{"id":4737,"date":"2016-07-09T10:47:17","date_gmt":"2016-07-09T10:47:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4737"},"modified":"2016-07-13T05:59:53","modified_gmt":"2016-07-13T05:59:53","slug":"wahrheit-auf-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4737","title":{"rendered":"Wahrheit auf Zeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4737&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4737&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Und schon im ersten Halbsatz gelogen, mein teurer Tschuschnigg, wenn du mir versicherst, dass es nicht in deinem Interesse ist, denn wenn du mir das mit aller Hartn\u00e4ckigkeit versichern musst, liegt es ganz und gar in deinem Interesse, an meinen Geldbeutel willst du mir gehen, eine Unterschrift willst du mir abschwatzen, nichts anderes als ein falscher Bibelverk\u00e4ufer bist du also, eine Bibel mit leeren Seiten versuchst du in mir an den Mann zu bringen, auch wenn ich der Bibel nicht allzu viel abgewinnen kann, das humorloseste Buch, das seit Menschengedenken geschrieben worden ist.<\/p>\n<p>\u201eNein, ich habe keine Zigarette mehr f\u00fcr dich \u00fcbrig.\u201c<\/p>\n<p>Nein, Tschuschnigg, du fauler Hund, du kannst ruhig kurz hinaus zu deinem Auto gehen, um dir deine Zigaretten aus dem Handschuhfach zu holen, wo du sie vergessen haben willst, auch wenn ich mir sicher bin, dass du gar keine Zigaretten im Auto liegen hast, und mehr noch, langsam kommen mir die Zweifel, ob du \u00fcberhaupt ein Auto besitzt.<\/p>\n<p>Und warum mir gerade jetzt diese Episode einer nervens\u00e4genden Kaffeehausbekanntschaft in den Sinn kommt, wei\u00df ich nicht zu sagen, wo ich doch einer L\u00fcgnerin viel gr\u00f6\u00dferen Formats gegen\u00fcbersitze, hier und jetzt in Ragusa auf seinen beiden widerspr\u00fcchlichen H\u00fcgeln, in dieser Bar getaucht in Jazz, mit einer Theke so lange wie die Einsamkeit, und mir gegen\u00fcber diese sizilianische Kellnerin, deren Antlitz der liebe Gott pers\u00f6nlich geschnitzt haben muss. Und mit jedem Glas des vollmundigen Weins, das ich nachfordere, wage ich ihr eine Frage zu stellen, und jedes Mal, wenn sie mir nachschenkt, erwidert sie mir mit der immer gleichen rabenhaften Antwort: <em>magari domani<\/em>, morgen vielleicht. Morgen, so Gott will, inschallah, und dass Gott morgen sicher nicht will, soweit habe ich sie mittlerweile schon verstanden, und deshalb werden sie mir immer kleiner, die Fragen, bis hin zu meiner letzten:<\/p>\n<p>\u201eVerr\u00e4tst du mir wenigstens, wie du hei\u00dft?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMorgen vielleicht.\u201c<\/p>\n<p>Wohltuend jedes Schaudern, wenn du mich anl\u00fcgst, Magaridomani, immer gr\u00f6\u00dfer wird das Vergn\u00fcgen und du mit jeder L\u00fcge sch\u00f6ner, vor lauter Unwirklichkeit deiner Sch\u00f6nheit beginnst du bereits zu flimmern, wie eine Gestalt in einem expressionistischen Stummfilm aus den Zwanzigerjahren.<\/p>\n<p>Vorbei der Spuk von fernen Inseln, vorbei der Spuk einer Erinnerung an eine Begebenheit, die so wahrscheinlich nie stattgefunden hat, nur das Weinglas in meiner Hand scheint mir das gleiche zu sein, ein Glas Wein, von dem ich wei\u00df, dass es besser mein letztes f\u00fcr diesen Abend sein sollte. An einer Br\u00fcstung finde ich mich lehnen, und unter mir erstreckt sich der Innenhof des Wiener Museumsquartiers, bunt das Treiben zu meinen F\u00fc\u00dfen, P\u00e4rchen, die Arm in Arm in der Blase ihrer Verliebtheit flanieren, Kinder, die sich in die satte Ersch\u00f6pfung der Nacht tollen, Studenten, die vertieft in Bier, Zigaretten und endlose Diskussionen sich auf den B\u00e4nken r\u00e4keln, eine Erscheinung wie aus einem Sommernachtstraum.<\/p>\n<p>\u00dcberrascht bin ich von dir, mein Wien, vielleicht sind doch mehr Jahre vergangen als gedacht, seit ich dir den R\u00fccken gekehrt habe, aber so kenne ich dich gar nicht, eine ungekannte Stimmung strahlst du aus, ein Gef\u00fchl, das ich immer schmerzlich an dir vermisst habe, denn g\u00fctig scheinst du auf sie herabzublicken, auf die Kinder, die so unbedarft in deinem Scho\u00df spielen. Ganz anders habe ich dich in Erinnerung, die zur\u00fcckreicht an das Ende des letzten, l\u00e4ngst vergessenen Jahrhunderts, als du dich noch in Schwarz auf Grau wie aus dem \u201eDritten Mann\u201c geschnitten gezeigt hast, als du mir das schauerliche Gef\u00fchl \u00fcber den R\u00fccken gejagt hast, dass sich in deinen Mauern das Leben anschickt, sich diejenigen zu holen, f\u00fcr die bislang nicht einmal der Tod Interesse gezeigt hat.<\/p>\n<p>Und wenn ich dich jetzt so betrachte, mein Wien, in deinem Bem\u00fchen, dich aus deinem hundertj\u00e4hrigen Dornr\u00f6schenschlaf zu sch\u00e4len, bin ich versucht, mich dir doch noch einmal anzuvertrauen, ein paar Wochen, vielleicht sogar ein paar Monate in dir zu verweilen, aber versprochen, mit Argusaugen werde ich dich dann in jedem Winkel und in jeder Bewegung beobachten, argw\u00f6hnisch und misstrauisch, ob du mir nicht doch nur ein potemkinsches Dorf vorgaukelst \u2013 und keine Sorge, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werde ich dir auf die Schliche kommen, denn das habe ich auf meinen langen Reisen gelernt, eine L\u00fcge ist nicht mehr als eine Wahrheit auf Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 16085<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und schon im ersten Halbsatz gelogen, mein teurer Tschuschnigg, wenn du mir versicherst, dass es nicht in deinem Interesse ist, denn wenn du mir das mit aller Hartn\u00e4ckigkeit versichern musst, liegt es ganz und gar in deinem Interesse, an meinen Geldbeutel willst du mir gehen, eine Unterschrift willst du mir abschwatzen, nichts anderes als ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[83],"class_list":["post-4737","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-spazierensehen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4737"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4739,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4737\/revisions\/4739"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}