{"id":4547,"date":"2016-05-31T17:58:31","date_gmt":"2016-05-31T17:58:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4547"},"modified":"2016-06-03T07:34:23","modified_gmt":"2016-06-03T07:34:23","slug":"kusch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4547","title":{"rendered":"Kusch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4547&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4547&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Endlich ein warmer Tag! Nach einem halben Jahr Winter sehnen sich K\u00f6rper und Seele nach der Sonne wie die Blumen nach dem Wasser. Da ist mein Rad. Mein italienisches Rennrad. Nicht unbedingt das neueste Modell. Muss ja nicht unbedingt sein. Den Winter \u00fcber in der Garage gestanden. Von Spinnweben \u00fcberzogen befreie ich es erstmal davon. Ich fahre immer wieder dieselbe Strecke. Egal. Ich werde nicht m\u00fcde dabei. Im Gegenteil. Ich kenne jetzt beinahe jeden Maulwurfsh\u00fcgel, der den Radweg s\u00e4umt. Ok, die neuen unter ihnen nat\u00fcrlich nicht. Aber immerhin jedes Schlagloch. Die Reifen meines Bikes sind sehr schmal. Jeder gr\u00f6\u00dfere Stein k\u00f6nnte die Felge besch\u00e4digen. Man muss h\u00f6llisch aufpassen, damit das nicht passiert.<\/p>\n<p>Unglaublich, wie viele Gr\u00fcns die Landschaft zu bieten hat. Dort vorne ist ein Rapsfeld. Das ist gelb. Und wie gelb! Der s\u00fc\u00dfe Geruch steigt in die Nase. \u00dcber mir fiept ein Falke. Hat wohl ein M\u00e4uschen ausgemacht im Acker. Arme Maus. Jetzt bist du dran! Ich aber schon auch, gell. Denn da vorne ist ein Gartentor offen und auf der Rasenfl\u00e4che steht ein \u2013 ein Dobermann. Nein, ein Rottweiler, dessen Hinterteil mir zugewandt ist. Ich h\u00f6re kurz zu treten auf. Die Zahnr\u00e4der meines Rades surren munter weiter. Ob er das h\u00f6rt? Was tu ich, wenn der herausrennt? Ich habe eine kurze Hose an. Die nackten Waden dr\u00e4ngen sich f\u00f6rmlich auf, hineinzubei\u00dfen. Gleich bin ich vor\u00fcber. Bis jetzt hat er sich nicht umgedreht. Er bemerkt mich gar nicht, der Unhold, der nachl\u00e4ssige. Ich w\u00fcrde ihm heute das Futter verweigern. Was f\u00fcr eine Dienstauffassung! Uff! Vorbei. Das ist nochmal gutgegangen. Jetzt aber Gas und nichts wie weg. Unm\u00f6glich, dass er mich noch einholen k\u00f6nnte. Ich erw\u00e4ge einen anderen R\u00fcckweg zu nehmen.<\/p>\n<p>Mein Freund hatte einen Berner Sennenhund, der auf den Namen Panz\u00a0\u00a0 n i c h t\u00a0 \u00a0h\u00f6rte. Ein hochsensibles Tier. Immer dann, wenn er das Mopedger\u00e4usch des Postlers vernahm, raste er durch den Garten den Zaun entlang und setzte jedes Mal mit einem k\u00fchnen Sprung \u00fcber denselben, sobald der Mann daran vorbeifuhr. Naturgem\u00e4\u00df hatte er den armen Kerl dann an der Hose. Irgendwann hat der Brieftr\u00e4ger das Handtuch geworfen und gek\u00fcndigt, habe ich erfahren.<\/p>\n<p>Nun, mit etwas Feingef\u00fchl k\u00f6nnten Hundebesitzer die zahlreichen Differenzen um ihr Getier vermeiden, denn schlie\u00dflich haben Spazierg\u00e4nger, Jogger oder Radfahrer ein Recht, \u00a0die Natur genie\u00dfen zu k\u00f6nnen und auf einen gesicherten Auslauf, ohne sich gleich in die Hose machen zu m\u00fcssen, wenn so ein unberechenbares Monstrum w\u00fctend bellend mit aufgerissenem Maul auf sie zu kommt. Man darf also erwarten, dass Hundebesitzer ihre Bestien an die Leine nehmen, oder zumindest f\u00fcr geschlossene Pforten in ihren Refugien sorgen. Was soll man denn schlie\u00dflich in so einem Fall selbst tun? Man sucht in der Regel nach Hilfe. Nur woher soll die kommen? Von einem hohen Baum vielleicht? Den zu ersteigen sind manch freilaufende Naturliebhaber k\u00f6rperlich oft nicht mehr imstande. Und woher soll man wissen, ob das Luder gef\u00e4hrlich ist oder blo\u00df neugierig oder gar nur spielen will?<\/p>\n<p>Die ganz G\u2019scheiten sagen, man muss die Warnsignale \u201ed\u00f6s T\u00fcres\u201c beobachten. Ob es die Nackenhaare aufstellt etwa. Ob das Biest knurrt oder die Lefzen hochzieht. Wird es steif und bewegt sich vorerst ganz langsam, dann ist normalerweise Gefahr im Verzug. Wedeln w\u00e4re gut, dann is\u2019 es friedlich. Aber die gaaanz G\u2019scheiten meinen, das is\u2018 nix, es kann wedeln wie es will und schnappt dann trotzdem zu, das Sauviech. Also was jetzt? Wie sollst du dich da richtig verhalten, frag ich mich? So tun, als ob das Untier gar nicht da w\u00e4re? Eh, versuch das mal bei einem achtzig Kilo R\u00fcden. Der zeigt dir schon, dass er da ist, darauf kannst du Gift nehmen. Andere raten, langsam weitergehen, so ganz normal. Und blo\u00df nicht ansprechen. Stehenbleiben schon gar nicht. Und auf keinen Fall anfassen! Also das w\u00e4r ganz falsch. Davonlaufen t\u00e4t ich auch nicht. Das n\u00e4hrt blo\u00df den Jagdtrieb. Und den wollen wir sicher nicht wecken, wenn wir schon wie Beute aussehen.<\/p>\n<p>Da vorne ist ein Bauernhof, man riecht es. Die haben drei\u00dfig K\u00fche im Stall und die T\u00fcr ist offen. Davor ist eine Mistlacke, so schwarz wie das Wasser in einem schottischen Hochmoor. Im Dartmoor angekommen, will sich der verzweifelte Henry erschie\u00dfen. Er kann jedoch von Sherlock Holmes und John davon abgehalten werden. Holmes erkl\u00e4rt diesem, dass er den Hund zwar geh\u00f6rt, aber nicht gesehen h\u00e4tte, der seinen Vater get\u00f6tet hatte. Aber er h\u00e4tte einen Mann gesehen. Da pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte ein furchtbares tiefes Bellen und eine unheimlich aussehende riesige Bestie mit tigerartigen Z\u00e4hnen im weit aufgerissenen Maul kommt auf sie zu. Sherlock bemerkt, dass nicht der Zucker im Kaffee die Wahnvorstellungen ausgel\u00f6st hat, sondern der Nebel rund um sie herum. Aber Dr. Watson ist auf der Hut. Er und Kommissar Lestrade erschie\u00dfen die Bestie, die in Wirklichkeit nur der Hund von Gary und Billy war, den die beiden freigelassen hatten, da sie es nicht \u00fcbers Herz gebracht h\u00e4tten, ihn einschl\u00e4fern zu lassen. So, oder so \u00e4hnlich ging die Geschichte wohl.<\/p>\n<p>Verdammt, jetzt bin ich doch auf einen gr\u00f6\u00dferen Stein aufgefahren, in Gedanken wie ich war, ohne auf den Weg zu achten. Meine arme Felge!, denke ich und steige kurz ab, um sie n\u00e4her in Augenschein zu nehmen. Aber sie ist nicht verbogen, Gott sei Dank. Dann also weiter, den H\u00fcgel dort hinauf und die Bundesstra\u00dfe entlang, parallel am Radweg.<\/p>\n<p>Wenn ich diesen Weg zur\u00fcckfahre, ist das Tor hoffentlich geschlossen, leide ich vor mich hin. Hund an der Leine, f\u00e4llt mit ein, macht den Raufer in ihm erst so richtig stark. Der ist aber nicht an der Leine. Also finde ich mich gedanklich mit geschlossenem Tor ab. Sind jedoch zwei solcher Brownies und Blackies und Waldis und wie sie alle hei\u00dfen in eine Bei\u00dferei verwickelt, sollte man sich lieber nicht einmischen und dazwischengehen. Bl\u00f6d w\u00fcrde ich sein, denke ich. Eventuell dann, vielleicht, wenn einer eindeutig der Schw\u00e4chere ist. Den muss man retten. So ein Schmarren! Was gehen mich die Hunde an! Ich habe schon genug mit meinem inneren Schweinehund zu tun. Die Chance, dass man dabei gebissen wird, ist relativ gut. Wer das will, na bitte! Wenn die im Blutrausch nicht Freund vom Feind unterscheiden k\u00f6nnen, selber schuld, sage ich.<\/p>\n<p>Da! Da vorne ist mein Wendeplatz. Genug f\u00fcr heute. Zehn Kilometer, macht zwanzig hin und retour. Reicht f\u00fcrs Kreislauftraining, finde ich, bleibe kurz stehen und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. Strecken ist wichtig danach, ich bin schon ganz verbogen wegen des Rennlenkers. Ja, Sport ist Mord! Ich wende und trete wieder voll rein. Vor meinem geistigen Auge steht der braune Rottweiler. Rostbraun, denke ich. Wieso ist der rostbraun? Ich kenne nur schwarze. Aber noch bin ich ja nicht da. Dort dr\u00fcber stehen zwei Rehe. Is\u2019 ja s\u00fc\u00df. Jetzt bemerke ich, ein Junges ist auch dabei. Entz\u00fcckend! Sie sehen zu mir r\u00fcber. Hi! Ich hebe den Arm und winke. Scheint sie nicht im Geringsten zu ber\u00fchren. Ich habe nicht erwartet, dass eines von ihnen den Huf hebt. Trotzdem.<\/p>\n<p>Wieder beim Kuhstall vorbei. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten, dann passiere ich den mysteri\u00f6sen Garten mit seinem nachl\u00e4ssigen W\u00e4chter. Ich gehe nochmals die Regeln durch. Den Kl\u00e4ffer also nicht ansehen. Normal weiterfahren. Nur dann langsamer werden, wenn das Ungeheuer bellt oder sich anschickt, hinterher zu jagen. Ruhig mit ihm sprechen. Ich dachte, nicht anreden? Was jetzt? Vielleicht ein Kommando loslassen, so wie \u201egeh Platz\u201c oder \u201eaus\u201c! Oder mit der Hand nach unten weisen und ihn kurz und streng anschauen. Ich muss lachen. Grade, wenn der mich am Wadel hat, werd\u2019 ich \u201ePlatz\u201c rufen. Eh klar. Ich ziehe den Mund zu einem breiten Grinsen. Der wird sich einen Dreck um meine Kommandos scheren, so sieht\u2019s aus, weil der mitnichten auf sein Herrl h\u00f6rt, wenn\u2019s ihn juckt, das kenn ich schon. Auf gar keinen Fall mit den Armen herumfuchteln. H\u00e4nde am R\u00fccken oder in die Taschen. Schwachsinn, geht gar nicht, sonst flieg ich vom Rad.<\/p>\n<p>Mit ausreichendem Abstand nicht allzu schnell vorbeifahren, \u00fcberlege ich mir. Damit ich den Hund nicht erschrecke. Genau! Ich lache wieder, diesmal laut. Wer da wen erschreckt, m\u00f6chte ich wissen! Eventuell klingeln. Wieso? Ich dachte, kein Ger\u00e4usch verursachen? Was mir so alles einf\u00e4llt in der Angst, ich muss mich doch sehr wundern. Au\u00dferdem hab ich gar keine Klingel, jedes noch so kleine Gewicht w\u00e4re zu viel f\u00fcr so ein schnelles Rad, habe ich beschlossen. Am besten etwas bremsen. Blo\u00df nicht. Mit gen\u00fcgend Tempo kriegt er mich vielleicht nicht, oder? Der Hund ist in jedem Fall schneller, h\u00f6re ich immer. Stehen bleiben und auf der anderen Seite vom Rad in Deckung gehen. Rad ist also zwischen mir und dem Bastard, wenn sich kein Besitzer zeigt. Aber der ist nicht deppert, der riecht den Braten und rennt hinten herum, schneller als ich wenden kann, und dann bin ich\u2019s!<\/p>\n<p>Als kleiner Junge war ich mit dem Vater einmal um Zement im Bauhof. Wir hatten eine Schiebtruhe mit, ich war beim Vater eingeh\u00e4ngt, am Rockzipfel sozusagen, denn dort lief ein semmelblonder Sch\u00e4ferhund herum mit schwarzen Flecken, und es war bekannt, dass der Kinder nicht mochte. Warum sollte er also gerade mich m\u00f6gen? Also musste es kommen, wie es kam. Wir hatten schon aufgeladen und schoben die Karre eben zum Tor hinaus, da wetzt der K\u00f6ter gerade auf mich zu und bei\u00dft mich in den Oberschenkel. Ich br\u00fclle aus Leibeskr\u00e4ften (v\u00f6llig falsche Reaktion, heute wei\u00df ich es), bis der Besitzer gelaufen kommt und ihn an die Leine nimmt. H\u00e4tt\u2019 er das nicht schon vorher tun k\u00f6nnen? Mein Oberschenkel wird rotblau. Ich muss zum Arzt und kriege eine Tetanusspritze. Super!<\/p>\n<p>Die Luderviecher riechen seit damals schon von weitem, dass ich ordentlich Spundus hab vor ihnen und n\u00fctzen das alle weidlich aus, mir Angst zu machen. Heute noch, als Erwachsenem! Sch\u00f6nes Trauma hab ich mir da zusammengetr\u00e4umt! In einem klugen Hundebuch habe ich einmal gelesen, besser auf den Besitzer warten, wenn\u2019s brenzlig wird, das ist witzig! Und jetzt wird\u2019s langsam brenzlig. Hinter der n\u00e4chsten Kurve liegt schon der verflixte Garten mit dem \u00fcberdimensionalen Rollmops darin. Ich werde mich auf kurze Kommandos festlegen, wenn er rauskommt. \u201eSteh!\u201c Oder \u201egeh in Oasch!\u201c, grinse ich. Nein, das sagt man nicht, w\u00fcrde mich meine Gattin ermahnen.<br \/>\nDiesmal ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben, denn ich kann \u00a0\u00a0i\u00a0 h\u00a0 n \u00a0bereits auf der kurz geschorenen Rasenfl\u00e4che erkennen. Er steht noch genauso da wie vorhin, f\u00e4llt mir auf. Seine Lieblingsstellung nehm ich mal an. Wie der wohl von vorne aussieht? Grauenhafte Visage mit rasiermesserscharfen gefletschten Z\u00e4hnen. Speichel trieft aus seinem entsetzlichen Maul.<\/p>\n<p>Vater hat immer gesagt, stets vorher fragen, wenn man einen Hund streicheln will. Wer will ihn streicheln, zum Geier? Wenn kein Besitzer zu sehen ist, ganz einfach nicht hingehen. Tu ich sicher nicht, das Gegenteil ist der Fall. Wenn schon, dann erst die Hand beschn\u00fcffeln lassen. Zack, hat er dich schon! Wie ich mir das so vorstelle! Und dann erst streicheln, aber nicht fest anfassen. So bled (sic!) werd ich sein! Ich geh\u00f6re zu den \u00e4ngstlichen Kindern, also muss ich lernen, ruhig zu sein und darf nicht quietschen. Wie, davor oder nachdem er mich gebissen hat? Und hinter den Eltern verstecken geht gar nicht, das ist unfair, sagt der Moppel, komm sofort hinter Mamas Kittel hervor, das gilt nicht! Wie soll ich dich denn dort schnappen, nicht? Noch schlimmer ist es, wenn die zu zweit oder zu dritt sind. Dann stacheln sie sich gegenseitig an, den vermeintlichen Gegner fertigzumachen. Aber man muss es listig anstellen, den Ausl\u00f6ser f\u00fcr ihr instinktives Jagverhalten ausschalten, und das hei\u00dft: nicht laufen, nicht schreien, stehen bleiben und ganz ruhig sein. Rad fahren schon gar nicht! Das Ruhigsein m\u00fcsste ich vorerst einmal \u00fcben. Vielleicht mit Hinfallen und den Hals mit angewinkelten Armen sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Oh Gott! Mir wird \u00fcbel. Es kann jetzt nicht mehr weit sein, bis zum offenen Gartentor. Die Superg\u2019scheiten sagen auch, es w\u00e4re \u00e4u\u00dferst selten, dass scharfe Hunde Menschen so ganz wahllos angreifen. Wahllos? Der da w\u00e4hlt sicher aus, und zwar mich! Wei\u00df meiner da vorne das auch, dass er selten bei\u00dfen soll, frag ich mich? Vielleicht hat er schon lange nicht gebissen und will an mir blo\u00df \u00fcben? Egal, denn dann habe ich ohnehin nur zwei M\u00f6glichkeiten, entweder es kommt wer, der ihn wegholt, oder ich kann abhauen. Fifty-fifty. Wegfahren in diesem Fall, versteht sich. Ich \u00fcbe also schon mal Blick abwenden und Arme entspannt am Lenker liegen lassen. Sollte ihn das kalt lassen, dann eben ein \u201eKusch\u201c oder so \u00e4hnlich. Ich kann nur hoffen, dass er deutschsprachig abgerichtet wurde, und nicht serbokroatisch. Da m\u00fcsste ich passen. Wenn er zupackt, dann jedenfalls \u201enein!\u201c, aber \u00fcberdeutlich.<\/p>\n<p>Dann geht noch &#8211; m\u00f6glichst Distanz schaffen. Ich trete also wie irre in die Pedale. Is\u2019 er noch immer da, vielleicht besser ablenken. Ich k\u00f6nnte ja meine Trinkflasche wegwerfen und rufen, \u201ehol das St\u00f6ckchen, bl\u00f6des Vieh!\u201c Nein? Wenn nicht, dann eben nicht. Bleibt nur noch, Arme hochwerfen und Hals sch\u00fctzen. Wie bereits erw\u00e4hnt, endet so etwas am Rad meist mit einem Mordsstern. Ich glaube, mich an jener Stelle an etwas Schotter auf der Fahrbahn zu erinnern. Wie auch immer. Jedoch keine Abwehrbewegungen, das reizt den Mordgesellen in ihm. Also ruhig reinbei\u00dfen lassen, bis das Blut warm die Waden hinuntersudelt. Bei\u00df nur, lass dir\u2019s schmecken, heut Abend gibt\u2019s dann nichts mehr, klar? Sich wehren, ihn auf die Nase treten oder so sollte man besser sein lassen, diese Fiffis sp\u00fcren im Kampf keine Schmerzen, so bei der Sache sind die.<br \/>\nNa, und dann sollte man auch nicht deren Kraft untersch\u00e4tzen und das, was sie da vorne im Maul haben, ist nicht unbedingt eine Prothese. Eine Laufleine im Garten w\u00e4re schon eine n\u00fctzliche Sache, \u00fcberlege ich. Aber was soll\u2019s, wenn er keine hat. Und der hier hat mit Sicherheit keine. Klar findet der es klasse, wenn ich da vor seinem Bewegungsmelder vorbeiwetze. Hat ja sonst nichts zu tun, die T\u00f6le, als den ganzen Tag auf die Stra\u00dfe starren. Fad ist das, versteh ich eh. Aber wie kommt unsereins dazu, f\u00fcr ihn den Pausenclown abzugeben? Soll sich ein Gummientlein aus seinem K\u00f6rbchen holen, das quietscht auch, wenn er es zwickt. Aber nein, es geht ihm ja ums Hinterherrennen, klar. Das h\u00e4lt fit. Stehenbleiben gilt als sicherste Methode f\u00fcr den Nichtangriffspakt.<\/p>\n<p>Dadurch mache ich mich f\u00fcr ihn v\u00f6llig uninteressant, oder? Der will ja, dass ich abhau, wo bliebe denn sonst die Erfolgsquote? Wenn ich stehen bleib, f\u00e4llt er um diese um, dann muss er sich fragen, wozu er \u00fcberhaupt noch gut ist. Kriegt wom\u00f6glich die Krise und muss zum Hundepsychologen. Kann ich das verantworten? Nein, was w\u00e4re ich denn f\u00fcr ein Ekel. Aber wenn ich stehen bleib, dann denkt er wom\u00f6glich, ich will was von ihm. Und dann geht das ganze Theater von neuem los. Dann wacht der W\u00e4chter des Hauses in ihm auf. Na na na na, stehengeblieben wird nicht!, beschlie\u00dfe ich. Kommt \u00fcberhaupt nicht in Frage. Ich werde ihn ganz einfach ignorieren. Genau! Ich sehe ihn nicht an, nehme ihn nicht wahr, schaue an ihm vorbei und z\u00e4hle die Sch\u00e4fchenwolken am Himmel so lange, bis ich an ihm vor\u00fcber bin.<\/p>\n<p>Laut Statistik sind es die M\u00e4nner, die immer gebissen werden, weil sie ihr eigener Ehrgeiz plagt, diesem Hundehund zu entgegnen. Das geht meist an die Hose. Frauen seien im \u00dcbrigen viel diplomatischer, hei\u00dft es. Die gehen da einfach ruhig vorbei und haben es nicht notwendig, ihren Mut, den sie gar nicht haben, unter Beweis zu stellen. Wir M\u00e4nner, wir lassen uns da viel zu sehr emotionalisieren, nehmen alles pers\u00f6nlich, schreien das Tier an, beschimpfen es und so. Ich kann das gut verstehen. Schlie\u00dflich bin ich ja einer von ihnen.<br \/>\nIch k\u00f6nnte nat\u00fcrlich auch k\u00f6rperliche Pr\u00e4senz vor dem Tier zeigen, mich vor ihm aufbauen und wichtigmachen, wie die Eingeborenen ihren Kindern in der Kalahari beibringen, sich mit zwei Holzst\u00fccken an den Kopf gehalten, gr\u00f6\u00dfer zu machen als sie sind, um so Hy\u00e4nen zu vertreiben. Die fallen auf den Schm\u00e4h rein, gewiss. Der Rotti da lacht sich einen Ast, wenn ich das mach. Aber \u2013 blo\u00df mit dem K\u00f6rper imponieren \u2013 der Haken dabei ist, ich wiege kaum achtundsechzig Kilo und in der Landschaft bin ich ein Strich. Das w\u00e4re also keine so gute Idee. Vor so einem wie mir hat \u00a0\u00a0d\u00a0 e\u00a0 r\u00a0 \u00a0\u00a0da\u00a0 sicher keinen Respekt.<\/p>\n<p>So, jetzt aber wird es wirklich ernst, da vorne. Schon sehe ich das offene Tor. Also gut, du willst es ja nicht anders, denke ich. Gleich, gleich bin am Tor. Ja, jetzt. Dort hinterm Busch die Bestie. Steht ganz ruhig da. Der Doggy muss mich doch schon riechen k\u00f6nnen? Ich fahre ruhiger, passiere das Tor. Bin daran vorbei. Jetzt hab ich schon einen kleinen Vorsprung. Ich schiele im Augenwinkel auf sein Hinterteil. Steht immer noch so da wie vorhin. Starrt der die ganze Zeit \u00fcber die Mauer an? Aber gleich, gleich wird er herausgaloppieren. Ich \u00fcberlege schon mal ein Schimpfwort. Nein, besser dieses \u201ePlatz\u201c oder \u201eAus\u201c oder \u201eVerschwind\u201c!<br \/>\nAber der Wauwau kommt nicht. Ein ganz Gerissener! Der will, dass ich mich in Sicherheit wiege und dann\u2026 Ich schwitze wie ein Firmling. Der Schwei\u00df rinnt mir \u00fcber die Stirn, die Wangen, an der Nase vorbei direkt in den Mund. Ich schmecke Salziges. Mein Herz rast. Soll ich mich umdrehen? Merkt er das? Nimmt er das als Herausforderung f\u00fcr eine Attacke an? Nimmt er mir das \u00fcbel? Ich wende also meinen Kopf rasch nach hinten. Dort steht das Luder. Regungslos. Wieso? Ich versteh nicht. Langsamer. Ich werde langsamer und bleibe vorsichtig stehen, Pedal nach oben, bereit sofort loszutreten. Mein \u201ebester Freund\u201c, mein vierbeiniger, steht dort am Rasen und r\u00fchrt sich nicht. Eigenartige Farbe hat er, denke ich. Irgendwie\u2026 das ist\u2026 das gibt\u2019s nicht! Irgendwie rostig. Ich werd verr\u00fcckt!\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>N e i n !<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Eine Attrappe! Der ist aus Metall! Der Hundsfott ist reine Deko! Ich halt\u2019s nicht aus!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16064<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich ein warmer Tag! Nach einem halben Jahr Winter sehnen sich K\u00f6rper und Seele nach der Sonne wie die Blumen nach dem Wasser. Da ist mein Rad. Mein italienisches Rennrad. 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