{"id":4326,"date":"2016-04-27T09:20:25","date_gmt":"2016-04-27T09:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4326"},"modified":"2016-05-14T16:03:00","modified_gmt":"2016-05-14T16:03:00","slug":"der-streik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4326","title":{"rendered":"Der Streik"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4326&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4326&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war ein Tag wie der andere. Dr. Erich Perner und der Redakteur Carl Hofbauer sa\u00dfen bei Kaffee und Zeitung im Br\u00e4unerhof. Beide schienen sehr vertieft in ihre Bl\u00e4tter. Ab und zu hob einer den Kopf, um zufrieden in die Runde zu schauen, um vertrauten G\u00e4sten einen wohlwollenden Blick zuzuwerfen oder um eben nur ein paar Worte miteinander zu plaudern. Ober Franz war seine obligate politische Ansprache l\u00e4ngst, unmittelbar bei deren Ankunft, losgeworden. Jetzt sp\u00e4hte er umsichtig im Lokal umher, immer darauf bedacht, etwaigen W\u00fcnschen seiner G\u00e4ste sofort nachzukommen. Gemessenen Schrittes, versteht sich, denn nichts war ihm so zuwider wie ein hudelnder Kellner.<\/p>\n<p>\u201eAch ja\u201c, seufzte Erich, \u201edenen f\u00e4llt auch nichts Neues ein\u201c, und hoffte insgeheim, dass sein Gegen\u00fcber wenigstens nachfragen w\u00fcrde, was gemeint sei. Carl jedoch las unbeirrt in seiner \u201eTagespost\u201c weiter. Ein Geiger hatte neben der bildh\u00fcbschen Pianistin Aufstellung genommen, breitete seine Noten am Pult aus, stimmte kurz und gab den Auftakt zu einem bezaubernden, dezent intonierten Operetten-Potpourri. Ja &#8211; Alt-Wien war eben Alt-Wien. Was sollte es denn sonst sein?<br \/>\nDie Musik vermittelte eine Stimmung wie in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Lediglich die Kleidung der G\u00e4ste und die der Musiker w\u00e4ren nicht ganz zeitgem\u00e4\u00df gewesen. Schlie\u00dflich dauerte die mangelnde Gespr\u00e4chsbereitschaft seines Gegen\u00fcbers offensichtlich auch Carl zu lange. \u201eWas sagst du, Erich?\u201c, fragte er so, als h\u00e4tte er Erichs Worte nicht verstanden. Erich sah von seiner Zeitung auf. \u201eLateinamerikanische Kom\u00f6dien, mein ich.\u201c \u201eVersteh nicht!\u201c Jetzt nahm sich Erich mehr Zeit. \u201eIch sagte, die j\u00e4hrlich spielplanm\u00e4\u00dfigen Operettenrevolutionen, Carl, und ihre st\u00e4ndigen Revolten gegen Diktatoren und die bewaffneten Konflikte werden mittlerweile bagatellisiert, findest du nicht?\u201c<\/p>\n<p>Carl dachte kurz nach \u201eWei\u00df nicht\u201c, brummte er. \u201eDie Amerikaner mischen sich kaum mehr ein\u201c, stellte Erich fest, beinahe entt\u00e4uscht, \u201eda ist doch was faul dran. Castro hat vor zwanzig Jahren versucht, die US-Zuckerbarone zu enteignen. So einen Spuk hat man damals mit dreihundert Mann Infanterie bereinigt, aber wenn sich die Amerikaner heutzutage aufmucken trauen, stehen die Russen sofort Gewehr bei Fu\u00df und Washington zieht den Schwanz ein. Bl\u00f6d werden sie sein, sich in die kubanische Innenpolitik einzumischen, oder sich gar zwischen Nicaragua oder die Dominikanische Republik zu stellen, was?\u201c<br \/>\nAber Carl hatte nur Augen f\u00fcr die entz\u00fcckende Pianistin und schien sich f\u00fcr Erichs Darstellung der Weltpolitik kaum zu interessieren. \u201eSie hat rehbraune Augen!\u201c, raunte er Erich zu. Dieser richtete seinen Blick nach oben, verzog seine Mundwinkel, und nach einigem Kopfsch\u00fctteln meinte er: \u201eSiehst du dich auch hin und wieder in den Spiegel, Mann? Die ist zwanzig \u2013 h\u00f6chstens!\u201c \u201eEkelhaft n\u00fcchterner Mensch! Schauen wird man ja wohl noch d\u00fcrfen?\u201c, protestierte Carl.<br \/>\n\u201eSeit Castros Macht\u00fcbernahme herrscht in Kuba nur mehr das Chaos\u201c, begann Erich ein zweites Mal. \u201eKannst du das nicht mit dem Herrn Franz besprechen\u201c, seufzte Carl selig und himmelte die Pianistin an. \u201eDer Geiger ist virtuos, wirklich, aber sie&#8230;\u201c, schw\u00e4rmte er, und wandte sich nun doch Erich zu, um genauer nachzufragen. \u201eNoch einmal, bitte! Was ist da unten los?\u201c, fragte er Erich. \u201eIch sagte, auf Kuba herrscht das Chaos, total! Ein Haufen Arbeitslose, verwahrloste Plantagen, radikale Stra\u00dfenszenarien \u2013 die ber\u00fchmten Sozialrevolutionen \u2013 alles blo\u00df Romantik! Der Castro bereitet, ohne es zu wissen, den Boden f\u00fcr die Kommunisten vor, und wenn die Amis nicht aufpassen mit ihrer Lateinamerika-Politik, wird die Volksdemokratie vor ihren Toren demn\u00e4chst Wirklichkeit, w\u00fcrd ich sagen.\u201c Carl hatte sein Kinn auf eine Hand gest\u00fctzt. \u201eJa, eh\u201c, meinte er abwesend. \u201ediese Fingerl! Dieses G\u2019sichterl! Einfach s\u00fc\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Tags darauf im Pressehaus in der Bankgasse. Aufgeregt erkl\u00e4rte Redakteur Willi Schiedl den Kollegen, wie man strategisch vorgehen wolle, und zwar nicht um jeden Preis ein neues Presserecht zu erk\u00e4mpfen, sondern eines, das auf echter Demokratisierung bestehen sollte, proklamierte er eindrucksvoll im Plenum der Journalistengewerkschafter, was ihm auch einigen Applaus einbrachte. \u201eWas wir brauchen\u201c, rief er, \u201eist eine dringende Image\u00e4nderung, verehrte Anwesende! Es kann nicht sein, dass wir Presseleute von der Politik als potenzielle Staatsfeinde behandelt werden! Immerhin stellen wir in unserer unabh\u00e4ngigen Meinungsbildung eine ganz wesentliche Institution der Demokratie dar, vergessen wir das nicht! Und was uns der Minister vorgeschlagen hat, ist eine gewisse Selbstkontrolleinrichtung der Presse, die wir in Form eines Presserates verwirklichen sollten. Dazu gibt es mittlerweile ja bereits eine konstruktive Verhandlungsgrundlage. Es ist ein Komitee nominiert worden, welches heute wieder einmal mit den Herausgebern verhandeln soll. Wie man uns \u00fcberdies mitgeteilt hat, ist die kommunistische Fraktion ziemlich sauer dar\u00fcber, dass sie keine Vertretung hat und weder im Verband, noch im Presserat eine haben wird. Dazu m\u00f6chte ich eigentlich nicht mehr sagen als das, denn das Problem spricht f\u00fcr sich selber!<\/p>\n<p>Und nun, verehrte Kollegen, darf ich Sie ersuchen, mir in den oberen Sitzungsraum zu folgen, wo in K\u00fcrze die Verhandlungen beginnen. Ich danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!\u201c Als der Applaus geendet hatte, str\u00f6mte die tr\u00e4ge Masse der Teilnehmer langsam hinauf in den dritten Stock, wo bereits ein Buffet hergerichtet worden war. Zuerst wurden kleine Br\u00f6tchen gereicht, dazu gab es diverse S\u00e4fte, aber auch leichte alkoholische Getr\u00e4nke. F\u00fcr die Pause stand Gulaschsuppe in gro\u00dfen Beh\u00e4ltern auf Warmhalteplatten bereit.<\/p>\n<p>Eine elektrische Klingel ert\u00f6nte, erst einmal, dann noch einmal und schlie\u00dflich ein drittes Mal. Die Doppelt\u00fcren zum Saal wurden ge\u00f6ffnet und die Journalisten eingelassen. Als jeder einen Sitzplatz gefunden hatte, nahmen die Verleger Kommerzialrat Gr\u00fcnewald, Diplomingenieur Weigelt, Dr. Straubinger und Fritz Faustmann auf der linken Seite des langen Tisches vor ihnen Platz, Willi Schiedl von der \u201eKleinen \u00d6sterreichischen\u201c, Peter Bauer vom \u201eTagblatt\u201c und Georg Winkler von der \u201eTagespresse\u201c auf der rechten Seite.<br \/>\nEs wurde langsam ruhig im Saal. Manfred Weigelt verlas die Tagesordnung und ging auf die Punkte ein, die man nun gemeinsam n\u00e4her besprechen wollte. Willi Schiedl sollte die Standpunkte der Journalisten darlegen und durfte als erster Redner n\u00e4her auf die W\u00fcnsche der Gewerkschafter eingehen.<br \/>\nDer n\u00e4chste Sprecher war Fritz Faustmann vom Herausgeberverband. Beide Seiten tasteten vorsichtig ihre Positionen ab. Es kristallisierte sich jedoch bald heraus, dass die Herausgeber lediglich \u00fcber Standesfragen und Urheberrechte diskutieren und von den Forderungen, etwa seitens der Journalistengewerkschaft nach h\u00f6heren L\u00f6hnen, offensichtlich nichts wissen wollten. Die Journalistenseite reagierte verbittert und wollte die Herausgeber zu Verhandlungen dar\u00fcber zwingen.<\/p>\n<p>\u201eWir lassen uns nicht erpressen, meine Herren!\u201c, rief Faustmann pl\u00f6tzlich, \u201eIhre Forderungen werden langsam aber sicher unversch\u00e4mter denn je!\u201c, und Gr\u00fcnewald, Weigelt und Straubinger riefen: \u201eNicht mit uns, meine Herren! Mit uns nicht!\u201c \u201eWir haben Ihnen l\u00e4ngst signalisiert, dass diesbez\u00fcglich von Verhandlungen nie die Rede gewesen ist, das haben Sie wohl vergessen, wie?\u201c, schrie Kommerzialrat Gr\u00fcnewald in den Saal und der sichtlich nerv\u00f6se Dr. Straubinger f\u00fcgte ein wenig ged\u00e4mpfter hinzu: \u201eUnd wir weigern uns, solche auch nur in irgendeiner Form aufzunehmen, damit wir uns gleich verstehen!\u201c<br \/>\nAber auf Gewerkschaftsseite wollte man nicht verstehen. Kurzum, die Sitzung wurde abrupt beendet. Beide Seiten verlie\u00dfen beleidigt den Saal. Im Parterre scharten sich die Gremien um ihre Standesvertreter und diskutierten heftig, was nun zu tun sei. \u201eDie glauben doch nicht, dass wir uns das so gefallen lassen!\u201c, rief Peter Bauer vom \u201eTagblatt\u201c zornig. \u201eDas muss endlich eine Aktion zur Folge haben, die sie nicht so schnell vergessen werden, Herrschaften!\u201c, forderte Willi und die Kollegen gaben ihm sofort Recht. \u201eMit keinem Wort ist \u00fcber die Vordienstzeiten gesprochen worden, das war doch ausgemacht, oder?\u201c, fragte Georg Winkler. \u201eAusgemacht war gar nichts. Ich habe ja gar nicht mit ihnen vorher sprechen k\u00f6nnen, weil sie sich im Pr\u00e4sidialzimmer verbarrikadiert haben\u201c, antwortete Willi und machte eine abf\u00e4llige Handbewegung. \u201eWas hei\u00dft hier Vordienstzeiten? Da w\u00e4re noch einiges auf den Tisch zu bringen gewesen!\u201c, warf ein anderer ein, \u201edie Neuberechnung der Grundgeh\u00e4lter zum Beispiel, oder, was ist jetzt mit der Erh\u00f6hung der Ausgleichszulage? Das ist mit keinem Wort bis jetzt auch nur erw\u00e4hnt worden!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau!\u201c, und \u201eSo eine Schweinerei!\u201c, riefen einige. Vor den T\u00fcren gingen Saalordner auf und ab. Hochgradig nerv\u00f6s reagierten sie auf jedes lautere Wort, das hier unten gesprochen wurde und insgeheim w\u00fcnschten sie, alle schon l\u00e4ngst wieder drau\u00dfen zu haben. Doch die Sektionsleiter benutzten die Gelegenheit der Anwesenheit aller, hier sofort ein Streikkomitee zu gr\u00fcnden, dem Journalisten aller Wiener Tageszeitungen angeh\u00f6ren sollten. Und wenn es tats\u00e4chlich zu einem Streik kommen sollte, musste er von allen unterst\u00fctzt werden, das war klar. Sogar die Sektion der Grafiker hatte sich solidarisch erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Am folgenden Tag versammelten sich die Gewerkschafter neuerlich in der Bankgasse. Diesmal wurden heiklere Punkte mit den Herausgebern angesprochen und \u2013 auch teilweise verhandelt. \u201eNa also\u201c, fl\u00fcsterte Dr. Perner Carl Hofbauer zu, beide hatten in der letzten Reihe des Sitzungssaales Platz genommen, \u201ees geht ja langsam!\u201c<br \/>\nUnd auch Kommerzialrat Gr\u00fcnewald atmete erleichtert auf, dass man sich ein wenig n\u00e4hergekommen war und man seine Positionen trotzdem nicht v\u00f6llig aus den Augen verloren hatte. Es war zwar nicht alles Wonne und Heiterkeit, doch niemand dachte heute mehr an Streik. Es kam also zur Abstimmung, in welcher der Herausgeberverband den verhandelten Punkten zustimmen sollte. Da neigte Gr\u00fcnewald seinen hochroten Kopf Faustmann zu und fl\u00fcsterte ihm etwas ins Ohr.<\/p>\n<p>Im Saal wurde es unruhig, denn die Journalisten hatten den Eindruck, als wollte Gr\u00fcnewald die Sache absichtlich verz\u00f6gern. \u201eWas ist jetzt? Macht endlich!\u201c, raunte Willi Peter Bauer zu und sp\u00fcrte, wie seine H\u00e4nde unbewusst die Aktenmappe umklammert hielten. Pl\u00f6tzlich stand Faustmann auf und sagte: \u201eMeine Herren! Wir Herausgeber sind uns in einigen Punkten noch nicht so ganz einig. Wir ersuchen Sie daher, in unser aller Interesse, uns noch etwas Zeit zu geben, um in diesen Punkten noch beraten zu d\u00fcrfen. Wir danken Ihnen!\u201c, nahm seine Mitschriften unter den Arm, stand auf, mit ihm auch Gr\u00fcnewald, Straubinger und Weigelt, woraufhin die vier ganz einfach den Saal verlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck blieb eine vorerst schweigende Menge v\u00f6llig \u00fcberrumpelter Journalisten. Dann brach eine Welle der Emp\u00f6rung los. \u201eDie Herrschaften halten uns wohl f\u00fcr komplette Idioten!\u201c, schrie Bauer in die Menge. \u201eEs reicht! Das ist das Zeichen f\u00fcr den Ausstand!\u201c, br\u00fcllte Winkler und hob die geballte Faust in die H\u00f6he. Es mochte eine Weile gedauert haben, bis man sein eigenes Wort wieder verstehen konnte. Willi Schiedl, der dazwischen kurz den Saal verlassen hatte, war zur\u00fcckgekommen und versuchte, beide Arme hocherhoben, die Ruhe wiederherzustellen, was auch gelingen sollte. \u201eVerehrte Kollegen\u201c, rief er au\u00dfer Atem, \u201eMan versucht, von ungenannter Seite, hier eine Verz\u00f6gerung eines etwaigen Streiks zu erreichen! Ich kann euch jetzt nicht sagen, von wem ich das erfahren habe. Tatsache ist &#8230;\u201c \u201eWas soll denn das hei\u00dfen? Wir sind die Gewerkschaft, zum Donnerwetter, und wir werden selber entscheiden, ob gestreikt wird oder nicht! Ich m\u00f6chte wissen, wer sich da einmischen will!\u201c, emp\u00f6rte sich Peter Bauer lautstark. Alle stimmten ihm zu.<\/p>\n<p>Willi Schiedl geriet zunehmend in Bedr\u00e4ngnis. Hofbauer, Karner, Perner und Gruber von der \u201eKleinen \u00d6sterreichischen\u201c bemerkten, in welch bedenkliche Situation sich ihr Willi da gebracht hatte. \u201eAlso, das war nicht sehr g\u2019scheit von ihm\u201c, sagte Carl besorgt zu Erich. \u201eWarte, ich versteh nichts!\u201c, unterbrach ihn dieser. Aber Willi lie\u00df sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wartete ab, bis sich die Aufregung gelegt hatte. \u201eAlso gut\u201c, sagte er schlie\u00dflich, \u201eder Faustmann hat mir im Vertrauen gesagt, nicht als Herausgebervertreter, m\u00f6chte er betonen, quasi als Vermittler, unter Ehrenkodex &#8230;.\u201c \u201eDie wollen uns ja nur mundtot machen, wann begreifst du das endlich?\u201c, rief ein Vertreter der Sektion Drucker und Papier zornig. \u201eJetzt wart einmal, Kollege\u201c, bat Willi ganz ruhig, \u201ees \u2013 sie wollen dar\u00fcber noch einmal intern dar\u00fcber beraten, versteht ihr? Danach wird man uns informieren, wie sie sich endg\u00fcltig entscheiden werden.\u201c \u201eNa prima! Es bleibt also alles so, wie es war, oder t\u00e4usche ich mich da?\u201c, war zu h\u00f6ren und, \u201eWenn jetzt nicht bald was passiert, trete ich aus.\u201c<\/p>\n<p>Nun schien der Karren endg\u00fcltig verfahren. Carl Hofbauer war inzwischen nach vorne gelaufen und nahm Willi an der Schulter. \u201eH\u00f6r zu, machst du jetzt gemeinsame Sache mit dem Gr\u00fcnewald oder mit der Sektion? Pass auf, dass dir nicht die Felle davonschwimmen, mein Lieber! Sieh dich um, die m\u00f6gen dich!\u201c, f\u00fcgte er grantig hinzu. \u201eAber was soll ich denn jetzt machen?\u201c, fragte Willi verzweifelt. \u201eStreiken, du Narr! Worauf warten wir denn noch? Beschissen haben sie uns oft genug! Geht das bei dir da oben endlich hinein?\u201c, reagierte Carl zornig und tippte mit seinem Zeigefinger auf Willis Stirn. Willi fuhr emp\u00f6rt zur\u00fcck. Die Umstehenden lachten. \u201eJetzt sei auch noch ein bisserl anger\u00fchrt, du Mimose!\u201c, schimpfte Carl, \u201etu was! Wozu hast du dich aufstellen lassen?\u201c Willi hatte verstanden. Wenn er jetzt nicht reagierte, w\u00e4re das Vertrauen, das man in ihn gesetzt hatte, f\u00fcr immer verspielt.<\/p>\n<p>Punkt zw\u00f6lf legten alle Tageszeitungen die journalistische Arbeit nieder und verhinderten damit die Freitagsausgabe. Alle, bis auf eine Tiroler und eine Vorarlberger Zeitung, die sich rasch Hilfskr\u00e4fte geholt hatten, um ihre Ausgabe trotz allem zu bringen. Ansonsten hielt man sich \u00fcberall hundertprozentig an die Streikparole. Erstaunlich war auch, dass die Herausgeber erst gar nicht versuchten, die Angestellten zur Produktion zu zwingen. Auch die APA stand hinter der Gewerkschaft. \u201eNun gilt es, die Nachrichten an die Fernschreiber zu unterbinden!\u201c, riet Carl Hofbauer umsichtig, \u201edamit uns nicht ein paar Vorzugssch\u00fcler in den R\u00fccken fallen! Ich kenne jemanden in der Agentur!\u201c, sagte er verschmitzt und hob seine Brauen vielversprechend. Erich, der ihn genau beobachtet hatte, lachte h\u00f6hnisch: \u201eDa steckt doch ein Weib dahinter, gib\u2019s zu! Wenn wir dich nicht so gut kennen w\u00fcrden. Wenn das die Erni erf\u00e4hrt, gibt\u2019s was mit der Teigwalze!\u201c<\/p>\n<p>Trotz der ernsten Lage waren die Umstehenden leicht zu einem Lachen zu bewegen. Carl rannte die Treppen der Redaktion hinunter und hielt ein Taxi an. \u201eAustria Presseagentur, aber rasch!\u201c, rief er dem Fahrer zu. Dort angekommen, musste er erst m\u00fchsam den Portier davon \u00fcberzeugen, dass er selbst Journalist und in einer dringenden Mission unterwegs sei. \u201eZur Frau Hahn will ich, h\u00f6ren Sie!\u201c, sagte Carl. \u201eMoment, na hallo hallo, bleiben S\u2019 da, ich muss erst anrufen!\u201c, hielt ihn der \u00fcbereifrige Portier am Mantel fest. \u201eAch was, lassen S\u2019 mich in Ruhe, Sie Wachter, Sie verkappter! Wir sind ja hier nicht beim Milit\u00e4r!\u201c, schubste ihn Hofbauer zur Seite und lief zum Lift. \u201eBleiben Sie stehen!\u201c, rief ihm der aufgeregte Portier nach, \u201eStehen bleiben, sag ich!\u201c<br \/>\nDa fuhr Carl bereits in den f\u00fcnften Stock hoch, rannte um die Ecke, schnurstracks zum B\u00fcro von Frau Hahn. \u201eHerein!\u201c, h\u00f6rte er eine forsche Stimme und stand schon im Zimmer der Redakteurin Elfriede Hahn. \u201eAh da schau her, der Herr Hofbauer! Dass du dich wieder einmal anschauen l\u00e4sst! Was ist? Ist jemand hinter dir her?\u201c, fragte Frau Hahn lachend und sch\u00fcttelte ihm die Hand. \u201eDieser Beamtenstaat ist irgendwann mein Ende, Elfi!\u201c, keuchte Carl und k\u00fcsste sie sanft auf die Wange. \u201eJetzt setz dich erst einmal hin, du bist ja v\u00f6llig devastiert! Da schau, das Hemd h\u00e4ngt dir auch heraus, Carli, Carli! Du wirst langsam alt!\u201c, stellte sie l\u00e4chelnd fest. \u201eNa ja, wenn man so einen Schei\u00dfberuf hat!\u201c, antwortete Carl, noch immer au\u00dfer Atem. \u201eAber, h\u00f6r zu, euer Telefon&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWas ist damit?\u201c, fragte sie. \u201eDas m\u00fcssen wir verhindern, ich mein, dass von hier aus telefoniert wird. Es gehen immer noch Nachrichten hinaus in die Redaktionen. Wo ist denn hier bei euch die zentrale Telefonzelle im Haus?\u201c \u201eUnten, im ersten Stock.\u201c \u201eKann man die nicht \u2013 du wei\u00dft schon?\u201c \u201eK\u00f6nnte man schon. Aber den Schl\u00fcssel hat der Sekanina in Verwahrung. Den m\u00fcsste ich erst organisieren\u201c, lachte sie, \u201eund ich bin mir ganz sicher, dass er ihn freiwillig nicht herausr\u00fcckt!\u201c \u201eDann bitte organisiere, ja? Tu\u2019s f\u00fcr den Verband, f\u00fcr die Kollegen, aber tu es, ich flehe dich an!\u201c, bat Carl inst\u00e4ndig. \u201eAlso gut, f\u00fcr die Allgemeinheit. Warte hier!\u201c<\/p>\n<p>Die Hahn stand auf und eilte hin\u00fcber ins Chefb\u00fcro. \u201eHerr Doktor, wir haben ein Problem!\u201c, sagte sie zum Abteilungsleiter. \u201eNun? Was gibt\u2019s, liebe Frau Kollegin?\u201c \u201eWie Sie wissen, befinden sich s\u00e4mtliche Zeitungen f\u00fcr unbestimmte Zeit im Ausstand. Ich brauche Sie ja nicht darauf hinweisen, dass sich die APA l\u00e4ngst angeschlossen hat.\u201c \u201eNun ja, ich habe zugestimmt, wenn auch mit Vorbehalt\u201c, sagte Doktor Sekanina z\u00f6gernd. \u201e\u00dcber unsere Telefonleitung werden aber immer noch Meldungen an die Redaktionen durchgegeben. Der Gewerkschaftsabgesandte ersucht, dies f\u00fcr die Dauer des Streiks zu unterbinden. Ich m\u00f6chte Sie h\u00f6flich ersuchen, im Namen aller selbstverst\u00e4ndlich, dass das f\u00fcr die Dauer des Streiks so veranlasst wird!\u201c<br \/>\n\u201eWie Sie sich das vorstellen, verehrte Frau Hahn. Wir sind nicht in allen Angelegenheiten eine geschlossene Gesellschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine?\u201c \u201eWir brauchen den Schl\u00fcssel f\u00fcr die Telefonzelle, Herr Doktor.\u201c<\/p>\n<p>Sekanina wand sich wie ein Wurm, begann herumzudrucksen und suchte krampfhaft nach den richtigen Worten. Frau Hahn wusste, dass sich der Schl\u00fcssel wie immer an seinem Platz an Sekaninas Schl\u00fcsselbrett befand und hatte ihn l\u00e4ngst schon im Visier. Ein Schritt, ein Griff \u2013 und der Schl\u00fcssel verschwand in ihrem Ausschnitt. \u201eDas &#8230; das &#8230; also ich muss schon sehr, bitten, Frau Kollegin! So geht das nicht! Also wirklich! Glauben Sie nicht, dass das keine Folgen haben wird f\u00fcr Sie!\u201c, rief Dr. Sekanina v\u00f6llig aufgebracht. \u201eDoch, das glaube ich, und \u2013 vielen Dank, Herr Doktor!\u201c, sprach\u2019s, und war auch schon drau\u00dfen auf dem Flur.<\/p>\n<p>Sie eilte \u00fcber eine Nebenstiege hinauf in ihr B\u00fcro, wo Hofbauer sie schon ungeduldig erwartete. \u201eWas ist?\u201c, rief er ganz aufgeregt, \u201ehast du ihn?\u201c Frau Hahn sah ihn sp\u00f6ttisch an und sagte: \u201eNerven haben wir keine mehr, Herr Redakteur, was?\u201c, und lachte. \u201eNat\u00fcrlich hab ich ihn, und jede Menge \u00c4rger auch, damit du\u2019s nur wei\u00dft. Das wird Folgen haben f\u00fcr Sie!\u201c, \u00e4ffte sie Sekanina nach und verdrehte die Augen. \u201eAha! Na, Hauptsache, es kann nicht telefoniert werden\u201c, atmete Carl erleichtert auf. Da l\u00e4utete ihr Telefon. Sie hob ab, hielt die Muschel mit der Hand zu und fl\u00fcsterte: \u201eDer Sekanina, psst! Ja, Herr Doktor? Ich wei\u00df Herr Doktor \u2013 aber besondere Umst\u00e4nde machen das erforderlich \u2013 auch dass man mich fristlos entlassen kann \u2013 ja Herr Doktor \u2013 bin mir v\u00f6llig im Klaren dar\u00fcber. Guten Tag, Herr Doktor!\u201c<\/p>\n<p>Sie legte auf und setzte sich erst einmal. \u201eZigarette?\u201c, fragte sie Carl. \u201eIch doch nicht, danke! H\u00f6chsten eine Zigarre.\u201c \u201eDa bist du falsch bei mir\u201c, sagte sie und lehnte sich in ihrem Sessel zur\u00fcck, tat sehr entspannt und rauchte in vollen Z\u00fcgen. Nach einer kurzen Nachdenkpause sagte sie pl\u00f6tzlich: \u201eIch wei\u00df nicht, ob das klug war, was wir da gemacht haben? Carl, wir m\u00fcssen den Fernschreiber lahmlegen, sonst hilft das alles nichts!\u201c \u201eMeinst du? Und wie?\u201c, fragte Carl. \u201eKomm mit, ich brauche einen starken Mann!\u201c \u201eUnd der steht hier vor dir!\u201c, gab er sich selbstbewusst.<\/p>\n<p>Die Hahn kicherte. Auf dem Weg ins Parterre \u00fcberredete sie einen ortskundigen Mitarbeiter, ihnen bei der Umsetzung ihres Planes zu helfen. Dieser f\u00fchrte sie zur Anschlussstelle des zentralen Postkabels. \u201eSo, da ist es!\u201c, sagte Herr Bauer. \u201eNa, alsdann, worauf warten Sie?\u201c, fragte Frau Hahn ungeduldig. \u201eSie haben leicht reden. Haben Sie so etwas schon einmal herausgezogen?\u201c, fragte Bauer.<br \/>\nCarl musterte das dicke Kabel mit einigem Respekt. \u201eDann wollen wir einmal\u201c, sagte Bauer. Zu dritt packten sie den ungemein gro\u00dfen Stecker und zogen und r\u00fcttelten mit aller Kraft, bis er endlich aus der Dose herau\u00dfen war. \u201eKinder, ich bin total erledigt!\u201c, st\u00f6hnte Carl und hielt sich den schmerzenden R\u00fccken.<br \/>\n\u201eCarli! So kenn ich dich ja gar nicht!\u201c, lachte Hahn schadenfroh, \u201eerst mimst du den starken Mann, und jetzt?\u201c<br \/>\nHerr Bauer schmunzelte, hielt sich jedoch dezent im Hintergrund. \u201eAlso, dann -Operation beendet!\u201c, triumphierte Frau Hahn. Bauer sperrte die T\u00fcre wieder ab. \u201eElfi, ich muss weiter. Es war mir ein Volksfest. Wir h\u00f6ren voneinander, gell? Wiedersehen Herr Bauer, und \u2013 vielen Dank auch!\u201c, verabschiedete sich Carl und k\u00fcsste die Hahn kurz auf die Wange.<br \/>\n\u201eBitte, bitte, es war mir ein Vergn\u00fcgen, Herr Redakteur\u201c, rief sie ihm nach, da hatte Carl bereits die T\u00fcre Richtung Ausgang hinter sich zufallen lassen. Elfriede Hahn schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. \u201eHerr Bauer, Sie schauen so nachdenklich aus! Ist irgendwas?\u201c, fragte sie. \u201eAlso, das, was wir hier angestellt haben \u2013 ich w\u00fcrd sagen, erf\u00fcllt einige Tatbest\u00e4nde des Strafgesetzes.\u201c \u201eGehn S\u2019, machen Sie sich keine Sorgen. Man wird uns schon nicht den Kopf abrei\u00dfen. Und \u00fcberhaupt, es wei\u00df doch keiner, oder wissen Sie etwas?\u201c \u201eDa haben Sie auch wieder Recht. Na dann, sch\u00f6nen Tag noch!\u201c, sagte Bauer und ging zum Lift.<\/p>\n<p>Am Haupteingang eilte Hofbauer am Portier vorbei. \u201eHa! Jetzt hab ich Sie! Legitimieren Sie sich! Glauben S\u2019, ein jeder kann da bei uns ein- und ausgehen wie er will, lieber Herr?\u201c, fuhr ihn der Portier an. Carl eilte an ihm vorbei. \u201eJa, Sie mich auch!\u201c, schleuderte er ihm entgegen und war schon auf dem Trottoir. \u201eUnversch\u00e4mtheit!\u201c, rief der Portier erbost. Carl lief so schnell er konnte zur n\u00e4chsten Telefonzelle, um Erich in der Redaktion anzurufen.<br \/>\n\u201eHallo? Ja! Auftrag ausgef\u00fchrt! Mehr noch, wir haben den Fernschreiber liquidiert \u2013 ja, genau! Jetzt geht nix mehr, glaub mir. Was sagst du? \u2013 wer? \u2013 der Pr\u00e4sident? Der soll nur bitten, ha ha ha! Mit dem Gr\u00fcnewald setzen wir uns so schnell nicht mehr zusammen, das versprech ich dir. Ich werde den Willi schon weichmachen! Wie? Das is\u2019 mir wurscht, ob er an einem l\u00e4nger dauernden Streik nicht interessiert ist, verstehst du? Der Streik dauert, so lange er eben muss, basta!\u201c, schrie Carl atemlos ins Telefon, \u201eund die Herren von der Bundesregierung werden so lange warten, bis wir unsere Forderungen durchgebracht haben, so schaut\u2019s aus! Und dann werden wir ja sehen, wer hier am l\u00e4ngeren Ast sitzt, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag lag ein Schreiben des \u00d6GB-Pr\u00e4sidenten an alle Redaktionen vor mit dem Ersuchen, die noch offenen W\u00fcnsche mit der Herausgebervertretung so rasch wie m\u00f6glich zu verhandeln. Die Herausgeber w\u00fcrden sich verpflichten, einen f\u00fcr die Journalisten befriedigenden Abschluss anzustreben, hie\u00df es darin w\u00f6rtlich. Z\u00e4hneknirschend musste Carl Hofbauer die Entscheidung Willi Schiedls zur Kenntnis nehmen, als dieser der Beendigung des Streiks am n\u00e4chsten Tag, zw\u00f6lf Uhr, zugestimmt hatte.<br \/>\nImmerhin konnten die Journalisten mehrfach mit dem Ergebnis der neuen Verhandlungen zufrieden sein, denn sie hatten eine Erh\u00f6hung der Mindest- und Ist-Geh\u00e4lter erreicht und auch einige materielle Forderungen durchsetzen k\u00f6nnen. Alles in allem wog der ideelle Erfolg, den die Aktion nach sich gezogen hatte, schwerer, als man je zu hoffen gewagt hatte. F\u00fcr existenzielle Anliegen auf die Barrikaden gehen zu k\u00f6nnen, und dies nicht blo\u00df f\u00fcr ein paar Stunden, sondern f\u00fcr die Dauer eines Produktionstages und l\u00e4nger \u2013 das war schon was!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nAuszug aus dem Zeitroman \u201eDas ungeteilte Vertrauen\u201c \u2013 in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16048<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Tag wie der andere. Dr. Erich Perner und der Redakteur Carl Hofbauer sa\u00dfen bei Kaffee und Zeitung im Br\u00e4unerhof. Beide schienen sehr vertieft in ihre Bl\u00e4tter. 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