{"id":4305,"date":"2016-04-22T18:05:31","date_gmt":"2016-04-22T18:05:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4305"},"modified":"2016-04-27T11:41:42","modified_gmt":"2016-04-27T11:41:42","slug":"danach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4305","title":{"rendered":"Danach"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4305&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4305&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>V\u00f6llig ersch\u00f6pft haben wir uns jeder auf seine Seite plumpsen lassen. Ich betrachte dich lange. Du atmest noch schwer. Wie viele Jahre sind schon vergangen, die wir uns geliebt haben? Du sagst nichts. Liegst nur still da. Wie immer. Alles ist, wie immer. Und ich? Jetzt soll ich mich mit der Erinnerung an die Vergangenheit begn\u00fcgen und muss feststellen, dass sie mir zusehends entgleitet. An die Zukunft will ich erst gar nicht denken. Wir sind beide \u00e4lter geworden. Ziemlich \u00e4lter. Nebeneinander sozusagen. Und man kann nichts dagegen tun, als zusehen. Ohnm\u00e4chtig zusehen. Du sagst immer, denk an das Jetzt.<\/p>\n<p>Alles andere kommt von allein. Aber wie viel Gegenwart braucht man eigentlich? Ich habe bisher ausschlie\u00dflich von der Vergangenheit gezehrt. Du doch auch? Ich betrachte die Dellen auf deiner Haut, deinen Beinen, deinem nackten Bauch. Mein Gott, wo ist das alles hin? Die Jugend? Die Anmut und Grazie? So sagt man doch? Und ich? Trockene Haut. In Falten. Bleich und fahl. Die Haut \u00fcber den Knien wird runzelig. Ebenso an den Ellenbogen. Wo sind meine Haare geblieben? Und von den Ringen unter den Augen reden wir beide schon gar nicht. Du bewegst dich nicht.<br \/>\nAber ich liege da, starre an die Decke und die Gedanken beginnen zu kreisen. Meine Hand liegt auf deiner H\u00fcfte. Schl\u00e4fst du? Bald werden wir uns blo\u00df noch um das Private k\u00fcmmern m\u00fcssen. Was bedeutet schon unser Leben jenseits des Privaten? Irgendein Insekt fliegt da herum. Soll hei\u00dfen, niemand braucht uns mehr.<br \/>\nIndirekt bedeutet es, abh\u00e4ngig sein. Von der Politik, dass sie die Pensionen nicht verramscht. Von der Medizin meinetwegen, der klassenhaften, dass sie uns wieder hinkriegt, wenn was kaputt geht. Aber was ist das schon gegen jene Abh\u00e4ngigkeiten, denen man nicht zu entkommen vermag? Den \u00c4ngsten? Der inneren Verelendung? Da hilft dir kein Schwein.<\/p>\n<p>Ich habe kein Vergn\u00fcgen an der Gegenwart, ganz einfach, weil ich sie nicht bestimmen kann. Ja, mit der Vergangenheit ist das was ganz anderes. Sie ist mir eher dienlich, ist knetbar, dehnbar, interpretierbarer als die Gegenwart. Ich kann sie in eine bestimmte Richtung erscheinen lassen. Die Gegenwart, ach, die ist eben gegenw\u00e4rtig. Viel zu realistisch. Unbrauchbar f\u00fcr einen Tr\u00e4umer wie mich. Die Vergangenheit ist mir Vehikel, ist das Transportmittel meiner pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke geworden, Tendenzen meiner Umwelt erkennen zu k\u00f6nnen. Jetzt drehst du dich um.<br \/>\nHast du schon geschlafen? Aber du l\u00e4chelst ja. Komm, spiel mir nichts vor! Die Gegenwart kann noch nichts dazu sagen. Sie ist einfach nur da \u2013 und \u2013auch gleich wieder weg. Und immer so fort. Aber die Vergangenheit? Begehbar \u2013 ja, mein Treppenhaus ist sie mir, die Vergangenheit, mit ihren dunklen Winkeln, ihren Freuden, ihren Leiden, aber doch \u2013 immerhin \u2013 vertraut. Ich kenne sie, wie meine eigene Westentasche.<br \/>\nDas kann ich von der Gegenwart nicht behaupten. Die ist ja permanent neu. Du atmest jetzt ruhiger. Deine Augen sind geschlossen. Ich decke dich sanft zu. Schl\u00e4fst du jetzt? Du sagst gar nichts. Ich werde auch versuchen zu schlafen. Im Schlaf vergesse ich auf mich. Bin nicht mehr so wichtig. So angestrengt bem\u00fcht, alles auf die Reihe zu kriegen.<\/p>\n<p>Ich sehe zur Decke. Liege so da und starre an die Decke. Dort ist ein dunkler Fleck. Schon lange. Den kenne ich gut. Hat die Form eines, ich wei\u00df nicht, jedes Mal anders. Vielleicht einer Fledermaus? Ach! Man sollte schon einiges ausbessern. Aber, naja, hat Zeit. Was auf mich lauert, ist das Unbekannte, das Gef\u00e4hrliche, Unberechenbare. Es liegt in der Zukunft, im Heute vielleicht schon? Im Morgen? Was wird sein? Vielleicht ist alles gar nicht so furchtbar, wie ich es mir vorstelle? Wer wei\u00df? Jetzt atmest du regelm\u00e4\u00dfig. Ja, du bist eingeschlafen. Ich wei\u00df es. Ich kenne dich ja lange genug. Ich kenne alles an dir. Du bist Teil von mir geworden. Wir sind eins. Auch in Gedanken.<\/p>\n<p>Bei dir ist alles immer so einfach. Du bist viel mehr du selbst. Bist du selbst. Lebst deine Natur. Ich beuge mich vorsichtig \u00fcber dein Gesicht und k\u00fcsse dich sanft. Aber ich? Tief in meinem Innersten, der Brutst\u00e4tte meiner Zwistigkeiten und Widerspr\u00fcche k\u00e4mpfen die unsinnigsten M\u00e4chte zwischen dem Hang zur N\u00fcchternheit, dem Profanen und der Besessenheit, denen ich ausgeliefert bin auf Gedeih und Verderb. F\u00fcr das \u00dcbersinnliche? F\u00fcr den Mythos? F\u00fcr das Rituelle? Ich habe es mir immer schon schwer gemacht. Andere suchen nach H\u00fclsen, in die sie ihre traurige Wirklichkeit verpacken und darin kaschieren. Das bring ich nicht fertig. Mir sieht man sofort an, dass ich leide. Ich kann nichts verbergen. Vielleicht leide ich blo\u00df am Neid, andere h\u00e4tten mehr Gl\u00fcck als ich?<\/p>\n<p>Und dann ist da das Wetter. Nat\u00fcrlich! Dem kann ich leicht die Schuld f\u00fcr meine eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten in die feuchten Schuhe schieben. An der Alpennordseite so wie im Norden \u2013 am Morgen, genau!, das ist jetzt \u2013 k\u00f6nnen, und auch im Osten \u2013 das sind wir hier \u2013 noch leichte Kopfschmerzen und Konzentrationsst\u00f6rungen das Leistungsniveau herabsetzen.<br \/>\nNa bitte! Von irgendwoher m\u00fcssen meine Kopfschmerzen ja kommen. Schwach wirksame Bioreize. Bei mir sind sie immer stark. Und gereizt bin ich auch immer! Da lieg ich einfach unt\u00e4tig herum und starre an die Decke. Und du schl\u00e4fst seelenruhig, wei\u00dft nicht, was in mir vorgeht.<br \/>\nDer Zwang zu allgemein g\u00fcltigen Wahrheiten und deren Vermittlung sowie die Anstrengungen, sich gegen einseitige Ratschl\u00e4ge mittelbarer Erkenntnisse wehren zu m\u00fcssen, setzen mir immer h\u00e4ufiger zu. Daraus analog auf ein sich in Wirklichkeit Darstellendes zu schlie\u00dfen, in dem ich wom\u00f6glich als klinischer Fall gehandelt werden k\u00f6nnte, verursacht mir Unbehagen. Es ist eine Fliege, die da herumschwirrt. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage w\u00e4re, meinen derzeitigen Zustand noch komplizierter zu beschreiben.<br \/>\nUnd du kannst so unbek\u00fcmmert vor dich hind\u00f6sen, w\u00e4hrend es in mir kocht und g\u00e4rt. Du jammerst ja auch, dass du das Leben im Hamsterrad der B\u00fcrokratie nicht mehr ertr\u00e4gst. Tagaus tagein dieselben bl\u00f6den Fragen beantworten. Das Gesumse von diesem Tier geht ziemlich auf die Nerven! T\u00e4glich die gleichen Ausk\u00fcnfte geben. Irgendwann muss Schluss sein damit. Verlogene Politik redet uns ein, wir hielten das locker bis f\u00fcnfundsechzig aus. Statistisch gesehen h\u00e4tten wir dann noch f\u00fcnfundzwanzig Jahre Ruhegenuss. Sch\u00f6ner Genuss! Ich bin so aufgekratzt und es ist ungerecht, dass du einschlafen kannst und ich nicht. Das sollte kein Vorwurf sein, mein Liebes. Aber du hast es ohnehin nicht geh\u00f6rt. Mein Gott, so nimm mich mit, ins Traumland!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich meine Arme \u00fcber meiner Brust verschr\u00e4nke, denke ich, ich bel\u00fcge mich gerne damit, dass dieses Leben jenseits der Pensionsberechtigung doch noch nicht zu Ende ist und tr\u00e4ume davon, dass es vielleicht eine zweite, ja eine dritte Karriere f\u00fcr mich gibt. Spinn nicht, sagst du dann immer zu mir. Sei froh, dass du noch aufrecht gehen kannst, allein. Dass du manchmal auch so hart sein kannst!<\/p>\n<p>Meine Gedanken \u00fcberfliegen die Annoncen eines fiktiven \u00fcber der Steppdecke aufgebl\u00e4tterten Karriere-Standards, den ich gleich wieder sinken lasse. In meiner Vorstellung falle ich schon bei der ersten Fragestellung des Einstellungsgespr\u00e4ches durch. Keine Ahnung, welcher Unterschied zwischen pr\u00e4positionalen Verbartikeln und Pr\u00e4fix-Verben besteht und welcher amerikanische Autor den Roman Independence Day geschrieben hat, ganz zu schweigen davon, was das Goedel\u2019sche Theorem besagt. Irgendwann hab ich davon geh\u00f6rt. Ich muss g\u00e4hnen. Wann kommt endlich bei mir der Schlaf? Das w\u00fcrde nicht gefragt werden. Und solche Fragen w\u00e4ren der Einstieg. Sollte man mit Leichtigkeit beantworten k\u00f6nnen. Ja sicher doch.<\/p>\n<p>Was ist nun in den letzten paar Wochen alles geschehen? Mir ist manchmal, als w\u00fcrde ich pl\u00f6tzlich immer wieder aus einem unglaublich langen Traum erwachen, durch den ich meine Kindheit und Jugend noch einmal durchlebt habe, auftauchen, an die Oberfl\u00e4che des Lebens kommen. Ich sehe mich, ich sehe Bilder, mich mit meinen Schulfreunden herumbalgen, mit ihnen lachen. Ich h\u00f6re aus dem Wohnzimmer Papas Geigenspiel, ein Motiv, welches er immer und immer wiederholt, bis es irgendwann verklingt. Die Mama, am Herd, wie sie stundenlang kocht, mit dem Gesicht zur K\u00fcchenzeile gewandt, sich nicht umsehend. Um mich steht der Kollegenkreis des Herrn Papa, riesige Gestalten, zu denen ich aufblicken muss, in ihre strengen Gesichter sehe, die starr sind, ohne L\u00e4cheln, und wie sie ihre Zeigefinger erheben, drohend und mahnend, wie Obelisken ausgestreckt, die in den Himmel zu ragen scheinen. Ein Dechant wird der T\u00fcr verwiesen, der mit hochrotem Gesicht davoneilt.<br \/>\nMeine j\u00fcngere Schwester, spindeld\u00fcrr, st\u00fcrzt eine Treppe hinunter und bleibt am Fu\u00dfe derselben regungslos liegen. Die Mama, die sich fassungslos \u00fcber sie beugt, versucht, sie aufzurichten, die Bleiche, Wasserleichenfarbige. Der allm\u00e4chtige Herr Vater steht hinter ihnen, lacht sogar, mehr ein Grinsen, welches er mit einem seiner ziemlich beleibten Kollegen zu teilen versucht. Bin ich jetzt etwa kurz eingenickt? Ich h\u00f6re dein leises Atmen. Hin und wieder ist ein Schnarchen dabei. Das willst du nicht h\u00f6ren, wenn ich es dir hinterher erz\u00e4hle, ich wei\u00df. Bl\u00f6de Fliege! Aber ist wahr, ich kann es bezeugen. H\u00e4tte ich mein Handy hier, w\u00fcrde ich dich aufnehmen.<\/p>\n<p>\u00dcber all dem, was ich mir so im Halbschlaf zusammenspinne, schwebt der verstorbene Bruder, den wir nie gesehen haben, von dem es eine blonde Locke gab, die man ihm abgeschnitten hatte, bevor er begraben worden war. Diese Locke lag in der obersten Schublade einer Kommode im Schlafzimmer, nahe bei seiner Taufkerze, Mutters geheimem Altar, \u00e4hnlich dem meinen in meinem Kleiderschrank, in dem ich meine Devotionalien aufgestellt habe. Ein altes Weihwassergef\u00e4\u00df aus der elterlichen Wohnung, ein Kruzifix von der Gro\u00dfmutter. Die Fotos meiner Eltern. Still kniete sie immer davor und bedeckte ihr Gesicht mit einem Taschentuch.<\/p>\n<p>Meine innere Einsamkeit hat sich einen imagin\u00e4ren Zuh\u00f6rer erschaffen, den ich um Verst\u00e4ndnis gebeten habe, mir die Erinnerungskn\u00e4uel entwirren zu helfen, um mich darin nicht noch mehr zu verfangen und gefesselt zu sein, als ich es ohnehin schon bin. Die eigene Haut war nicht imstande, mir noch Schutz zu bieten. Ich habe mich zu sehr selbst geliebt, mehr als andere, die meine Liebe notwendiger gebraucht h\u00e4tten, und l\u00e4ngst meine Zuneigung erbeten haben. Und es sind zwei Fliegen, ich werd verr\u00fcckt! Und nichts davon habe ich bemerkt. Taub hab ich mich gestellt und mich aufgef\u00fchrt wie ein kleines Kind, jedes Mal, wenn meine Wiesen um einen Baum beraubt, jedes Mal, wenn Teile jener Landschaft, die meine Erinnerungen am Leben erhalten haben, zuasphaltiert und -betoniert worden sind.<br \/>\nEs h\u00e4tte Wichtigeres gegeben, sagst du immer. Ich m\u00fcsste eben alles f\u00fcr sch\u00f6n befinden, das w\u00fcrde das H\u00e4ssliche schon ersetzen k\u00f6nnen. Oder alles f\u00fcr gut befinden, um dadurch das Nichtgute zu ersetzen. Dass du immer so klug bist, h\u00e4ttest du jetzt gesagt. Ist nicht von mir, ist von Laotse. Tja. Aber so weit bin ich noch nicht. So weit bin ich noch nicht, dass ich in mir ruhe, ohne zu handeln. Dass ich belehre, ohne zu reden. Dass ich \u00fcberzeuge, nicht zu besitzen. Irgendwann wollte man sein wie Jack Kerouac. Aber das hat heute keine Bedeutung. Die Vorbilder der Jugend sind verblasst, ebenso wie die Erinnerung daran.<\/p>\n<p>Nach uns kr\u00e4ht kein Hahn mehr!, hat mir ein lieber Freund neulich gefl\u00fcstert. Du hast gesagt, such dir andere Freunde. Wenn du wieder wach bist, werde ich dich daraufhin ansprechen.<\/p>\n<p>Ich wundere mich immer wieder, wor\u00fcber Schriftsteller so schreiben. Sind es wirklich die kleinen Aufmerksamkeiten, denen sich der begnadete Dichter widmet, den kleinen, allt\u00e4glichen Dingen des Lebens, so wie ich es hier liegend tue, in meiner Krisennotiz? Der Fleck an der Decke ist ein Wasserfleck. Gewiss. \u00dcber den t\u00e4glichen Mord an einem Silberfischchen auf dem WC?<\/p>\n<p>Die kleinen, allt\u00e4glichen Dinge des Lebens! Ich habe nicht gewusst, was an denen so wichtig sein soll? Mir hat man immer eingebl\u00e4ut, dass es um die gro\u00dfen Dinge ginge, um Karriere, um Selbstverwirklichung und solche Sachen. Mir f\u00e4llt da so ein Kerl ein, der nie bitte und danke sagt. Der auch gesagt hat, man muss aus allem etwas machen, auch wenn es im Grunde nichts ist. Und man muss die anderen glauben machen, dass es etwas ist, sonst haben sie keinen Respekt vor dir. Ich will ganz gegen meine Natur versuchen, das einmal zu verstehen, vom eigentlichen Versuch halte ich besser Abstand.<\/p>\n<p>Wenn es also um die kleinen Dinge des allt\u00e4glichen Lebens geht, dann auch um das Tropfen des Wasserhahnes aus der undichten Leitung im WC. Um den Gestank, der aus dem Auspuff der Dieselautos kommt. Um das Scheppern der M\u00fclleimer, wenn sie von der M\u00fcllabfuhr um sechs Uhr morgens abgeholt werden. Dahinter verbergen sich die vielen kleinen Geschichten, die man lebendig erhalten soll? Ich wei\u00df nicht.<br \/>\nDas ist die Aufgabe der Literatur? Jetzt sitzt eine auf meiner Hand, das gibt\u00b4s nicht! Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Das habe sogar ich bemerkt. Spektakul\u00e4r w\u00e4re es nicht, was sie da erz\u00e4hlen, sagen manche \u00fcber die Dichter. Keine hippen Dialoge, kein mitrei\u00dfender Plot, doch verf\u00fcge manch ein Roman \u00fcber das gewisse \u201eNichts\u201c. Ein \u201eIch-Erz\u00e4hler\u201c erlebt das Nat\u00fcrlichste auf der Welt, den Arbeitsprozess und \u2013 sein Scheitern daran. Beinah wie ich! Was hei\u00dft? Das bin ich!<br \/>\nWas auff\u00e4llt, sei die pr\u00e4zise, unerh\u00f6rt dichte Prosa, die dar\u00fcber berichtet, wie der arme Kerl im Laufe der Jahre an seinem Ehrgeiz, an seinem Engagement, seinem Idealismus langsam aber sicher zugrunde geht. An sich eine traurige, jedoch v\u00f6llig allt\u00e4gliche Geschichte. Schatz, du schnarchst! Niemand m\u00f6chte meinen, dass so etwas thematisch was hergibt, und immer wieder w\u00e4ren die Leser dar\u00fcber im h\u00f6chsten Ma\u00dfe erstaunt, woher der junge Mann die F\u00e4higkeit zur Darstellung dieser au\u00dfergew\u00f6hnlich subjektiven Darstellung der Wirklichkeit nimmt, so jung, wie er ist. Warum werde ich nicht m\u00fcde?, frag ich mich. Und da ist eines von den Ludern, ich sollte zuschlagen. Aber dann wachst du auf. Ich verscheuche das Biest mit der Hand.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil, denn voll Tagendrang \u00fcberlege ich stattdessen, fieberhaft beinah, mein Krisenkonzept zu erg\u00e4nzen und quasi einen Zusatz anzubringen, ob ich meinen Schuldgef\u00fchlen nicht vielleicht noch eins draufsetzen sollte, einen Mord gar?! Thema Nummer eins. Ich stelle mir vor, einen Mord ver\u00fcbt zu haben. Ja, vielleicht einen Mord ver\u00fcbt zu haben, mir anzuma\u00dfen, wie schon eben vorhin angedacht, in dem ich, auf dem WC in entspannt sitzender Position, v\u00f6llig \u00fcberlegen, rein physisch, dachte ich, einer wehrlosen Kreatur unter mir, einem kleinen Silberfischchen, mit dem rechten Daumenzeh auf einer der wei\u00dfen Fliesen, auf denen es sich besonders gut vom Hintergrund abhebt, den Garaus gemacht zu haben, und ob ich diesem Umstand hernach literarische Bedeutung beimessen d\u00fcrfte oder nicht?<br \/>\nSie schnarcht ja schon wieder! Und ob ich, qualifiziert durch diese ruchlose Tat, diese als allt\u00e4gliche erkannt zu haben und sie als solche \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt und literarisch genutzt zu haben, schlicht und einfach bemerkt zu haben, ob ich also von nun an zu jenen sensiblen Menschen gez\u00e4hlt werden d\u00fcrfte, wie all diese begnadeten Dichter? Das alles verwirrt mich.<\/p>\n<p>Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Wo war ich stehen geblieben? Wenn? Wenn auch nur auf dem Gebiet der Krisenliteratur. Diesen Dichtern, denen die Welt\u00f6ffentlichkeit daher, wegen ihrer genialen Darstellung solcher Banalit\u00e4ten, die F\u00e4higkeit zur totalen Innovation, endlich etwas Neues gefunden zu haben, \u00e4h, diesen Dichtern ihr Tun und Treiben andauernd und immer wieder so \u00fcberschw\u00e4nglich best\u00e4tigt w\u00fcrde?<br \/>\nTr\u00e4um ich schon? Nein, da ist die andere Fliege! Schlie\u00dflich w\u00e4re Innovation dringend vonn\u00f6ten, in dieser liberalistischen Zeit. Wo ja doch jeder nur an sich selber denkt. Und ob ich eben durch diese Beschreibung des belanglosen Allt\u00e4glichen \u00fcber die Ma\u00dfen hinaus nun auch zur Kunst des Dichterischen bef\u00e4higt w\u00e4re? Und nicht zuletzt durch das Formen barocker Satzgirlanden bewiesen h\u00e4tte, so v\u00f6llig aus dem Bauch heraus und eigenst\u00e4ndig imstande zu sein, allerlei wirres Zeug und Spitzb\u00fcbereien komponieren zu k\u00f6nnen, was in der Leserschaft gefragt w\u00e4re?<br \/>\nLanges G\u00e4hnen. N\u00e4mlich eigenst\u00e4ndige Dichtkunst hervorbringen zu k\u00f6nnen, die in der Abbildung der Wirklichkeit wie auch in ihrer Darstellung eins zu eins dem entspr\u00e4chen, was man landl\u00e4ufig so als Literatur bezeichnen k\u00f6nnte? Und die in ihrer Gestalt f\u00fcr den ge\u00fcbten Belletristen auch als solche nachvollziehbar sei und \u00fcberhaupt? Was ist los?<\/p>\n<p>Jetzt ist aber Schluss! Aufh\u00f6ren, bitte aufh\u00f6ren! Ich will ja schlafen. Bitte liebes Gehirn, lass mich auf der Stelle m\u00fcde werden. Jetzt und gleich, ich flehe dich an. Nimm dir ein Beispiel an meinem alten M\u00e4dchen hier, das so unschuldig vor sich hin schlummert. Gnade! Und nimm mich in deine Arme, lieber Schlaf! Ich hab\u00b4s verdient! Das siehst du doch ein?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\n(bearbeiteter) Romanauszug aus \u201eDer Chronist\u201c \u2013 in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 16046<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6llig ersch\u00f6pft haben wir uns jeder auf seine Seite plumpsen lassen. Ich betrachte dich lange. Du atmest noch schwer. Wie viele Jahre sind schon vergangen, die wir uns geliebt haben? Du sagst nichts. Liegst nur still da. Wie immer. Alles ist, wie immer. Und ich? 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