{"id":4668,"date":"2016-06-28T17:07:17","date_gmt":"2016-06-28T17:07:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4668"},"modified":"2016-06-30T17:12:13","modified_gmt":"2016-06-30T17:12:13","slug":"im-labyrinth-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4668","title":{"rendered":"Im Labyrinth der Zeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4668&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4668&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><blockquote><p>Se vogliamo che tutto rimanga come \u00e8, bisogna che tutto cambi.<br \/>\n\u2013 Tomasi di Lampedusa: \u201eIl gattopardo\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eParlare, parlare, parlare, so l\u00f6sen wir die Probleme hier in Sizilien.\u201c<\/p>\n<p>Und die Erleichterung steht\u00a0meinem Zimmervermieter ins Gesicht geschrieben, dass mein\u00a0Fernsehanschluss wieder funktioniert, dass das Kabel gefunden worden ist, \u00fcber das die minderbemittelten Maurer von der Baustelle nebenan gestolpert sein m\u00fcssen, dass der Nachbar des einen Nachbarn den richtigen St\u00f6psel gefunden hat und ein anderer Nachbar das richtige Kabel dazu. Ein paar Worte \u00fcber die Niedertr\u00e4chtigkeit der Maurerzunft im Allgemeinen fallen noch, dann l\u00f6st sich die Hausgemeinschaft, die vorher noch so wortreich aufgeregt das schmale G\u00e4sschen vor meinem Quartier bev\u00f6lkert hat, in Wohlgefallen auf, um einer sinnvolleren T\u00e4tigkeit nachzugehen, wie zum Beispiel fernsehen.<\/p>\n<p>Und trotzdem will ein Anflug schlechten Gewissens angesichts des stundenlangen parlare\u00a0nicht aus seiner Miene weichen, meinem Zimmervermieter, und so fragt er mich, ob er mir noch irgendwie helfen k\u00f6nne, mir als Reisendem von n\u00f6rdlich der Alpen, angesichts dieser fremden Stadt hier.<\/p>\n<p>\u201eEine Bar mit einem ordentlichen Wein k\u00f6nnte\u00a0mir jetzt nicht schaden.\u201c<\/p>\n<p>Breit sein Grinsen, seine Lieblingsbar will er mir zeigen. Und los marschieren wir, quer durch Ortigia, dem auf einer Insel vorgelagerten Stadtteil von Siracusa, quer durch das Gassenwerk\u00a0der alten Viertel. Und angesichts der Einfachheit meiner Bitte scheint\u00a0sich seine Zunge gel\u00f6st zu haben, den Fremdenf\u00fchrer im Schnelldurchgang spielt er, hier der normannische Teil, schau dir nur die gotischen Spitzb\u00f6gen an, da der bourbonisch-spanische, siehst du ja an den pr\u00e4chtigen Palazzi, und dort der arabische, ja, die Bauweise gleicht einer Kasbah. Keine zehn Minuten l\u00e4sst er mir Zeit f\u00fcr die Verdauung einer tausendj\u00e4hrigen Kulturgeschichte, die V\u00f6lker aus allen Herren L\u00e4nder auf diese Insel gesp\u00fclt hat, mir schwindelt es im Kopf vor lauter Zeitscheiben,\u00a0gn\u00e4digerweise erspart er mir\u00a0die tausend Jahre davor, die\u00a0Ph\u00f6nizier, Griechen und R\u00f6mer, damals als Wien noch ein Sumpf an der Donau gewesen war.<\/p>\n<p>\u201eDein Quartier ist \u00fcbrigens im ehemaligen j\u00fcdischen Viertel.\u201c<\/p>\n<p>Ja, das habe ich\u00a0mir schon gedacht, angesichts der Tatsache, dass mein gewundenes G\u00e4sschen in eine kaum weniger gewundene, kaum weniger breite Gasse namens\u00a0Via Giudecca m\u00fcndet, \u00fcberhaupt die gesamte Anlage meines Stadtteils, der so gar keine Anstalten zeigt, etwas mit der Au\u00dfenwelt zu tun haben zu wollen, in sich verschroben und verdreht wirkt, und dessen G\u00e4sschen bis auf wenige Ausnahmen in sich selbst zu m\u00fcnden scheinen. Kein Wunder, sind\u00a0es die Juden doch schon seit Jahrhunderten gewohnt, als Erste den Kopf hinhalten zu m\u00fcssen, wenn die Menschen um sie wieder einmal etwas aus der Bahn wirft.<\/p>\n<p>Unser Ziel erreicht haben wir, so scheint es, denn unvermittelt ist er stehengeblieben, voller\u00a0Entt\u00e4uschung in seiner Miene.<\/p>\n<p>\u201eChiuso.\u201c<\/p>\n<p>Ich wiederum mag seine Entt\u00e4uschung nicht teilen, denn als\u00a0ich die Fassade seiner Lieblingsbar genauer in Augenschein nehme, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich dahinter nichts anderes als ein ordin\u00e4res Puff\u00a0verbirgt. Und mir steht das Verlangen tats\u00e4chlich nicht nach mehr als einem Glas Wein, nicht\u00a0heute, nicht nach der ganzen Aufregung wegen eines Fernsehkabels.<\/p>\n<p>Dass er es eilig habe, dass er noch etwas Anderes erledigen m\u00fcsse, damit verabschiedet er sich hastig, dann ist er um die Ecke verschwunden, in einem der verwunschenen G\u00e4sschen. Und hat mich stehengelassen, in\u00a0einem dunklen Winkel des\u00a0labirinto\u00a0von\u00a0Ortigia, an dem ich nie zuvor gewesen bin, von dem ich nicht einmal sagen\u00a0k\u00f6nnte, in welche Himmelsrichtung ich schaue, vielleicht hat er mich gar in einem anderen Jahrhundert ausgesetzt. Egal, setze ich ein paar mich selbst beschwichtigende Schritte, so gro\u00df ist die Inselstadt mit ihren Gassenschluchten nun auch wieder nicht, alle Wege f\u00fchren einen irgendwann an die windige Stadtmauer, an die ein Mittelmeer w\u00fctend seine Brecher schl\u00e4gt, so ganz anders, als es beispielsweise in der Bucht von Venedig vor sich hind\u00fcmpelt.<\/p>\n<p>Keine zwei Gassenwindungen weiter umsp\u00fclt sanfter Jazz meine Ohren, wie von Sirenen lasse ich mich von ihm dazu verf\u00fchren, seinen Kl\u00e4ngen zu folgen, und tats\u00e4chlich, da ist sie leibhaftig, die Bar, die ich mir in meinen W\u00fcnschen ausgemalt\u00a0habe. Schnell komme ich mit dem Barbesitzer ins Gespr\u00e4ch, mit dem ersehnten Glas\u00a0vino\u00a0in der Hand, und stelle ihm die unvermeidliche Touristenfrage, wie es Ortigia so ergangen ist, seit der Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe \u2013 eine Frage, die ich sogleich bereuen sollte.<\/p>\n<p>\u201ePeggiora, peggiora, peggiora.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter geht sein Sermon, wie hier alles vor die Hunde geht,\u00a0sich nichts \u00e4ndert, zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone h\u00e4tte Ortigia schon l\u00e4ngst umgebaut werden sollen, aber dass die Reichen sich dagegen str\u00e4uben, weil sie mit ihren Autos weiterhin hereinfahren wollen, obwohl es doch sowieso keine Parkpl\u00e4tze gibt, und au\u00dferdem schei\u00dfen die Hunde die Gassen voll und keinen k\u00fcmmert es.<\/p>\n<p>Unverkennbar geh\u00f6rt der Barbesitzer zu der jungen zornigen Generation von Sizilianern, die auf Grund der miserablen wirtschaftlichen Lage schon die halbe Welt gesehen haben und mit dem frischen Wind ihrer Ideen ihre Heimat umgestalten wollen. Ein zweischneidiges Schwert, so denke ich mir im Stillen, einerseits kann ich seinen Unmut\u00a0nur allzu gut\u00a0nachvollziehen, andererseits \u00fcberkommt mich das\u00a0traurige Gef\u00fchl, die Insel\u00a0in dieser Form zum letzten Mal gesehen zu haben: In sp\u00e4testens zwanzig Jahren wird Ortigia von den Gesch\u00e4ftemachern vereinnahmt\u00a0worden sein, zur\u00a0zona turistica verkommen sein, durch dessen Gassen sich quengelnde Deutsche und rosige Engl\u00e4nder vorbei an L\u00e4den\u00a0voller Souvenir-Schnickschnack schieben; und abends in internationalen Bars beschallt von\u00a0internationaler Hitparade mit\u00a0internationalen Longdrinks in der Hand\u00a0um sich\u00a0gr\u00f6len.<\/p>\n<p>\u201e\u00d6sterreicher?\u201c, fragt mich jemand in den R\u00fccken, in einer mir unerwartet heimatvers\u00f6hnlichen\u00a0Sprache, die mich nach einer Woche mit\u00a0schwierigem Italienisch und unverst\u00e4ndlichem Sizilianisch\u00a0einige Sekunden kostet, um den richtigen\u00a0Schalter in meinem Kopf umzulegen. Zwei M\u00e4dchen sind es, die am Tisch hinter mir sitzen, und wie mich die eine, eine Tirolerin, als ihren Landsmann entlarven konnte, wird ewig ein R\u00e4tsel vor dem Herrn bleiben. Aus der Po-Ebene die andere, Padova, um genau zu sein, also beide Ausl\u00e4nder der ersten Kategorie gleich mir, hier in Ortigia, der Siracusa vorgelagerten Insel im tiefsten S\u00fcden Siziliens.<\/p>\n<p>Nach meinem Glas Wein fasse ich und\u00a0setze mich an ihren Tisch, und nach dem ersten Schlagabtausch der \u00fcblichen Klischees, was das Leben n\u00f6rdlich und s\u00fcdlich von Hannibals Alpen unterscheidet, nach einiger Vertrautheit und einigen Gl\u00e4sern schlie\u00dflich die gegenseitige Beichte, welche Winkelz\u00fcge des Schicksals uns jeweils hierher verschlagen haben. Eine Heirat die eine, Schafeh\u00fcten auf einer sizilianischen\u00a0Alm die andere, aber den mir gebotenen\u00a0Erz\u00e4hlungen\u00a0fehlt es an l\u00e4ssiger Glattheit, komplizierte Lebensgeschichten einschlie\u00dflich erlittener\u00a0Niederlagen spiegeln sich darin.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend\u00a0ich Glas f\u00fcr Glas Wein die Groteske unseres Dreiecks klarer in Augenschein nehme, einerseits das M\u00e4dchen aus Padova, das sich hierher gefl\u00fcchtet hat, um in einer Zeitscheibe Urlaub vom Leben zu nehmen, andererseits die Tirolerin, aus deren Mienenspiel\u00a0ich ablesen kann, dass sie hier festklebt, nicht mehr weg kann, ihren Aufenthalt hier Monat f\u00fcr Monat hinausz\u00f6gern wird, und schlie\u00dflich mich mittendrin, den ein zerbrochener Lebensabschnitt bis in den s\u00fcdlichsten Winkel Siziliens fl\u00fcchten\u00a0hat lassen, um wieder zu einem klaren Gedanken zu gelangen, kommt mir ein\u00a0Zitat aus einem ber\u00fchmten sizilianischen Roman in den Sinn:<\/p>\n<p>\u201eWenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird sich alles \u00e4ndern m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16077<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Se vogliamo che tutto rimanga come \u00e8, bisogna che tutto cambi. \u2013 Tomasi di Lampedusa: \u201eIl gattopardo\u201c \u201eParlare, parlare, parlare, so l\u00f6sen wir die Probleme hier in Sizilien.\u201c Und die Erleichterung steht\u00a0meinem Zimmervermieter ins Gesicht geschrieben, dass mein\u00a0Fernsehanschluss wieder funktioniert, dass das Kabel gefunden worden ist, \u00fcber das die minderbemittelten Maurer von der Baustelle nebenan [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[10],"class_list":["post-4668","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4668","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4668"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4668\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4672,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4668\/revisions\/4672"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4668"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4668"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4668"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}