{"id":4510,"date":"2016-05-30T17:56:05","date_gmt":"2016-05-30T17:56:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4510"},"modified":"2016-06-05T17:16:15","modified_gmt":"2016-06-05T17:16:15","slug":"ballonfahrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4510","title":{"rendered":"Ballonfahrer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4510&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4510&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eVerst\u00e4ndnisvoll\u201c ist einer dieser unfassbaren Begriffe\u2026 Ein Wort, das nicht klar darstellt, wie viele Opfer man tats\u00e4chlich daf\u00fcr erbringen, oder wie viel Groll man daf\u00fcr hinunterschlucken muss, um eben f\u00fcr sich selbst als verst\u00e4ndnisvoll zu gelten. Wie sehr man sich innerlich auch verbiegt, um Verst\u00e4ndnis zu zeigen, das Wort selbst ver\u00e4ndert sich nicht. Selbst Adjektive wie: \u201esagenhaft\u201c oder \u201eunsagbar\u201c, die man davorstellt, um die Intension zu betonen, bringen den tats\u00e4chlichen Sachverhalt oft nicht zum Vorschein. Manchmal ist es eine Kleinigkeit und mit einer einfachen Entschuldigung ist wieder alles im Lot &#8211; so als w\u00fcrde man in einer vollgestopften U-Bahn angerempelt, woraufhin der Rempler sich entschuldigt und man selbst gar nicht auf die Idee gekommen w\u00e4re, mit der Erwiderung: \u201enichts passiert\u201c Verst\u00e4ndnis gezeigt zu haben.<br \/>\nDoch in gewissen Angelegenheiten dehnt und w\u00e4chst dieser Verst\u00e4ndnisbegriff auf Ballongr\u00f6\u00dfe heran. Nicht auf Luftballongr\u00f6\u00dfe, sondern auf die eines Hei\u00dfluftballons, der schnell mal einen Korb mit Elefanten \u00fcber die Alpen schleppen muss. Das sind genauer gesagt solche Situationen, die einen zutiefst verletzt haben, man aber trotz allem versucht, die Perspektive oder noch pr\u00e4ziser, das Motiv des Gegen\u00fcbers nachzuvollziehen. Wenn man dann dahinterkommt, dass man im Zusammenspiel der Ereignisse eigentlich nur ein Kollateralschaden war, ist es eigentlich noch einigerma\u00dfen verzeihbar. Wenn so eine Verletzung aber aus reiner Nachl\u00e4ssigkeit, Ignoranz oder gar B\u00f6swilligkeit passiert, st\u00fcrzen pl\u00f6tzlich ganze Konstrukte diverser Weltanschauungen \u2013 die Freundschaft betreffend \u2013 in sich zusammen und der metaphorische Verst\u00e4ndnis-Ballon w\u00e4chst in schmerzhafte Dimensionen.<\/p>\n<p>Leider habe ich in meinem Leben schon einige dieser Verst\u00e4ndnis-Ballons wachsen lassen, um Konflikte mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht zu eskalieren. Genau diese Menschen, die einem so nahestehen, dass man einen mietfreien Fixplatz in seinem Herzen f\u00fcr sie reserviert hat, verletzen einen dann am h\u00e4rtesten, und selten aber doch h\u00e4lt der Ballon die Spannung nicht mehr aus und explodiert, einem Weltuntergangsszenario nahe, in tausend blutende St\u00fccke. Katastrophal ist f\u00fcr dieses Szenario nur ein Hilfsausdruck, weil ringsum s\u00e4mtliches emotionale Leben ausgel\u00f6scht wird. Die weltliche \u00dcbersetzung dieses Infernos,nennt man auch \u201ein einen Blutrausch verfallen\u201c oder wenn es einem schlicht \u201edie Sicherungen raushaut\u201c.<\/p>\n<p>Nun kann man sich unter einem Blutrausch so einiges vorstellen, doch Anna, die vor kurzem exakt so einen am eigenen Leib erlebte \u2013 es waren tats\u00e4chlich fast alle Sicherungen in ihrem Hirn geflogen \u2013 beschrieb ihn in einer sp\u00e4teren Erz\u00e4hlung wie folgt: \u201eAls ich an diesem Abend nichtsahnend in mein Stammlokal ging, um mir nach der unfreiwilligen Trennung von meinem Exfreund in aller \u2013 passiv-aggressiven \u2013 Seelenruhe einen in die R\u00fcbe zu kippen, h\u00e4tte ich niemals gedacht, dass ich an diesem Abend auch meine damals beste Freundin, zusammen mit dem Ex, verabschieden w\u00fcrde. Ich sa\u00df an der Bar und wartete auf Betty, weil meine erste Wahl, Christina, seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar war. Etwas entt\u00e4uscht \u00fcber Christinas Verhalten \u2013 da ich sie als offiziell ernannte \u201ebeste Freundin\u201c nach der Trennung dringend als Anker gebraucht h\u00e4tte \u2013 war ich Betty sehr dankbar f\u00fcr ihren Solidarit\u00e4tsakt, sich mit mir an diesem Abend zu betrinken.<br \/>\nNach zwei Gl\u00e4sern Wein wurde das Gespr\u00e4chsthema immer brisanter, denn Betty hatte sich schlichtweg verplappert und nach meiner selbstmitleidigen Anklage, Christina sei seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar, emsig geantwortet, dass diese mit T\u2026horsten um die H\u00e4user ziehen w\u00fcrde. Als ich sie ungl\u00e4ubig ansah, da ich meinte, sie nach ihrer \u201eT-Pause\u201c entlarvt zu haben, und sie dabei auch noch besch\u00e4mt err\u00f6tete, war meine Vermutung also richtig: Sie traf sich mit Tim, meinem Tim, meinem \u201eWir-sollten-k\u00fcnftig-getrennte-Wege-gehen-Tim\u201c, schlicht, meinem EX! Betty sah mich aus Hundeaugen an und sagte: \u201eBitte verrate mich nicht, ich habe geschworen, dir nichts davon zu sagen!\u201c Ich blickte Betty weiter an, nahm ihre Hand und begann leise draufloszuheulen, zum Gl\u00fcck befanden wir uns mittlerweile an einem versteckten Tischchen im hinteren Eck des Gastraumes, so konnte man mich zumindest nicht gleich auf den ersten Blick bei meinem Gef\u00fchlsausbruch erkennen.<\/p>\n<p>Der Gef\u00fchlscocktail, der sich nun in mir zusammenbraute, bestand aus: 10 cl Trauer, 5 cl Emp\u00f6rung, 4 cl \u00c4rger \u00fcber meine eigene Dummheit, einem Dash Machtlosigkeit, einer geh\u00f6rigen Portion Wut als Filler und einer h\u00fcbschen Garnitur aus zerbrochenen Herzst\u00fcckchen \u2013 feins\u00e4uberlich aufgespie\u00dft und drapiert, versteht sich. Ob ich wollte oder nicht, ich trank das giftige Gebr\u00e4u auf ex und was dann folgte, war ein Gef\u00fchls-Kater, der sich \u00fcber Wochen hinweg bemerkbar machte. Ich konnte der armen Betty dann noch entlocken, dass die Geschichte zwischen ihr und Tim wohl schon w\u00e4hrend unserer Beziehung begonnen hatte, was mir dann emotional tats\u00e4chlich noch den Rest gab. Der Abend mit Betty war nat\u00fcrlich nach weiteren f\u00fcnfzehn Minuten vorbei und ich schnappte mir das n\u00e4chste Taxi nach Hause, wo ich s\u00e4mtliche Hemmungen fallen lie\u00df und ein Heulkonzert der Sonderklasse anstimmte.<\/p>\n<p>Nach einigen Tagen des Gr\u00fcbelns war f\u00fcr mich klar: Der Abschied von meinem Exfreund war nicht der einzige in dieser Phase meines Lebens. Auch meine beste und langj\u00e4hrige Freundin hatte sich mit ihrem Handeln aus meiner Welt und meinem Herzen nicht nur verabschiedet, sondern geradewegs hinauskatapultiert. Nun war mir auch klar, weshalb sie sich immer weiter zur\u00fcckgezogen hatte und zum Ende hin auch kaum mehr erreichbar war. Nun wurde ich also doppelt sitzengelassen, dachte ich \u2013 \u201egro\u00dfartig, einfach nur gro\u00dfartig.\u201c<\/p>\n<p>Nach etwa sechs Wochen, in denen ich, von innerlichen H\u00f6hen und Tiefen gebeutelt, meinen Alltag bestritt, konnte ich meine sogenannte Freundin, die von meinem Wissen \u00fcber ihren Verrat noch nicht informiert war, zu einem Treffen \u00fcberreden. Mir war in erster Linie wichtig, ihr meine Meinung ins Gesicht zu sagen, um meinen Gef\u00fchlen damit ein Ventil zu verschaffen. Als ich sie an diesem Abend traf, machte ich keinen Hehl aus meiner Entt\u00e4uschung und konfrontierte sie umgehend mit den Infos, die Betty mir mit alkoholgelockerter Zunge verraten hatte \u2013 allerdings lie\u00df ich Betty wie versprochen au\u00dfen vor. Christina versuchte im ersten Moment, die Flucht nach vorne anzutreten und war emp\u00f6rt dar\u00fcber, \u201edass ich sie so in die Falle gelockt hatte\u201c, da ich diesen Abend im Vorfeld jedoch tats\u00e4chlich akribisch \u2013 fast schon wie besessen \u2013 geplant hatte, fiel es mir relativ leicht, im entscheidenden Moment die Ruhe zu bewahren.<\/p>\n<p>Irgendwann begann Christina zu weinen, da Tim sie offenbar eiskalt hatte stehen lassen. Doch um ehrlich zu sein, interessierte mich das nicht im Geringsten. Ich rief den Kellner, bezahlte meine Rechnung und lie\u00df meine beste Ex-Freundin alleine im Lokal zur\u00fcck. Sobald ich die T\u00fcre des Lokals geschlossen hatte, atmete ich tief ein, brachte meine h\u00e4ngenden \u201eTrauerschultern\u201c der letzten Wochen wieder in Position und ging erhobenen Hauptes zur\u00fcck in mein neues Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Verena Tretter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 16061<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVerst\u00e4ndnisvoll\u201c ist einer dieser unfassbaren Begriffe\u2026 Ein Wort, das nicht klar darstellt, wie viele Opfer man tats\u00e4chlich daf\u00fcr erbringen, oder wie viel Groll man daf\u00fcr hinunterschlucken muss, um eben f\u00fcr sich selbst als verst\u00e4ndnisvoll zu gelten. Wie sehr man sich innerlich auch verbiegt, um Verst\u00e4ndnis zu zeigen, das Wort selbst ver\u00e4ndert sich nicht. 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