{"id":4773,"date":"2016-07-12T15:39:03","date_gmt":"2016-07-12T15:39:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4773"},"modified":"2016-08-30T09:58:31","modified_gmt":"2016-08-30T09:58:31","slug":"von-steinen-und-braeuten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4773","title":{"rendered":"Von Steinen und Br\u00e4uten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4773&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4773&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Seit dem Tag seiner Geburt war Alois M\u00f6stl seinem Nachbarn Franz Mierz in Feindschaft verbunden. Diese hatte famili\u00e4re Gr\u00fcnde, denn die V\u00e4ter von Alois und Franz hassten einander mit einer Inbrunst, wie es sie im kleinen Dorf Gratwein, welches im Steirischen liegt, nie zuvor gegeben hatte und wie sie dort wohl auch nie wieder ihre Flammen lodern lassen wird.<\/p>\n<p>Die Verwerfungen zwischen den Gro\u00dfbauernfamilien M\u00f6stl und Mierz haben ihren Ursprung in der Versetzung der Steine, die die Grenzen der weitl\u00e4ufigen Latifundien beider Sippschaften h\u00e4tten markieren sollen, jedoch immer weiter in den Grund der M\u00f6stls wanderten. Dies taten die Grenzsteine vorzugsweise bei Nacht und von den M\u00f6stls unbemerkt, denn Wilfried M\u00f6stl, der Gro\u00dfvater von Alois, der f\u00fcr die Wahrung des Besitzstandes der Seinen verantwortlich war, verbrachte die Abende und ersten Nachth\u00e4lften aus Prinzip im Gasthaus Zur Zunft, wo er sich mit gro\u00dfen Mengen Wein und Schwarzgebranntem von den Strapazen seiner Tage erholte.<\/p>\n<p>Kam er durch Zufall dahinter, dass sein Grundst\u00fcck kleiner und das seines Nachbarn wieder einmal gr\u00f6\u00dfer geworden war, ohne dass er Geld daf\u00fcr erhalten hatte, stattete er Josef Mierz, seinem direkten Widersacher, einen Besuch ab und teilte diesem in unfl\u00e4tigen Worten mit, dass es so aber nicht gehen konnte, und verga\u00df auch nicht zu erw\u00e4hnen, dass ein paar seiner Maulschellen zwar rasch verabreicht w\u00e4ren, aber lange Zeit brennen w\u00fcrden.<br \/>\nWilfrieds Sohn Heinrich brannten in der Tat oft die Wangen, was ihn dazu brachte, seinen Unmut \u00fcber die rustikale Wesensart seines Vaters in eine bestimmte Bahn zu lenken, n\u00e4mlich Gustav Mierz, den Vater von Franz, aus ganzem Herzen zu hassen, denn diesen machte er f\u00fcr das Ungl\u00fcck im Umgang seines Vaters mit ihm verantwortlich.<\/p>\n<p>Als Heinrich und Gustav das Erwachsenenalter erreichten, ging es nicht mehr um das Versetzen von Grenzsteinen, denn dieses Thema war durch den allgemeinen technischen Fortschritt obsolet geworden. Das steirische Amt f\u00fcr Vermessung hatte n\u00e4mlich nicht blo\u00df elektrisches Licht in seinen R\u00e4umen erhalten, sondern auch einige Apparate, mit welchen die Au\u00dfendienstmitarbeiter des Amtes, allerdings nur von den Strahlen der Sonne illuminiert, auf den Dezimeter genau ermitteln konnten, wie viel Grund und Boden jedem Gratweiner Bauern tats\u00e4chlich geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Der Streit zwischen den beiden M\u00e4nnern fu\u00dfte auf den Folgen des in der Steiermark \u00fcblichen Brautraubes w\u00e4hrend einer Hochzeitsfeier, welcher einen prinzipiell humoristischen Charakter haben sollte und auch hat, nur eben nicht im Fall M\u00f6stl gegen Mierz.<br \/>\nDa der Gro\u00dfbauer Mierz n\u00e4mlich der Ansicht war, dass die Braut seines Nachbarn und Standesgenossen M\u00f6stl genau der Stein war, der ihm zum ordnungsgem\u00e4\u00dfen Leben auf seinem Hof fehlte, gab er sie weder zur\u00fcck noch frei, nachdem er sie geraubt hatte, und ehelichte sie drei Wochen nach ihrer Scheidung von Heinrich M\u00f6stl, welche vier Wochen nach der Eheschlie\u00dfung vollzogen wurde.<\/p>\n<p>Mit dieser Handlung war die Feindschaft zementiert, da half es auch nichts, dass Heinrich doch noch eine Frau fand, n\u00e4mlich Helga Schinagl. Diese war in Gratwein allseits bekannt, doch wurde sie blo\u00df von den m\u00e4nnlichen Dorfbewohnern gesch\u00e4tzt. Die Ehefrauen der M\u00e4nner hatte ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis zu ihr, und das aus einem einfachen Grund. Waren sie einerseits froh \u00fcber die Tatsache, dass Helga ihnen die M\u00fchen des ehelichen Vollzugs gerne abnahm, so hatten sie gar keine Freude damit, dass ihre Gatten sich penetrant nach Helgas Mandel\u00f6lduschbad duftend neben sie legten und beim Einschlafen von Gratweins bester Matratze murmelten, ohne n\u00e4her darauf einzugehen, ob sie diejenige meinten, auf der sie gerade lagen.<\/p>\n<p>Alois M\u00f6stl und Franz Mierz wiederum lagen sich aus einem g\u00e4nzlich anderen Grund in den Haaren. Als Gratweiner Bauern waren sie gro\u00dfe J\u00e4ger, und wie auf ihren H\u00f6fen waren sie auch in ihren Jagdrevieren Nachbarn.<br \/>\nAlois fiel auf, dass der Bestand an sch\u00f6nen Rehb\u00f6cken und kapitalen Keilern stetig abnahm, und insgeheim wusste er, wer daf\u00fcr verantwortlich sein musste, doch fehlten ihm die Beweise, um Franz Mierz zur Rede stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eines Tages sa\u00df er auf seinem Hochsitz und legte auf einen sch\u00f6nen Rehbock an, als dieser, von einem Blattschuss t\u00f6dlich getroffen, zusammenbrach. Da das Projektil nicht aus seiner B\u00fcchse ausgetreten war, wusste er sofort, wer das St\u00fcck zur Strecke gebracht hatte. Alois lief zum Bock und wartete auf das Eintreffen von Franz Mierz.<br \/>\nAls der kam, wurde er von Alois \u00e4u\u00dferst ungehalten darauf aufmerksam gemacht, dass er gewildert hatte, denn er hatte ja keinen Jagdschein mehr.<br \/>\nMierz kl\u00e4rte M\u00f6stl \u00fcber die Tatsache auf, dass er zwar im Gef\u00e4ngnis in Graz gesessen hatte, doch da er seinen Vater lediglich erschlagen hatte, wof\u00fcr nicht einmal nach dem steirischen Jagdrecht ein Jagdschein vonn\u00f6ten <span style=\"color: #333333;\">war<\/span>, hatte er seinen Schein beim Verlassen des Zuchthauses von dessen Direktor zur\u00fcckbekommen.<br \/>\nDass der Rehbock nicht in seinem Revier gefallen war, sondern knapp \u00fcber dessen Grenze, konzedierte Franz Mierz zwar, doch sein wissender Blick auf den streng gesch\u00fctzten Habicht, den Alois M\u00f6stl auf der untersten Sprosse der auf den Hochsitz f\u00fchrenden Leiter abgelegt hatte, entsch\u00e4rfte die Situation.<br \/>\nSie einigten sich dahingehend, dass Alois den Bock und Franz den Vogel bekam und \u00fcber die Sache Stillschweigen bewahrt werden sollte.<\/p>\n<p>Zwei Wochen nach diesem Vorfall fand eine revier\u00fcbergreifende Treibjagd statt. Im Zuge dieses Ereignisses, und nachdem er mit Franz Mierz mit einem doppelten Schwarzgebrannten angesto\u00dfen hatte, wie es in Gratwein Brauch ist, sah Alois M\u00f6stl seine Chance gekommen, den jahrzehntelangen Streit seiner Familie mit den Mierz\u2018schen endlich zu begraben.<\/p>\n<p>Nachdem er, als guter Weidmann, Franz Mierz einen Tannenzweig als letzte \u00c4sung in den Mund geschoben hatte und bevor er sich entfernte, denn er wollte seinen Nachbarn nicht als seinen Abschuss deklarieren, sagte er: \u201eEigentlich habe ich dich gar nicht gekannt.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16087<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Tag seiner Geburt war Alois M\u00f6stl seinem Nachbarn Franz Mierz in Feindschaft verbunden. 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