{"id":4473,"date":"2016-05-23T12:35:14","date_gmt":"2016-05-23T12:35:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4473"},"modified":"2016-07-08T17:52:31","modified_gmt":"2016-07-08T17:52:31","slug":"fundstuecke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4473","title":{"rendered":"Fundst\u00fccke"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4473&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4473&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gestern Abend entdeckte ich auf dem Dachboden des H\u00e4uschens meiner Mutter eine Truhe, die mir irgendwie bekannt vorkam.<br \/>\nIch hatte mich auf den Dachboden zur\u00fcckgezogen, denn ich wollte vermeiden, dass meine werte Frau Mama mitbekam, in welchem Zustand ich mich um acht Uhr abends als achtunddrei\u00dfigj\u00e4hriger Mann befinde, wenn ich die Stunden zuvor, meist drei an der Zahl, mit meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigung verbracht habe.<br \/>\nZiemlich angetrunken, wie ich eben war, \u00f6ffnete ich das h\u00f6lzerne Gebilde und wich vor Erstaunen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Heute, in n\u00fcchternem Zustand, halte ich meinen ersten Gedanken nach dem Aufmachen \u2018Eine Schatztruhe!\u2019 f\u00fcr \u00fcberzogen. Als solche w\u00fcrde ich eher den hintersten Raum unseres Kellers bezeichnen, in welchem meine Vorr\u00e4te an Bier und Spirituosen lagern und ihrer Konsumation durch mich harren &#8211; wobei ich mir nat\u00fcrlich im Klaren \u00fcber meine luxuri\u00f6se Situation bin: Ich verf\u00fcge \u00fcber eine begehbare Schatztruhe.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffnete also die Holzkiste und war erstaunt. Darin lagen Gegenst\u00e4nde, die ich vor vielen Jahren verwendet hatte.<br \/>\nIch nahm ein gro\u00dfes Glas mit in Alkohol eingelegten Weichseln heraus, welches mein in allen Belangen umsichtiger Gro\u00dfvater mir geschenkt hatte. Ich erinnerte mich an seine Worte: \u201cMichael\u201d, hatte er gesagt und eine bedeutungsvolle Miene aufgesetzt, \u201ciss die Weichseln und lass die Frauen den Schnaps trinken.\u201d<br \/>\nNun, es hat funktioniert. Die Weichseln brachten mir von meinem zehnten bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr gro\u00dfe Freude, und dann lockerten sich die M\u00e4dchen bei meinem Schnaps auf. Danke, Opa! Prost!<\/p>\n<p>Dann bemerkte ich eine seltsame Kappe in der Truhe, blau und mit einem schwarz-rot-goldenen Band verziert. Verdutzt blickte ich auf das Utensil und versuchte mich an dessen Verwendungszweck zu erinnern. Bald kam mir dieser in den Sinn: Der von Staub bedeckte Burschenhut war einst von mir gestohlen worden.<br \/>\nEin Freund aus Jugendtagen hatte mich eines sehr fr\u00f6hlichen und noch feuchteren Abends dazu \u00fcberredet, ihn zum Haus seiner Sch\u00fclerverbindung zu begleiten. Ich ging mit ihm dorthin, bekam das K\u00e4ppchen und war pl\u00f6tzlich kein \u00d6sterreicher mehr, sondern Deutscher. Kaum hatte ich es auf dem Kopf, war ich Germane. Setzte ich es ab, war ich wieder ein Steirer, also ein \u00d6sterreicher von rustikaler Wesensart.<br \/>\nIch stahl die Kappe und versuchte etliche Male, mich in einen Deutschen zu verwandeln, doch da kein anderer Kappentr\u00e4ger anwesend war, gelang mir dies einfach nicht. Stattdessen erntete ich blo\u00df mitleidige und sp\u00f6ttische Blicke von den anderen G\u00e4sten in meiner Stammkneipe.<\/p>\n<p>Des Weiteren fand ich ein Schienenst\u00fcck und einen Waggon einer Modelleisenbahn.<br \/>\n\u2018Ach\u2019, dachte ich, \u2018einst wollte ich Lokf\u00fchrer werden, doch es hat nicht einmal zum Zugbegleiter gereicht!\u2019<br \/>\nIn diesem Augenblick, gestern, betrunken und allein auf dem Dachboden, wurde mir bewusst, wie gl\u00fccklich mein Leben verlaufen w\u00e4re, h\u00e4tte ich diesen Beruf ergriffen. Ich h\u00e4tte eine sch\u00f6ne M\u00fctze tragen d\u00fcrfen, und mich insgeheim als Germane f\u00fchlen k\u00f6nnen, hin und wieder ein Gl\u00e4schen mit den Lokf\u00fchrern oder Stammpassagieren geleert und w\u00e4re zwangsl\u00e4ufig immer in Bewegung gewesen.<br \/>\n\u2018Was ist stattdessen aus mir geworden?\u2019, fragte ich mich und zerdr\u00fcckte eine Tr\u00e4ne.<br \/>\n\u2018Ein Schriftsteller, der sich mit dem Zug von einem Stammlokal ins n\u00e4chste bringen lassen muss, weil er kein Auto hat und zu faul zum Laufen ist\u2019, beantwortete ich meine Frage und seufzte.<\/p>\n<p>Doch dann beschloss ich, einer pl\u00f6tzlichen Eingebung folgend, das Beste aus der Situation zu machen und meinen Jugendtraum wenigstens f\u00fcr ein paar Minuten in meinem Versteck wahr werden zu lassen, nachdem die bereits vergessene Fundgrube mit Utensilien aus meiner Jugend offen vor mir stand.<br \/>\nIch nahm einen gro\u00dfen Schluck aus dem Glas mit den Weichseln und f\u00fchlte mich sogleich bereit, die Kappe, trotz meines mittlerweile langen Haupthaares, erneut aufzusetzen. Ich tat dies und &#8211;<br \/>\nIch blieb zwar \u00d6sterreicher, doch kam ich mir sogleich wie ein Schaffner vor.<\/p>\n<p>Nur konsequent, gab ich dem Spielzeugwaggon einen Sto\u00df und rief: \u201cDieser Zug f\u00e4hrt von der Steiermark nach Nirgendwo! Bitte alle die Fahrkarten vorweisen! Wer keine g\u00fcltige hat, wird ohne Erbarmen -\u201d<br \/>\nIn diesem Augenblick ging das gro\u00dfe Dachbodenlicht an und ich vernahm die schneidende Stimme meiner Mutter, die meinen Satz zu Ende brachte: \u201cein weiteres Mal mit Hausarrest belegt, denn mit knapp vierzig Jahren sollte man vern\u00fcnftiger sein!\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16058<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend entdeckte ich auf dem Dachboden des H\u00e4uschens meiner Mutter eine Truhe, die mir irgendwie bekannt vorkam. 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