{"id":4577,"date":"2016-06-06T11:16:22","date_gmt":"2016-06-06T11:16:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4577"},"modified":"2016-06-09T08:53:50","modified_gmt":"2016-06-09T08:53:50","slug":"freibeuter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4577","title":{"rendered":"Freibeuter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4577&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4577&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich wachte auf, weil mein K\u00f6rper nach Nikotin schrie. Es passierte noch nicht lange, dass ich von dem Drang, eine Zigarette zu rauchen, aufwachte. War ich tats\u00e4chlich schon so s\u00fcchtig? Wie traurig. Ich sp\u00e4hte auf den Wecker auf meinem Nachtk\u00e4stchen und erstarrte kurz, als ich feststellen musste, gar nicht in meinem Bett zu sein. Es dauerte einen Augenblick, bis mir die Ereignisse der gestrigen Nacht wieder in den Sinn kamen.<br \/>\nIch war in meiner Wohnung, auf meiner schwarzen Couch, die ich von Zuhause mitnehmen durfte, als ich vor ein paar Wochen auszog. Ich wollte mein Single-Dasein ausnutzen, mit jeder Faser meines K\u00f6rpers, und da ich jetzt endlich eine eigene Wohnung in der Stadt hatte, war das auch m\u00f6glich \u2013 ohne, dass der n\u00e4chtliche Besuch zum gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck mit meiner Familie bleiben musste.<br \/>\nAlles war, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Eine eigene Wohnung, ein Studiengang, der mir gef\u00e4llt, keine Verpflichtungen, nach Hause kommen, wann ich m\u00f6chte, bis sp\u00e4t nachts fernsehen, all diese Dinge waren f\u00fcr mich die Definition von Freiheit, und ich genoss jeden Augenblick.<\/p>\n<p>Weiter konnte ich nicht denken, ich musste eine Zigarette rauchen. Ich wand mich so langsam und leise wie es irgend m\u00f6glich war unter dem Arm meiner Diskobekanntschaft und schl\u00fcpfte in das M\u00e4nner-T-Shirt. Eine weitere Vorstellung meiner Fantasie, am n\u00e4chsten Morgen Kaffee und R\u00fchreier im Hemd des Typen zuzubereiten. Leider trug Christian kein Hemd, nur ein schwarzes langes Shirt mit V-Ausschnitt.<br \/>\nOhne H\u00f6schen schl\u00fcpfte ich hinaus auf den Balkon und z\u00fcndete mir eine Zigarette an. Ich bemerkte, dass es noch relativ d\u00e4mmrig war und sp\u00e4hte durch den Vorhang in die Wohnung, um einen Blick auf die Uhr zu erhaschen. Erst sechs. Wir waren vor drei Stunden nach Hause gewankt und ich rauchte schon wieder? Ich sch\u00fcttelte den Kopf \u00fcber meine Sucht und \u00e4rgerte mich, genoss aber auch den kalten Rauch, der meine Lungen f\u00fcllte, bevor ich ihn ausblies.<\/p>\n<p>Meine Wohnung lag im obersten Stock, was mir den Blick auf die Donau erm\u00f6glichte und auch sonst den \u00dcberblick \u00fcber die Stra\u00dfe und die anderen Wohnungen. Ich \u00fcberlegte, wo mein Exfreund gerade war, dessen Wohnung schr\u00e4g gegen\u00fcber meiner eigenen lag. Und insgeheim w\u00fcnschte ich, Christian w\u00fcrde herauskommen, mit nacktem Oberk\u00f6rper, den Arm um mich legen, mein Ex w\u00fcrde heraustreten und zu meinem Balkon hinaufsehen und nat\u00fcrlich mich, mit diesem Bild von einem Mann, da stehen sehen.<br \/>\nWoher es r\u00fchrte, dass ich unbedingt wollte, dass er sah, dass ich ihn nicht brauchte, wusste ich nicht. Aber ich w\u00fcnschte es mir.<br \/>\nIch hatte schon wieder so lange nachgedacht, dass ich den Filter mitrauchte, was furchtbar schmeckte, und ich dr\u00fcckte \u00e4rgerlich den winzigen Stummel in den lila Blumentopf, der auf dem Rand des Gel\u00e4nders stand. Wenn meine Mutter zu Besuch war, was zum Gl\u00fcck selten der Fall war, weil sie meine \u201eH\u00f6hle\u201c als \u201eRattenloch\u201c bezeichnete, meinte sie jedes Mal mit erhobenem Finger, ich sollte diesen Blumentopf von dem wackligen Gel\u00e4nder stellen, irgendwann fiele er noch herunter und einem Radfahrer auf den Kopf.<br \/>\nAus Protest lie\u00df ich den Blumentopf dort stehen.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte kurz, ob ich Kaffee machen sollte, aber dann fiel mir die Uhrzeit ein und ich beschloss, mir noch die Z\u00e4hne zu putzen und mich dann wieder neben Christian zu legen.<br \/>\nAls ich wieder neben ihm lag und vorsichtig versuchte, seinen Arm wieder um mich zu legen, weil das ja eigentlich doch ganz sch\u00f6n gewesen war, kam mir mein Gl\u00fcck unglaublich vor. Mein Leben war perfekt und er, dieser wundersch\u00f6ne, gro\u00dfe, starke, 30-j\u00e4hrige Mann, ich hatte ihn verf\u00fchrt, obwohl er mir, als ich sechzehn war, schon zu verstehen gegeben hatte, dass ich uninteressant war.<br \/>\nAber jetzt war ich zwanzig, ich hatte einen Po und Br\u00fcste bekommen, war von dem burschikosen Jungenhaarschnitt abgekommen und warf nun meine langen Locken l\u00e4ssig \u00fcber die Schulter. Das musste Eindruck gemacht haben. Oder er war nur zu betrunken, um zu kapieren, dass er mit mir mitzog. Ich schob diesen schmerzlichen Gedanken gleich beiseite, denn ich hatte eines gelernt, seit ich von Zuhause weg war: Ich durfte mich nicht selbst immer so herabsetzen. Also beschloss ich, die ganze Geschichte, wie Christian und ich uns kennengelernt hatten, noch einmal in meinem Kopf Revue passieren zu lassen. Dabei sah ich ihm beim Schlafen zu und er wirkte friedlich, war wundersch\u00f6n und sah jung aus. Schlie\u00dflich schlief auch ich noch einmal ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Geruch von frischem Kaffee weckte mich und ich blinzelte. Ich sah sie an der K\u00fcchenzeile stehen, sie hantierte mit Geschirr, es war so hell, dass ich wie ein Welpe die Augen nur einen kleinen Spalt \u00f6ffnete. Sie trug mein T-Shirt und das sah hei\u00df aus. Verdammt, wie jung war dieses M\u00e4dchen? Ich drehte mich zur Seite, um sie besser beobachten zu k\u00f6nnen. Sobald sie sich zur Couch wandte, machte ich die Augen zu. Ich brauchte einfach ein paar Minuten, um mir alles wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen. Aber das hatte noch kurz Zeit, denn sie streckte sich, um eine Tasse aus dem Regal zu holen, was mir freien Blick auf ihren unbekleideten Hintern gab.<br \/>\nVerdammt bist du gut, drei\u00dfig am Arsch, man ist so alt, wie man sich f\u00fchlt. Ich musste trotzdem noch herausfinden, wie alt sie wirklich war.<br \/>\nDie Tatsache, dass sie mein Shirt trug, ihre Klamotten hier im Zimmer verstreut lagen und ich meine gar nicht erst fand, sprach B\u00e4nde. Die Kleine war schon s\u00fc\u00df, aber ich hatte keine Ahnung mehr, woher ich sie kannte. Ja, aus der Disko von gestern Nacht, aber sie kam mir unglaublich bekannt vor. Ich beobachtete sie noch eine Weile, wie sie den Tisch deckte und dann hinaus auf den Balkon zum Rauchen ging.<\/p>\n<p>Ihre Handtasche lag nur eine Arml\u00e4nge entfernt und mein Gott, ich wusste nicht wieviel Zeug Frauen in ihrer Handtasche herumtrugen. Nachdem ich den Personalausweis gefunden, das Alter \u00fcberpr\u00fcft und mir das Bild genau angesehen hatte, fiel es mir wieder ein. Als sie bei mir gearbeitet hatte, waren ihre Haare sehr kurz gewesen. Damals war sie so jung gewesen, und als ich sie au\u00dferhalb des Kindergartens traf, in dem ich arbeitete und sie Praktikantin war, abends in der Disko, in der ich Bar-Chef war, sagte ich ihr, ich w\u00fcrde ihr, wenn sie achtzehn w\u00e4re, einen Schnaps ausgeben.<br \/>\nUnd mit diesem Spruch hatte sie mich gestern angesprochen. Sie erinnerte mich an mein Versprechen mit einem schiefen Grinsen im Gesicht und meinte, ich m\u00fcsste ihr mehr Schn\u00e4pse ausgeben, f\u00fcr jedes verpasste Jahr einen. Die Nacht zuvor war mir ihr Alter sowas von egal gewesen, aber jetzt war es anders. Drei\u00dfig und zwanzig, das war schon ein gro\u00dfer Unterschied. Aber andererseits, wirkte sie auch nicht wie erst 20. Zumindest nicht gestern Nacht. Vielleicht am n\u00e4chsten Morgen, wenn sie mein T-Shirt trug und ich wieder n\u00fcchtern war\u2026<\/p>\n<p>Sie hatte fertig geraucht und ich schloss blitzschnell die Augen. Doch als ich h\u00f6rte, dass sie anfing zu kochen und mir kurz darauf der Duft von R\u00fchreiern in die Nase stieg, gab ich mich zu erkennen, indem ich die Arme nach oben streckte und g\u00e4hnte. Sie sah zu mir her\u00fcber, fl\u00fcsterte \u201eGuten Morgen\u201c und ich l\u00e4chelte sie an. Sie schien unkompliziert zu sein, und das war es, was mir bisher fehlte. Ungezwungene N\u00e4chte, die unkompliziert enden. Wir fr\u00fchst\u00fcckten zusammen und danach zog sie mich raus auf den Balkon, sie z\u00fcndete sich eine Zigarette an und ich legte den Arm um sie. Es war vielleicht gerade mal 10 Uhr und die ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages kitzelten mich auf der Brust, mein T-Shirt trug immer noch sie. Wir beobachteten einen jungen Mann, der aus der Wohnung schr\u00e4g gegen\u00fcber kam und zu unserem Balkon hinaufblickte. Ich k\u00fcsste sie, sie l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>Ich wusste nicht, ob es Regeln gab, dass man nach einer unverbindlichen Nacht nicht mehr zum Fr\u00fchst\u00fcck blieb oder k\u00fcsste. Ich hatte ja nur schwierige Frauen erlebt, die mich gleich heiraten wollten, deswegen war mein Vorsatz eigentlich, nie wieder mit einer nach dem Feiern mitzugehen. Sie hatte es irgendwie geschafft, und die Tatsache, dass wir uns vorher schon kannten und zusammen gearbeitet hatten, machte das Ganze aufregend.<br \/>\nWir gingen wieder in die Wohnung und ich bekam Panik, wie ich ihr am besten sagen sollte, dass ich abhauen wollte. Doch sie machte den Anfang. Sie zog mein Shirt aus und stand nackt vor mir. Mit den Worten \u201cIch hab heute noch viel zu tun\u201c reichte sie mir mein Oberteil und suchte ihre eigenen Sachen zusammen.<br \/>\nIch war erstaunt und pl\u00f6tzlich suchte ich Gr\u00fcnde, noch zu bleiben. Ich fragte nach noch einer Tasse Kaffee, die sie mir l\u00e4chelnd gew\u00e4hrte, jedoch mit dem Satz \u201eDanach solltest du aber wirklich los\u201c, eindeutig zu verstehen gab, dass ich gehen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach seiner dritten Tasse Kaffee brachte ich ihn endlich zur T\u00fcr. Ich brauchte dringend Ruhe und ja, die Nacht war sehr toll, aber es war Morgen, und am Morgen sollten die M\u00e4nner wieder gehen.<br \/>\nEine schnelle Umarmung und ein \u201eAlso-bis-dann\u201c lie\u00dfen mich hoffen.<br \/>\nIch schloss die T\u00fcr und kaum hatte ich sie zugeschlagen, klingelte es. \u201eIch hab was vergessen, krieg ich deine Nummer?\u201c Ach verdammt. Ich bat ihn, mir seine zu geben, da ich meine nicht auswendig wusste. Das war gelogen. Ich schloss die T\u00fcr und wieder klingelte es gleich darauf. \u201eIch hab noch was vergessen\u201c, sagte er, gab mir einen Kuss und meinte, er warte auf meinen Anruf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lena Vilsmeier<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=432\">Vorhang auf f\u00fcr den Nachwuchs<\/a>| Inventarnummer: 16065<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wachte auf, weil mein K\u00f6rper nach Nikotin schrie. Es passierte noch nicht lange, dass ich von dem Drang, eine Zigarette zu rauchen, aufwachte. War ich tats\u00e4chlich schon so s\u00fcchtig? Wie traurig. Ich sp\u00e4hte auf den Wecker auf meinem Nachtk\u00e4stchen und erstarrte kurz, als ich feststellen musste, gar nicht in meinem Bett zu sein. 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