{"id":4434,"date":"2016-05-18T12:12:31","date_gmt":"2016-05-18T12:12:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4434"},"modified":"2016-05-21T16:42:26","modified_gmt":"2016-05-21T16:42:26","slug":"xxx-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4434","title":{"rendered":"Vorl\u00e4ufige Grabungsergebnisse"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4434&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4434&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Vorl\u00e4ufig. Und um nicht an ein Ende gelangt zu sein: das Abgeschlossene eines Prozesses, der wahrscheinlich \u2013 w\u00e4re er nicht von uns ins Leben gerufen worden \u2013 nie existiert h\u00e4tte. Wir nehmen es hin, dass wir immer und immer wieder nur die halbe Wahrheit wissen k\u00f6nnen. Wir nehmen es hin, dass vielleicht unsere Gedanken\u00fcbungen \u00fcberhaupt keine Ergebnisse zu Tage f\u00f6rdern werden. Wir nehmen alles so hin. Man h\u00e4tte sich einmal und nur einmal auf die Suche machen m\u00fcssen, nach all dem Opaken, das unterhalb unserer Wirklichkeit sich bef\u00e4nde. Das Bewusstsein, dass wir nicht die Ersten waren und nicht die Letzten sein werden. Unser Boden der Tatsachen sollte von nun an seine Tragf\u00e4higkeit unter Beweis stellen oder ein letztes Mal unter Beweis gestellt haben. Du kannst dir kaum vorstellen: Wir hier oben leben so vor uns hin und dort unten ist vielleicht alles ganz anders. Die Reste der Zivilisation von zehntausenden Jahren und ein Zeitrahmen, der f\u00fcr die Erde nur ein Tag gewesen sein muss. Vielleicht, so dachte er, werde die Zukunft vorhersehbarer, h\u00e4tte man nur ein genaueres Bild von der Vergangenheit und deren Vorvergangenheiten. Aber auch dies war nur eine Spekulation. Eine nichtstattfindende Grabung. Vielleicht unabgeschlossen, in Gedanken, als ob man diese Grabung nur so unternehmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlichkeit des eigenen Denkens, immer nur auf k\u00fcrzere Zeit, ein paar Tage im Voraus, ein paar Tage im Nachhinein. L\u00e4ngere Pl\u00e4ne waren nicht mehr zu erstellen, und vielleicht war es mal einer jener Tage, in denen dir kalt wurde vor der Welt drau\u00dfen, drau\u00dfen, das hei\u00dft: au\u00dferhalb deines Lebensmittelpunktes. Worte, gesagte, die nichts ausdr\u00fccken sollen; Arbeit, bezahlte, die zu nichts weiter mehr f\u00fchren sollte als zur Verwaltung und zu blo\u00dfem Wiederk\u00e4uen eines Apparates, der au\u00dferhalb deiner Erinnerung angesto\u00dfen worden ist. Du h\u00e4ttest ja noch nicht einmal gewusst, was er auf die Ausgrabung h\u00e4tte mitnehmen k\u00f6nnen. Es war nicht immer so wie im Film so leicht, und kaum w\u00fcrdest du ein paar Meter weitergraben, w\u00fcrdest du vielleicht \u00fcberhaupt nichts finden. Boden, der auch vor tausend Jahren hier gewesen ist. Du denkst nicht dar\u00fcber nach.<\/p>\n<p>Ruhend in sich an ein Ende auch der Geschichten der letzten Monate gelangen: dieselbe Stille, die du gebraucht h\u00e4ttest, um deine Arbeit zu beginnen und um das Um-sich-Rauschen der Welt n\u00e4her wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Nicht viele Gedanken dar\u00fcber machen, nicht vieles au\u00dferhalb deines Inneren in dich hineinbringen. Das In-dich-Hineingebrachte und das, was in deiner Grundstimmung, deiner suchenden, nichts verloren gehabt h\u00e4tte: Geld ausgeben zu m\u00fcssen, um Erlaubnis fragen zu m\u00fcssen; alles noch einmal von vorne zu beginnen, sollte es nicht funktionieren. Das Ganze bedingt sich und Zusch\u00fcsse, die man zwar bekommt, aber immer \u00f6fter noch ist dar\u00fcber nachzudenken, dass man nicht alleine deswegen damit anfangen sollte.<br \/>\nLeider h\u00e4tte sich alles nicht so ergeben, wie das Ergebnis am Anfang in der Vorstellung h\u00e4tte aussehen sollen, und auch die ganze Nachzukunft dieses Ergebnisses, das noch weit au\u00dferhalb deiner Reichweite gelegen ist. Stellten wir uns Menschen vor, vielleicht vor einhundertf\u00fcnfzig Jahren zu Zeiten Schliemanns und D\u00f6rpfelds. Die h\u00e4tten wahrscheinlich auch einmal so drauflosgegraben, drau\u00dfen, wahrscheinlich auf irgend so einem Acker. Bei Vollmond. Trunken. Hineinphantasieren die Schlachten um Troja, den Untergang Pompejis in die Erde. Unter Umst\u00e4nden h\u00e4tte man das Ganze in einem anderen Land fortsetzen k\u00f6nnen, wenn man hier mit den Trocken\u00fcbungen begonnen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich war alles noch beim Alten: Der Grabungstag h\u00e4tte ein Montag werden sollen, der f\u00fcnfundzwanzigste September um acht Uhr drei\u00dfig. Was haben wir eigentlich vor dem Internet gemacht? Und immer noch nicht das Zur\u00fcckkehren in die Vergangenheit, das eigentlich Beschlossene in einer Zeit, in der wir mehr Ruhe gehabt haben. Bis zum drei\u00dfigsten Grabungstag irgendwelche Ergebnisse. Und wenn nicht: Erfand man nicht f\u00fcr uns welche? Das Einzige, was ich h\u00e4tte machen k\u00f6nnen damals, ausgeschlossen von allem. Eingeschlossen und das Ganze, was noch nicht einmal geschehen war und nicht h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen. Das \u00c4u\u00dfere noch, was nur die Scheinwelt einer anderen Welt sein soll. Oder ist das Innere die Scheinwelt?<\/p>\n<p>Und wenn es nicht so gewesen w\u00e4re, wie wir es uns vorgestellt h\u00e4tten, damals? Und wenn alles anders gewesen sein muss, wie es jetzt den Anschein erweckt von der Vorvergangenheit, von der wir nichts mehr wissen k\u00f6nnen au\u00dfer der bilderlosen Ahnung, dass es sie gegeben haben muss. Das Wenigste, das noch h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen, war vorauszuahnen gewesen: Zu einem inneren Nachdenken h\u00e4tte es aber dennoch nicht reichen k\u00f6nnen. Wenn am heutigen Tag irgendetwas geschehen w\u00e4re, das erw\u00e4hnenswert genug gewesen w\u00e4re, um erw\u00e4hnt werden zu k\u00f6nnen, dann ist es das, was uns jener f\u00fcnfundzwanzigste September gelehrt hatte, n\u00e4mlich, dass eine Ausgrabung das Wort GRAB enth\u00e4lt und Sarg und Gras und Grab verbarg. Vorl\u00e4ufig, und um nicht an ein Ende gelangt zu sein. Wiederlebendigwerden aus der herausgetropften Ahnenbr\u00fche. So wortlos in sich versunken in sein Elend in vier Holzw\u00e4nden. \u00dcberw\u00e4ltigbar. Leicht. Auferstehend auferstanden. Amen.<\/p>\n<p>Freilich h\u00e4ttest du auch anderes unternehmen k\u00f6nnen als diese Grabung, die doch zu keinem Abschluss wird f\u00fchren k\u00f6nnen. Und in einigen Wochen w\u00e4re sowieso alles wieder vergessen worden. Alltag in deinen vier W\u00e4nden. Gew\u00f6hnlichkeit innerhalb der selbstauferlegten Komfortzone. Was freilich nicht hei\u00dft, dass nur in der Arch\u00e4ologie und im Tiefbau gegraben werden muss. H\u00e4tte man nicht den Pflug erfunden, g\u00e4be es keine H\u00e4user, keinen Sinn f\u00fcr Ordnung in der Welt. Erst der Gedanke an die gerade Linie, die bewirkte, dass wir Zeit als Entwicklung sehen, dass wir Menschen die Erde beherrschen k\u00f6nnten und nicht umgekehrt. Dass nichts wie im Kreise zur\u00fcckkehrt und alles sein Ende, Ziel und seinen Sinn hat. Es hat kein Ziel, keinen Sinn, kein Ende sagst du dir und denkst:<br \/>\nIrgendwann. Wenn es dunkel wird, weitergraben und berauscht sein von der Nacht, die nun einen Schatten wirft auf den Tag und das Mondlicht, das uns dann scheinen wird und dann wird sicherlich die \u00d6ffnung des Grabens stattfinden und hervorbringen: Leichen, Knochen, \u00c4hnliches. Fauliges, G\u00e4rendes, Schlammiges. Zu Tage aus dem In-der-Erde aber nicht In-der-Welt sein. \u00c4hnliches: Erd\u00f6l f\u00fcr den ganzen Bedarf, wie viel Erd\u00f6l schon aus der Erde genommen worden ist und hoffentlich h\u00f6rt es irgendwann einmal auf. Den Rest kann man sich ausmalen.<\/p>\n<p>Geschichten, von denen es schon genug zu geben scheint: ein M\u00f6rder, der eine Leiche verschwinden lassen muss, Zur\u00fcckgelassenes von anderen Menschen, deren Leben schon vorbei war, als deine Welt nur eine Ahnung war. Erde, Erde, nichts als Erde und Gestein. Und Gef\u00e4\u00dfe und das Gequassel der Mitarbeiter. Die wunderbare Entdeckung, das Unerwartete: Grabraub. Der Fluch des Pharao. Tod und Leben und Wiederauferstehung.<\/p>\n<p>Es kann durchaus sein, dass etwas entdeckt wird, das noch niemand entdeckt hat, und schon die kleinsten Abweichungen von den bisherigen Funden k\u00f6nnten die Theorien der Wissenschaft in Staub und Asche legen. Das zum Neuen gewordene Uralte: ein Kn\u00f6chel des Neandertalers, der doch anders war, ein unbekanntes Zeichen auf M\u00fcnzen. Das Wetter macht sich seinen Reim drauf, du kannst auch noch schreiben, ach herrje. So man es nicht einfach zur Seite legen kann, das Ganze. Wiederlebendigwerden und die Zeit, die vergangene, nicht auf einer Achse, nicht in Zyklen. Ernten, Sommer. In dir die alten Gewissheiten deines Lebens: das Geldverdienen, das Erwachsenenwerden, die Penn\u00e4lerweisheiten. Alles, was an einem gewissen Punkt nicht mehr tragf\u00e4hig sein wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<br \/>\n<a href=\"https:\/\/mb85inbox.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/mb85inbox.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16054<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorl\u00e4ufig. Und um nicht an ein Ende gelangt zu sein: das Abgeschlossene eines Prozesses, der wahrscheinlich \u2013 w\u00e4re er nicht von uns ins Leben gerufen worden \u2013 nie existiert h\u00e4tte. Wir nehmen es hin, dass wir immer und immer wieder nur die halbe Wahrheit wissen k\u00f6nnen. 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