{"id":4677,"date":"2016-06-30T17:25:14","date_gmt":"2016-06-30T17:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4677"},"modified":"2016-07-05T11:48:46","modified_gmt":"2016-07-05T11:48:46","slug":"aufgedeckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4677","title":{"rendered":"Aufgedeckt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4677&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4677&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mitte der Woche im Caf\u00e9 Br\u00e4unerhof. \u201eJunger Mann\u201c, fragte Carl Hofbauer den Kellner, \u201ewo ist denn der Franz heute? Dienstfrei, oder was?\u201c Der Kellner kam langsam n\u00e4her, mit einem Geschirrtuch ein Weinglas polierend. \u201eJa, wissen Sie nicht?\u201c, fragte dieser mit ernster Miene. \u201eWas ist passiert?\u201c, Carl richtete sich neugierig auf. Der Kellner schluckte und r\u00e4usperte sich, beinahe wie ein Pr\u00fcfling, dann begann er stockend: \u201eAm vergangenen Freitag \u2013 es war schon sp\u00e4t, da ist er gest\u00fcrzt. Dort, beim Abgang \u2013 \u00fcber die Treppe. Er hat noch gelacht. Zuerst haben wir geglaubt, es ist eh nichts. Aber dann \u2013 der Hofrat Meier war noch da \u2013 wir haben ihm aufhelfen wollen, aber er hat so gejammert, dass der Meier gesagt hat, da kann man nichts machen, und ich soll die Rettung anrufen. Das hab ich auch gemacht. Die sind gleich da gewesen \u2013 Oberschenkelhalsbruch, hat der Arzt gemeint. Sie haben ihn ins AKH gebracht.\u201c \u201eAber!\u201c, sagte Carl und sch\u00fcttelte mitleidig seinen Kopf. \u201eGestern fr\u00fch \u2013 hat seine Nichte angerufen. Der Herr Franz \u2013 ist in der Nacht auf Sonntag \u2013 verstorben. Lungenentz\u00fcndung dazubekommen und &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWas?\u201c Carl erhob sich ganz langsam von seinem Sitz. \u201eWas sagen S\u2019?\u201c Carl starrte ins Leere. \u201eUnser &#8211; Ober &#8211; Franz?\u201c, fl\u00fcsterte er, und setzte sich ebenso langsam wieder, so, als w\u00e4re er pl\u00f6tzlich um Jahrzehnte gealtert. Der Kellner trat verlegen von einem Fu\u00df auf den anderen. \u201eBringen Sie mir bitte \u2013 einen Kognak, Herr Rudolf!\u201c, bat Hofbauer sanft, und starrte vor sich hin. \u201eSehr wohl\u201c, antwortete der Ober und eilte davon, sichtlich erleichtert, von seiner unangenehmen Aufgabe entbunden zu sein.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter. Josefst\u00e4dterstra\u00dfe, Ecke Stozzigasse. \u201eNa alsdann! Jetzt hammas!\u201c, rief Trafikant Hofer aufgeregt, als einer seiner Kunden eben um die Ecke bog, geradewegs auf Hofer zu.<br \/>\nDer konnte gerade noch ausweichen. \u201eNa hallo, hallo!\u201c, rief dieser erschrocken, \u201eSie rennen mich ja glatt \u00fcber den Haufen, lieber Herr! Bleiben S\u2019 ruhig! Wie is\u2019 Ihna denn? Regn S\u2019 Ihna net so auf!\u201c<br \/>\n\u201eNa h\u00f6ren Sie, jetzt, wo vielleicht die Russen wieder kommen, soll ich mich nicht aufregen?\u201c<br \/>\n\u201eWer sagt denn, dass die Russen gleich kommen? Sie, \u00fcbertreiben S\u2019 nicht! Nur weil sich einer von denen nach Retzbach verflogen hat\u201c, lachte Herr Huber.<br \/>\n\u201eAlso Ihren Humor m\u00f6cht\u2019 ich haben! Damals, im Sechsundfuffziger, da hat\u2019s auch so begonnen. Und schon waren wir an der Grenze. Wissen Sie, was ich meine? Mobil gemacht haben wir. Heute Morgen \u2013 die aktive Truppe ist sofort in Alarmbereitschaft gesetzt, haben S\u2019 das nicht gelesen? In den Kasernen ist alles abmarschbereit!\u201c<br \/>\n\u201eJa, schon \u2013 aber, schau\u2019n Sie, wir m\u00fcssen uns ja ein bisserl wichtigmachen, sonst glauben die wom\u00f6glich, es ist uns eh alles gleichg\u00fcltig, wir sind ja ohnehin neutral, nicht? Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir ein bisserl mit dem S\u00e4bel rasseln, aber doch nur zum Schein. Was wolln S\u2019 denn mit unsere paar Mandln? Die Rettung k\u00f6nnen S\u2019 hin schicken. Vielleicht gibt es ein paar Verletzte oder so. Aber glauben Sie mir, Herr Hofer, bei unserem Status, international gesehen versteht sich, traut sich kein Russ ungestraft \u00fcber den Zaun spucken. Darauf k\u00f6nnen S\u2019 Gift nehmen!\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber diese unversch\u00e4mte Relativierung blieb Hofer beinahe die Luft weg vor Emp\u00f6rung. \u201eJa sind Sie noch bei Trost? Ah, Sie glauben, wir haben unser Heer nur zum Spa\u00df, was? Da oben ein bisserl die Ger\u00e4te durchl\u00fcften fahren, oder? Schauen, dass uns der Kader nicht verrostet, wie? Sie m\u00f6cht ich sehen, wenn Sie alles zusammenpacken m\u00fcssten, warten Sie nur! Wie damals, im Vierundvierziger! Unsere Bundesregierung wei\u00df sehr gut, was zu tun ist, glauben Sie mir! Das war ganz richtig, dass man die Soldaten hinschickt. Und nicht nur zum Repr\u00e4sentieren! Merken Sie sich das!\u201c<\/p>\n<p>Huber musste schmunzeln. Er wollte den Hofer ja nicht unn\u00f6tig strapazieren, also lenkte er reuig ein: \u201eSie haben ja Recht. Es ist emp\u00f6rend, was sich die Russen da wieder geleistet haben. Die Welt hat \u00fcber Nacht ihr Gesicht ver\u00e4ndert, wirklich! Unter diesem Eindruck &#8211; dieser, dieser Invasion &#8211; kann man nur erstarren. Ein \u00dcberfall ist das!\u201c, sagte er. \u201eEin \u00dcberfall, sehr richtig!\u201c, best\u00e4tigte Hofer.<br \/>\n\u201eWer h\u00e4tte das gedacht?\u201c, fragte sich Herr Huber, \u201ejetzt haben sie uns den Zeiger der Geschichte wieder um zw\u00f6lf Jahre zur\u00fcckgedreht, k\u00f6nnte man meinen.\u201c<br \/>\n\u201eSo is\u2019 es!\u201c, sagte Hofer und presste resigniert seine Lippen aufeinander, wobei sein stacheliges Kinn, mit den wei\u00dfen Bartstoppeln, ein wenig zitterte.<\/p>\n<p>\u201eWieso hat denn der Breschnew jetzt auf einmal so die Panik?\u201c, fragte der Trafikant, \u201eich denk, durch wen will er denn den Dubcek und den Svoboda ersetzen?\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df nicht\u201c, sagte Herr Huber, \u201edas alles hat so den Modergeruch einer Scheinheiligkeit, dem Einmarsch eine gewisse Legalit\u00e4t verleihen zu wollen. Das kennen wir ja zur Gen\u00fcge aus Moskau. Wir zwei sind ja lange genug auf dieser Welt, gell, Hofer?\u201c<br \/>\n\u201eJa, ja! Und ich hab gedacht, dass der Kommunismus in den letzten Jahren vielleicht ein bisserl menschlicher und liberaler geworden ist. Einen Schmarren, lieber Herr Huber! Denen ihre Schw\u00e4che st\u00fctzt sich immer noch auf Panzer und Kalaschnikows! Stimmt\u2019s oder hab ich Recht, Herr Huber?\u201c Huber wiegte nachdenklich sein Haupt und beobachtete einen Hund, der soeben auf dem Gehsteig sein Gesch\u00e4ft verrichtete, w\u00e4hrend sein Frauerl v\u00f6llig unbek\u00fcmmert in die Luft blickte.<\/p>\n<p>\u201eUnd wer wird die Sauerei da wegr\u00e4umen?\u201c, schrie \u00a0Huber sie v\u00f6llig unerwartet an.<br \/>\nDie Hundebesitzerin zuckte erst zusammen, fasste sich aber sofort und konterte: \u201eK\u00fcmmern Sie sich gef\u00e4lligst um ihre eigenen Sachen, Sie Wichtigtuer!\u201c, und zog mit ihrem Hund ab.<br \/>\n\u201eAlso Leut\u2019 gibt\u2019s!\u201c, emp\u00f6rte sich nun auch der Trafikant.<\/p>\n<p>Huber war fassungslos. \u201eUnerh\u00f6rt, was?\u201c, meinte er zu Hofer, \u201eund unsereins steigt dann hinein! Die Josefstadt \u2013 total verschissen, Hofer! Ein einziges Hundeklo! Und die Politiker schau\u2019n nur bl\u00f6d. Machen tun sie nichts dagegen. So was! Aber \u2013 ich hab geh\u00f6rt, in Prag und Pressburg schie\u00dft man auf Zivilisten. Jetzt kommt\u2019s nat\u00fcrlich darauf an. Sie haben ganz Recht gehabt vorhin, ich seh das ja auch so. Wir m\u00fcssen jetzt eine entschlossene, besonnene und auf die Bewahrung der Unabh\u00e4ngigkeit und Neutralit\u00e4t ausgerichtete Haltung einnehmen. Ganz klar! Dass die alles vorbereiten, was zur Tradition unseres neutralen Landes geh\u00f6rt, damit alles gewahrt bleibt, Sie verstehen, auf dem Gebiet des Asylrechtes und der Hilfsbereitschaft, ist ja in Ordnung. Das wird immer allzu leicht vergessen, wissen Sie? Und einigen ist das \u00fcberhaupt egal! Gott sei Dank gibt\u2019s noch Grenzen und Z\u00e4une, was?\u201c<\/p>\n<p>Hofer nickte. \u201eNat\u00fcrlich erwarten wir, dass unsere Leute dr\u00fcben in Sicherheit sind. Oder dass man ihnen ihre Ausreise ungehindert gew\u00e4hrleisten muss, nicht? Und wir mischen uns daf\u00fcr eben nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten. So ist das!\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte Hofer, \u201ewir schauen nur zu.\u201c Huber sah ihn f\u00fcr kurze Zeit verst\u00e4ndnislos an. \u201eNa, was wollen Sie denn dagegen machen?\u201c, fragte er. \u201eJa, eh!\u201c, meinte Hofer.<br \/>\nSie gingen langsam in Richtung Trafik. \u201eIch muss wieder. Mein Herr Sohn da drinnen wird schon nerv\u00f6s sein, weil ich so lange weg bin\u201c, lachte Hofer. \u201e Ja? Na, hoffentlich hat der sowjetische Hubschrauberpilot wieder zur\u00fcckgefunden, sonst wird er ein paar Schwierigkeiten kriegen\u201c, meinte Herr Huber abschlie\u00dfend, \u201eund es geht ihm so wie den verschleppten Reformkommunisten \u2013 ab nach Sibirien!\u201c, lachte er, \u201ein guter alter Kommunistenmanier! Ha ha!\u201c<\/p>\n<p>Vor dem Verteidigungsministerium am Franz-Josefs-Kai hielt eine schwarze Mercedes-Limousine. Der Chauffeur, in Heeresuniform, niedrigere Charge, kaum drei\u00dfig, war bem\u00fcht, so rasch er konnte auszusteigen, um das Fahrzeug herum zu eilen und blitzschnell die r\u00fcckw\u00e4rtige rechte T\u00fcre aufzurei\u00dfen. Haltung angenommen, mit der Rechten zackig salutierend. Aus stieg ein graumelierter Mittf\u00fcnfziger im Range eines Oberst, der l\u00e4ssig dankte, indem er mit zwei Fingern an den Rand seines Kappenschildes tippte und, eine schwarze Ledermappe unter den Arm geklemmt, die Treppen zum Ministerium hinaufschritt. Der Chauffeur war inzwischen l\u00e4ngst wieder eingestiegen und um die Ecke in Richtung hauseigener Garage abgebogen.<\/p>\n<p>Der Oberst bestieg den Paternoster und fuhr in den dritten Stock, die Ebene des Ministerb\u00fcros. Zwei Ordonanzen schlugen die Hacken zusammen. \u201eGeh\u2019n S\u2019, melden S\u2019 mich dem General\u201c, nasalierte der Oberst gelangweilt einem von beiden zu. \u201eJawoll, Herr Oberst!\u201c Er machte kehrt und klopfte an die hohe Zweifl\u00fcgelt\u00fcr. \u201eHerrrein!\u201c, h\u00f6rte man von drinnen. Der Gefreite trat ein. H\u00f6rbares kurzes Gemurmel. Der Gefreite kam wieder heraus auf den Flur. \u201eDer General l\u00e4sst bitten, Herr Oberst!\u201c, schnarrte er, Nase nach oben, Blick gerade aus, Kopf in den Nacken geworfen. \u201eIs\u2019 scho\u2019 recht, junger Mann\u201c, antwortete der Oberst und trat ein.<br \/>\nMan h\u00f6rte Abs\u00e4tze aneinanderknallen. Drinnen: \u201eServus Ferdinand! Was ist? Wo brennt\u2019s?\u201c, fragte der General seinen alten Freund. \u201eServus. Wie geht\u2019s dir? Hast was g\u2019h\u00f6rt vom Schorschi? Der Gute ist angeblich geschieden, hab ich geh\u00f6rt. So eine liebe Frau, die Hanni. Na, ich sag\u2019s ja, so eine Ehe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.\u201c \u201eNa, das kannst laut sagen. Und du, sag einmal, wo warst du denn am Samstag? Warum bist nicht nach Baden gekommen? Die Partie war doch lange ausg\u2019macht?\u201c \u201eWei\u00dft, Fritz, ich war ein bisserl derangiert, vom Freitag noch. Roulette mit dem Oberstleutnant Langstein, du wei\u00dft schon, der von der Sophie\u201c, antwortete der Oberst. \u201eDie h\u00fcbsche Blonde? Die Tochter vom Konsul M\u00fcller?\u201c<br \/>\n\u201eJa, genau die! Siehst du, das merkst du dir\u201c, lachte der Oberst und sah sich im Zimmer ein wenig um. \u201eNoch ist ja nicht alles verloren mit dir, ha ha! Willst mir nichts anbieten, Fritz? Ich hab so eine Migr\u00e4ne! Den ganzen Tag \u00fcber schon.\u201c<br \/>\n\u201eVerzeih bitte meine Unaufmerksamkeit. Aber hier herinnen &#8211; da vergisst sehr schnell deine gute Kinderstube, verstehst? Was willst denn haben? Ich kann die Ordonanz um ein Sekterl in die Kantine schicken, wenn\u2019s d\u2018 magst?\u201c \u201eGeh, das w\u00e4r lieb von dir. Bitte, ja?\u201c<\/p>\n<p>Der General klingelte. Es klopfte. \u201eHerein!\u201c Der Gefreite von vorhin nahm Haltung an, Kopf nach hinten, in Erwartungshaltung. \u201eSind S\u2019 lieb, und gehen S\u2019 mir in die Kantine zur Frau Prihoda. Ich lass um einen Pommery bitten, brut, wenn sie hat. Und &#8211; lieber Freund, nehmen Sie bitte zwei Sektglasl mit, ich hab ja gar nichts da derzeit!\u201c Der Gefreite kr\u00e4chzte sein \u201eJawoll\u201c und eilte davon.<\/p>\n<p>\u201eSetz dich doch, Ferdi. Erz\u00e4hl! Was ist? Wenn du schon einmal da aufkreuzt, gibt es sicher einen besonderen Anlass, stimmt\u2019s?\u201c, forderte ihn der General auf. \u201eDa hast auch wieder Recht. Pass auf, es gibt da eine unangenehme Sache, mit so einem Zeitungsreporter. Hat sich mit internen wehrpolitischen Angelegenheiten befasst. Kein Mensch wei\u00df, woher er die Informationen hat. Jetzt ist die Sache nun einmal drau\u00dfen und der Minister hat Wind davon bekommen. Ich will ja nix sagen, aber wenn\u2019s d \u2019 mich fragst, steckt der mitten drinnen in dem Schlamassel\u201c, erkl\u00e4rte der Oberst. \u201eWas du nicht sagst?\u201c, tat der General erstaunt. \u201eUnd worum geht\u2019s eigentlich? Hat er sich was zu Schulden kommen lassen?\u201c, fragte er. \u201eBis jetzt noch nicht. Aber wer wei\u00df? Rein vom Gef\u00fchl her w\u00fcrd\u2019 ich sagen, es riecht nach Landesverrat.\u201c<br \/>\n\u201eF\u00fcr den Minister?\u201c<br \/>\n\u201eNein, f\u00fcr den Journalisten\u201c, betonte der Oberst.<\/p>\n<p>Es klopfte. Die Ordonanz brachte Sekt und Gl\u00e4ser auf einem silbernen Tablett. \u201eBitte sehr, Herr General. Und die Frau Prihoda l\u00e4sst sch\u00f6n gr\u00fc\u00dfen und schickt eine paar Sachen zum Knabbern mit!\u201c, sagte der Gefreite und stellte Getr\u00e4nke, Gl\u00e4ser und ein Sch\u00fcsselchen mit Salzgeb\u00e4ck artig auf einen kleinen Tisch vor der alten Ledercouch. \u201eJ\u00f6, d\u00f6s is\u2019 aber lieb von ihr. Na, ich geh dann eh noch r\u00fcber. Zigaretten sind mir auch ausgegangen. Ich dank sch\u00f6n, junger Mann. K\u00f6nnen S\u2019 wegtreten\u201c, sagte der General. \u201eJawoll, wegtreten!\u201c, wiederholte der Soldat zackig, und war zur T\u00fcr hinaus.<\/p>\n<p>\u201eSchau, Ferdi! Is\u2019 sie nicht lieb, die Prihoda? Die mag mich ein bisserl, das hab ich eh schon lang bemerkt. H\u00fcbsch is\u2019 sie auch noch. Nicht mehr ganz jung, aber knackig! Was, Ferdi?\u201c Der General kicherte. Der Oberst z\u00fcndete sich eine Zigarette an.<br \/>\nIn der Zwischenzeit machte sich der General am Korken des Pommery zu schaffen. Es knallte. Vorsichtig f\u00fcllte er beide Gl\u00e4ser, ein jedes nur bis zum ersten Drittel. \u201eProst Ferdi!\u201c \u201eProst Fritz!\u201c Das erste Glas tranken sie ex. Dann wurde nachgeschenkt. \u201eAlso, was is\u2019 jetzt mit dem Journalisten?\u201c, wollte der General weiter wissen. Der Oberst blies den Rauch l\u00e4ssig aus seinem Mundwinkel in die Luft. \u201eSchau, Fritz. Im Arsenal wollen sie die alten amerikanischen Gesch\u00fctze loswerden. Du wei\u00dft schon, die alten SM 43iger. Das hab ich auch schon l\u00e4nger gewusst.\u201c \u201eWer tritt als Verk\u00e4ufer auf?\u201c, fragte der General. \u201eDas is\u2019 es ja eben. Ich wei\u00df es nicht, und das Mil-Kommando wei\u00df auch von nix. Mir kann das ja gleich sein wie nur was. Trotzdem! Bl\u00f6d is\u2019 nur, dass irgendein Informant aus unseren Reihen die G\u2019schichte an die Journaille weitergegeben hat. Und ich soll das untersuchen. Als ob unsereins sonst nichts zu tun h\u00e4tte.\u201c \u201eAlso wirklich! Wozu haben wir denn den Abwehrdienst? Sollen die sich doch damit die Finger verbrennen.\u201c<\/p>\n<p>Der General sah eine kurze Zeit zum Donaukanal hinunter und beobachtete ein vorbeifahrendes Ausflugsschiff. \u201eDort an Deck, in der Sonne liegen, Ferdi, das w\u00e4r jetzt fein, wie?\u201c, sagte er. \u201eFahrt eins vorbei?\u201c, fragte der Oberst. \u201eJa! Die Vindobona. Kann man halt nix machen. Prost, Ferdi! Um halb vier geh ich, dass steht fest. Was willst du jetzt machen?\u201c Der Oberst lie\u00df sich den Champagner schmecken und meinte dann schlie\u00dflich: \u201eNa ja, ich werd einmal im Planungsstab fragen, wer ihrer Meinung nach eventuell infrage kommen k\u00f6nnte, t\u00e4t ich einmal sagen.\u201c \u201eSehr richtig!\u201c, best\u00e4rkte ihn der General, \u201eich glaub, das ist das G\u2019scheiteste. Und die sollen das an das Kommando melden und der Rest, Ferdi, der wird sich schon finden, nicht wahr?\u201c \u201eHoffentlich ist das so einfach, wie du dir das vorstellst. Wenn der Minister drinnensteckt, dann m\u00f6chte ich nicht in seiner Haut &#8230;\u201c Der Oberst stockte. \u201eH\u00f6rt man uns da drau\u00dfen?\u201c, fragte er. \u201eGeh! Wie kommst denn da drauf? Sind ja alte T\u00fcren. Die halten dicht!\u201c, lachte der General.<\/p>\n<p>Es konnten drei Wochen vergangen sein, auch vier. Dienstagvormittag. Sollten die Blicke zuf\u00e4llig auf den Parkettboden vor Hans Kleins Bett in dessen Schlafzimmer gefallen sein, lie\u00dfen sich hier ganz leicht offensichtlich hastig ausgezogene, weibliche Kleidungsst\u00fccke erkennen, wie etwa eine eilig hinabgerollte Strumpfhose, in Manier einer Schlangenh\u00e4utung, mit dazugeh\u00f6rigem Slip samt Einlage, eingebettet in ausgewaschene Jeans, einem friedlichen Nest gleich, aus dem soeben geschl\u00fcpft worden war, wobei sich das K\u00fcken offensichtlich direkt in das ger\u00e4umige Doppelbett des Herrn Klein verirrt hatte. Daneben kleinnummrige Tennisschuhe, nicht mehr so ganz bl\u00fctenwei\u00df, aus Leinen, nebst einem knallgelben T-Shirt mit Mick-Jagger-Kopf -Aufdruck, unter dem die Worte standen \u201eMake Love, Not War!\u201c<br \/>\n\u00dcber dem Bett hing ein vielversprechendes Plakat mit einer sp\u00e4rlich angezogenen jungen Dame darauf, auf dem gleichfalls ein Spruch stand, allerdings etwas l\u00e4nger als jener auf dem T-Shirt: Wer zweimal mit derselben pennt, geh\u00f6rt schon zum Establishment! Daneben hing ein Plakat mit der Silhouette des Kopfes von Che Guevara. \u201eSag mir, dass du mich liebst!\u201c, s\u00e4uselte eine verschlafene Stimme neben Hans Kleins Ohr. Klein zog die Bettdecke \u00fcber seinen und den Kopf des jungen M\u00e4dchens. \u201eJaaa! Total, echt!\u201c, seufzte er, woraufhin seine H\u00e4nde offensichtlich erfolgreich, im Schutz der Daune, nach ganz bestimmten Stellen ihres verf\u00fchrerischen K\u00f6rpers zu suchen begonnen hatten, wie m\u00fchelos den anfangs noch hysterisch quietschenden, schon bald aber sich eher lustvoll steigernden Seufzern der jungen Dame zu entnehmen war, die sich nach und nach unter Kleins infernalisches Bariton-Ge\u00e4chze zu mischen begonnen hatten.<\/p>\n<p>In der Folge entstand bald darauf ein Gew\u00fchl, welches in scheinbar qualvoll ansteigender, dann auch wieder abfallender Intensit\u00e4t Ekstase signalisierte, die wohl eine gute dreiviertel Stunde oder auch l\u00e4nger gedauert haben mochte, als pl\u00f6tzlich die T\u00fcrglocke schrillte. \u201eWer is\u2019n das?\u201c, wunderte sich Klein und hielt in einer eben erst heftig ausgef\u00fchrten Bewegung j\u00e4h inne. \u201eBitteee!\u201c, hauchte die Stimme unter dem Bettzeug flehend, \u201enicht aufh\u00f6ren \u2013 jeeetzt!\u201c Hans wurde unruhig. Es l\u00e4utete abermals. Diesmal l\u00e4nger. \u201eVerdammt!\u201c Hans kroch aus dem Bett, raffte seinen Schlafrock zusammen, schl\u00fcpfte ungeschickt hinein und eilte ins Bad. Drau\u00dfen l\u00e4utete es wie verr\u00fcckt. \u201eAufmachen! Herr Klein? Sind Sie zuhause? Machen Sie auf! Staatspolizei! \u00d6ffnen Sie!\u201c<br \/>\nDann wurde an die T\u00fcr gepocht. Wieder schrillte die Glocke. Hans wurde mulmig in der Magengegend. Was wollte die Staatspolizei bei ihm? Weswegen? Falschparken konnte es nicht sein. Ausgeschlossen! Hans eilte zur T\u00fcr. Die Polizisten trommelten wie verr\u00fcckt. \u201eJa, ja! Ich komm ja schon. Sie schlagen ja die T\u00fcr ein!\u201c, rief Hans und \u00f6ffnete. \u201eSind Sie Johann Klein?\u201c, fragte ein Staatspolizist in Zivil. \u201eJa, ja. Bitte?\u201c \u201eZieh\u2019n Sie sich an! Es liegt ein Haftbefehl gegen Sie vor!\u201c \u201eWas?\u201c \u201eFragen S\u2019 nicht lang, zieh\u2019n sie sich an und kommen S\u2019 mit!\u201c, sagte der Beamte forsch. \u201eSofort, gleich\u201c, antwortete Hans leise und lief ins Schlafzimmer. \u201eAnnemarie! Ich bin verhaftet!\u201c, keuchte er und zog sich hastig die Hose an. \u201eSpinnst du, oder was?\u201c, fragte das M\u00e4dchen, wobei sie Hans ungl\u00e4ubig ansah. \u201eLos! Aufstehen. Komm, komm, komm! Du musst weg!\u201c<\/p>\n<p>Hans hatte nicht bemerkt, dass die Beamten l\u00e4ngst im Flur standen. Es klopfte an der Schlafzimmert\u00fcre. Die beiden fuhren erschrocken zusammen. \u201eHausdurchsuchung! Wer sind Sie denn?\u201c, fragte der mit der Igelfrisur. \u201eAnnemarie &#8230;\u201c\u201eSind Sie die Gattin?\u201c \u201e\u00c4h, nein &#8230;\u201c, \u201eAha! Dann raus, aber ein bisschen dalli, ja?\u201c \u201eIch geh ja schon\u201c, sagte Annemarie verst\u00f6rt und zog sich hinter dem Kleiderschrank an. \u201eDarf man fragen, wie alt Sie sind, Fr\u00e4ulein?\u201c, fragte derselbe noch einmal. \u201eNeunzehn\u201c, antwortete Annemarie. \u201eDa schau her! Haben wir einen Ausweis dabei?\u201c \u201eJa, ja, sicherlich. Studentenausweis. Hier!\u201c Sie reichte dem Polizisten den gelben, leicht zerknitterten Karton. Dieser warf einen Blick drauf. \u201eNa, zum Studieren kommen Sie wohl nicht so viel, was?\u201c, bemerkte der Beamte zynisch, und gab ihr den Ausweis zur\u00fcck. Sie verabschiedete sich von Hans und schlug die T\u00fcr hinter sich zu. \u201eFertig, Herr Klein?\u201c, fragte der mit der Igelfrisur. \u201eJa.\u201c \u201eDann setzen Sie sich einen Augenblick hier hin. Wir machen jetzt eine Hausdurchsuchung\u201c, sagte er und zeigte Hans den schriftlichen Befehl. \u201eDas k\u00f6nnen Sie nicht machen! Das ist ja unerh\u00f6rt!\u201c, rief Hans und sprang auf. \u201eSitzenbleiben, sonst lernen S\u2019 mich kennen! Wir k\u00f6nnen auch ganz anders, verstehen Sie, lieber Herr?\u201c, drohte der Polizist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig begannen vier Beamte, Kleins Wohnung von unten nach oben zu durchw\u00fchlen. Schubladen wurden herausgezogen, Papiere durchforstet, Schr\u00e4nke ge\u00f6ffnet und untersucht. Hin und wieder landete ein Schriftst\u00fcck in einem mitgebrachten Karton. \u201eAh, da schau her! Der Herr Redakteur liest Playboy und solche Sachen!\u201c, lachte einer von ihnen. \u201eSeit wann kann man denn das lesen?\u201c, scherzte ein anderer. Hans kochte innerlich vor Wut. Aber es half nichts. Da musste er durch. Nach einer halben Stunde waren sie offensichtlich fertig. \u201eNichts zur Sache gefunden, Herr Major!\u201c, meldete einer der Polizisten. \u201eGut. Herr Klein, wir k\u00f6nnen gehen!\u201c<\/p>\n<p>Sie versperrten die T\u00fcre, und verklebten sie mit einem Siegel. Vis-\u00e0-vis steckte die Nachbarin neugierig den Kopf zur T\u00fcre heraus. Hans schnitt ihr eine Grimasse. Dann gingen sie die Treppen hinunter zu den Fahrzeugen, die am Gehsteigrand parkten. Hans Klein wurde auf einen R\u00fccksitz geschubst, links und rechts je ein Beamter, wie bei einem Schwerverbrecher. \u201eVielleicht legen Sie mir noch Handschellen an, was?\u201c, \u00e4rgerte er sich. \u201eK\u00f6nnen S\u2019 haben, wenn Sie wollen\u201c, sagte einer von ihnen ruppig, \u201eich hab rein zuf\u00e4llig welche dabei!\u201c Dann fuhren sie ab.<\/p>\n<p>Etwa zur selben Zeit in einer Kaserne im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Ein VW-Variant Kombi der Milit\u00e4rstreife n\u00e4herte sich dem Wachposten. Ohne besondere Formalit\u00e4ten ging der Balken hoch. Der diensthabende Wachsoldat stand stramm und salutierte. Das Fahrzeug f\u00fchr in den r\u00fcckw\u00e4rtigen Hof der Kaserne und hielt an jenem Platz, wo zwei milit\u00e4rgraue Blechbaracken standen. Zwei Polizisten stiegen aus. Wei\u00dfe Schirmm\u00fctzen, wei\u00dfe Lederriemen und Pistolentaschen, Armbinden der Milit\u00e4rstreife &#8211; und gingen in die zweite Baracke. Der dort sitzende Korporal vom Dienst sprang wie von einer Tarantel gestochen auf. Eine Kaffeeschale auf seinem kleinen Tischchen kippte um. Der Kaffee ergoss sich auf die Standesliste und tr\u00e4nkte sie gelbbraun. \u201eMelde \u2013 Wehrmann Dunst als KVT \u2013 2. Kompanie, 1. Zug\u201c, stotterte der junge Waldviertler, dem allein schon beim Anblick der Milit\u00e4rpolizisten die Luft weggeblieben war, ganz zu schweigen von den Geschichten, die sich um die Milit\u00e4rstreife rankten, und von denen er geh\u00f6rt hatte. \u201eAlle auf ihren Dienststellen \u2013 bis auf den diensthabenden Unteroffizier!\u201c, f\u00fcgte er hinzu, kreidebleich.<\/p>\n<p>Einer der beiden Polizisten grinste. \u201eJetzt k\u00f6nnen S\u2019 die Listen noch einmal schreiben, was?\u201c Der Rekrut war verunsichert. Sollte er l\u00e4cheln? Oder gar schon bequem stehen? Nein, er blieb bei seiner starren Haltung. Man konnte ja nicht wissen. \u201eWo ist der Spie\u00df?\u201c, erkundigte sich der andere. \u201eHinten, in der Kanzlei\u201c, verwies ihn der Soldat, schon etwas erleichtert. Der Polizist bedankte sich. Sie gingen nach hinten. Offizierstellvertreter Wei\u00df hatte sie kommen h\u00f6ren und stand schon auf dem asphaltierten Flur. Auch er gr\u00fc\u00dfte sofort milit\u00e4risch, etwas verunsichert vielleicht, und nicht ganz so zackig wie der Jungmann hinter seinem Tisch, aber immerhin. \u201eKommt\u2019s ihr zu uns?\u201c, fragte er auch gleich, um ihnen zuvorzukommen. \u201eServus, Wei\u00df\u201c, gr\u00fc\u00dfte der eine, \u201eist der Oberleutnant Kosazky anwesend?\u201c \u201eAch der, nein. Soviel ich wei\u00df, m\u00fcsste er in seiner Dienststelle sein. Aber wart einmal, der hat heute OVT. Die \u00dcbergabe ist jetzt um halb. Eigentlich sollte er schon da sein. Ich schau gleich.\u201c<\/p>\n<p>Wei\u00df lief zum letzten Zimmer der Baracke, drehte aber gleich wieder um, denn pl\u00f6tzlich war ihm eingefallen: \u201eEr war ja im Ministerium heute, das wei\u00df ich bestimmt!\u201c, teilte er ihnen mit, v\u00f6llig au\u00dfer Atem. \u201eDanke\u201c, sagte der eine, \u201ewarten wir eben hier bei dir auf ihn. Gibt\u2019s einen Kaffee?\u201c \u201eKaffee? In der K\u00fcche. Ordonanz!\u201c, br\u00fcllte er auf den Gang hinaus, \u201eDunst, Sie Depp! Holen S\u2019 zwei Kaffee aus der Kantine. Und ja nichts aussch\u00fctten! Verstanden?\u201c \u201eJawoll!\u201c Der junge Mann eilte \u00fcber den Kasernenhof in Richtung K\u00fcchengeb\u00e4ude. \u201eWas? Den aus der Blechkanne? Habt\u2019s ihr keine Espressomaschine da?\u201c, fragte der Oberwachtmeister entt\u00e4uscht. \u201eTut mir leid! Ist nicht bewilligt worden. Unser Chef hat eine beantragt. Aber \u2013 ist leider nicht bewilligt worden.\u201c \u201eVielleicht ist er nicht gut angeschrieben beim Wirtschaftler?\u201c, lachte der Polizist, \u201eeuer Oberstleutnant? Wundern t\u00e4t\u2019s mich nicht, was, Eder?\u201c Der andere nickte verst\u00e4ndnisvoll und grinste.<\/p>\n<p>Offizierstellvertreter Wei\u00df hob nur seine Schultern und machte eine Miene, als ob er \u00fcberhaupt nicht w\u00fcsste, was die beiden meinten. In diesem Augenblick ging die T\u00fcre zur Baracke auf. Oberleutnant Kosazky eilte in Richtung Dienstzimmer den Gang entlang. Als er an der Kanzlei vorbeikam, verstellten ihm pl\u00f6tzlich die zwei Milit\u00e4rpolizisten den Weg. \u201eOberleutnant Kosazky?\u201c, fragte der eine. \u201eJa?\u201c \u201eIch muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie &#8230;\u201c, der Vizeleutnant stockte, er r\u00e4usperte sich, \u201everzeih\u2019n Sie, Herr Oberleutnant, wir haben Befehl, Sie mitzunehmen.\u201c Kosazky zog die Brauen hoch. \u201eWas sagen S\u2019 da?\u201c \u201eWir m\u00fcssen Sie \u2013 \u00e4h, in Gewahrsam nehmen und dem Generalmajor Hohenegg vorf\u00fchren.\u201c \u201eUnd darf ich auch erfahren, worum\u2019s geht?\u201c, fragte der Oberleutnant, sichtlich nerv\u00f6s. \u201eTut mir Leid. Das wollen Ihnen die Herren selber sagen. Ersuche h\u00f6flich, dass Sie Ihre Sachen gleich mitnehmen. Und &#8230;\u201c, er griff nach Kosazkys Aktentasche, \u201edie muss ich leider beschlagnahmen. Vorschrift!\u201c<\/p>\n<p>Offizierstellvertreter Wei\u00df stand hinter den beiden Milit\u00e4rstreifenpolizisten und hob und senkte in einem fort seine Schultern, so, als wollte er bedauern und zeigen, und dass er nichts daf\u00fcr konnte, und dass alles so pl\u00f6tzlich gekommen war. Kosazky warf seinen Kopf stolz in den Nacken und wollte seinen Weg in Richtung Dienstzimmer fortsetzen. Die beiden Polizisten folgten ihm. \u201eSie warten hier!\u201c, befahl er streng, \u201edas w\u00e4r ja noch sch\u00f6ner.\u201c Die beiden schreckten zur\u00fcck. \u201eKomm, Eder, wir trinken derweil den Kaffee\u201c, sagte der Vizeleutnant ged\u00e4mpft. Sie kehrten um. Soeben brachte Wehrmann Dunst zwei Tassen Kaffee. \u201eBitte sehr!\u201c, sagte er und stellte sie auf den Schreibtisch. Wei\u00df wollte protestieren, da sa\u00dfen die Polizisten bereits am Tisch und bedienten sich. \u201eDankesch\u00f6n, junger Mann!\u201c, sagte Oberwachtmeister Eder. Der KVT kehrte zufrieden wieder an sein Tischchen zur\u00fcck, und versuchte umst\u00e4ndlich, das durchtr\u00e4nkte Standesf\u00fchrungsblatt zu trocknen. Schlie\u00dflich war Kosazky zum Abmarsch bereit. \u201eGehen wir!\u201c, sagte er trocken.<\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rstreifen-M\u00e4nner hatten ausgetrunken und erhoben sich. Gemeinsam gingen sie nach drau\u00dfen, wo das Fahrzeug stand. Eder schaltete das Blaulicht ein. \u201eDrehn S\u2019 das ab!\u201c, befahl Kosazky, \u201ewir sind ja hier nicht in Chicago!\u201c<br \/>\nNachdem die Wohnung Oberleutnant Kosazkys ebenso durchsucht worden war wie die des Redakteurs Hans Klein, kam es einige Wochen sp\u00e4ter im Straflandesgericht bereits zu ersten Verhandlungen. Verteidiger Wolfgang Braun ging mit den Ankl\u00e4gern ziemlich hart ins Gericht. Unter der Anwesenheit Kleins, Kosazkys und dessen Verteidiger, wie auch von zahlreichen Angeh\u00f6rigen von Milit\u00e4r und Presse sagte er: \u201eUnd ich meine, verehrte Anwesende, das, was hier passiert, ist ein schwerwiegender Eingriff in die Freiheit der journalistischen Berufsaus\u00fcbung seitens der Beh\u00f6rden! Faktum ist nun eines: Ein Journalist hat sich ganz offensichtlich mit wehrpolitischen Angelegenheiten besch\u00e4ftigt und \u00e4h &#8211; einen brisanten Artikel verfasst. Daraufhin wurden Pressepolizei, Staatspolizei, Staatsanwaltschaft und sogar der milit\u00e4rische Abwehrdienst auf ihn angesetzt.<\/p>\n<p>Man hat den Informanten ausfindig gemacht. Auch gut. Das hat dem Milit\u00e4r intern sehr geschadet. Das sehe ich auch ein. Was ich nicht einsehe, ist, dass man beiden Herren in einer Art zugesetzt hat, die, kann ich nur sagen, menschenunw\u00fcrdig ist! Jawohl! Menschenunw\u00fcrdig! Man hat sie aus ihren Dienststellen geholt &#8230;\u201c, \u201eJa, aus dem Bett!\u201c, rief einer der Zeugen, ein Staatspolizist. \u201eRuhe!\u201c, schnitt ihm der Richter das Wort ab. \u201e&#8230; sie in ein Einsatzfahrzeug verfrachtet und dem Untersuchungsrichter vorgef\u00fchrt. Das soll doch wohl ein Witz sein?\u201c Der Verteidiger war noch lauter geworden. \u201eJe sechs Mann haben die Wohnungen der beiden Angeklagten durchsucht. Auch den Landsitz des Herrn Oberleutnant! Und die Wohnung von Herrn Kleins Eltern. Peinlich, sowas, finden Sie nicht?\u201c Der Verteidiger schn\u00e4uzte sich.<\/p>\n<p>Die Anwesenden unterhielten sich leise. \u201eRuhe!\u201c, forderte sie der Richter auf, \u201eHerr Verteidiger, fahren Sie fort!\u201c \u201eZwei Tage sp\u00e4ter hat man die beiden f\u00fcnf Stunden lang verh\u00f6rt. Klein hat man nicht einmal gestattet, in seiner Dienststelle anzurufen, damit er sich entschuldigen konnte. Herr Oberleutnant Kosazky unterliegt in seinem Vorgehen als Informant selbstverst\u00e4ndlich der Dienstaufsichtsbeh\u00f6rde, das ist mir schon klar. Ich finde es nur kurios, verehrte Anwesende, dass die wahren Urheber dieser Angelegenheit heute nicht zu unserer Verf\u00fcgung stehen k\u00f6nnen. Das sind \u2013 n\u00e4mlich der Herr Verteidigungsminister und noch ein paar sehr prominente Pers\u00f6nlichkeiten!\u201c, donnerte der Verteidiger.<\/p>\n<p>Im Saal wurde es laut. \u201eRuhe!\u201c, rief der Richter abermals und griff zum Hammer. Der Verteidiger ergriff abermals das Wort. \u201eWir sind ein neutrales Land. Oder etwa nicht? Wie kommt es, dass sich Politiker und Milit\u00e4rs dieses Landes am Waffengesetz vergehen? Wo sind hier die wahren Schuldigen, die in dieser Sache zur Verantwortung gezogen werden m\u00fcssten, Herr Rat?\u201c, er blickte den Richter fragend an. \u201eIch teile vollkommen Ihre Ansicht\u201c, sagte der Richter. \u201eNun verstehe ich auch die \u00dcbereifrigkeit des Verteidigungsministeriums\u201c, sagte der Verteidiger etwas gem\u00e4\u00dfigter als vorhin, \u201e damit wollte man einer bereits geahnten Vorverurteilung wohl zuvorkommen, wie? Da hat man Herrn Klein ganz einfach der Aussp\u00e4hung bezichtigt! So einfach ist das. Ihn hat man stundenlang verh\u00f6rt, unter erschwerten Bedingungen. Es ist an der Zeit, und ich bin l\u00e4ngst daf\u00fcr, sich in dieser Angelegenheit dringend an die \u00d6ffentlichkeit zu wenden, meine Herren von der Presse!\u201c, sagte er zu den Reportern gewandt.<br \/>\n\u201eDie Vorgangsweise der Beh\u00f6rden, die sich vor allem gegen das grundlegende Recht der Wahrung des Redaktionsgeheimnisses und den Schutz der journalistischen Informationsquelle gerichtet hat, ist hiermit entschieden zur\u00fcckzuweisen! Handelt es sich dabei doch immerhin um die Grunds\u00e4ulen der journalistischen Arbeit! Wer an ihnen r\u00fcttelt, \u00f6ffnet T\u00fcren f\u00fcr die Farce einer Rechtsprechung, die in einer Demokratie nichts zu suchen hat! In diesem Sinne schlage ich daher vor, in erster Linie den Paragraphen \u00fcber die Aussp\u00e4hung als nicht geeignetes Mittel im Sinne der Pressefreiheit zu behandeln und pl\u00e4diere in logischer Konsequenz seiner Unanwendbarkeit f\u00fcr die Entlastung meines Klienten. Ich danke Ihnen, meine Herren!\u201c, schloss der Verteidiger und setzte sich ersch\u00f6pft, Schwei\u00dfperlen auf der Stirn.<\/p>\n<p>Das Gericht zog sich zur Beratung zur\u00fcck. Nach einer halben Stunde war man zur\u00fcck und verk\u00fcndete das Urteil. Oberleutnant Kosazky und Hans Klein wurden beide freigesprochen. Die Justizbeh\u00f6rden stellten das Verfahren ein. Kosazky fasste seitens seiner Dienststelle ein Disziplinarverfahren wegen unerlaubter Einsichtnahme eines Aktes aus, wurde jedoch nicht degradiert. Hans Klein wechselte bald danach zu den \u201eNachrichten\u201c, und entging so dem j\u00e4mmerlichen Ende der \u201eKleinen \u00d6sterreichischen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um \u2026<\/a>| Inventarnummer: 16078<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte der Woche im Caf\u00e9 Br\u00e4unerhof. \u201eJunger Mann\u201c, fragte Carl Hofbauer den Kellner, \u201ewo ist denn der Franz heute? Dienstfrei, oder was?\u201c Der Kellner kam langsam n\u00e4her, mit einem Geschirrtuch ein Weinglas polierend. \u201eJa, wissen Sie nicht?\u201c, fragte dieser mit ernster Miene. \u201eWas ist passiert?\u201c, Carl richtete sich neugierig auf. 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