{"id":4729,"date":"2016-07-09T10:27:01","date_gmt":"2016-07-09T10:27:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4729"},"modified":"2016-08-25T05:33:34","modified_gmt":"2016-08-25T05:33:34","slug":"hotel-polissja","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4729","title":{"rendered":"Hotel Polissja"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4729&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4729&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eVielleicht inzwischen doch ein bisschen veraltet, dein Reisef\u00fchrer.\u201c<br \/>\n\u201eNun ja, die Preise werden wohl nicht mehr stimmen, aber ansonsten, was soll sich schon gro\u00df ge\u00e4ndert haben?\u201c<\/p>\n<p>Und unbek\u00fcmmert bl\u00e4tterte mein Vater weiter in dem abgegriffenen B\u00fcchlein mit den kyrillischen Buchstaben und den grobk\u00f6rnigen Fotos in Schwarzwei\u00df, das ihm irgendwann in den achtziger Jahren auf einem Flohmarkt in die H\u00e4nde gefallen sein musste.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df gar nicht, was du gegen Osteuropa hast. W\u00e4re doch einmal etwas Neues, f\u00fcr den Sommerurlaub der Familie.\u201c<\/p>\n<p>Wieder so ein unvermittelter Zeitsprung, und eine unvorhersehbare Stimmungsschwankung von ihm, hatte er nicht eine halbe Minute zuvor noch von seinen Kindheitserinnerungen aus dem Krieg gesprochen? Von Hitlerjugend und seiner Zeit als Flakhelfer, als die Bomben schneller auf sie herabgeregnet waren, als sie zur\u00fcckschie\u00dfen konnten?<br \/>\n\u201eIch jedenfalls kann es nicht mehr sehen, dieses Frankreich und Italien, irgendwann schaut jede Ecke dort gleich aus.\u201c<br \/>\n\u201eAber du wei\u00dft doch, dass die Mama die weite Fahrerei nicht ausstehen kann.\u201c<\/p>\n<p>Schon lange hatte ich die Versuche aufgegeben, ihn in eine Wirklichkeit zur\u00fcckzuholen, die sich f\u00fcr ihn auf ein Einzelzimmer in einem schmucklosen Pflegeheim im Vorstadtg\u00fcrtel Wiens reduziert hatte. Inzwischen spielte ich mit, bei seinen sprunghaften Zeitreisen, die uns f\u00fcr diesen Augenblick in selige Urlaubserinnerungen der Familie vor drei\u00dfig, fast vierzig Jahren f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Aber unverzeihlich mein Fehler, meine Mutter erw\u00e4hnt zu haben, ich sah es ihm an, wie es in seinem Hirn raste, hatte er doch schon genug Schwierigkeiten damit, mich als den richtigen unter seinen drei S\u00f6hnen zu erkennen, verfangen im Dreieck ihm mittlerweile nichtssagender Namen. Und nun die Erkenntnis, dass f\u00fcr Kinder auch eine Frau vonn\u00f6ten gewesen sein sollte, f\u00fcr die er in seinem jetzigen Bewusstseinszustand keinen Anker fand, keinen Namen und schon gar kein Gesicht. Trotz f\u00fcnfzig Jahren Ehe, dachte ich anstelle seiner hinterher, aber er hatte schon l\u00e4ngst zu seinem altbekannten Spiel der Ablenkung gegriffen.<br \/>\n\u201eDa, schau her, was f\u00fcr eine schmucke Stadt. Sogar einen Rummelplatz mit Riesenrad haben sie. Das w\u00e4r doch auch was f\u00fcr die Kinder.\u201c<\/p>\n<p>In schizophrene Welten f\u00fchlte ich mich entf\u00fchrt, dass er mich als mittlerweile erwachsenes Kind um Rat fragte, ob ich mich als vierzig Jahre j\u00fcngeres Kind dort wohl gef\u00fchlt h\u00e4tte, wohlf\u00fchlen w\u00fcrde oder werde.<br \/>\n\u201eUnd die Unterkunft sieht auch nicht \u00fcbel aus: Hotel Polissja\u201c, las er mir m\u00fchelos vor, zu meinem Erstaunen, dass er, obwohl er so viel vergessen hatte, besonders die gesamte Gegenwart, sich nach wie vor des Russischen entsinnen konnte, aufgeschnappt in den Jahren der Besatzungszeit und seither nie wieder benutzt.<\/p>\n<p>Mit einem Seufzer lie\u00df ich mir den Reisef\u00fchrer reichen, um die von ihm so gepriesenen Bilder zu begutachten, und f\u00fcr eine Weile versank ich tats\u00e4chlich in die Welt eines vergangenen Jahrhunderts, in die Farben und Formen meiner Kindheit, die es in dieser Art nicht mehr gab. Ein D\u00e9j\u00e0-vu bereitete mir diese Zeitreise, mir war, als h\u00e4tte ich diese Bilder schon einmal gesehen, nur anders, als w\u00e4re ich schon einmal dort gewesen, in dieser Stadt, so schmuck in ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft.<\/p>\n<p>Und dann traf mich der Schlag der Erkenntnis, nur zu gut kannte ich sie, wie oft hatte ich diese Stadt im Fernsehen gesehen, immer wieder \u00fcber die letzten Jahrzehnten hinweg Schauplatz von Dokumentationen, aufgrund ihrer Einzigartigkeit. Drei\u00dfig Jahre her, seit das letzte Kinderlachen in ihr verhallt war, nur eine in der Hast zur\u00fcckgelassene, im Staub versunkene Puppe gab noch Zeugnis anderer Zeiten ab, das eindrucksvollste Bild, das mir im Ged\u00e4chtnis haften geblieben war, diese Puppe, die vergilbt auf einem der Balkone der Plattenbauten liegen geblieben war und verloren auf die Szenerie unter sich blickte. Auf das reglos, rostige Treiben des Rummelplatzes, die im Boden festgefressenen Scooter des Autodroms und die traurig im Wind schaukelnden Gondeln des Riesenrads, und aus jedem Schlitz und jeder Ritze sprie\u00dfte entfesselt die verstrahlte Flora. Und dann wusste ich alledem auch einen Namen zu geben:<\/p>\n<p>Prypjat, nahe Tschernobyl, so hie\u00df diese Stadt, deren unverwechselbare Totenmaske in die Zeit gestanzt war.<br \/>\nFassungslos reichte ich meinem Vater den alten Reisef\u00fchrer f\u00fcr die sowjetische Ukraine zur\u00fcck, dieses Mal fehlten mir tats\u00e4chlich die Worte f\u00fcr die Weltentr\u00fccktheit meines Vaters, der den Urlaub mit seiner Familie neben einem Atomreaktorunfall verbringen wollte. Und die Verst\u00f6rtheit in meinen Augen schien auch ihn in Verwirrung gest\u00fcrzt zu haben, wild fuhr sein Blick umher, dann packte er mich an den Handgelenken, schmerzhaft fest der knochig klammerhafte Griff, dann schrie er wirr auf mich ein, sodass mir seine Spucke im Gesicht kleben blieb:<br \/>\n\u201eIch bin kein Trottel, mein Sohn! Ich wei\u00df ganz genau, wie es dort ausschaut, in Prypjat, wahrscheinlich sogar besser als jeder dieser Strahlungstouristen, die je dort gewesen sind, denn mein Gehirn, das ist Prypjat! Nein, noch schlimmer, Tschernobyl, das ist mein Gehirn, zuerst explodiert und dann in einem Sarkophag gefangen \u2013 und Zelle f\u00fcr Zelle verstrahlt, ja, Tschernobyl, das ist der Ort, wo die \u00c4rzte einen K\u00f6rper mit einem toten Geist am Leben erhalten, einzig aus dem Grund heraus, dass sie wissen, wie das geht.\u201c<\/p>\n<p>Und sein wild verzweifelter Blick dr\u00fcckte aus, wie er sich in diesem Augenblick empfand, gefangen in den letzten Zuckungen des Lebens und von au\u00dfen schon begierig vom Tod betrachtet. Dann allm\u00e4hlich begannen sich seine Augen im Schattenglanz zu verlieren, er war bereits wieder im Begriff, in eine andere, fernere Wirklichkeit abzugleiten, die H\u00e4nde l\u00f6ste er von mir, und mit einem R\u00e4uspern nahm er eine formelle Haltung ein.<br \/>\n\u201eSie wollen wissen, wo Sie mich antreffen k\u00f6nnen, mein Herr? Hotel Polissja, Prypjat. Kennen Sie nicht? Ganz einfach, geradewegs nach Tschernobyl, immer den Pfeilen nach. Und nicht vergessen, bei Reaktor Nummer vier rechts abbiegen, dann kann nichts mehr schiefgehen!\u201c<\/p>\n<p>Nach einer Visitenkarte kramte er eine Zeitlang gedankenverloren, in der Brusttasche seines Pyjamas, dann hatte mein Vater mich endg\u00fcltig aus seiner Wahrnehmung verbannt. An das Fenster war er getreten, das ihm den Anblick auf die das Panorama beherrschende M\u00fcllverbrennungsanlage Spittelau bot, im Hintergrund die Ausl\u00e4ufer des Wienerwalds. Sinnlos, mich von ihm verabschieden zu wollen, leisen Schrittes schlich ich mich davon, als ich ihn in meinem R\u00fccken fl\u00fcstern h\u00f6rte:<br \/>\n\u201eIst doch immer wieder eine Offenbarung, Lissabon um diese Jahreszeit \u2013 selbst wenn man das Meer von hier aus nicht sehen kann.\u201c<br \/>\nUnd mit einem letzten Blick zur\u00fcck sah ich, dass ihm Tr\u00e4nen der Gl\u00fcckseligkeit in die Augenwinkel getreten waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16083<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVielleicht inzwischen doch ein bisschen veraltet, dein Reisef\u00fchrer.\u201c \u201eNun ja, die Preise werden wohl nicht mehr stimmen, aber ansonsten, was soll sich schon gro\u00df ge\u00e4ndert haben?\u201c Und unbek\u00fcmmert bl\u00e4tterte mein Vater weiter in dem abgegriffenen B\u00fcchlein mit den kyrillischen Buchstaben und den grobk\u00f6rnigen Fotos in Schwarzwei\u00df, das ihm irgendwann in den achtziger Jahren auf einem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[10],"class_list":["post-4729","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4729","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4729"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4729\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4732,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4729\/revisions\/4732"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4729"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4729"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4729"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}