{"id":4466,"date":"2016-05-23T12:27:36","date_gmt":"2016-05-23T12:27:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4466"},"modified":"2016-05-24T06:45:49","modified_gmt":"2016-05-24T06:45:49","slug":"veronika-geht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4466","title":{"rendered":"Veronika geht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4466&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4466&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Abschied von dem Mann, mit dem sie seit siebzehn Jahren verheiratet war, fiel Veronika leicht. Sie f\u00fchrten keine schlechte Ehe, doch eine, in der sie einander alles gesagt hatten, was sie dem anderen jemals h\u00e4tten sagen k\u00f6nnen.<br \/>\nIhre beiden T\u00f6chter gingen zur Schule, lernten gut und f\u00fchrten das normale Leben von Teenagern, Peter, Veronikas Ehemann, besa\u00df eine gut gehende Firma und Veronika selbst f\u00fchrte das geruhsame Leben einer betuchten Hausfrau.<\/p>\n<p>\u201cWir sehen uns in drei Wochen wieder, Peter\u201d, sagte sie, bevor sie in das Flugzeug stieg, das sie nach Spanien bringen w\u00fcrde, und gab ihm einen Kuss auf die Wange.<br \/>\n\u201cErhol dich gut, Veronika\u201d, sagte Peter, nachdem er ihren Kuss erwidert hatte.<br \/>\nDann bestieg sie das Flugzeug und sah freudig ihrem Urlaub in Madrid entgegen.<br \/>\nDass sie nicht zur\u00fcckkommen sollte, wussten zu diesem Zeitpunkt weder sie noch ihr Mann.<\/p>\n<p>\u201cDarf ich mich an Ihren Tisch setzen?\u201d, h\u00f6rte Veronika, als sie nach einem Museumsbesuch in einer Bar sa\u00df und an einem Gin Tonic nippte. Der Mann, der ihr diese Frage gestellt hatte, war ungef\u00e4hr in ihrem Alter und stellte sich als Arturo vor.<br \/>\nVeronika bejahte und im Laufe des Gespr\u00e4chs, das sich zwischen ihnen entwickelte, erfuhr sie, dass er sein altes Leben als Rechtsanwalt hinter sich gelassen und sich auf die Suche nach dem Sinn seines Lebens begeben hatte.<\/p>\n<p>\u201cSie sprechen akzentfrei Deutsch, obwohl sie offensichtlich Spanier sind. Wie kommt das?\u201d, fragte sie.<br \/>\n\u201cVon meinem Aussehen her bin ich in der Tat Spanier, doch bin ich bei meiner Mutter in Berlin aufgewachsen. Mein Vater, er war Anwalt in Madrid, ist bei einem Unfall gestorben, als ich drei Jahre alt war\u201d, f\u00fchrte er aus. \u201cUnd da meine Mutter Berlinerin war und als junge Witwe nicht alleine in Spanien bleiben wollte, ist sie mit mir in ihre Heimatstadt gezogen.\u201d<br \/>\n\u201cWie kamen sie dann wieder hierher?\u201d, fragte sie.<br \/>\n\u201cNach dem Abitur habe ich in Madrid Rechtswissenschaften studiert und den Beruf meines Vaters ergriffen. Damals wollte ich, wie ich heute wei\u00df, meinem Vater, den ich nie wirklich kennenlernen durfte, nahe sein. Ich habe Spanischkurse belegt und mich durch das Studium gequ\u00e4lt.\u201d Er lachte. \u201cHeute wei\u00df ich, dass es eine Fehlentscheidung war.\u201d<\/p>\n<p>\u201cWarum war das falsch, Arturo? Ich denke, wir sollten uns duzen, wenn Sie nichts dagegen haben\u201d, sagte Veronika.<br \/>\n\u201cNat\u00fcrlich, Veronika. Es war falsch, weil man keinem Menschen nahe sein kann, den man blo\u00df von ein paar alten Fotos kennt.\u201d<br \/>\n\u201cDas stimmt\u201d, sagte sie. \u201cOft ist es sogar so, dass man einen Menschen, mit dem man seit langer Zeit zusammenlebt, kaum kennt, weil man sich einfach nichts mehr zu sagen hat und einander so annimmt oder hinnimmt, wie man sich eben kennt. Einfach um die Ordnung, an die man sich gew\u00f6hnt hat, aufrecht zu halten.\u201d<br \/>\nVeronika seufzte.<br \/>\n\u201cDu sprichst von deinem Mann, oder?\u201d, fragte er, obwohl er wusste, dass es eine rhetorische Frage war.<br \/>\n\u201cBist du verheiratet, Arturo?\u201d, fragte sie und hoffte, dass seine Antwort bejahend w\u00e4re.<\/p>\n<p>Veronika f\u00fchlte sich zu dem Mann hingezogen. Er war der erste Mensch seit vielen Jahren, von dem sie sich verstanden f\u00fchlte. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie ihr Getr\u00e4nk bezahlen und die Bar verlassen sollte, doch sie brachte es nicht fertig, dieser Stimme zu gehorchen.<br \/>\n\u201cNein, ich bin geschieden\u201d, gab er zur\u00fcck.<br \/>\n\u201cWo willst du denn zu dir finden, Arturo? Hier in Madrid?\u201d<br \/>\n\u201cNein, Veronika. Ich werde morgen abreisen und aufs Land fahren.\u201d<br \/>\n\u201cWohin?\u201d<br \/>\n\u201cIn die N\u00e4he von Sevilla. Dort gibt es ein kleines Dorf, das an einem wundersch\u00f6nen B\u00e4chlein liegt. Dort ist es ruhig, es ist beinahe so still wie das Kloster, in dem ich ein Zimmer habe.\u201d<br \/>\n\u201cDas klingt nach Einsamkeit\u201d, warf Veronika ein.<br \/>\n\u201cNein. Einsamkeit ist etwas Leidvolles, Ruhe hingegen ist etwas Sch\u00f6nes.\u201d<br \/>\nSie \u00fcberlegte, bevor sie weitersprach.<br \/>\n\u201cDann klingt es gut und wird dir bestimmt guttun.\u201d<br \/>\n\u201cBegleite mich\u201d, schlug er vor.<br \/>\nIhre innere Stimme befahl ihr aufzustehen und zu gehen, doch Veronika bestellte einen weiteren Gin Tonic, und sie und Arturo sprachen bis Mitternacht \u00fcber ihre Leben, ihre Tr\u00e4ume und dar\u00fcber, dass W\u00fcnsche hin und wieder in Erf\u00fcllung gehen.<\/p>\n<p>\u201cDu hattest recht, Arturo. Dieser Bach ist wundersch\u00f6n\u201d, sagte Veronika.<br \/>\n\u201cEs freut mich, dass er dir gef\u00e4llt. Darf ich dir eine Frage stellen?\u201d<br \/>\n\u201cJa. An diesem Ort darfst du mich alles fragen.\u201d<br \/>\n\u201cHast du schon einmal daran gedacht, alles hinter dir zu lassen?\u201d<br \/>\n\u201cSprichst du von Selbstmord?\u201d, fragte sie mit gespieltem Entsetzen. Sie wollte Zeit gewinnen, um sich eine Antwort \u00fcberlegen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDoch dann beantwortete sie ihre eigene Frage.<br \/>\n\u201cNein, von so etwas sprichst du nat\u00fcrlich nicht. Die Antwort ist ja. Ich habe schon etliche Male daran gedacht, mein Leben zu \u00e4ndern, und zwar radikal.\u201d<br \/>\n\u201cWarum hast du es dann nicht gemacht?\u201d<br \/>\nSie \u00fcberlegte.<br \/>\n\u201cWeil ich zu feige bin.\u201d<br \/>\nWieder dachte sie nach.<br \/>\n\u201cNein, Arturo!\u201d, rief sie. \u201cWeil ich zu sehr an meinen Status gew\u00f6hnt war.\u201d<br \/>\nDas letzte Wort betonte sie.<\/p>\n<p>Arturo legte seinen Arm um ihre Schulter, und sie lie\u00df es nicht blo\u00df zu, sie genoss es. Nie zuvor war sie an einen Menschen geraten, der sie dazu brachte zu erkennen, dass sie ihr eigenes Leben an sich hatte vorbeiziehen lassen &#8211; und noch schlimmer. Sie hatte sich selbst dabei beobachtet, wie sie eine gute Mutter war und eine Ehefrau, die ihrem Mann in allen Belangen den R\u00fccken freigehalten und alle au\u00dferehelichen Verh\u00e4ltnisse stumm ertragen hatte; und das nur, um den sch\u00f6nen Schein zu wahren.<\/p>\n<p>\u201cHast du deine Frau geliebt, Arturo?\u201d, fragte sie.<br \/>\n\u201cJa, sehr. Dennoch ist es mir leichtgefallen, sie zu verlassen.\u201d<br \/>\n\u201cWie hat sie reagiert?\u201d<br \/>\nVeronika f\u00fchlte, dass diese Frage eine Indiskretion darstellte, die sie in ihrem gewohnten Leben niemals ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte, doch gleichzeitig wusste sie, dass sie mit Arturo \u00fcber alles sprechen konnte.<br \/>\n\u201cSie hat mich verstanden, wie auch unser erwachsener Sohn.\u201d<\/p>\n<p>Veronika versp\u00fcrte den Drang, Arturo zu k\u00fcssen, und als sich ihre Lippen zum ersten Mal ber\u00fchrten, f\u00fchlte sie sich frei.<br \/>\n\u201cWas f\u00fchlst du jetzt?\u201d, fragte er, nachdem der Kuss geendet hatte.<br \/>\n\u201cIch f\u00fchle, dass ich den ersten Schritt in ein neues Leben gemacht habe.\u201d<br \/>\n\u201cAufgrund eines Kusses?\u201d, fragte er und sie wusste, dass die Verbl\u00fcffung, die in seiner Stimme gelegen hatte, ehrlich war.<br \/>\n\u201cNein, Arturo. Du hast mir die Augen ge\u00f6ffnet. Der Kuss war eine sch\u00f6ne Zugabe, doch es waren die Gespr\u00e4che mit dir, die mir vor Augen gef\u00fchrt haben, dass ich mein Leben \u00e4ndern muss, um der Mensch sein zu k\u00f6nnen, der ich wirklich bin und der sein zu wollen ich vor \u00fcber zwanzig Jahren aufgegeben habe.\u201d<br \/>\n\u201cWas werden dein Mann und eure T\u00f6chter sagen?\u201d<br \/>\n\u201cDas werde ich dir morgen erz\u00e4hlen.\u201d<\/p>\n<p>\u201cLeb wohl, altes Ich\u201d, sagte Veronika und lie\u00df ihr Telefon in das Wasser des Baches gleiten.<br \/>\n\u201cWie hat deine Familie reagiert?\u201d, fragte Arturo.<br \/>\n\u201cMeine T\u00f6chter finden es gut, dass ich endlich ich selbst sein m\u00f6chte. Ich soll mich ab und an bei ihnen melden, wenn ich zu mir gefunden habe.\u201d<br \/>\n\u201cNicht viele Kinder reagieren so.\u201d<br \/>\n\u201cSie haben gesagt, dass sie froh w\u00e4ren, dass ich mit meinem gewohnten Leben abschlie\u00dfe, und wahrscheinlich sind sie auch froh, dass ich ihnen zu Hause nicht mehr auf die Nerven gehe.\u201d<\/p>\n<p>Arturo lachte.<br \/>\n\u201cWas hat denn dein Mann gesagt?\u201d<br \/>\n\u201cEr war emotionslos. Er hat mir zugesichert, mir eine gr\u00f6\u00dfere Summe Geld zu \u00fcberweisen und mich im Falle einer Scheidung fair zu behandeln.\u201d<br \/>\n\u201cWie geht es weiter, Veronika?\u201d<br \/>\nSie z\u00f6gerte ihre Antwort hinaus. Weder wollte sie Arturo verlieren, war doch die vorige Nacht, die sie mit ihm verbracht hatte, f\u00fcr sie die sch\u00f6nste seit vielen Jahren gewesen, noch konnte sie bei ihrer Suche nach sich selbst Gesellschaft brauchen.<\/p>\n<p>\u201cAuch ich wei\u00df einen wundersch\u00f6nen Ort, an dem ich mich finden kann, Arturo\u201d, sagte sie schlie\u00dflich. \u201cEr liegt in Frankreich und dorthin werde ich morgen f\u00fcr zwei Monate reisen.\u201d<br \/>\n\u201cWas wird nach diesen zwei Monaten sein, Veronika?\u201d, fragte er und sie erkannte am leichten Beben seiner Stimme, dass auch er sie wiedersehen wollte.<br \/>\n\u201cDann treffen wir uns hier, an genau dieser Stelle, und reden. Ist das f\u00fcr dich in Ordnung?\u201d<br \/>\n\u201cNat\u00fcrlich ist es das, Veronika.\u201d<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter wartete Veronika am Bach auf den Mann, der sie dazu gebracht hatte, ein neues Leben zu beginnen.<br \/>\nArturo kam nicht, doch hatte er im Kloster einen Brief f\u00fcr sie hinterlegt. In diesem stand, dass er sich verliebt h\u00e4tte und der Frau nach Belgien gefolgt w\u00e4re. Er w\u00fcnschte Veronika alles Gute f\u00fcr ihren weiteren Lebensweg und bat sie, ihm nicht b\u00f6se zu sein.<br \/>\nVeronika, die in Frankreich ebenfalls zarte Liebesbande gekn\u00fcpft hatte, war erleichtert.<br \/>\nBevor sie abreiste, ging sie ein letztes Mal zum B\u00e4chlein und sprach: \u201cDanke, Arturo. Ohne dich h\u00e4tte ich nicht den Mut aufgebracht, mein Leben zu leben.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 16059<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abschied von dem Mann, mit dem sie seit siebzehn Jahren verheiratet war, fiel Veronika leicht. Sie f\u00fchrten keine schlechte Ehe, doch eine, in der sie einander alles gesagt hatten, was sie dem anderen jemals h\u00e4tten sagen k\u00f6nnen. 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