{"id":4278,"date":"2016-04-13T06:55:58","date_gmt":"2016-04-13T06:55:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4278"},"modified":"2016-04-19T05:07:01","modified_gmt":"2016-04-19T05:07:01","slug":"eine-frage-der-konzentration","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4278","title":{"rendered":"Eine Frage der Konzentration"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4278&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4278&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Normalerweise w\u00fcrden die dopaminhaltigen Zellausl\u00e4ufer den Botenstoff freigeben, wenn sie an der Kontaktstelle zum n\u00e4chsten Neuron ein Signal ihrer Zelle \u00fcbertragen sollen. Dann durchquert das Dopamin dort den schmalen synaptischen Spalt zu dem Neuron, wo es an ein passendes Rezeptormolek\u00fcl andockt, und das Neuron empf\u00e4ngt das Signal. Sp\u00e4ter schafft ein Transportsystem das Dopamin wieder zur\u00fcck in den Zellausl\u00e4ufer zur Wiederverwendung. Suchtmittel verst\u00e4rken oder simulieren, jede auf ihre Weise, die Dopaminwirkung. Bald, besonders bei wiederholtem Gebrauch der Substanz, beginnt sich das Belohnungssystem an den Zustand anzupassen. Das leitet die Sucht ein\u2026<\/em><\/p>\n<p>Er zwang sich, munter zu bleiben, einen aufrechten, interessierten Eindruck zu machen, w\u00e4hrend er der sonoren Stimme des Professors lauschte. Die Jahre in der Politik hatten ihn gelehrt, seine inneren Regungen selbst vor dem aufmerksamsten Betrachter zu verbergen. Sein Blick wanderte von dem aufgeschlagenen Folder in seiner Hand zu seinen gepflegten Fingern\u00e4geln. Auch das Kauen darauf hatte er sich abgew\u00f6hnt. W\u00e4hrend er als junger Student noch vor jeder Rede, ja vor jeder noch so kleinen Pr\u00fcfung seinen Stress so abgebaut hatte, lie\u00df er nun seinen gesamten Frust beim w\u00f6chentlichen Tennisspiel mit dem CEO eines internationalen Gro\u00dfhandelskonzerns raus.<\/p>\n<p>Der Raum war warm und durch die hohen Fenster schien die Vormittagssonne direkt auf die K\u00f6pfe der Journalisten, Polizisten und Politiker, die nun schon seit geschlagenen zwei Stunden Vortr\u00e4ge \u00fcber sich ergehen lassen mussten. Eine Pause war erst nach dem n\u00e4chsten Vortrag vorgesehen, das reichhaltige Buffet war noch nicht anger\u00fchrt.<br \/>\nW\u00e4hrend er sich die Krawatte richtete, warf er einen verstohlenen Blick nach rechts. Der Nachteil, in der ersten Reihe zu sitzen, war es, die Leute nicht beobachten zu k\u00f6nnen, sondern selbst beobachtet zu werden.<\/p>\n<p>Zwei St\u00fchle weiter sa\u00df das Mariechen, wie er sie im Stillen nannte. F\u00fcr ihn war sie nicht mehr als eine Randnotiz, eine blondgef\u00e4rbte Frau Mitte drei\u00dfig, die trotz ihres Ehrgeizes und ihres Intellekts wie eine unbeholfene Sch\u00fclerin wirkte und wegen ihres fehlenden Charismas und ihrer diplomatischen Inkompetenz kaum Freunde au\u00dferhalb und innerhalb ihrer Partei hatte. Ihren derzeitigen Status hatte sie Unstimmigkeiten, die zu der Schw\u00e4chung ihrer Partei gef\u00fchrt hatten, zu verdanken. Nur als Notl\u00f6sung und um den Schein der Einigkeit zu wahren, war sie schlie\u00dflich auf diese Position gehoben worden.<br \/>\nLange w\u00fcrde sie allerdings nicht in den vordersten Reihen mitspielen k\u00f6nnen, und weil ihr dies durchaus bewusst war, hatte sie mit allen Mitteln versucht, diese letzte gro\u00dfe Aktion durchzuboxen.<\/p>\n<p><em>Wenn Rauschgifte das Belohnungssystem mit Dopamin \u00fcberschwemmen, steigt die Empfindlichkeit von Nucleus accumbens und ATV gegen\u00fcber Glutamat. Die erh\u00f6hte Sensitivit\u00e4t auf Glutamat k\u00f6nnte jene neuronalen Bahnen st\u00e4rken, die Erinnerungen an den Drogenkonsum mit Lustgef\u00fchlen verkn\u00fcpfen.<\/em><\/p>\n<p>Dieses Projekt war auf ihrem Mist gewachsen. Es war ihrem Streben und Einsatz zu verdanken, dass gen\u00fcgend finanzielle und personelle Ressourcen zur Verf\u00fcgung gestellt werden konnten, um den Drogenkampf, den sich ihre Partei ja schon seit Jahren auf das Banner geschrieben hatte, nun endlich in breiter Front durchzuf\u00fchren.<br \/>\nDas dachte sie jedenfalls. Doch ihr Einsatz war nur ein kleiner Teil des Erfolges gewesen.<br \/>\nEine Zuwendung, ein kooperatives Entgegenwirken seinerseits, hatte ihr diese M\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt erst er\u00f6ffnet. Daf\u00fcr konnte er nun in anderen Gebieten mit wenig Gegenwind, ja sogar mit vollst\u00e4ndiger Windflaute rechnen. Quid pro quo.<\/p>\n<p>Genauso hatte er es vor ein paar Monaten mit den umweltsch\u00fctzenden Idioten, die es immerhin seit zwanzig Jahren in das Parlament schaffen, gehalten. Um ihr Ansehen bei den elf Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sie ihre W\u00e4hler nennen, wahren zu k\u00f6nnen, brauchten sie einen Erfolg, den sie sich allein auf die Kappe schreiben konnten. Den bekamen sie in Sachen Verkehrspolitik. Nun mussten sie vor ihm zu Kreuze kriechen.<\/p>\n<p><em>\u2026 delta-FosB entsteht nach Drogenkonsum in Neuronen des Nucleus accumbens und einigen anderen Hirnregionen und bleibt dort einige Wochen bis Monate aktiv. Dadurch reichert es sich bei wiederholter Drogengabe allm\u00e4hlich an, nimmt also bei chronischem Missbrauch immer mehr zu.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Tag war einer Reihe von Veranstaltungen gewidmet, um Journalisten und die \u00d6ffentlichkeit zu informieren. Gefolgt von polizeiinternen Fortbildungen, dem Ausbau einer Drogenberatungsstelle in der Innenstadt, Vortr\u00e4gen in Schulen und sogar Kinderg\u00e4rten landesweit und finanzieller Unterst\u00fctzung der Forschung und der Exekutive. Umfassende Razzien in verrufenen Stadtgebieten w\u00fcrden schnell Titelseiten f\u00fcllen.<br \/>\nJa, Mariechen hatte alle Register gezogen, um das Projekt an die Leute zu bringen. Auch seinem Ruf w\u00fcrde es nicht schaden, dass er seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Aktion \u00f6ffentlich bekanntgemacht hatte.<\/p>\n<p><em>Das Gehirn versucht, der unnat\u00fcrlichen \u00dcberschwemmung mit Dopamin entgegenzuwirken. Dabei hilft das Protein CREB mit, das als ein so genannter Transkriptionsfaktor die Aktivit\u00e4t bestimmter Gene reguliert. Nun stimuliert CREB die Synthese bestimmter Proteine, welche das Belohnungssystem drosseln.<\/em><\/p>\n<p>Er hatte sehr lange seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber ein Szenelokal in der Innenstadt gehalten, so lange es ihm m\u00f6glich war und die \u00d6ffentlichkeit nichts davon wusste. Ein alter Schulfreund hatte die Bude bereits in den neunziger Jahren er\u00f6ffnet und schnell wurde hinter vorgehaltener Hand bekannt, dass man dort alle m\u00f6glichen Substanzen bekommen w\u00fcrde. Etliche Petitionen gegen das Lokal waren im Laufe der Jahre im Sand verlaufen. Mit der Polizei wurde ein nat\u00fcrlich inoffizielles Abkommen geschlossen: Ihr schaut nicht weg, aber ihr schaut auch nicht zu genau hin. Dies war nat\u00fcrlich auch zu ihrem Vorteil, da sie nun die Drogenszene an einem \u00fcberschaubaren Ort mehr oder weniger \u00fcberwachen konnten.<\/p>\n<p>Mit der neuen Offensive gegen Drogen w\u00fcrde sich nun das Lokal zerschlagen und mit ihr die Szene. Das w\u00fcrde im Endeffekt die Arbeit der Polizisten nicht leichter machen, doch die breite \u00d6ffentlichkeit hatte hysterisch nach mehr Sicherheit im Nachtleben geschrien, und Mariechen hatte ihre Chance gewittert.<\/p>\n<p><em>Das System liefert nun nicht mehr von selbst genug Dopamin. Der K\u00f6rper verlangt nach der Droge, es entsteht Abh\u00e4ngigkeit. CREB wird bei Drogenverzicht schon nach ein paar Tagen wieder inaktiviert. In Zukunft ist der Organismus f\u00fcr den Suchtstoff \u00fcberempfindlich.<\/em><\/p>\n<p>Er f\u00fcr seinen Teil war ein rechtschaffender B\u00fcrger und deshalb nat\u00fcrlich auch Bef\u00fcrworter der neuen Regelungen. Er galt als liebender Familienvater, treusorgender Hundeliebhaber, konservativer Kirchg\u00e4nger und ab und zu auch Biertrinker am Stammtisch im Heimatort. Und wenn er allein war und Frau und Kinder im Bett oder aus dem Haus, nahm er sich sein Cannabis und rauchte. Das half auch gegen das Fingern\u00e4gelkauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=432\">Vorhang auf f\u00fcr den Nachwuchs<\/a>| Inventarnummer: 16043<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Normalerweise w\u00fcrden die dopaminhaltigen Zellausl\u00e4ufer den Botenstoff freigeben, wenn sie an der Kontaktstelle zum n\u00e4chsten Neuron ein Signal ihrer Zelle \u00fcbertragen sollen. Dann durchquert das Dopamin dort den schmalen synaptischen Spalt zu dem Neuron, wo es an ein passendes Rezeptormolek\u00fcl andockt, und das Neuron empf\u00e4ngt das Signal. 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