{"id":4769,"date":"2016-07-12T15:29:11","date_gmt":"2016-07-12T15:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4769"},"modified":"2016-07-17T17:52:06","modified_gmt":"2016-07-17T17:52:06","slug":"der-jagderfolg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4769","title":{"rendered":"Der Jagderfolg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4769&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4769&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich sa\u00df vor dem H\u00e4uschen meiner Eltern und las eine Kurzgeschichte, die in einer Literaturzeitschrift erschienen war. Ich war so vertieft in die Erz\u00e4hlung, dass ich auf den Mann, der an unserem Gartentor lehnte, erst aufmerksam wurde, als er mir h\u00f6hnisch zurief: \u201eIst ja klar: Der Schreiberling sitzt in der Sonne und l\u00e4sst den Herrgott einen guten Mann sein!\u201d<br \/>\nIch blickte zum Tor und sah, dass ich von Alois P\u00f6llhammer in meiner Lekt\u00fcre gest\u00f6rt worden war. Ich legte das Magazin behutsam auf den Boden, dann sprang ich auf und und st\u00fcrmte auf P\u00f6llhammer zu.<br \/>\n\u201eWas passt dir denn schon wieder nicht, Alois?\u201d, rief ich. Hei\u00df f\u00fchlte ich die Zornesr\u00f6te auf meinem Antlitz.<br \/>\n\u201eMir passt alles, Michael\u201d, sagte er mit ruhiger Stimme. \u201eIch habe mir gedacht, dass ich mal durch Gratwein radeln sollte, damit alle Eingeborenen mein neues Mountainbike bewundern k\u00f6nnen.\u201d<\/p>\n<p>Die Arroganz, die in seinen Worten lag, trieb mich zur Wei\u00dfglut, doch unwillk\u00fcrlich warf ich einen Blick auf den Drahtesel. Ich bin wahrlich kein Experte, was gel\u00e4ndetaugliche R\u00e4der betrifft, doch erkenne ich ein teures Rad, und das von P\u00f6llhammer war definitiv das teuerste, das ich je gesehen hatte.<br \/>\n\u201eNa, Timoschek, was sagst du dazu?\u201d, fragte er und sah mich herausfordernd an.<br \/>\nIch sagte nichts.<br \/>\nEr begann zu sticheln.<br \/>\n\u201eMein Bike ist wohl besser als dein klappriges Puch Spezial, das du von deinem Vater \u00fcbernommen hast, oder? Na ja, als erfolgloser Autor kann man sich eben nicht viel leisten.\u201d<br \/>\nDamit hatte er recht, doch das st\u00f6rte mich nicht. Was mich jedoch st\u00f6rte, war der Knutschfleck, den er auf dem Hals hatte. Dieses Mal stammte n\u00e4mlich von Sonja Schwaighofer, die P\u00f6llhammer mir zwei Wochen zuvor ausgespannt hatte.<br \/>\n\u201eNa, dann fahre ich wieder heim in mein sch\u00f6nes Haus zu meiner Sonja\u201d, sagte er s\u00fcffisant und fuhr davon.<br \/>\nErst wollte ich beschlie\u00dfen, mich nicht aufzuregen, doch dann beschloss ich, es P\u00f6llhammer heimzuzahlen, so erregt war ich.<\/p>\n<p>Der Zufall wollte es, dass sechs Tage nach diesem Vorfall das j\u00e4hrliche Fest der Freiwilligen Feuerwehr in der Gratweiner Mehrzweckhalle stattfand.<br \/>\nViele Menschen waren gekommen, auch P\u00f6llhammer, und an seiner Seite Sonja Schwaighofer. Sie sah mich, kam auf mich zu und k\u00fcsste mich zur Begr\u00fc\u00dfung auf die Wange. Er streckte mir seine Hand herablassend entgegen, und ich sch\u00fcttelte sie mit meiner.<br \/>\nIch stellte mich an die Bar und trank ein paar Biere mit meinen Freunden, und es h\u00e4tte ein angenehmer Abend werden k\u00f6nnen, w\u00e4re P\u00f6llhammer nicht auf die Idee gekommen, mich vor allen Anwesenden dem\u00fctigen zu wollen.<\/p>\n<p>\u201eDa steht er, der Timoschek, unser Schreiberling!\u201d, gr\u00f6lte er, trunken vom Obstler.<br \/>\nIch war nicht mehr n\u00fcchtern, und da Steirerblut nun einmal kein Himbeersaft ist, geriet ich in Harnisch.<br \/>\n\u201eUnd da wankt er, unser P\u00f6llhammer!\u201d, gab ich nicht eben leise zur\u00fcck. \u201eEr befindet sich in dem Zustand, in dem wir alle ihn nur zu gut kennen.\u201d<br \/>\n\u201eWas willst du damit sagen?\u201d, zischte er.<\/p>\n<p>Die Marktmusikkapelle hatte aufgeh\u00f6rt zu spielen, und so kamen immer mehr Menschen von der Tanzfl\u00e4che an die Bar und wurden Zeugen unserer Konversation.<br \/>\n\u201eDass du ein Trinker bist, das will ich sagen!\u201d<br \/>\n\u201eBesser ein S\u00e4ufer als ein armer Schlucker, der sich das Saufen nur zweimal im Monat leisten kann!\u201d, rief er.<br \/>\nIch err\u00f6tete, ging aber dennoch auf seine Worte ein.<br \/>\n\u201eJa, ich bin arm. Aber du, P\u00f6llhammer, bist auch nur durch den fr\u00fchen Tod deines Vaters zu Geld gekommen\u201d, gab ich zu bedenken.<\/p>\n<p>Schlagartig war es still in der Halle, blo\u00df das Ger\u00e4usch der Bierzapfanlage war zu h\u00f6ren.<br \/>\nSonja Schwaighofer hatte sich zu ihren Eltern gesellt und beobachtete Alois und mich aus angemessener Distanz.<br \/>\n\u201eDas ist richtig, Timoschek, ich habe viel Geld geerbt &#8211; und weiter?\u201d<br \/>\n\u201eDu f\u00fchrst ein Leben in Saus und Braus, tr\u00e4gst die teuersten Anz\u00fcge, f\u00e4hrst die schnellsten Autos &#8211; doch am Anfang deines Reichtums steht ein Mord!\u201d, rief ich.<\/p>\n<p>Die Zapfanlage verstummte.<br \/>\n\u201eWas sagst du da, du Gauner?\u201d, rief er.<br \/>\n\u201eDie Wahrheit, du Halunke!\u201d, br\u00fcllte ich. \u201eWie war das denn mit dem Tod deines Alten?\u201d, fuhr ich fort. \u201eIhr wart doch an diesem Tag, als er seinen Jagdunfall gehabt hat, zu zweit in eurem Revier!\u201d<br \/>\n\u201eWoher willst du das wissen, Timoschek?\u201d<br \/>\n\u201eIch habe euch beobachtet.\u201d<br \/>\n\u201eWas?\u201d, schrie er.<br \/>\n\u201eIch war Schwammerl suchen und habe geh\u00f6rt und gesehen, wie du mit deinem Vater wegen Geld gestritten hast. Und dann ist er gestorben.\u201d<br \/>\n\u201eIch habe oft mit meinem Alten gestritten, das stimmt schon, aber nie wegen Geld!\u201d<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich wegen Geld, P\u00f6llhammer!\u201d, br\u00fcllte ich. \u201eEin paar Tage, bevor du deinen Alten um die Ecke gebracht hast, hat er deine Saufschulden in s\u00e4mtlichen Wirtsh\u00e4usern bezahlt und den Wirtsleuten aufgetragen, dich nie wieder anschreiben zu lassen. Er hat auch zu jedem einzelnen Wirt gesagt, dass er dir kein Geld mehr geben wird, weil du immer alles, was er dir gibt, gleich vers\u00e4ufst oder nach Graz zu den Huren tr\u00e4gst!\u201d<br \/>\n\u201eDas ist eine L\u00fcge, Timoschek!\u201d<br \/>\n\u201eNein, das stimmt schon! Viele hier in der Mehrzweckhalle k\u00f6nnten das bezeugen, denn sie sitzen st\u00e4ndig im Gasthaus! Jedenfalls, nachdem du deinen Vater in eurem Jagdrevier erlegt hast, hast du sein S\u00e4gewerk schnell zu Geld gemacht und lebst nun in Saus und Braus.\u201d<br \/>\n\u201eDas war ein Unfall!\u201d, schrie er.<br \/>\n\u201eDass sich zwei Sch\u00fcsse aus deiner Flinte gel\u00f6st haben? Nein, mein B\u00f6ser, das war bei Gott kein Unfall! Ich habe es ja gesehen: Dein Vater hat dir gesagt, dass er am n\u00e4chsten Tag sein Testament \u00e4ndern w\u00fcrde, und da musstest du eben handeln!\u201d, rief ich.<\/p>\n<p>Dann f\u00fchlte ich, dass es an der Zeit war, die doch etwas bedr\u00fcckte Stimmung in der Halle aufzulockern, also stellte ich Alois eine Frage, um ihn daraufhin abzuklopfen, ob er ein guter J\u00e4ger war.<br \/>\n\u201eSag, P\u00f6llhammer, hast du deinem Alten wenigstens die letzte \u00c4sung zuteilwerden lassen? Hast du ihm einen Zweig in den Mund gesteckt? Ich bin n\u00e4mlich davongelaufen, nachdem du ihn erlegt hast.\u201d<br \/>\n\u201eIch habe ihn nicht erlegt, du Falott! Zwei Sch\u00fcsse haben sich aus meiner Flinte gel\u00f6st, und er wurde das Opfer eines Ungl\u00fccks!\u201d<br \/>\n\u201eZwei Sch\u00fcsse aus einer einl\u00e4ufigen Flinte\u201d, stellte ich fest und blickte die Umstehenden an.<br \/>\n\u201eEin technisches Versagen, sonst nichts!\u201d, zischte P\u00f6llhammer.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich handelt es sich um ein solches. Vor allem, wenn man eine Kipplaufflinte in der Hand h\u00e4lt!\u201d<\/p>\n<p>Ich musste unwillk\u00fcrlich lachen.<br \/>\n\u201eDie Polizei hat auch festgestellt, dass es ein Unfall war\u201d, sagte er und sah mich triumphierend an.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich hat sie das, Alois. War der damalige Postenkommandant nicht der Bruder des Vorarbeiters im S\u00e4gewerk deines Alten? Und konnten sich die beiden Herren nach diesem Ungl\u00fcck nicht ihre H\u00e4user bauen, das eine mit einem Schwimmteich, und das andere sogar mit einer riesigen Voliere f\u00fcr Graupapageien?\u201d<br \/>\n\u201eWarum hast du mich nicht angezeigt, Timoschek?\u201d<br \/>\n\u201eDas h\u00e4tte doch nichts gebracht, P\u00f6llhammer. Es gibt in jedem Dorf die Gleichen, und es gibt die Gleicheren. Au\u00dferdem ist es um deinen Alten nicht schade.\u201d<br \/>\nAlois P\u00f6llhammer kam auf mich zu, verabreichte mir eine Ohrfeige, dann drehte er sich um, rief: \u201eEin Schreiberling eben &#8211; so einer erfindet gerne Geschichten!\u201d und st\u00fcrmte aus der Halle.<\/p>\n<p>Ich rieb meine Backe und sagte zu den Festbesuchern: \u201eEs tut mir leid. Ich wollte euch den Abend nicht verderben, aber das musste gesagt werden.\u201d<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister kam zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte: \u201eEs ist, wie es ist.\u201d<\/p>\n<p>Dann kam Sonja Schwaighofer, k\u00fcsste mich auf die nicht schmerzende Wange und fl\u00fcsterte: \u201eP\u00f6llhammer wird bald kein Geld mehr haben, wenn er es weiterhin mit beiden H\u00e4nden rauswirft. Dass er seinen Vater umgebracht hat, habe ich gar nicht gewusst, ehrlich. Na ja, ich wollte ihn morgen ohnehin verlassen und zu dir zur\u00fcckkommen.\u201d<br \/>\nIch l\u00e4chelte wissend und nahm sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16088<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sa\u00df vor dem H\u00e4uschen meiner Eltern und las eine Kurzgeschichte, die in einer Literaturzeitschrift erschienen war. 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