{"id":4718,"date":"2016-07-05T12:31:14","date_gmt":"2016-07-05T12:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4718"},"modified":"2016-07-08T17:40:52","modified_gmt":"2016-07-08T17:40:52","slug":"alles-und-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4718","title":{"rendered":"Alles und nichts"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4718&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4718&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alles ist viel, nichts ist wenig. Nein, nichts ist nichts. Als ich mich entscheiden musste, ob alles oder nichts, da wusste ich noch nicht, wie wenig alles sein konnte.<\/p>\n<p>Eine Flasche Whisky, den billigsten Fusel nat\u00fcrlich, zwei Flaschen Bier, Pils nat\u00fcrlich, und zwei Schachteln Zigaretten, West, die ganz starken nat\u00fcrlich, f\u00fcr die Nacht. Der Alkohol sollte reichen, um mich warmzuhalten, und die Kippen lassen die qu\u00e4lenden Stunden bis zum Morgen zwar objektiv nicht schneller vergehen, subjektiv aber schon, ich habe dadurch etwas zu tun, den Glimmst\u00e4ngel zwischen meinen gelbverf\u00e4rbten Fingern halten und den Rauch einziehen, ausblasen. Beim Einatmen komme ich runter, die Welt dreht sich langsamer, ich habe das Gef\u00fchl, alles mir tags\u00fcber Unergr\u00fcndliche zu verstehen. Sobald ich den teergetr\u00e4nkten Rauch ausatme, dreht sich die Welt so schnell wie immer, sodass ich das Gef\u00fchl habe, ich k\u00f6nnte herunterfallen. Hinabst\u00fcrzen in ein endlich gro\u00dfes Nichts und irgendwann aufschlagen, dort liegen und mich nie wieder aus diesem Nichts wegbewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin sehr dankbar, dass der Kioskbesitzer an der Ecke heute nichts f\u00fcr die Zigaretten berechnet hat. Er wei\u00df, dass ich meistens genug Geld habe, und wenn nicht, bringe ich es ihm am n\u00e4chsten Tag zuverl\u00e4ssig. Manchmal schenkt er mir Zahnpasta, und ich kann in seiner Toilette meine langsam braun werdenden Z\u00e4hne putzen. Danach f\u00fchle ich mich sch\u00f6n und l\u00e4chle den ganzen Tag alle Menschen an, die ich sehe, egal ob sie hersehen oder nicht.<br \/>\nHeute hatte ich nicht genug Geld f\u00fcr Zigaretten, nur f\u00fcr den Alkohol. Heute hat es stark geregnet und es war herbstlich kalt, weswegen nicht viele Menschen in der Innenstadt waren, die mir ein paar M\u00fcnzen h\u00e4tten abgeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin eigentlich nicht dumm, weswegen ich mich oft frage, wie ich hier gelandet bin. Auf Pappkartons und zwischen M\u00fclltonnen, die mich vor kaltem Nordwind sch\u00fctzen. Als Kind fand ich M\u00fclltonnen immer eklig, weil sie so gestunken haben, mittlerweile bin ich sehr froh um meine M\u00fclltonnen.<br \/>\nIch habe einen tollen Platz, in einer ruhigen Gasse, ein paar Stra\u00dfen von der Westkirche entfernt. Ich mag es, wenn die Kirchenglocken zu l\u00e4uten beginnen. Meine Gro\u00dfmutter hat fr\u00fcher, als ich noch ein kleines M\u00e4dchen war, immer zu mir gesagt, h\u00f6rst du die Kirchenglocken? Die Engel feiern ein Fest und trinken auf uns Menschen, weil es uns so gut geht. Ich schraube den Whisky auf und trinke auf meine liebe Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Ich bin sehr froh, dass der Regen aufgeh\u00f6rt hat und schlendere durch den Park. Sehe Bob auf einer Bank liegen, sein linker Arm h\u00e4ngt hinunter, der rechte Arm liegt ruhig auf seiner Brust. Sein Hund scheint auch zu schlafen. Er hei\u00dft Marley. Bob ist beliebt bei Neuank\u00f6mmlingen, er zeigt ihnen sichere Schlafpl\u00e4tze. Auch mir hat er geholfen, das ist nun schon Jahre her.<\/p>\n<p>Diese Nacht ist ruhig, und ich genie\u00dfe es sehr, ich muss mich nicht verstecken. In der Dunkelheit sieht niemand, wie schmutzig ich bin. Ich versuche mich einigerma\u00dfen sauber zu halten, im Gegensatz zu anderen Obdachlosen, die hier leben. Aber der Schmutz auf meiner Seele geht mit keiner Seife mehr weg.<\/p>\n<p>Ich hatte bis zu dieser Nacht nie das Gef\u00fchl, dass ich nichts h\u00e4tte. Ich fand, ich h\u00e4tte zu wenig. Aber ich war gesund und trug Luft in meinen Lungen, ich versuchte zu \u00fcberleben und das schon einige Zeit erfolgreich. Ich hatte also nicht nichts, aber wenig, von allem.<\/p>\n<p>Aber in dieser Nacht, da habe ich erfahren, wie es ist, alles zu haben. Ich habe eine Handtasche gefunden, im Geldbeutel \u00fcber 200 Euro Bares, sowie Bankkarte, F\u00fchrerschein, Personalausweis und was die wohl gutbetuchte Dame noch alles in ihrer Tasche mitgef\u00fchrt hatte, wagte ich kaum zu glauben. Schokolade, Pfefferspray, eine wundersch\u00f6ne blaue Baumwollweste, einen edlen Schal, einen Regenschirm, allm\u00f6glichen Kosmetikkram von Wimperntusche bis Lidschatten, Hustenbonbons und ganz am Ende meiner Durchsuchungsaktion fand ich einen Scheck \u00fcber 10.000 Euro. Ich malte mir ein v\u00f6llig neues Leben aus, mein neues Leben, in dem ich reich war und alles hatte, was ich in meinen mutigsten Tr\u00e4umen nicht besa\u00df.<\/p>\n<p>Ich konnte es kaum erwarten, bis die Banken am n\u00e4chsten Tag \u00f6ffneten, damit ich das Geld abholen konnte. Ich sah mein neues Leben wie durch einen Trichter, einen Tunnel, ich musste nur einfach schnell an das wunderbare, lichtdurchflutete Ende gelangen, an dem Wohlstand auf mich wartete. Kaum sah ich die Sonne aufgehen, rannte ich los. Bis zur Bank war es ein weiter Weg.<\/p>\n<p>Kurz bevor ich ankam, ich rannte noch immer, konnte ich die goldenen Lettern der gro\u00dfen Stadtbank schon sehen und hatte nur noch ein paar Stra\u00dfen zu \u00fcberqueren. Ich h\u00f6rte die Kirchenglocken l\u00e4uten, blieb instinktiv stehen und dachte mit einem L\u00e4cheln an meine Gro\u00dfmutter. Ich dachte, ja Oma, bald feiere ich wie die Engel.<\/p>\n<p>Kurz bevor ich starb, wurde mir klar, wie wenig \u201ealles\u201c war. Der Lkw erwischte mich mit voller Kraft, meine Blindheit aus Hoffnung, nun reich zu sein, vermischt mit den Erinnerungen, die die T\u00f6ne der Kirchenglocken in mir hervorgerufen hatten, hatten mich in der Mitte der Stra\u00dfe zum Stehen gebracht. Ich sah noch die Scheinwerfer aufleuchten, und mir schoss durch den Kopf, wie viel ich von meinem Leben noch gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re ich bei meinem Nichts geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lena Vilsmeier<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> |Inventarnummer: 16082<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles ist viel, nichts ist wenig. Nein, nichts ist nichts. Als ich mich entscheiden musste, ob alles oder nichts, da wusste ich noch nicht, wie wenig alles sein konnte. Eine Flasche Whisky, den billigsten Fusel nat\u00fcrlich, zwei Flaschen Bier, Pils nat\u00fcrlich, und zwei Schachteln Zigaretten, West, die ganz starken nat\u00fcrlich, f\u00fcr die Nacht. Der Alkohol [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[116],"tags":[93],"class_list":["post-4718","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-vilsmeier-lena","tag-que-sera-sera"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4718"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4722,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4718\/revisions\/4722"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}