{"id":4683,"date":"2016-07-01T08:59:43","date_gmt":"2016-07-01T08:59:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4683"},"modified":"2016-07-02T09:03:25","modified_gmt":"2016-07-02T09:03:25","slug":"vier-aventiuren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4683","title":{"rendered":"Vier Aventiuren"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4683&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4683&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>aventiure 4<\/strong><\/p>\n<p>Ich biege noch einmal bei der Fiktion ein und \u00fcberlege die Leseerfahrung von Roman. Da er aus Deutschland stammt, sind seine Vorbilder wahrscheinlich Kafka und Hesse. Er ist aufgeschlossen f\u00fcr die Weltliteratur, jedoch kein Vielleser, Gott bewahre. Roman ist gl\u00fccklich, wenn er von einem Buch gefesselt\u00a0 und bei Bedarf unterhalten wird. Roman liebt dicke B\u00fccher, die ihm ein Gef\u00fchl der Geborgenheit vermitteln. W\u00e4hrend ich sehe, dass am Nebentisch zwei Espressi getrunken werden, ich k\u00f6nnte mir vielleicht noch eine Geschichte \u00fcber diese Leute ausdenken, aber ich bin ehrlich gesagt froh, keine weitere schreiben zu m\u00fcssen, denn eine reicht. Alles ist \u00dcbung, und f\u00fcr die Schriftstellerei braucht man wahrscheinlich einen langen Atem. Ich habe Bedenken, ob das Erfinden von Figuren auf Dauer gelingen wird. Und dann w\u00e4re da noch meine Abneigung gegen Abenteuergeschichten. Das einzig wahre Abenteuer ist doch \u2013 mit Verlaub gesagt \u2013 der Alltag.<\/p>\n<p><strong>aventiure 3<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnerte mich an Menschen, die ich sah und die bl\u00f6de aussahen, beispielsweise an den Menschen, der einen Menschen mit einem Taschenmesser a\u00df. Er erinnert sich daran, dass vieles bl\u00f6de aussieht, was tagt\u00e4glich, jahrj\u00e4hrlich getan wird. Was von den Reisen \u00fcbrigblieb. Ein Blick \u00fcber die Gracht in Holland, ein Blick \u00fcber eine Br\u00fccke in Stockholm. In Erinnerung geblieben ist mir das \u00d6ffnen von Karten auf Motorhauben. In Erinnerung geblieben ist mir das Aufbrauchen des Reiseproviants. Das Gr\u00fcn der W\u00e4lder &#8211; nur sehe ich darin auch keine Geschichte. Ich erinnere mich daran, dass das ganze Leben aus Nebens\u00e4chlichkeiten besteht und dass sie als Bilder mehr oder weniger fest in deinem Ged\u00e4chtnis gespeichert sind. Wieder einen Eiskaffee trinken. Und zwischenzeitlich wieder auf Roman zur\u00fcckkommen. Und ich gebrauche noch ein Wort Wolfs: Horror vor dem Vergessen.<\/p>\n<p><strong>aventiure 2<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe Roman an meinem Nebentisch mit einer Frau sprechen. Roman tr\u00e4gt eine Brille mit dickem schwarzen Rand, er hat graue Haare und tr\u00e4gt zudem einen blauen Pullover. Er unterh\u00e4lt sich mit einer Frau, die sich etwas in einem Buch angestrichen hat.<\/p>\n<p>Romans Gespr\u00e4che sind irrelevant und au\u00dferdem m\u00f6chte der Erz\u00e4hler nicht so genau hinh\u00f6ren &#8211; es langweilt ihn zu sehr. Ich als Erz\u00e4hler habe in einem anderen Caf\u00e9 Platz genommen. Stellen Sie sich jetzt einmal das Unterschiedlichste vor, \u00fcber Roman, und versuchen Sie, mit diesen Vorstellungen ein Buch zu f\u00fcllen, das w\u00e4re meine Definition von Schriftsteller.<\/p>\n<p>Ihm ist es zur Zeit noch nicht wichtig, ob sein Schreiben gut oder mittelm\u00e4\u00dfig ist. Ihn interessiert einzig, die Bezeichnung Schriftsteller f\u00fcr sich zu beanspruchen. Es liegt nun wieder in der Hand des Erz\u00e4hlers, den Text neuerlich ein St\u00fcck weit voranzubringen. Mir f\u00e4llt ein, dass literarische Versuche \u00fcber Depressionen meist kein Happy End nehmen, man nehme nur Sylvia Plath \u201cDie Glasglocke\u201c als Beispiel. So wie ich angesichts meiner ausgetrunkenen Kaffeetasse schon wieder ganz perplex bin, ob es sich lohnt, eine fiktive Geschichte weiterzuschreiben, der geneigte Leser m\u00f6ge entscheiden.<\/p>\n<p>Zum Deutschen m\u00f6chte\u00a0ich so viel sagen, dass das Imperfekt die Erz\u00e4hlzeit schlechthin ist. Das Tempus ist das gr\u00f6\u00dfte Statement des Schriftstellers. Die drei M\u00f6glichkeiten stark\/schwach\/gemischt lassen sich dadurch umgehen, dass die starken Verben durch eine schwache Tempusbildung ersetzt werden k\u00f6nnen und das in 90% der F\u00e4lle m\u00fchelos verstanden werden kann. Die Bezeichnung unregelm\u00e4\u00dfige Verben ist nicht pr\u00e4zise (man vergleiche springe\/sprang\/gesprungen mit singe\/sang\/gesungen). Die starke, also ablautende Imperfektbildung ist allen Germanen mit Ausnahme der Afrikaaner zu Eigen.<\/p>\n<p><strong>aventiure 1<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die vielen Nebens\u00e4chlichkeiten sprechen. Mir ist nicht wichtig, ob Roman zu Mittag beim Asiaten ein Sushi-Set mittel bestellt hat (oder auch nicht). Auch andere Kleinigkeiten entgehen mir, obwohl gerade ein kriminalistisches Auge darin das Wichtigste sehen k\u00f6nnte: Welches war die Mordwaffe, wie sah der Fluchtwagen aus etc. Ich pers\u00f6nlich bin jemand, der solche Schilderungen gerne \u00fcberliest. Stattdessen unterstreiche ich mir lieber gelungene Satzkonstruktionen und lerne sie auswendig. Ich bin \u00fcbrigens wieder in meinem Stammcaf\u00e9 und sehe her\u00fcber zu den anderen Tischen. Interessante Begegnungen hat es heute nicht gegeben, wahrscheinlich m\u00fcsste ich mich erneut mit Roman verabreden. Er war gestern im Museum und im Kino. Das hilft ihm \u2013 so sagt er \u2013 eine Katharsis zu erreichen. Er betont, dass es sich um Bildtr\u00e4ger und nicht um Bilder handelt. Das Bild an sich ist ephemer und fl\u00fcchtig wie Musik. Ich werde auf Roman wieder zur\u00fcckkommen, sobald er mir einen Brief hinterlegt hat. Er braucht wahrscheinlich auch wieder Ruhe. Unterdessen kann ich den Raum des Textes tats\u00e4chlich mit Nebens\u00e4chlichkeiten f\u00fcllen. Ein Nachbar im Caf\u00e9 telefoniert mit einem Smartphone, das in einer Kuhfleckenschale steckt. Ich kann schreiben, dass an einem anderen Tisch ein Kind mit einem gelben Auto spielt und gleichzeitig von seiner Mutter ein gelbes Auto in einer Werbeanzeige aus einem Magazin gezeigt bekommt. Nebens\u00e4chlich ist weiterhin der Fakt, dass ich beim Schreiben eine graue Weste trage. Auch der Salzstreuer neben meinem Heft ist nebens\u00e4chlich.<\/p>\n<p><em>\u201cAber in Wahrheit kann nichts die immer h\u00e4ufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen ihre absolute Einsamkeit, das Gef\u00fchl einer universellen Leere und die Ahnung, dass ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endg\u00fcltiges Desaster zul\u00e4uft, Sie in einen Zustand echten Leidens st\u00fcrzen\u201c. <\/em><em>Michel Houellebecq<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a>| Inventarnummer: 16079<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aventiure 4 Ich biege noch einmal bei der Fiktion ein und \u00fcberlege die Leseerfahrung von Roman. Da er aus Deutschland stammt, sind seine Vorbilder wahrscheinlich Kafka und Hesse. 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