt.<\/p>\n<p>Wenn ich in die Tiefe der Erinnerungs-Bilder schaue, gef\u00e4llt mir aber ein anderes noch besser. Wenn man vor Sonnenaufgang aufstand, und ich tat das, weil ich immer nur kurz schlief, konnte man den Fischer in seiner flachen, langgezogenen Zille hinausfahren sehen \u2013 hie\u00df sie nicht Pl\u00e4tte? \u2013 eine einsame, aufrechtstehende Gestalt, im Morgennebel Netze auswerfend. Ein Bild wie von einer tausendj\u00e4hrigen Steinabreibung vom s\u00fcdchinesischen Meer hat sich eingepr\u00e4gt. Wenn wir beim Fr\u00fchst\u00fcck sa\u00dfen, bei Milch und Eiern vom Hanslbauer, Joghurt und K\u00e4se aus der Mondseer Molkerei und Brot aus der Teufelsm\u00fchle, selbst eingekochte Him- oder Heidelbeermarmelade darauf schmierten, dann fuhr er die Saiblinge und Reinanken, Forellen und Hechte ein, die er aus den ausgelegten Netzen und Reusen einsammelte.<\/p>\n<p>Ich kann nicht entscheiden, zu welcher Zeit der See am besten roch. In aller Fr\u00fch, wenn Fische, Algen und Schilf zusammen ihre Ger\u00fcche an Land schickten oder in der prallen Sonne, wenn das Heu duftete, die impr\u00e4gnierten Holzbalken der H\u00fctte in der Hitze siedeten oder nach dem Regen, wenn die Luft getr\u00e4nkt war mit Erd- und Waldger\u00fcchen.<br \/>\nObwohl wir oft genug Anlass hatten, \u00fcber das Salzkammergutwetter, den Schn\u00fcrlregen, zu jammern, der uns an den Badefreuden hinderte, habe ich auch die Regentage in sch\u00f6ner Erinnerung. Wenn die Tropfen anscheinend endlos an den Fensterscheiben herunterrannen und drau\u00dfen die putzigen, von uns Duckanterl genannten, Haubentaucher ihre K\u00f6pfchen-unter-Wasser-Spiele auff\u00fchrten, wir die Sekunden z\u00e4hlten und die Meter sch\u00e4tzten, wie lange sie unter Wasser bleiben konnten und wo sie wieder auftauchen w\u00fcrden.<br \/>\nIn der Geborgenheit des Dachgiebels, auf den staubigen Strohs\u00e4cken liegend, ein Buch auf den Knien, h\u00f6rten wir dem vielstimmigen Trommeln und Prasseln des Regens zu.<\/p>\n<p>Wir hatten immer viele B\u00fccher dabei und lasen um die Wette, spielten viele Gesellschaftsspiele, Quartette oder Stadt-Land. Das H\u00fcttenbuch lag immer bereit. Alles wurde aufgeschrieben, dieses Buchf\u00fchren war vor allem Mamas Leidenschaft. Aber wie bei allem, hatten unsere Eltern auch f\u00fcr die Ferien ein Programm, niemand durfte einfach nur so in den Tag hineinleben. Oft wurden wir unter Murren, ausgerechnet bei sch\u00f6nstem Wetter, vom See in die Berge zum Wandern gestampert. In den ersten Jahren noch mit der Bad-Ischlerbahn, sp\u00e4ter mit dem Postautobus, in den letzten Jahren mit Papas VW-K\u00e4fer, klapperten wir Orte und Berge im ganzen Salzkammergut ab.<br \/>\nWir bev\u00f6lkerten die Almen, Bergseen, H\u00fctten, Schluchten und Latschenh\u00e4nge, Adlerhorste und Gipfelkreuze mit ihren Gipfelb\u00fcchern und Stempeln. Ich glaube, wenn wir anderen Wanderern begegneten, fragten die sich, ob wir ein Kinderheimausflug waren. Wir hatten genagelte Goiserer an den F\u00fc\u00dfen, die mit knarrendem Eigensinn Blasen produzierten, Hubertuswetterflecke, die bei Regen schwer wurden als Ziegeldecken, nach Schaf rochen und auch in Tagen nicht trockneten; der Familienrucksack mit den Aluminiumproviantdosen ging zum Tragen reihum. In der am G\u00fcrtel baumelnden Feldflasche war nie Kracherl oder Sirupsaft, sondern immer nur reinstes Quellwasser. Auf mancher Almh\u00fctte waren wir dem Genusshimmel nahe, wenn wir einen Becher Buttermilch bekamen.<\/p>\n<p>Wenn andere Kinder nach den Ferien von ihren Sommerfrischen am Atter-, Traun-, Hallst\u00e4tter-, Altausseer oder Wolfgangsee schw\u00e4rmten, mit ihren viel gr\u00f6\u00dferen Fl\u00e4chen, gr\u00f6\u00dferen Schiffen, ber\u00fchmteren Orten, Hotels, Villen und namhaften G\u00e4sten, hielten wir dagegen, dass der bescheidene Mondsee das bessere Wasser habe und mehr Fische. Manche verstiegen sich sogar dazu, den Mondsee absch\u00e4tzig als \u201eTor zum Salzkammergut\u201c zu bezeichnen. Was, wir sollten nur T\u00fcrlsteher sein? Wir waren die Perle! Einmal geriet ich mit einer Freundin in Streit, deren Familie eine Villa \u00e0 la Habsburg in Steinbach bewohnte, weil sie behauptete, nur die Salzburger und Steirer Gebiete geh\u00f6rten zum Salzkammergut, nicht aber das ordin\u00e4re Ober\u00f6sterreich.<br \/>\nIn gekr\u00e4nktem Lokalstolz hielt ich heftig dagegen: Unser Seewasser ist daf\u00fcr in Sonnenperioden viel w\u00e4rmer und weicher. Bis zu 28 Grad, eine Kinderbadewanne, in der man sich stundenlang suhlen kann, ohne blaue Zitterlippen zu bekommen und ohne die Eisesk\u00e4lte wie in Hallstatt oder Gmunden, mit dem unheimlichen, fast schwarzen Wasser oder gef\u00e4hrlichen Str\u00f6mungen wie im tiefen Grund des Attersees. Ja, vor allem das weiche Wasser priesen wir, in dem man keine Seife zum Waschen brauchte und keine Geschirrsp\u00fclmittel. Wir bewiesen immer wieder seine Trinkwasserqualit\u00e4t, indem wir bei unseren Luftmatratzenschlachten literweise Seewasser schluckten.<\/p>\n<p>Wenn wir vom Steg oder Boot ins t\u00fcrkise, kristallklare Wasser schauten, konnten wir metertief auch noch die kleinsten Spennadler erkennen und den wei\u00dfen Kies am Grund. W\u00e4hrend der Blaualgenpest verwandelte sich das t\u00fcrkise Kristallwasser in eine blaue Br\u00fche, unappetitlich anzusehen, aber f\u00fcr die Schwimmer harmlos. Und von gutem Wasser verstehen alle Teile der Familie etwas. Waren doch die M\u00e4nner der v\u00e4terlichen H\u00e4lfte Bierbrauer und Wirte, die m\u00fctterlicherseits Weinbauern bei Baden. Aber es gibt auch wissenschaftliche Beweise f\u00fcr das gute Wasser des Mondsees. Es wird schon kein Zufall oder pers\u00f6nliche Vorliebe von Biologen gewesen sein, dass die Fischzuchtanstalt der Hochschule f\u00fcr Bodenkultur vor vielen Jahrzehnten in unserem Nachbardorf Scharfling eingerichtet wurde. Noch fr\u00fcher hinterlegte Kaiser Maximilian beim F\u00fcrsterzbischof seinen Wunsch, lieber in Mondsee begraben zu werden als in Innsbruck, was ihm aber verwehrt wurde.<\/p>\n<p>Abgesehen von messbarer Wasser- und Luftqualit\u00e4t erschien mir alles um den Mondsee sauber, echt, unschuldig und unverdorben. Vielleicht weil noch eingeh\u00fcllt in das \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c? (Religion: gut ist gleich sch\u00f6n) Vielleicht weil dort die Wurzeln der Eltern zusammenkamen? (Blut &amp; Boden) Vielleicht weil es eine Urlandschaft war, der Prototyp einer Landschaft, in der die Menschen alles fanden, was sie zum Leben brauchten? (Blaue-Blume-Romantik).<br \/>\nEine Mischung von allem, von allem etwas, was sich zu einem heilen Ganzen f\u00fcgte. Weil diese Gegend in den \u00fcberschaubaren Jahrhunderten keinen gr\u00f6\u00dferen Schicksalsschl\u00e4gen ausgesetzt und daher von positiver Energie besetzt war? (Esoterik) Weil sein Name auf die r\u00fchrende Volkssage vom bayrischen Herzog Odilo zur\u00fcckging? (Historismus). Mama wusste nat\u00fcrlich, weil sie alles wusste, dass der Name nicht vom Mond herkam, sondern dem alten Adelsgeschlecht der Mann.<\/p>\n<p>Es gab sicher nicht so viele spektakul\u00e4re Berge, Geb\u00e4ude und Menschen wie woanders, alles war lieblich und sanft bis zur Unscheinbarkeit. Zugegeben, unsere Schiffe \u201eMondsee\u201c, \u201eHelene\u201c und \u201eWartenfels\u201c waren viel bescheidener als die der anderen Seen. Aber wir hatten oft das bessere Wetter, weil der Mondsee nicht von so hohen Bergen umgeben war, an denen die Salzkammergut-Regenwolken leicht h\u00e4ngenblieben. Und schwere Gewitter, die oft Muren und Bergst\u00fcrze brachten. Wir waren auch besser gefeit gegen die badehungrigen deutschen Touristenhorden, die die anderen Seen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberfielen, sodass kein Parkplatz und kein Bett freiblieb, man sich vor zudringlichen Blicken kaum retten konnte, die Grundbesitzer die Buchenhecken \u00fcbermannshoch wachsen lie\u00dfen, \u00fcberall Tafeln mit \u201ePrivat \u2013 Zutritt verboten\u201c aufstellten, Ketten spannen oder Felsbrocken in die Einfahrt rollen mussten, die Preise in die H\u00f6he schnellten und auf den Speisekarten so unselige W\u00f6rter wie Quark- und Blaubeerkuchen, Br\u00f6tchen, Frikadellen, Eisbein und Kl\u00f6\u00dfe auftauchten, auf den Badepl\u00e4tzen es nur so von Schippen und Eimern schepperte, von Heinz-J\u00fcrgens und Annegrets und, n\u00f6\u00f6, kuckmal! dr\u00f6hnte.<\/p>\n<p>Und wer hat \u2013 Hallstatt ausgenommen \u2013 etwas \u00c4hnliches aufzuweisen wie die Mondseekultur mit Pfahlbauten und Einb\u00e4umen aus der Jungsteinzeit? Trotz all der illustren Orte konnte sich keiner mit so einem r\u00e4tselhaften Namen wie \u201eSchwarzindien\u201c schm\u00fccken. Das brachte einen doch gleich zu Kolumbus und Darwin. In der Kirche von St. Lorenz, mit den uralten Linden vor der barocken Pracht der zwiebeligen Doppelt\u00fcrme, betete der diensttuende ugandische Priester f\u00fcr gutes Wetter. Weil er einen direkten Draht nach oben und zu den afrikanischen Wettermachern hatte, waren seine Gebete von gr\u00f6\u00dferer Wirkung als die Bayerische Wetterumschau.<\/p>\n<p>Das Wort kannten wir wahrscheinlich noch nicht, aber wir fanden unseren See viel romantischer als die gro\u00dfen Nachbarn \u2013 wahrscheinlich sagten wir gem\u00fctlicher \u2013 weil viel mehr \u201eunser eigener\u201c als die ber\u00fchmten Touristenattraktionen. Meine altphilologische Mutter wird sicher so etwas wie \u201eLocus amoenus\u201c von sich gegeben haben, nicht ohne auf die besondere Geschlechtssituation von Locus und Domus zu verweisen. Der Mondsee ist zweifelsfrei lieblich. Au\u00dferdem geh\u00f6rten wir zu den \u00e4ltesten, stolzen Seegrundbesitzern, wenn auch nur von der Gr\u00f6\u00dfe eines Tischtuches mit einer Einzimmer-Holzh\u00fctte aus groben Balken darauf, mit von Papa selbstgebauten, himmelblau lackierten M\u00f6beln, einem Gaskocher mit erst einer, dann \u2013 welch Fortschritt \u2013 zwei Flammen und einer Gasflasche, mit vier Strohs\u00e4cken im Dachgiebel, einer H\u00fchnerleiter, einem Plumpsklo, das alles ohne Strom und Flie\u00dfwasser.<br \/>\nAn den Abenden sa\u00dfen wir \u00fcber B\u00fcchern und Schreibheften, wir spielten St\u00e4dte- oder Blumenquartett, Kennst du \u00d6sterreich, Mikado ohne Ende, in der Mitte Kerzen, sp\u00e4ter eine Gaslampe, heftig umflogen von allerhand Insektengetier. Ich kann mich an keine einzige Krankheit oder Krise erinnern, die uns am Mondsee erreicht h\u00e4tte. Oder doch eine: Der j\u00fcngste Bruder Franz produzierte einmal einen Wutanfall, als ihn Papa zwang, den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Wei\u00dffisch wieder freizulassen, weil er eh nur aus Gr\u00e4ten bestand.<\/p>\n<p>Aber gab es ein besseres Stroh und Heu aus dem Stadel oder Wasser aus dem Brunnen vom Hanslbauer? Kein Hotel konnte bessere Betten, kein Restaurant frischere Fische haben. Die wirklich gro\u00dfen Katastrophen kannten wir nur aus Erz\u00e4hlungen und kleinen vergilbten Fotos, als etwa beim Jahrhunderthochwasser 1954 der See einen Meter hoch im H\u00fctterl stand, es einzust\u00fcrzen drohte, und die Familie zum Hanslbauern fl\u00fcchten musste. Oder als einmal ein Sturm die gro\u00dfe Linde fast aufs H\u00fctterldach geworfen h\u00e4tte; sie wurde gef\u00e4llt, und nur der abgeschnittene Stumpf vor der T\u00fcre erinnerte noch daran.<\/p>\n<p>Wegen seiner schriftstellerischen T\u00e4tigkeit bekam Papa oft G\u00e4ste aus aller Welt, auch in Plomberg. Die Amerikaner sagten immer lovely, how lovely, und so many children, so sweet and cute und dachten wahrscheinlich, dass unsere Familienh\u00fctte f\u00fcr ihren Hund in Kentucky zu klein gewesen w\u00e4re.<br \/>\nIch habe immer viel gelesen, beobachtet, nachgedacht und in den Nachthimmel hinaufgeschaut. Die Sternbilder lernte ich dort kennen und entwickelte eine typisch jugendliche Begeisterung, wenn sich zum ersten Mal die Welt ins Unendliche ausdehnt. Als ich einmal im beginnenden Teenageralter dem Vater vom Kosmos vorzuschw\u00e4rmen begann, sagte er so etwas R\u00e4tselhaftes wie: Verwechsle nie Quantit\u00e4t mit Qualit\u00e4t, Masse und Mensch. Und gab mir Elias Canetti und Ortega y Gasset zu lesen.<\/p>\n<p>Die Luft war sauber und vollkommen dunkel bis hinauf zu ihrem Geblinke. Wenn es unter dem Dach auch in der Nacht noch zu hei\u00df war, durften wir in der Wiese schlafen und wachten taubeschlagen auf. Der Klausbach rauschte damals noch vom Almkogel herunter in einigen Stufen von Wasserf\u00e4llen, gleich neben uns sch\u00fcttete er sich in einem kleinen Delta in den Mondsee, ein Sandstrand, wo wir spielten und von dem wir in K\u00fcbeln Kies f\u00fcr die Wege um die H\u00fctte holten. Ein t\u00e4gliches, morgendlich ungeliebtes Ritual f\u00fcr uns Kinder, die langen Fleckerlteppiche auszusch\u00fctteln und die H\u00fctte auszukehren. Ordnung muss sein.<\/p>\n<p>Ich hatte damals keine Vergleiche, aber Jesolo (sie sagten Dschesolo), Caorle oder Lignano Sie sagten Liknano), von denen damals schon manche Mitsch\u00fclerinnen schw\u00e4rmten, k\u00f6nnen nicht sch\u00f6ner gewesen sein. Da war ich sicher.<br \/>\nSie redeten von Gelati und Tutti frutti, ich dagegen war selig, wenn ich in der Mondseer Milchtrinkhalle ein Erdbeer-Frufru bekam. Das Viertelglas war braun, hatte eine Metallkappe und darunter eine zweifingerdicke Schicht von Marmelade. Der L\u00f6ffel war \u00fcberlang, damit man sich die Finger nicht ankleckern sollte. So einen L\u00f6ffel hatten wir bei uns nicht. Aber genau das liebte ich, das Abschlecken der Finger, des L\u00f6ffels, des Randes und das ewige Auskratzen bis zum letzten Restchen. Auch das ist eine Mondseesymphonie, das helle Klingeln, unser Klingeln mit den L\u00f6ffeln in den Glasfl\u00e4schchen.<\/p>\n<p>Einer unserer sch\u00f6nsten Spielpl\u00e4tze war der Klausbach, solange er nicht bei Gewittern wild wurde. Von der M\u00fcndung durchs wilde Bachbett sprangen wir rauf oder runter, von Stein zu Stein, in den nat\u00fcrlichen Badewannen dazwischen plantschten wir im eiskalten Wasser und kletterten an der Thekla-Kapelle den Wildsteig an das Steilufer hinauf. Ich m\u00fcsste jetzt nachschlagen, d.h. googeln, wof\u00fcr die Heilige Thekla zust\u00e4ndig war, dort und damals. Das Innere der Kapelle war \u00fcbers\u00e4t mit Bildchen, Briefen und Devotionalien: Beine, Arme, Herzen und andere unbestimmbare K\u00f6rperteile, dazu Kerzen, M\u00fcnzen und Blumen. Die Str\u00e4u\u00dfe in den Vasen, das Tannenreisig und die Farne waren immer frisch, auch die Gaben von Beeren, \u00c4pfeln und N\u00fcssen, also mussten Menschen, Frauen, diesen Ort h\u00e4ufig besuchen.<br \/>\nIch erinnere mich an die Abbildung der Hl. Thekla mit einem L\u00f6wen und anderen wilden Tieren, die in dieser Gegend nicht vorkamen. Der altar\u00e4hnliche Aufbau \u00fcber einem wei\u00dfen Leinentuch mit eingesticktem Kranz von IHS war einem Scheiterhaufen nachgebildet, auf dem die Figur der M\u00e4rtyrerin stand. Sie war der erste Mensch, den Paulus taufte. Eigentlich war die in Syrien als r\u00f6mische Offizierstochter geborene Thekla nur eine Protom\u00e4rtyrerin. Denn nach den Paulusakten hatte sich das Feuer geweigert, die als bekennende Christin angeklagte Jungfrau zu verbrennen; die wilden Tiere, die sie im Zirkus eigentlich zerrei\u00dfen sollten, retteten und versteckten sie in einer H\u00f6hle im syrischen Dorf Maalula, wo sie bis ins hohe Alter ein Eremitendasein gef\u00fchrt haben soll.<br \/>\nEin orientreisender Dichterfreund hat mir erz\u00e4hlt, dass er im dortigen Thekla-Kloster das Vaterunser auf Aram\u00e4isch, der Sprache der Bibel, in tiefer Bewegung geh\u00f6rt hat. Die Menschen sprachen den altsemitischen Dialekt, dessen sich auch Christus bedient hat. Das waren die Laute, mit denen Wasser in Wein verwandelt, Fisch und Brot vermehrt, die Bergpredigt gehalten und Lahme gehend gemacht wurden. In ihrer H\u00f6hle hat er aus derselben Quelle getrunken wie die R\u00f6merin. Thekla war schon im fr\u00fchen Christentum so popul\u00e4r, dass man ihr schon im 4. Jahrhundert in Mailand eine Kirche widmete, an der Stelle, wo heute der Dom steht und wo man sie noch heute in der Krypta besuchen kann.<br \/>\n\u00dcbrigens: Was hat es zu bedeuten, wenn \u00fcberhaupt, dass ich nun schon seit 42 Jahren in einer Wohnung lebe, die sich genau zwischen Paulaner-Kirche und St. Thekla befindet? Darauf bin ich gerade erst gesto\u00dfen, als ich diesen Text verfasst habe.<\/p>\n<p>Unsere Thekla-Kapelle im Plomberger Wald stand auf keiner Lichtung, sondern auf einem von Baumst\u00fcmpfen und einigen grob gezimmerten Holzb\u00e4nken ums\u00e4umten Platz zwischen Tannenst\u00e4mmen, so hoch, dass kaum je ein Sonnenstrahl auf den Boden traf, und niemand den Himmel oben sehen konnte. Etwa in einer Erwachsenen-Kopfh\u00f6he, wir waren viel zu klein, um n\u00e4her daran zu kommen, hingen von den Baumst\u00e4mmen dunkle, verhutzelte Fetzen herunter. Es h\u00e4tten Flechten sein k\u00f6nnen. Hedi und Franzi waren gewiss dabei, weil ich sie immer h\u00fcten musste. Ich wei\u00df nicht, ob sie sich daran erinnern. Das waren an die St\u00e4mme angenagelte Plazentas, als Fruchtbarkeitskult und zur Abschreckung? Ich habe nie danach gefragt. Eindeutiger waren da schon die Totenbretter, die ebenfalls an die Tannen genagelt waren mit eingeritzten Jahreszahlen. Was sollte die erste christliche Jungfrau aus Kleinasien ausgerechnet mit einem Plazenta-Kult zu tun haben? Heute vermute ich, dass dieser Brauch wahrscheinlich \u00e4lter als das Christentum ist, wahrscheinlich ein keltischer Kultplatz, der sp\u00e4ter in die Thekla-Verehrung hineinkulturiert wurde. Die Rundt\u00e4nze der Feen und wilden Weiber auf diesem Platz malte ich mir besonders gern aus.<br \/>\nAber unser selbst geschaffenes Zauberreich lag im Wald zwischen den moos\u00fcberwachsenen Felsmugeln rechts von der Thekla-Kapelle, oberhalb des Weges, im Ger\u00f6ll des Drachenwandfu\u00dfes, wo die Farne gr\u00f6\u00dfer waren als wir.<\/p>\n<p>Die Geschwister werden immer dabei gewesen sein, aber ob sie die gleiche Beziehung zur unsichtbaren Welt hatten, kann ich nicht sagen. Ebensowenig, ob sich die \u00e4ltere Lisl f\u00fcr unsere Zauberwelt interessiert hat. Ich sehe sie in diesen Zwergenwaldbildern nicht, viel deutlicher den Kopf mit den sch\u00f6nen, dicken Z\u00f6pfen \u00fcber ein Buch auf den Knien gebeugt und dabei strickend. Oder stickend. Kreuzerlstiche in grobes Naturleinen hinein, rot und schwarz. Immer mehr Tischdecken und Polster begannen das H\u00fctterl und das Tullner Haus zu beleben. Sie war in dieser Hinsicht genial, sie konnte beides gleichzeitig.<br \/>\nWir bauten den Zwergen, Trollen, Feen, Waldschraten und Geistern, von denen wir den Wald so sicher bewohnt glaubten, wie wir an den lieben Gott glaubten, kleine H\u00e4uschen, ja ganze D\u00f6rfer bauten wir, damit sie nicht immer unter der Erde bleiben m\u00fcssten. Aus Zweigen, \u00c4sten, Steinen, Tannenzapfen, Bockerln, Gras und Moos legten wir die Anlagen zwischen den Felsbl\u00f6cken an, bestreuten die Wege mit wei\u00dfem Kies aus dem Klausbach, pflanzten Bumen, Beeren und B\u00e4ume aus Farnen und Fichtenzweigerln, bauten Bankerl und Vord\u00e4cher, damit auch sie vor Regen gesch\u00fctzt waren. Die Erdgeister erschienen als Feuersalamander, die Feen als Schmetterlinge und die Nymphen als Libellen.<\/p>\n<p>Der Wald war reich an duftenden Zyklamen; dass sie nach unserem Blumenquartett unter Naturschutz standen ebenso wie der Enzian, k\u00fcmmerte uns nicht, der Zweck heiligt die Mittel. Aus Farnen und Tannenreisig bastelten wir Palmen. Die Fenster legten wir sogar mit von St. Nikola mitgebrachtem Katzensilber aus. Meine Bewunderung f\u00fcr Moose und Flechten geht auf diese Zwergerlarchitektur zur\u00fcck. Es gab viele Arten mit verschiedenen Farben und Formen. Wir hinterlie\u00dfen auch milde Gaben: Beeren, N\u00fcsse und Brotbr\u00f6sel. Schlie\u00dflich k\u00f6nnte es ja auch im Wald noch H\u00e4nsel und Gretel, Br\u00fcderchen und Schwesterchen, Schneewittchen, Schneewei\u00dfchen und Rosenrot geben, vielleicht auch Dornr\u00f6schen und Rapunzel. Meine Lieblingsfigur war die Schlangenk\u00f6nigin mit ihrem Kr\u00f6nchen am Kopf, der man, das wusste ich von der Gro\u00dfmutter in St. Nikola, immer ein Sch\u00fcsselchen mit Milch hinstellen musste.<\/p>\n<p>Wenn wir unsere Bauwerke manchmal zerst\u00f6rt vorfanden, wahrscheinlich von Dorfbuben oder achtlosen Spazierg\u00e4ngern, bauten wir die D\u00f6rfer unerm\u00fcdlich wieder auf, noch reicher und prachtvoller, und sagten uns, die Bewohner seien unzufrieden mit ihren H\u00e4usern gewesen. Ich war \u00fcberzeugt, dass sie, wie im M\u00e4rchen die sieben Zwerge, im Erdinneren lebten und zur Arbeit ins Bergwerk gingen, w\u00e4hrend Schneewittchen den Haushalt besorgte. Ich durfte aber nie, um die Existenz von Schneewittchen und den Zwergen zu \u00fcberpr\u00fcfen, um Mitternacht in den Wald. Bis heute eine gro\u00dfe Erkenntnisl\u00fccke. Ich f\u00fchlte mich als Expertin, schlie\u00dflich war meine erste B\u00fchnenrolle bei der Katholischen Jungschar der 7. Zwerg, der zwar keinen einzigen Satz allein sagen, aber immerhin im Chor, mit einem angeklebten Bart aus Werg am Kinn, \u00fcber die B\u00fchne stapfen durfte, wenn wir im G\u00e4nsemarsch, mit roter Zwergerlm\u00fctze und einer Laterne \u00fcber der Schulter in den Stollen marschierten. Das Schneewittchen war Hedwig, die H\u00fcbscheste, so sicher wie ein Naturgesetz.<\/p>\n<p>Die Hitze liegt noch immer auf dem See und br\u00fctet still in den Wiesen, wenn die Sonne langsam hinter der Drachenwand verschwindet und mit den letzten Strahlen die Schafsnase rosa-golden f\u00e4rbt. Zwischen uns und den Bergen macht sich ein Gemisch aus kurz- und kleingehackten Schatten breit. Obwohl der Maler den gro\u00dfen Nachbarsee f\u00fcr seine Sommerfrische bevorzugte, lie\u00df er uns bescheidenen Nachbarn doch gen\u00fcgend klimt\u2018sches Wiesengr\u00fcn mit Safrangelb, silbriges Gr\u00fcn mit den dunklen Flecken des Hochwalds \u00fcbrig. Er hat am Attersee nicht alles weggemalt, er hat dort nur akribisch die Natur als Theorie der Optik untersucht und sich dabei vom zuvielen Wiener Gold erholt. Mit Mohn, Margeriten, Glockenblumen, Wiesenschaumkraut, Zittergras, Arnika, Skabiosen, Thymian, Wermut, Hahnenfu\u00df und Johanniskraut.<br \/>\nEiniges davon sammelten und trockneten wir f\u00fcr Tees. In einer Seitengeschichte gibt es die Erinnerung, dass Mama einmal die ganze Familie fast vergiftet hat. Mit Waldmeistersekt, der in die falsche Richtung aufgegangen war. Auf ein \u201eKomponierh\u00e4usel\u201c wie das des Gustav Mahler, in dem er 1893 in nur wenigen Wochen die 2. Symphonie aufs Papier warf, kann der Mondsee nicht verweisen, auch nicht auf illustre G\u00e4ste aus Salzburg, Staatsoper, Burgtheater und Musikverein.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls habe nichts vermisst. F\u00fcr uns waren die Familien der Hanslbauer und Tischler-Ebner mit ihren vielen Kindern, der Fischer, die Kramerin und die Drachenwandwirtin, die geheimnisvolle Seebesitzerin und der M\u00fcller in der Teufelsm\u00fchle die wahren H\u00fcter meines Kindheitsparadieses. Wenn wir den hei\u00dfen Zehn-Kilo-Brotlaib im Rucksack nach Hause trugen, brannte die Haut nicht nur vor lauter Erwartung und es duftete, wenn wir von der Verk\u00e4uferin in der Mondseer Milchtrinkhalle eine Scheibe Mondseer K\u00e4se geschenkt bekamen und die Eltern jedem eine frische Kaisersemmel und ein Flascherl Erdbeer-Frufru kauften und das auf einem Bankerl der Uferpromenade verzehrten, waren wir reich und gl\u00fccklich.<br \/>\nVor Mamas Heimatstadt Salzburg hatten wir Respekt, sie zeigte uns ihre Sch\u00f6nheiten, die wir anerkannten, die uns aber nicht zum Verweilen einluden. Niemand von uns hat dort studiert oder sich angesiedelt. Ich glaube, dass sich keines von meinen Geschwistern in die Stadt verliebte. Wir fl\u00fcchteten jedes Mal in Entsetzen vor der K\u00fcnstlichkeit der Stadt und den Touristenmassen zur\u00fcck an unseren See.<\/p>\n<p>Aus der sorgsam gefr\u00e4sten Seesichel kriecht langsam die abendliche K\u00fchle hervor.<br \/>\nDas letzte Licht, das vom Westen hinter dem Schober auf das Wasser geworfen wird, ist gelb-gr\u00fcn-rosa. Bei leichtem Wellengang tanzen die letzten Lichtsprenkel auch noch ins T\u00fcrkis-Silbrige. Die Schafsnase zieht sich ins Dunkel zur\u00fcck. Nacht, gute Nacht.<br \/>\nIn so einem Augen-Blick war es wahrscheinlich, dass Mama mit ihrer Zitierfreude an ihrem geliebten M\u00f6rike nicht vorbeikam. Wenn Papa sie seine \u201ewandelnde blaue Blume\u201c nannte, verstanden wir das damals nicht, sp\u00fcrten aber, dass es liebevoll gemeint war.<\/p>\n<p><em>\u201eGelassen stieg die Nacht ans Land\/Lehnt tr\u00e4umend an der Berge Wand;\/Ihr Auge sieht die goldne Waage nun\/Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;\/Und kecker rauschen die Quellen hervor,\/Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr\/Vom Tage\/vom heute gewesenen Tage.\u201c<\/em><br \/>\n(Eduard M\u00f6rike: Um Mitternacht, 1828)<\/p>\n<p>Erst viel sp\u00e4ter stie\u00df ich auf eine weniger romantische, aber umfassendere Definition von Magie, bei Franz Kafka in einem Brief vom 14. Juli 1923 an Robert Klopstock aus dem Ostseeort M\u00fcritz:<em> \u201cIch glaube an die Macht der Orte oder richtiger an die Ohnmacht des Menschen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16093<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Vater meiner Mutter habe ich nie kennengelernt und wei\u00df auch bis heute nur wenig \u00fcber ihn. Er ist acht Jahre vor meiner Geburt gestorben. Die Tochter, auf die Namen Sieglinde Mathilde Hermine getauft, hat nie viel von ihrer Familie preisgegeben. 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