{"id":4517,"date":"2016-05-31T06:01:16","date_gmt":"2016-05-31T06:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4517"},"modified":"2016-06-05T17:13:03","modified_gmt":"2016-06-05T17:13:03","slug":"ich-muss-es-auch-erst-lernen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4517","title":{"rendered":"Ich muss es auch erst lernen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4517&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4517&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wie es sich f\u00fcr jedes Lehrbuch geh\u00f6rt, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst m\u00f6chte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrb\u00fccher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das eigentlich: Deutsch? Deutsch und Dutch &#8211; kann man das verwechseln? Warum ist Deutsch schwer &#8211; oder anders gefragt: Warum ist Deutsch so wie es ist? Warum verstehen die Schweizer Deutsch, aber die Deutschen keine Schweizer?<\/p>\n<p>So viel ist bereits sicher: Deutsch ist eine indoeurop\u00e4ische Sprache (fr\u00fcher nicht ohne Grund: indogermanische Sprache). Das liegt zum einen daran, dass sich das Deutsche \u2013 um einen bildlichen Ausdruck zu verwenden \u2013 einen m\u00f6glichst elit\u00e4ren Freundeskreis gesucht hat. Und da sind Franz\u00f6sisch, Altgriechisch und Latein nat\u00fcrlich interessanter als Uigurisch, Tatarisch oder Tagalog.<\/p>\n<p>Halt, wird jetzt der eine oder andere fragen, was ist denn mit dem Sanskrit? Nun ja, es hat erst die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gebraucht um zu beweisen, dass diese Sprache noch altert\u00fcmlicher als das Lateinische oder Griechische ist und zudem \u00fcber eine viel gr\u00f6\u00dfere Literatur als das Lateinische und Griechische zusammen verf\u00fcgt. Bescheiden, wie es nun mal so ist, das Deutsche, hat es von nun an die Bekanntschaft mit den Indern gesucht und vorlaut behauptet, dort seinen verlorenen Bruder wiedergefunden zu haben.<\/p>\n<p>Doch lassen wir Indien jetzt vorerst beiseite. Die europ\u00e4ischen hermanos und hermanas des Deutschen sind Niederl\u00e4nder, Engl\u00e4nder und die Skandinavier. Umso interessanter ist das gegenseitige Verh\u00e4ltnis: Das Deutsche hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden seine relative Beliebtheit als Wissenschaftssprache an das Englische abgeben m\u00fcssen. Auch die restlichen hermanos des Deutschen haben eher ihre verwandtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse mit dem Englischen betont, worin der Witz liegt, dass ohne die Hilfe des sehr latinisierten Englischen die Germanen nicht mehr miteinander kommunizieren k\u00f6nnen. Kaum ein Deutscher wei\u00df zudem, welchem Nebenverdienst seine deutschen W\u00f6rter in den d\u00e4nischen, isl\u00e4ndischen oder schwedischen W\u00f6rterb\u00fcchern nachgehen.<\/p>\n<p>Deutsch und Dutch, kann man das verwechseln? Um die Frage zu beantworten: Ja, man muss es sogar. Denn erstens stammen beide Ethnonyme vom althochdeutschen theodisk ab und zweitens: Haben Sie jetzt nicht das besserwisserische Gel\u00e4chter eines Deutschen beim Lesen (wohlgemerkt: nur beim Lesen) einer niederl\u00e4ndischen Zeitung im Kopf? Warum aber das Englische das theodisk gerade den Niederl\u00e4ndern zuspricht? Vielleicht liegt es daran, dass im englischen German bestenfalls das schon erw\u00e4hnte hermano durchklingt, schlechtestenfalls, dass sie das Niederl\u00e4ndische f\u00fcr w\u00fcrdiger befanden, die Bezeichnung \u201edeutliche Sprache\u201c zu verwenden. Apropos theodisk. In seiner althochdeutschen Form hat es f\u00fcr das Deutsche in einer Sprache \u00fcberlebt &#8211; im Italienischen als tedesco. Das ist wahrscheinlich ein Beweis, dass die Italiener doch noch p\u00e4pstlicher als der Papst sind.<\/p>\n<p>Um wieder zu den Germanen zur\u00fcckzukehren: Die genauere Unterteilung der germanischen Sprachen erfolgt nach Lautverschiebungen und der Geographie. Deutsch, Niederl\u00e4ndisch und Englisch sind westgermanische Sprachen. Das ostgermanische Gotisch hingegen z\u00e4hlt als ausgestorben. Die skandinavischen Sprachen nennt man auch nordgermanische Sprachen &#8211; wenn Sie sich jetzt nun fragen, wo die s\u00fcdgermanischen Sprachen sind: Nun, es hat sie nie gegeben.<\/p>\n<p>Warum ist Deutsch schwer &#8211; oder: Warum ist Deutsch so wie es ist?<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde, die ich kurz nennen m\u00f6chte: Warum ist Kernphysik schwer oder warum ist Theologie schwer? Weil man gelernt hat, Dinge als schwer zu bezeichnen, die einem langweilig sind oder f\u00fcr die man die Motivation nicht aufbringt, sich genauer damit zu befassen. Vielleicht liegt es daran, dass Deutsch und Englisch nicht dasselbe sind oder dass auch die restlichen Sprachen nun einmal so sind wie sie sind. Machen Sie doch folgendes Experiment: Sagen Sie sich jedes Mal vorm Schlafengehen auf: Grundrechenarten sind schwer. Vielleicht zeigt es irgendwann seine Wirkung.<\/p>\n<p>Warum verstehen die Schweizer die Deutschen, aber die Deutschen die Schweizer nicht?<\/p>\n<p>Nun, das ist eine ganze einfache Rechnung. Ist es besser, nur vier Millionen Menschen zu verstehen oder vier Millionen plus zweiundachtzig Millionen? Und nun umgekehrt: Sind vier Millionen von 86 Millionen es wert, sich einmal reflexiv mit seiner eigenen Sprache auseinanderzusetzen? Eben!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<br \/>\n<a href=\"https:\/\/mb85inbox.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/mb85inbox.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 16062<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie es sich f\u00fcr jedes Lehrbuch geh\u00f6rt, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst m\u00f6chte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrb\u00fccher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[114],"tags":[115],"class_list":["post-4517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bauer-michael","tag-wortglauberei"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4517"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4546,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4517\/revisions\/4546"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}